Mit heißer Nadel

 

Im demokratischen Westen wird eine Regierung vom Volk gewählt, im sozialistischen Osten wird die Regierung von der sowjetischen Militäradministration eingesetzt.“ Die bei Arthaus aufgelegte Dokumentation25 Years German Reunification (101794), der dieses Zitat entstammt, trägt den Vermerk:FKS ab 0 freigegeben. Das heißt, auch für Kinder jeden Alters ist dieser Film unbedenklich. In der Tat sind einige historische Informationen derart einfach zubereitet, als seien sie für Grundschulen gedacht. Ein an geschichtlichen Zusammenhängen interessiertes Publikum dürfte mehr erwarten. Die Neuerscheinung besteht aus zwei Teilen, der DokumentationKlassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR sowie einem Mitschnitt von Beethovens 9. Sinfonie aus dem Neuen Gewandhaus in Leipzig. Die Sinfonie wird auch im Dokumentarfilm strapaziert. Gleich zu Beginn, wenn die Kamera über das zerstörte Berlin schwenkt und ein überdimensionales Stalin-Bild durch die Trümmer getragen wird, wenn sich Chruschtschow gutgelaunt in ukrainischer Freizeitbekleidung zeigt, Ulbricht hingegen mit gusseisernem Lächeln, die Panzer, die den Aufstand am 17. beenden, der erste Stein für die Berliner Mauer, der falsche Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew, Gorbatschow, Freiheit, – „Wir sind das Volk“. Immer muss Beethoven zur Untermalung herhalten. Warum eigentlich?

Der Film von Thomas Zintl lässt keinen Zweifel daran, dass jeglicher Umgang mit klassischer Musik in der DDR einer Absicht unterworfen gewesen ist. Dafür wird sogar Altkanzler Helmut Schmidt bemüht. Jede Musik könne missbraucht und benutzt werden, um politische Ziele zu fördern, sagt Schmidt. Der Umgang mit historischen Fakten ist mitunter sehr frei. Was spielt es auch für eine Rolle, ob Ulbricht nun von 1950 bis 1971 Vorsitzender des Staatsrates der DDR gewesen ist, wie den Zuschauern mitgeteilt wird – oder von 1960 bis 1973, wie es den Tatsachen entspricht. 1950 gab es den Staatsrat nämlich noch gar nicht. Mit der Oper Die Verurteilung des Lukullus von Bertolt Brecht und Paul Dessau wird ein der DDR-Führung unliebsames Stück vorgestellt. Dabei geht einiges daneben. Brecht wird mit einem d im Vornamen eingeblendet – also als Bertold. Nicht Die Verurteilung des Lukullus fiel politisch durch, sondern die Urfassung der Oper mit dem Titel Das Verhör des Lukullus. Sie ließ nämlich das Ende des römischen Feldherren offen. Und genau das war der Stein des Anstoßes, weil nicht eindeutig genug. Der Film, mit der heißen Nadel gestrickt, huscht darüber hinweg, die beabsichtigte Wirkung verpufft. Offenbar kennen die Filmemacher diese Geschichte gar nicht.

Nach dem Bau der Mauer im August 1961 durften DDR-Künstler zunächst nicht mehr im Westen auftreten. Der Tenor Peter Schreier meint sich einschränkend ganz sicher zu sein, dass dies bis 1964 galt. Theo Adam hingegen, der Sängerfreund von Schreier, trat allerdings bereits 1963 wieder in Bayreuth als Wotan im Rheingold und als Pogner in den Meistersingern in Erscheinung. Um das herauszufinden, müssen keine Bibliotheken durchforstet werden. Es steht im Netz. Vom einstigen Chef des DDR-Klassik-Labels Eterna, Raimer Bluth ist zu vernehmen, dass kein DDR-Künstler woanders aufnehmen durfte als beim VEB Deutsche Schallplatten. Stimmt nicht. Zuminderst Adam und Schreier sind auch in der Bundesrepublik ins Plattenstudio gegangen. Ob die DDR-Platte wirklich so einträglich war, wie es Bluth im Nachhinein glauben machen will, dass nämlich mit den Umsätzen sogar die Berliner Staatsoper, die Komische Oper und das Deutsche Theater subventioniert werden konnten, ist mehr als zweifelhaft. Im Film bleibt diese Aufrechnung genau so unwidersprochen wie die abenteuerliche These des künstlerischen Leiters von Eterna, Dieter- Gerhardt Worm, der in den Schallplatten eine Art „Lebensmittel“ gesehen haben will. Die Bevölkerung habe Platten gekauft, um über ihre privaten Probleme und ihre Misere hinweg zu kommen – und nicht etwa, um sich genussvoll auf eine Brahms-Sinfonie einzulassen. Nein, dem gemeinen DDR-Bürger war Liebe zur Musik nicht gegeben.

Nichts liegt mir ferner, als die DDR zu verteidigen. Doch wer sich mit ihr auseinandersetzen, die Ursachen ihres kläglichen Scheiterns ergründen will, der sollte schon mit Argumenten aufwarten, die der Prüfung standhalten. Künstler sind meist nur in der Gesellschaft der Mächtigen zu sehen, weniger aber in ihrem Bemühen, unter den besonderen politischen Verhältnissen im Osten Deutschlands eine eigenständige Kunst zu versuchen. Die Komponist Siegfried Matthus zum Beispiel tritt mehrfach zwar als Zeitzeuge auf, nicht aber als Komponist, der einige bemerkenswerte Werke hervorgebracht hat. Sänger wie der schon genannte Schreier, Siegfried Lorenz oder Jochen Kowalski werden fast ausschließlich im Zusammenhang mit Gastspielen im Westen und den dabei erzielten Gagen zitiert. Sie finden nichts dabei.

Interessant wird es immer dann, wenn mehr oder weniger unkommentierte Schätze aus den Archiven geholt werden wie der kurze Auftritt des italienischen Dirigenten Victor de Sabata, der mit der Berliner Staatskapelle Till Eulenspiegel von Richard Strauss spielt oder die Szene aus Wagners Meistersingern bei der Eröffnung der wieder aufgebauten Staatsoper Unter den Linden 1955. Ein kurzer Ausschnitt aus der Eröffnungspremiere der Komischen Oper 1947 mit der Fledermaus macht deutlich, wie spießig die Anfänge von Walter Felsenstein waren. Ruth Gerntholz schmettert den Orlofsky, als sei sie einem Revuefilm der Ufa entsprungen. Wer ist die Gerntholz überhaupt? Etwa jene Schauspielerin, die 1941 im Film Leichte Muse in einer Nebenrolle aufgetreten ist? Überhaupt kommt Felsenstein nicht so gut weg wie sonst. Seine lebhaften und positiven Inszenierungen seien ganz im Sinne der sowjetischen Kulturbehörden gewesen, heißt es. Er habe einen guten Draht nach Moskau gehabt. Und Günter Rimkus, bis 1991 Staatsopernintendant, stellt offenkundig mit Bezug auf das eigene Haus fest: Felsenstein war nicht besser.“

Es hat sich eingebürgert, zu Jahrstagen der deutschen Einheit dem Osten alle seine Schandtaten unter die Nase zu reiben. Dafür gibt es gute Gründe. Das wird noch eine Weile so gehen. Da muss der Osten durch. Schließlich profitiert er auch am meisten von der Einheit. Zintls Film dürfte nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Und es ist ja auch im privaten Leben oft so, dass bei Familienfeiern schwelenden Konflikte aufbrechen. 25 Years German Reunification! Der dokumentarische Teil der Neuerscheinung trennt eher, als dass er dem deutschen Einheitsgedanken huldigt. Dies bleibt der Aufführung der 9. Sinfonie von Beethoven 1991 in Leipzig vorbehalten. Mit Venceslava Hruba-Freiberger (Tschechien), der hoheitsvoll herausragenden Doris Soffel (Deutschland), James Wagner (USA) und Gwynne Howell (Großbritannien) ist ein Solistenensemble aufgeboten, das Weltoffenheit und Einheit versinnbildlichen soll. Kurt Masur dirigiert das Leipziger Gewandhausorchester. Plötzlich ist alles ganz wunderbar. Das festlich herausgeputzte Publikum feiert seine Künstler – und ist einfach nur noch dankbar. Rüdiger Winter