Meine geliebte Stimme: Olivia Molina

 

Gesang mit Seele und Gefühl: Sie gehörte für mich schon immer zu den ganz Großen, zu einer Gattung von Künstlern, wie sie in unserem oft so oberflächlichen und kurzlebigen Medienzeitalter zur absoluten Seltenheit geworden sind. Dabei ging Olivia Molina seit vielen Jahren unbeirrt ihren Weg, der sie von ihrer (kurzen) Schlagervergangenheit um Lichtjahre entfernt hat.

„Si se calla el cantor calla la vida, por que la vida, la vida misma es todo un canto.”  So beginnt eines der Lieder auf Olivia Molinas Album „Sinceramente”. In deutscher Übersetzung heißt das: „Wenn der Sänger schweigt, schweigt das Leben, weil das Leben, eben dieses Leben nur Gesang ist.“ Ich glaube, besser kann man Olivia Molinas künstlerisches Credo, ja ihre gesamte Lebenshaltung, nicht charakterisieren.

Olivia Molina sings Jazz/ Foto Schmidl

Die künstlerische Vielseitigkeit, die manche Opernsänger mit dubiosen Crossover-Produkten so gerne beweisen möchten, liegt Olivia Molina im Blut. Auch sie ist eine Grenzgängerin, die sich in verschiedensten Stilen, von der Brecht-Oper („Mahagonny“, „Dreigroschenoper“) bis zum Musical und Jazz bewiesen hat. Die Palette ihrer Kunst ist inzwischen unglaublich breit: Ob sie als Jenny in der „Dreigroschenoper“ auftritt oder hinreißende Abende mit argentinischer Tangomusik gestaltet, ob sie „klassische“ lateinamerikanische Songs im Gepäck hat, sich unter dem Motto „Nach all den Jahren“ dem Chanson widmet (wie auf einer ihrer neueren Platten), als Musical-Star reüssiert oder ihrer wiederentdeckte Liebe zum Jazz mit swingenden Konzerten nachgeht: Stets beherrscht sie nicht nur perfekt den jeweiligen Stil, sondern gestaltet mit unglaublicher emotionaler Beteiligung.

Olivia Molina wurde am 3. Januar 1946 in Kopenhagen geboren. Ihre deutsche Mutter stammte aus Flensburg, ihr aus Mexiko stammender Vater war Musiker und Orchesterleiter. Schon in Acapulco, wo Olivia Molina den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat, begann sie mit Jazz – bis hin zum Gewinn des mexikanischen Jazz-Festivals. Mit 19 Jahren führte sie die mexikanische Hitparade mit dem Titel „Juego de Palabras“ an, der Olivia Molina schlagartig zu einer der populärsten Sängerinnen in Mexiko machte. Das war 1965. Dann ging sie nach Deutschland. Hier machte sie zunächst eine äußerst erfolgreiche Karriere als Schlagersängerin. Die führte u. a.  zum Gewinn des Deutschen Schlagerwettbewerbs 1973 in Berlin und zur Auszeichnung als „Künstlerin des Jahres“ durch die Deutsche Phono-Akademie im Jahr 1977.

Aber parallel ging sie schon andere künstlerische Wege: Ihre Liebe zum Theater begann 1968 beim Stuttgarter Renitenz-Theater. Dorthin wurde sie von Gerhard Woyda in das „Erste Deutsche Damenkabarett“ verpflichtet. Es folgten weitere Kabarett-Engagements bei Lodynski in Wien und bei den Berliner „Stachelschweinen“. Aus der Zusammenarbeit mit André Heller entstand 1976 ein wunderbares, sehr poetisches Album: „All meine Jahreszeiten“.

Olivia Molina/ Weihnachtslieder aus aller Welt/ Foto Schmidl

Ab 1970 eroberte sie sich Musical und Schauspiel: Rolf Kutschera holte sie für „Sorbas“ an das Theater an der Wien; unter der Regie von Helmut Käutner spielte sie ebenfalls dort in „Kiss Me, Kate“. 1972 folgte auf Einladung von Ulrich Erfurth die Jenny in der „Dreigroschenoper“ in Bad Hersfeld (ebenso 1973 und 1991); 1974 spielte sie in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ neben Herbert Fleischmann und Uwe Friedrichsen. Mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ gastierte sie in ganz Europa – an der Seite der großen Martha Mödl. Die hat zu Olivia Molina einmal gesagt: „Wenn  der Weill eine Jenny hätte erfinden müssen, hätte er sicher Olivia Molina erfunden.“ Zu Martha Mödl hatte sie ein besonderes Verhältnis: „Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Sie strahlte so viel Wärme und Humor aus wie kaum ein Künstler. Sie war für mich auch ein bisschen Mutterersatz. Ich habe von ihr viel gelernt.“ „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“ waren weitere Musical-Stationen. 1991 spielte sie die Iduna in „Feuerwerk“.

 

Die entscheidende Wende im Leben Olivia Molinas ereignete sich bereits 1980, als sie im Auftrag von Bischof Emil Stehle eine Messe für Adveniat komponierte, die „Misa Latinoamericana“, die sie auch im Gepäck ihrer ersten Weihnachtstournee mitführte. Vom Schlagergeschäft hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon längst zurückgezogen – ein Kapitel, das sie damals für sich abgeschlossen hatte. „Ein Künstler lebt in Kapiteln, man lässt immer etwas zurück, auf das man dann nicht mehr zurückgreifen kann. Wenn man sich entwickeln will, muss man jedes Mal eine neue Welt aufbauen. Ich war immer bereit, ganz von vorn anzufangen.“

Diese Weihnachtstourneen durch Kirchen in ganz Deutschland, bei denen in den ersten zwanzig Jahren immer acht Kinder aus Lateinamerika mitwirkten, sollten zu einer Tradition werden, die bis 2011 währte.

Eigentlich sollte nach zwanzig Jahren damit Schluss sein. Die Bilanz war ja auch beeindruckend: 600 Konzerte, 500.000 Besucher, 136 Kinder, die mit Olivia Molina gesungen haben. 150 Weihnachtslieder aus Lateinamerika wurden liebevoll gesammelt, bearbeitet und arrangiert. Insgesamt wurden bis dahin 17 Projekte zugunsten von Kindern in Mittel- und Südamerika unterstützt.

Olivia Molina/mit Martha Mödl/ Foto privat

Aber das wunderbare und schier unerschöpfliche Repertoire an lateinamerikanischen Weihnachtsliedern („Die Diamanten und Perlen liegen in Lateinamerika auf der Straße“, sagt sie) war ihr zu sehr persönliche Herzensangelegenheit, um damit brechen zu können. Und so hat sie den Konzerten eine neue, kreative Gestalt gegeben. Die Konzerte fanden jetzt in einer klassischen Form statt: Keine Kinder, keine bunten Ponchos. In einem eleganten, schwarzen Kleid trat Olivia Molina auf –  eine charismatische Sängerin, die sich ihrer künstlerischen Kraft, ihrer Persönlichkeit und der Faszination ihrer dunkel timbrierten, zu unglaublichem Farbenreichtum fähigen Stimme bewusst ist. Sie zelebrierte Gesang mit Seele und Gefühl, der tief in die Herzen der Zuhörer drang. Wenn auch die Akzente des Konzerts etwas vom „Folkloristischen“ weg zu klassischer Strenge hin verlagert waren, blieb die Essenz dieser teils fröhlichen, teils von tiefer Religiosität geprägten Musik doch unangetastet. Im Gegenteil: Das neue Gewand, in dem die Lieder jetzt präsentiert wurden, diese dezente Eleganz, stand der Musik sehr gut und verstärkte eher noch ihre emotionale Wirkung. Die Kritik zeigte sich von der neuen Form der Weihnachtskonzerte, die Olivia Molina erstmalig 2002 vorstellte, begeistert. Als „Königin, deren Kronjuwelen die Lieder Lateinamerikas sind“ wurde sie bezeichnet. Es sei „diese Mischung aus inniger Frömmigkeit, die sich in den volksliedhaft schlichten bis poetischen Texten widerspiegelt, und den lateinamerikanischen Melodien und Rhythmen“, die den Erfolg der Weihnachtskonzerte ausmachte. Mit „spiritueller Größe und unnachahmlicher Präsenz“, mit „Herz und Stimmgewalt“ zöge Olivia Molina ihr Publikum mühelos über fast zwei Stunden in ihren Bann.

Mit diesen Tourneen  hat Olivia Molina nicht nur unzählige Projekte für Kinder in Lateinamerika unterstützt und ermöglicht (über den 1987 von ihr gegründeten Verein „Patenschaft Kinder Lateinamerikas – Olivia Molina e.V.“ in Bonn, dessen Präsidentin sie wurde), sondern so ganz „nebenbei“ ist auch eine wunderbare Sammlung dieser vitalen traditionellen Lieder aus Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru, Venezuela und anderen Ländern entstanden. Olivia Molina hat uns damit auf höchstem künstlerischen Niveau unglaublich schöne und tiefgehende Musik geschenkt, aber auch ein Stück Kulturarbeit geleistet, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ein gutes Dutzend CD-Einspielungen ist mit diesen Liedern entstanden und dokumentiert diesen reichen musikalischen Schatz. Diese Schätze vor der Vergessenheit zu bewahren, ist ihr eine wirkliche Herzensangelegenheit. Auch aus diesem Grund hat sie ein Liederbuch mit einer persönlichen Auswahl herausgegeben.

Olivia Molina/ in Bad Hersfeld/ Foto privat

Auch ihrer zweiten großen Liebe, dem Jazz, hat sich Olivia Molina seit 1999 verstärkt wieder zugewandt. Ihre Konzerte gestaltete sie mit dem 2011 verstorbenen Saxophonisten und Klarinettisten Heribert Kroll.  Über ihr Konzert in Hamburg habe ich damals geschrieben:

„Nun kehrte sie für ein paar Konzerte zu dieser Musikform zurück: „Welcome back to Jazz“ erwies sich als Jazz vom Feinsten. Begleitet von einem ganz hervorragenden Quintett (Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Bass), das von dem Saxophonisten Heribert Kroll geleitet wurde, präsentierte Olivia Molina Standards aus dem Repertoire von Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan oder Dinah Washington„The Lady Is A Tramp“, „Fly Me To The Moon“, „As Time Goes By“, „All Of Me“ – wohlbekannte Songs, überwiegend in den dreißiger Jahren geschrieben, wurden von ihr mit unverbrauchter Frische, mit Feeling und in eigenständiger Interpretation vorgestellt. Prachtvoll changierte ihre ausdrucksstarke Stimme im Evergreen „I Left My Heart in San Francisco“; bewundernswert ihre satte Mittellage in „Stormy Weather“, einem der Höhepunkte des Konzerts. Sehr einfühlsam die schöne Ballade „Misty“, die man noch von Johnny Mathis im Ohr hat,  raffiniert die verhaltene Emotion bei „Sentimental Journey“. Auch ein kleiner Tribut an Kurt Weill durfte nicht fehlen, von dem Olivia Molina drei Lieder besonders kompetent interpretierte, darunter den unverwüstlichen „September-Song“. Mit einigen Stücken, die sich aber nahtlos in das Programm einfügten, entfernte sie sich etwas vom eigentlichen Jazz-Idiom. So konnte man sich an dem Feeling  bei Gershwins „Summertime“ und dem Variationenreichtum bei „Moon River“ ebenso erfreuen, wie an der Art, wie sie ihre Stimme an die Melodienseligkeit der „Love Letters“ anschmiegte.

Ganz großen Anteil an dem prachtvollen Eindruck des Konzerts hatte der großartige Heribert Kroll, der viele Songs solistisch mit seinem Saxophon bereicherte, der swingend jazzte und in den Balladen ein gefühlvoller Duettpartner von Olivia Molina war.“

Im Jahr 2011 konnte Olivia Molina ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum feiern. Wie macht man das? Am besten doch mit den Dingen, die einem am meisten am Herzen liegen. Deshalb konnte sich Olivia Molina nichts Schöneres vorstellen, als dieses Jubiläum auf einer neuen Weihnachtstournee mit diesem wunderbaren Repertoire zu begehen. Und dabei dachte Olivia Molina dankbar an das Erreichte zurück: „Gracias a la Vida“, wie es in einem wunderschönen Lied von Violeta Parra heißt – „Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben hat!“

Die Jazz-Sängerin Olivia Molina/ Foto Schmudl

Trotzdem fragt man sich, wie eine Künstlerin das alles über einen so langen Zeitraum schaffen und „überleben“ kann. Denn es gibt viele Karrieren, die genauso schnell wieder vorbei waren wie sie begonnen haben. Vielleicht liegt es daran, dass sich Olivia Molina nie hat verbiegen lassen. Bei allen Dingen, die sie gemacht hat, waren sie auch noch so verschieden, hat sie immer alles gegeben. Alle künstlerischen Aufgaben ist sie mit Herzblut und ganzer Hingabe angegangen. Die emotionale Kraft, die das kostet, zahlt sich offenbar aus. Denn das Publikum merkt sehr genau, ob jemand nur Modeströmungen folgt oder hinter dem steht, was er tut. Und eine gehörige Portion Disziplin gehört natürlich auch dazu. Als „mexikanische Preußin“ hat Olivia Molina sich einmal scherzhaft in einem Interview bezeichnet.

Inzwischen hat sie sich Olivia Molina von der Bühne zurückgezogen. Ich bin glücklich, dass ich viele Auftritte nicht nur bei ihren Weihnachtskonzerten miterleben konnte. Unvergesslich ist mir auch ihre Jenny in Bad Hersfeld, ein Tango-Abend im Winterhuder Fährhaus oder ihr Jazz-Konzert in Hamburg.  Am 3. Januar 2018 wurde Olivia Molina 72 Jahre. Dazu die allerherzlichsten Glückwünsche. Wolfgang Denker

Denen wir uns anschließen. Die Redaktion (Foto oben Olivia Molina sings Jazz/ Foto Schmidl)

 

Weitere Informationen und CDs unter www.oliviamolina.de; Foto oben Oölivia Molina in Concert/ Foto Schmidt