Peter Schreier

 

Der Zufall wollte es, dass der Tenor Peter Schreier den musikalischen Teil meines Weihnachtsfestes 2019 entscheiden geprägt hat. Pünktlich zu den Feiertagen erreichte mich aus dem Deutschen Rundfunkarchiv ein Weihnachtsoratorium von 1963. Es handelt sich um die Aufführung der ersten drei Kantaten in der Universitätskirche Leipzig für das DDR-Fernsehen. Die existiert nicht mehr. Sie wurde auf Beschluss der SED-Führung am 30. Mai 1968 gesprengt. Proteste waren vergeblich. Mit diesem Konzertmitschnitt, bei dem es sich um die einzige Aufnahme in bewegten Bildern aus dieser Kirche handeln soll, wird ihr ein musikalisches Denkmal gesetzt. Es singt der Thomanerchor, begleitet vom Gewandhausorchester. Neben Schreier, der den Evangelisten und seine Arie makellos vorträgt, wirken Elisabeth Breul (Sopran), Sigrid Kehl (Alt) und Günther Leib (Bariton) mit. Die Leitung hat Thomaskantor Ehrhard Mauersberger. Schreier war damals dreiunddreißig und stand am Anfang seiner internationalen Karriere, die 1967 mit dem Tamino bei den Salzburger Festspielen begonnen hatte und ihn um die ganze Welt führte. Der plötzliche Tod von Fritz Wunderlich 1966 eröffnete ungeahnte Möglichkeiten. Schreier war sich dieses tragischen Zufalls immer in Demut bewusst.

Bach ist die Säule, auf der Schreiers Kunst und seine anhaltende Wirkung ruhten. Im Dresdner Kreuzchor hat er unter der strengen Fuchtel von Kantor Rudolf Mauersberger, der geistig noch im 19. Jahrhundert verwurzelt war, singen gelernt. Immer auf den Noten, klar, schnörkellos, protestantisch. Diesen Stil bewahrte er sich sein Leben lang. Er wurde ihn nie los. Wollte es wohl auch nicht. Bei Schreier ist nichts ungenau und riskant. Für mich ist er einer der Zuverlässigsten seiner Zunft. Wenn Schreier auf dem Cover einer CD steht, ist Schreier drin. Seine fundierte Ausbildung, die er nach seinem Ausscheiden aus dem Chor in einem regulären Studium vertiefte, das auch Dirigieren und Chorleitung einschloss, hat ihm die Stimme bis ins Alter erhalten. Mit den Jahren wurde sie nicht schöner, sie blieb aber sicher, behielt ihren Sitz. Schreier, der immer in Sachsen beheimatet blieb, hat in der DDR so viele Platten wie kein anderer Sänger produziert. Kein Genre, das ohne seine Mitwirkung auskam. Sogar vor Lehár, Spoliansky oder Künneke schreckte er nicht zurück. Nicht immer zu seinem Vorteil. Mir gefällt, dass er diese Aufnahmen immer verteidigt hat. Solche Ausflüge, die bekanntlich auch andere Tenöre gern unternahmen, wirkten bei ihm stets etwas steif, gewollt und unbeholfen. Sie sind nicht raffiniert, nicht erotisch genug. Er ist viel zu anständig. Schreier spielte auch Partien ein, die er auf der Opernbühne gar nicht bewältigt hätte, wie den Max im Freischütz unter Carlos Kleiber. Irgendeine Rolle fand sich immer. Kein Zweifel, Schreier konnte sich aussuchen, was er aufnehmen wollte, später auch am Dirigentenpult. Als mit Theo Adam eine Wagner-Platte produziert wurde, war Schreier in einer Szene in dritten Aufzug sogar der Parsifal. Selbst im Rienzi – eine Ost-Westproduktion wie auch der Freischütz – fiel mit dem Baroncelli noch eine Rolle für ihn ab.

In der Rückschau ist das alles ganz spannend und wunderbar. Damals in der DDR, wurde auch schon mal tief geseufzt: Nicht noch eine Schreier-Platte! Lieber mal was mit Kmentt oder Dermota. Ich bin Zeuge, ich habe selbst geseufzt. Ich habe aber auch seinen Auftritten in den Opern Mozarts oder im Barbier von Sevilla in der berühmten Berghaus-Inszenierung an der Berliner Staatsoper entgegen gefiebert. Die fand ich nie routiniert. Bis ich auch andere Tenöre – zumindest auf Platten hören konnte – hielt ich Schreier für das Maß der Dinge. Er hatte eine große Fangemeinde, die keine Aufführung und keinen Liederabend verpasste und nach der Vorstellung um Autogramme anstand. Als einen Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn empfinde ich bis heute den Palestrina von Pfitzner in der Berliner Staatsoper, der auch auf Platte, später auf CD gelangte. Schreier singt in der gleichen Liga wie seine berühmten Vorgänger. Der Loge darf nicht unerwähnt bleiben. Den hat er zuerst 1974 unter Karajan in der Verfilmung des Rheingold gesungen, 1980 dann in der Dresdner Studioproduktion unter Janowski. Den Loge mehr lyrisch statt nur charaktervoll zu besetzten, sagte mir sehr zu. Erst dadurch wird deutlich, was für eine wunderbare Gesangspartie dieser Halbgott ist. Stimmliche Malaisen setzt er geschickt als zusätzliche Ausdrucksmittel ein. Er gibt sich nach außen unbedarft. Der arme Loge. Immer nur Undank ist sein Lohn. Fricka aber hält ihn für einen trugvollen Schelm. Schreiers Loge ist beides.

Schreier ist ohne Liedgesang überhaupt nicht denkbar für mich. Meine Favoriten sind Schuberts Schöne Müllerin, die er mehrfach aufgenommen hat (sogar mit Gitarrenbegleitung durch Konrad Ragossnig), und die Schumann-Aufnahmen mit Norman Shetler, mit denen Mitte der siebziger Jahre begonnen wurde, als er auf dem Höhepunkt war. Sie sind weich und zart und hochsensibel. Als Berlin Classics in der Nachfolge des DDR-Labels Eterna eine Edition zum 80. Geburtstag von Schreier plante, erkundigt er sich beim vorbereitenden Gespräch, das dann im Booklet abgedruckt wurde, ob denn auch Aufnahmen als Knabenalt dabei seien. Sie sind nicht dabei, und der Sänger scheint ganz froh darüber zu sein. „Manchmal bin ich geneigt, zu den alten Aufnahmen nicht mehr zu stehen“, sagte er ganz grundsätzlich. Vieles von dem, was er in frühen Jahren gesungen habe, würde er heute nicht mehr abnehmen. Als junger Mensch könne man die Tiefe der Empfindung nicht haben. „Im Laufe des Lebens kommt man zu anderen Erkenntnissen, wächst stimmlich, gewinnt neue Sichtweisen.“ Gedanken, mit denen sich viele Sänger herumgeschlagen haben. Schreier ist da kein Einzelfall. Er übersieht aber, dass frühe Aufnahmen ihre einzigartige Wirkung aus der Tatsache beziehen, dass das Talent noch Versprechen und im Entstehen, der Zugang unbedenklicher und unbefangener ist. Genau deshalb halte ich die frühen Aufnahmen oft für die besseren. Das gilt für Schreier genauso wie für Fischer-Dieskau, Schock oder auch Wunderlich, dem das Schicksal keine andere Möglichkeit ließ. Die Kinderaufnahmen von Schreier sind gerade deshalb so hinreißend, weil letzten Dinge, um die es darin auch geht, aus einem Kindermund tröstlich und wie selbstverständlich klingen – wie das „Es ist vollbracht“ aus der Johannespassion. Am 25. Dezember 2019 ist Peter Schreier in Dresden gestorbenRüdiger Winter  

  1. Henning Beil

    In den letzten Jahren sind drei meiner grossen Lieblinge aus der Berliner Staatsoper von uns gegangen: Dvorakova, Adam und nun Schreier. Das tut weh. Man stellt immer wieder fest, wie sehr man an diesen wndervollen Sängern gehangen hat. Wie oft war ich in der Staatsoper. Die vielen Momente werde ich nie vergessen. Glücklicherweise gibt es Schallplatten. Ihr Artikel hat mich sehr bewegt. Danke.
    Henning Beil

    Antworten