Meyerbeer on Record

 

Angesichts des im Frühjahr 2014 begangenen 150. Todestages (am 2. Mai 1864 in Paris)  des großen deutsch-französischen Komponisten Giacomo Meyerbeer (der in Berlin auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee begraben liegt) ist die Aussicht auf vermehrte Aufführungen auch zu seinem Jubiläum nicht eben groß, allerdings hat die Deutsche Oper Berlin neben der konzertanten Dinorah im Sommer die anderen drei großen Werke (Les Huguenots, Robert le Diable und  L´Africaine – hoffentlich in der nun bekannten Endfassung als Vasco de Gama) angekündigt. Das lässt vorsichtig hoffen (zu weiteren Projekten in Deutschland 2014 siehe den Vorbericht in  operalounge.de).

meyerbeer apotheose quer

Aber wie steht es eigentlich um das Nachhören, um die akustische Versorgung mit seinen Kern-Werken, die im großen Kanon der französischen (ja eben: französischen) Oper angesiedelt sind? Vom Feldlager in Schlesien, 1843-47,  aus seiner Berliner Zeit gibt es nur inoffiziell einen sehr gekürzten Radiomitschnitt vom ehemaligen SFB von 1984 (wieder einmal ein hohes Lob an den damaligen Radio-Opernchef Einhard Luther). Der umgearbeitete  Etoile du Nord liegt in zwei Mitschnitten aus London/Wexford vor (Opera Rara live/Marco Polo live – so wie überhaupt Naxos/Marco Polo drei weitere der frühen Werke haben) und bleibt eher virtuos-lässlich. Gottes Ehre in der Natur gab es vor kurzem, 2010, in Bologna (ausgerechnet, aber nicht in seiner Heimatstadt Berlin). Die Kantate L´amore di Teolinda gibt`s mindestens zweimal (Nicolesco und Varady) und jubelt so vor sich hin  (Orfeo und Sony), wie manches andere auch, von der Schauspielmusik für Struensee bis zu Liedern und Märschen (cpo u. a., einfach mal unter Meyerbeer bei jpc nachschauen). Meyerbeer_Etoile_du_NordDie italienischen Ausflüge bestätigen eher den formativen Charakter seiner Entwicklung ebendort – Emma di Resburgo (war im Radio zu hören aus Wien 2010) etwa. Oder die Semiramide (2006 aus Martina Franca/Dynamic und Wildbad/Naxos) ist eine hübsche italienische Oper mit deutscher Grundierung und mit der Wildbad-Aufnahme bei Naxos gut bedient. Auch vom Crociato in Egitto gibt es befriedigende Aufnahmen, die von der Opera Rara von 1991 leidet unter David Parrys eherner Hand und kommt vom Boden nicht hoch, aber die Sänger sind mit Diana Montague, Yvonne Kenny und Bruce Ford anglo-amerikanisch anständig und mit Ugo Benelli super italienisch bedient. 2007 gab es in Venedig eine Aufführung mit einem ziemlich gemeinen Counter in der Hosenrolle und einer nervtötenden Patricia Ciofi als Heldin (Dynamic DVD und Naxos CD), die alternative mit der süßen Cantareno wurde leider nicht aufgezeichnet. Die ältere Einspielung, ehemals bei Voce-/MRF-LP, ist um rund 15 Jahre jünger und zeigt, wie nett die Kenny mal singen konnte und wie rasant Felicity Palmer in der Hosenrolle gurgelte. Zudem ist mit Gianfranco Masini der bessere Dirigent am Pult – diese Aufnahme hat es auf zahlreiche Labels geschafft. Wie auch die mit Denia Mazzola, Martine Dupuy und Rocky Blake von 1990 aus Montpellier, erstere und letzterer allerdings wirklich Geschmackssache. Da ist die Margherita d´Anjou, die gab´s mal in Leipzig, als CD ebenfalls bei Opera Rara von 2003 wesentlich gehaltvoller und auch nicht unrecht gesungen: Ford, Barcellona und andere unter Hausdirigent David Parry (naja). Aber auch der Querschnitt vom Esule di Granata von Opera Rara mit Custer, Piazza und Carella von 2004 fügt dem Meyerbeer-Bild wenig Neues hinzu, außer, dass er in Italien gut gelernt hat (wie stets bietet OR ein fabelhaftes Booklet).

Die berühmte Münsterszene im "Prophète" - Illustration zur Uraufführung/OBA

Die berühmte Münsterszene im „Prophète“ – Illustration zur Uraufführung/OBA

Nein, es sind – neben der entzückenden, aber sehr leichtgeschäumten Dinorah (die es ganz reizend, aber wohl im Moment vergriffen unter dem federnden Alun Francis mit der süßen Deborah Cook von Opera Rara gibt und weniger reizend von Living Stage mit der sauren Luciana Serra) – die drei französischen Werke, die seinen Ruhm und seine Größe ausmachen. Sie haben den Grundstein für Wagner und Verdi gelegt (eine kühne Behauptung, ich weiß, aber diese Diskussion wird an einem anderen Ort geführt), und die vor allem auch die Gesangsgattungen der französischen Bühne entscheidend mitbestimmt haben. Stimmtypen wie der kurze dunkle Sopran der Cornélie Falcon/Valentine, der hohe Koloratur-Sopran einer Dorus Gras/Marguérite, der dramatische Mezzo/Alt wie Sélika (immerhin die vielgerühmte Marie Saxe), der französische Basso-Cantante wie Nelusco (Maurice Fauré) und natürlich diese ganz spezifische Gattung des heroischen Tenors der lyrischen Sorte, was in sich ja fast ein Widerspruch ist – ein Verweis auf den Enée von Berlioz oder den Werther des Massenet: Als einen verträumten Held mit visionärer Strahlkraft beschreibe ich das mal. Es ist diese Fähigkeit zur Vision, zum Sichverlieren in eine Idee oder Fiktion, die Meyerbeers Tenor-Helden auszeichnet, ob nun Vasco oder Jean oder Robert.

Das Final-Trio im letzten Akt des "Robert le Diable", Gemälde von Lepaulle/OBA

Das Final-Trio im letzten Akt des „Robert le Diable“, Gemälde von Lepaulle/OBA

An diesem Tenor scheitern einfach alle (bis auf drei oder vier, wie nachstehend gesagt). Und an diesem Tenor scheitert auch der Internationalismus, der auf so gut wie allen modernen Meyerbeer-Aufnahmen anzutreffen ist, denn rein französisch besetzte Einspielungen und Dokumente sind inzwischen mehr als rar. Ich weiß, der geneigte Leser zieht jetzt die Augenbrauen hoch und denkt: Jetzt ist er/ich schon wieder bei seinem Generalthema der nationalen/idiomatischen Stimmen. Aber im Gegensatz zu Berlioz und zu Massenet ist Meyerbeer wirklich mehr als empfindlich, was die Diktion/Kommunikation angeht. Es wird Inhalt transportiert und weniger Musik, zumal musikalisch vieles auch redundant ist und sich – bei schlechten/upgedateten/banalen Produktionen der Gegenwart – auch hinzieht. Meyerbeer hat sozusagen cinematographisch komponiert: Palmen, Treppen, Interieur, halb Münster in Flammen und das Styropor kommt herunter, halb Palermo steht auf der Bühne, und das Ballett der „sündigen“ Nonnen erregte und verstörte die Zuschauer 1831 und ist auch heute noch ein Anstoß – das ist Show, das ist Bühne, das ist blanke Unterhaltung wie in einem Musical (der Kronleuchter im Phantom etwa). Das bedarf der funktionalen Musik, nicht etwa einer langweiligen Bühnenmusik, sondern der illustrativen, die ohne das zu illustrierende Objekt eben auch langweilig und  nur funktional wirkt. Das hat es vorher noch nicht gegeben – und der Schlüssel zu Meyerbeer liegt eben in diesem fast operetten-/musicalhaften Zugang zu der von ihm geschaffenen Grand Opéra, die absolut alles an Bühnentechnik nutzte. Und das war in Paris überwältigend, wie sich unsere sparsam besetzten Häuser das gar nicht mehr vorstellen können.

Und auch die Bildchen in Liebigs Fleischextrakt-Packungen sorgten für Verbreitung Meyerbeers/OBA

Und auch die Bildchen in Liebigs Fleischextrakt-Packungen sorgten für Verbreitung Meyerbeers/OBA

Die eine Ausnahme im dokumentierten Meyerbeer-Tenorfach ist Alain Vanzo im Robert le Diable aus Paris 1985 in einer auch technisch sensationellen Radioaufnahme bei Gala (mit angehängten Auszügen aus den Huguenots mit Vanzo) unter dem schmissigen Thomas Fulton, wo absolut alles stimmt (bis auf die beträchtlichen Striche – aber da bin ich gütig, und bei Meyerbeer sind vielleicht Striche nicht das Schlimmste, auch wenn ich nun von Puristen gesteinigt werde). Vanzo, eingesprungen in allerletzter Minute und alternierend mit Rockwell Blake (wenig geeignet), ist nicht mehr der Jüngste und hat auch mal eine kleine Höhen-Enge, aber welches Wissen um die Sprache, welche Farben, welche Kommunikation! Er erzählt uns eine Geschichte! Das ist einfach unerreicht. 816Qa8ICrKL._SL1500_An seiner Seite eine wirklich handverlesene Schar an Kollegen. Angefangen mit dem sensationellen Samuel Ramey als sonorer-gemeiner-sadistischer Bertram, dann die wirklich wunderbare und erfüllt-entschlossene Michele Lagrange in der Jenny-Lind-Partie der resoluten Alice (und wie die Lagrange das abschließende Trio beherrscht, muss man einfach gehört haben); dazu töricht-koloraturfreudig die von mir sonst nicht geschätzte June Anderson absolut in einer zentralen Rolle des entseelten Schöngesangs sowie Walter Donati als unglücklicher, gut gesungener Raimbaud. Den Unmut des schockierten Publikums über das wirklich anzügliche Ballett der sündigen Nonnen hört man auch – es war eine spannende Aufführung im Palais Garnier 1985.

Die skandalöse Ballettszene mit den sündigen Nonnen/Illustration zur Uraufführung/OBA

Die skandalöse Ballettszene mit den sündigen Nonnen/Illustration zur Uraufführung/OBA

Das hat sich nicht wiederholt. Weder die Berliner  Georg-Quander-Produktion an der Staatsoper 2000 und Folge (die es als illegalen Mitschnitt gibt) konnte mit Nelly Miricioiu oder der muhigen Mescheriakova glänzen (Brigitte Hahn war da cremig-seelenlos in der Reprise), noch sind die restlichen etwas, wovon man seinen Kindern erzählen möchte (einzig vielleicht der Tenor Zhang und das Dirigat von Minkowski). Andere Mitschnitte wie etwa das auch auf DVD erscheinende Opus-Arte-Objekt aus London 2013 mit dem brüllenden Bryan Hymel und der schlafmützigen Marina Poplavskaja, dem blassen John  Relyea oder der hochneurotischen Patricia Ciofi (das wird mit jedem Jahr schlimmer) bestätigen nur das Gesagte, zumal Daniel Oren am Pult von Covent Garden Meyerbeer mit Mascagni verwechselt – nein, das macht weder Spaß, noch wird es dem Werk gerecht. Auch die alte italienische Bastardversion (ehemals Myto und viele andere) mit der dünnen Scotto, Malagu und dem schimpfenden Boris Christoff (der da was verwechselt) macht keinen Spaß (1968 Maggio Musicale), einzig Giorgio Merighi bleibt schlank und italienisch-ordentlich, aber in dieser Sprache verliert die Oper enorm und klingt wie von Cherubini. Und die neuere Aufnahme bei Brilliant ist wirklich nicht zu empfehlen: Mit Bryan Hymel, Patricia Ciofi und Alastair Miles hat man die üblichen Verdächtigen der von Covent Garden geprägten Gegenwartsszene vor sich, zumal Daniel Oren – diesmal in Salerno (!!!) – rumst und macht und tut, nur eben kein elegantes französisches Flair erzeugt. Wir leben – wie der ehemalige Papst Benedikt so richtig sagte – im Zeitalter der Abbilder, nicht der Originale. In Abwesenheit derselben blinkt hier eben nur Talmi, sorry.

Finalszene aus den "Huguénots" der Uraufführung/OBA

Finalszene aus den „Huguenots“ der Uraufführung/OBA

Les Huguenots sind da auch nicht gerade üppig-zufriedenstellend vertreten, wenngleich reichlicher dokumentiert. Ich lasse mal solche Monstrositäten wie den Mitschnitt aus New York 1969 mit der drahtstimmigen Sills und der berserkerhaften Gulin aus. Und die Radioübernahme mit Suzanne Sarrocca scheitert am bölkenden Tony Poncet und an der schlechten Soundqualität. Die einzige und wirklich wunderbare Aufnahme ist die bei Erato aus Montpellier (Erato ist bei Warner und wird gerade umstruktuiert), daneben verblassen alle anderen zu düsterem Grau. Hier ist es der strahlende Richard Leech als ganz jugendlicher Held, der diese Lernstrecke von rotzig-unerfahren bis tragisch-liebend durchläuft und stimmlich eine Offenbarung ist – was für ein Glanz, welch bestes Französisch, welche Nuancen (vorher hatte er den Raoul bereits in Berlin gesungen mit der leuchtenden, wenngleich natürlich absolut falsch besetzten Pilar Lorengar in einer ihrer letzten Rollen in der atmosphärischen John-Dew-Inszenierung, einfach wahnsinniig die beiden und auf einem illegalen Mitschnitt nachzuhören wie auch ihr großes Duett bei der späteren Richard-Tucker-Gala bei youtube; die nachfolgende DVD bei Arthaus (erstaunlicherweise sogar auf Blue-Ray) findet leider in Lucy Peacocks Valentine nicht so viel Herausragendes, und das Ganze ist doch recht abgesungen). 0825646621255Neben Leech, der nie wieder so gut gesungen hat, hört man in Montpellier/Erato die eminente französische Falcon-Stimme, Francoise Pollet, absolut hervorragend und aufregend, den samtig-dunklen Ton für die großartige Gestaltung der unglücklichen Valentine zwischen den Gefühlsstürmen einsetzend. Dies hier und ihre herrliche französische Arien-CD bei Erato zählen nicht nur zu ihren, sondern auch zu den absolut besten Dokumenten französischen Gesangs. Mit der bezaubernden Ghyslaine Raphanel als koloraturfreudiger, aber eben auch charaktervoller Marguérite, Danielle Borst als frechem Urbain und Gilles Cachemaille als noblem Nevers hat man unter der liebevoll-sorgsamen Hand von Cyril Diederich eine der Aufnahmen für die einsame Insel vor sich. Diese ist´s!

Die Salle Pelletier, die damalige Opéra, bei einer Vorstellung von "Robert le Diable"/OBA

Die Salle Pelletier, die damalige Opéra, bei einer Vorstellung von „Robert le Diable“/OBA

Andere nicht. Weder die alte italienische unter Tullio Serafin von 1955 trotz Anna De Cavalieri, nicht die erste Sutherland-Aufnahme in italiano von der Scala 1962 (Cetra live und manche andere) mit der schimpfenden Simionato und dem brüllenden Corelli unter Gavazzeni 1962 (trotz – ich geb´s ja zu – des animalischen Appeals seiner hocherotischen Tenorstimme und des etwas leeren Jubelns der Sopranistin), nicht die zweite Sutherland-Aufnahme bei Decca 1969, trotz des ungemeinen Verdienstes, die Oper erstmals offiziell auf LP vorgestellt zu haben: La Stupenda ist als Marguérite stimmlich/stimmtypisch zu schwer, absolut unverständlich und unfranzösisch, und Marilyn Horne macht bei aller Wertschätzung aus dem Urbain einen Treckerfahrer, zumal Martina Arroyo absolut nichts für die Valentine mitbringt und der Rest in Anonymität versinkt, auch wegen Bonynges schwerer Hand – neee, wirklich nichts. Und von der dritten Aufnahme mit der Sutherland aus dem fernen Australien will man gar nicht erst reden – was für eine Travestie zum Ende der Karriere (bei Faveo als DVD und nur akustisch bei Opera Australia), da rettet auch das australische Personal wenig, wenngleich Amanda Thane und Anson Austin nicht unrecht sind, aber doch sehr allgemein und eben unidiomatisch bleiben.

Die vier Prinzipalen der "Africaine" 1865/Gallica

Die vier Prinzipalen der „Africaine“ 1865/Gallica

1971 machte Ernst Märzendorfer einen gekürzten Anlauf in Wien (ehemals BJR-LP und später Myto etc), der wegen Nicolai Gedda, dem dritten der Ausnahmetenöre für Meyerbeer, interessant ist, aber weder die Tarres noch die Shane, noch Diaz oder Petkov sind da irgendein Gewinn – nur wurde die Oper wenigstens mal vorgestellt, chapeau an Wien wie so oft. Dagegen erwärmte ich mich immer für die Radio-Aufnahme bei Plein-Vent und anderen von 1976 (vergriffen, aber bei youtube dankenswerter Weise reingestellt), die eben einen noch jugendlicheren Alain Vanzo als Raoul bietet, etwas routiniert vielleicht, aber doch très francais und très engagé, männlich, sanft, ein Liebhaber eher als ein Mann des Schwertes. Leider ist mit Katie Clarke als Valentine die professionelle Anonymität zugegen, nicht unrecht, aber nothing to write home about. Ah, les Francais, da hätte es sicher auch was Inländisches gegeben – Crespin vielleicht?! Dagegen hat man  mit Louise Lebrun eben diese ausgestorbene Spezies des französischen soprano légère vor sich, zupackend und höhenstark wie heute vielleicht Annick Massis. Della Jones macht einen soliden Urbain ohne die Bruststimme der Horne, Robert Massard ist unerreicht als Nevers und Jules Bastin adelt den Papa – dies alles unter dem erfahrenen Henri Gallois in einem der letzten wirklich gelungenen Unterfangen des französischen Rundfunks in Sachen nationaler Oper. Von da an geht’s bergab.

Entwürfe zur "Africaine" 1865/Gallica

Entwürfe zur „Africaine“ 1865/Gallica

Vielleicht kann man noch den Querschnitt mit Doria, Fouché und Allain bei Vega 196- erwähnen (jetzt bei Line etwas dumpf). Die wirklich entstellende historische Aufnahme mit Bak und Terkal unterschlage ich (Walhall), aber ich ehre den Pioniergeist. Ebenso die Line-Ausgabe (wobei ich aus vielen Gründen etwas gegen die Firma habe) mit Maud Cunitz  (huhhhhh). Und einzig in Brüssel gab es 2011 als Leuchtturm in Sachen Meyerbeer eine Huguénots-Doppelbesetzung mit zwei wirklich herausragenden amerikanischen Tenören: John Osborn und Eric Cutler alternierten (quel luxe) neben der mehr als müden Mireille Delunsch unter Marc Minkowskis fescher Leitung, das war – in toto – wirklich aufregend und extrem gut gesungen (Petersen, Leshneva, Rouillon, Lapointe und viele mehr aus der frankophonen Szene). Aber davon gibt’s (noch) keine DVD oder CD, und der belgische Rundfunk schaffte es, das ganze auch noch gekürzt zu senden gegenüber der absolut ungekürzten Bühnenfassung (Zusatz für  Marguérite).

41Q46B6JB7L (2)Le Prophète ist schnell abgestrickt – die einzige Aufnahme, der ich eine Palme reichen würde, ist die alte von der RAI (Opera d´oro und manche mehr), weil eben Nicolai Gedda den Jean de Leyde so wunderbar poetisch, so verzweifelt reuig singt, dass einem über die vielen Jahre hinweg (1966) die Tränen kommen. Dies sind seine ganz speziellen Rollen, in denen er so unglaublich anrühren kann – die gebrochenen Helden, wie der Enée von Berlioz eben auch, den er ebenfalls bei der RAI eingespielt hat. Sein Jean hier setzt Maßstäbe wie Vanzo! Neben ihm, ebenfalls ohne Konkurrenz, Marilyn Horne als Fidès, sonor-bassig, verzweifelt, virtuos, kraftvoll – Mutter Erde, Mutter-Typus überhaupt, die Schumann-Heinck ist nicht vergessen. Die bezaubernde Margherita Rinaldi, ebenfalls mit bestem Französisch ergänzt die Trias an Ausnahmekünstlern unter Henry Lewis´ aufregender Leitung. Der Rest ist sonores und manchmal auch lustiges römisches Vorort-Ensemble, habenswert allesamt (trotz der Kürzungen).

Antisemitische karaikatur zu Meyerbeers gesellschaftlichen Ambitionen in Paris/OBA

Antisemitische Karikatur zu Meyerbeers gesellschaftlichen Ambitionen in Paris/OBA

Dies wiederholte sich leider nicht an der Met, wo Henry Lewis 1976 mit seiner damaligen Frau Marilyn Horne das ganze noch einmal, szenisch, machte. Niemand ist hier irgendwie überzeugend, gewiss nicht die recht reife Scotto als Berthe, schon gar nicht James McCracken als stoisch-stentoraler Jean und auch nicht mehr die Horne, die sich nun ins Klischee der auftrumpfenden Mezzo-Artistin verflüchtigt hatte, Carmen grüßt Amneris, nix Raffinesse und Gestaltung. Die kommerzielle Aufnahme selbst stammt von CBS aus London (aber wohl nicht mehr im Kanon des Sony-Katalogs), folgt aber der kurz vorhergegangenen Bühnenaufführung in New York. Alles kein Gewinn. Auch nicht die kursierenden Live-Mitschnitte: Weder Domingo/Baltsa aus Wien 1998 (brrrrrrr), noch aus Stockholm 1999 (Furlan und Tobiasson) noch – natürlich – McCracken/Warfield aus West-Berlin in Deutsch 1966 (immerhin eben hier eines der ersten Male nach dem Krieg). Nein, der Prophète hatte es bislang auch nicht leicht, weil auch die Kenntnis von diesem Repertoire und seinen Bedingungen verloren gegangen ist. Aber was red´ ich: Schon Verdi und Puccini sind ja heute kaum noch zu besetzen. Und Sondra Radvanovsky oder Patricia Racette sind nicht die Antwort…

Bühnenbild zur "Africaine"/OBA

Bühnenbild zur „Africaine“/OBA

Und L`Africaine, la pauvre? Da geistert wenigstens das Video aus San Francisco von 1972 (Arthaus u. a.) herum, wo Shirley Verrett eine physisch stolze, aber gesanglich anonyme, amerikanisch-robuste Sélika gibt und Domingo Eleganz mit vokaler Muskel-Kraft verwechselt – immerhin, es wird ordentlich gesungen und unter Périsson auch atmosphärisch gespielt, wenngleich mehr denn je die Frage nach der Fassung auftaucht, les copures kommen hier dicht und dick. Über die Schrecklichkeiten der Mitschnitte aus London mit Grace Bumbry (was für ein Irrtum, nur weil sie schwarz war? stimmlich jedenfalls ist sie schauerlich) oder Montserrat Caballé in Barcelona (Glottis feiert Urstände) mit Partner Domingo möchte ich ich keine Worte verlieren, immerhin gab man die Oper en francais (oder was sie dafür hielten). Überhaupt ist ja L´Africaine das nachgelassene Schwerzenskind Meyerbeers, das erst posthum 1865 seine problematische Erstaufführung in Paris fand. 0761203782826Die cpo-Aufnahme, die da aus Chemnitz 2013 gerade über uns gekommen ist, wirkt grauer, langweiliger als die eigentliche Bühnenaufführung, die wirklich elektrisierend war und mit dem begeisterten Elan der Mitwirkenden und des Dirigenten Frank Beermann über die zu machenden Abstriche bei der Besetzung und dem Klangkörper hinweg trug. Mit Vasco de Gama (so auch der von Meyerbeer selbst gewünschte Titel) von cpo hat man aber statt der Fétis-Version  nun in der Fassung von Jürgen Schläder endlich eine gültige Version der Africaine vor sich, viel länger, viel mehr Musik, und die arme Sélika stirbt Brünnhilden-Isolden-gleich einen barbarisch nicht endenwollenden Tod unter dem kleinen Bonsai von Regisseur Peters-Messer.

Meyerbeers Grab auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin/Foto Winter

Meyerbeers Grab auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin/Foto Winter

Alles davor ist irgendwie nicht wirklich befriedigend. Gar nicht – trotz aller chapeaus vor dem Mut – die deutsche Amputation mit Aga Joesten/Walhall, auch nicht die italienische Aufnahme von 1963 mit Stella, Rinaldi und Nikolov ist indiskutabel. Mutis Anlauf von 1971, nochmal Italienisch, mit Norman und Luchetti ebenfalls. Quelers Ausflug nach Indien mit Tucker und Stella trotz Carol Smith lächerlich. Und an die abscheuliche Aufführung in Venedig 2013 mag ich gar nicht denken: Mit Simeoni, Kunde und der mehr als enttäuschenden Pratt blieb das Ganze in den Untiefen der Mittelmässigkeit stecken (und was für eine Fassung?!). Es gibt ein paar dunkelschwarze Mitschnitte, wie etwa der aus London mit der Veasey 1963 oder der aus London 1978 mit der wirklich abscheulichen Grace Bumbry neben einem stentoral-allgemeinen Latino-Domingo-Vasco. Ein Jahr zuvor gab´s das auch mit Martina Arroyo (brrrr) und einem Italo-Vasco in Gestalt von Giorgio Casellato-Lamberti in München (auch nicht nett). Und dann Mitschnitt mit der Brunet (sehr toll!, aber was für eine Schnippelfassung) aus Strasbourg 2004. Alle haben ihre ihre Momente (oder auch nicht, eher letzteres). Wie stets gab es in den Sechzigern auch LP-Mitschnitte aus Frankreich (und eben nur die – la douce France hat nicht eine einzige Africaine beim Rundfunk produziert, was für ein Armutszeugnis – von allen Meyerbeers gibt es nur die Huguenots mit Vanzo beom Ortf, das nennt man Pflege des musikalischen Erbes, und ob es je eine ganze Vorstellung an den Theatern gegeben hat entzieht sich meiner Kenntnis). Da ist etwa der LP-Ausschnitt bei Philips mit der mir immer Freude bereitenden Esposito sowie der wirklich fulminanten Jane Rhodes als Sélika  und (huh) Poncet (der Hans Beirer vom anderen Rheinufer), aber die bestätigen einmal mehr, wie wenig sich die Franzosen heute um ihre eigenen Opern kümmern und lieber noch den 50. Don Giovanni mit Kleinstimmen und historischen Instrumenten in Compiegne einspielen, weil´s opportun ist. Insofern wartet die Welt auf eine idiomatisch gesungene und erfüllte Africaine oder besser auf einen dto. Vasco de Gama. Aber ohne zu unken, bin ich da in Sachen Meyerbeer und Deutsche Oper Berlin skeptisch…

Die letzten Ehren: Meyerbeers Sarg wird nach Berlin überführt/OBA

Die letzten Ehren: Meyerbeers Sarg wird nach Berlin überführt/OBA