„Le Nozze Istriane“

 

Sehr wenige Theater außerhalb Triests und einiger Städte an der istrischen Küste der Adria haben in der Vergangenheit Antonio Smareglias Opern aufgeführt, die jedoch für Aufmerksamkeit in Prag oder Wien gesorgt hatten. Im heute kroatischen Pola am 5. Mai 1854 und im selben Jahr wie Catalani geboren, begann Antonio  Smareglia sehr früh  mit seiner musikalischen Ausbildung, zuerst in Wien als kulturellem Zentrum  Mitteleuropas jener Jahre (und er war als Sohn einer kroatischen Mutter und eines österreichischen Vaters deutschsprachig aufgewachsen), später in Mailand, wo er die Freundschaften von wichtigen Persönlichkeiten des Musiklebens wie Arrigo Boito und Luigi lllica gewann. Ausgebildet wurde er bei dem Komponisten und Lehrer Antonio Faccio (dessen wiederaufgefundener Amleto vor kurzem in der Musikwelt für Ausehen sorgte und der nun auch als Video von den Aufführungen in Mörbisch zu haben ist). In jenen Jahren florierte besonders in Mailand die nonkonformistische  Kulturbewegung der scapigliatura,  deren antiromantische, antirhetorische Ideale auch auf Smaraglia abfärbten.

Der Komponist und seine Librettisten: Luigi Illica, Antonio Smareglia & Francesco Pozza/ OBA

Diese „Junge Schule“ der Tempelstürmer wurde im musikalischen Bereich von der ebenfalls jungen Musikfirma Sanzogno gefördert, die es wagte, sich neben dem übermächtigen Musikverlag Ricordi zu etablieren, die auch den Verlag der Witwe Lucca (wo Catalani verlegt wurde) „schluckte“ – durchaus einer der Gründe, warum Smareglia in der späteren Folge kaum aufgeführt wurde. In jenen Jahren war der Austro-Kroatische Konflikt mit Italien evident, und Smareglia spürte in Mailand die Fremdheit einer Welt, mit der er sich weniger identifizieren konnte als in Wien. Vielleicht auch um diesem Konflikt zu entgehen, verließ er das dortige Konservatorium 1877 und vervollständigte sein Studium selbst – später äußerte er sich enttäuscht und desillusioniert über seine mangelnde Zugehörigkeit zu keiner der beiden Kulturen. Dennoch war Mailand der Aufführungsort seiner ersten Werke: Preziosa 1879 und Bianca da Cervia bereits an der Scala 1882, letztere deutlich in Anlehnung an das Modell der Grand Opéra, aber auch bereits Trägerin seiner Vorstellungen von Harmonik und Instrumentation.

Bei seinem zweiten Wien-Aufenthalt von 1888 bis 1894 experimentierte Smareglia mit neuen Ausdrucksformen und betonte damit einmal mehr seine Distanz zu den gängigen Opern der Jahrhundertwende in der Folge Verdis. Dabei zog er überzeugend die Aufmerksamkeit eines so eminenten Kritikers wie Eduard Hanslick und Komponisten wie Johannes Brahms auf sich. In diese Phase gehören seine Opern II vassallo die Szigeth in Wien 1889 und Cornill Schutt 1893 in Dresden, dann in Prag (ab 1928 als Pittori fiamminghi vielfach in Italien aufgeführt). Beide Opern wurden in deutscher Übersetzung der Libretti von lllica gegeben (Bote & Bock).

Smareglia: Klavier-Potpourri aus Melodien der „Nozze Istriane“/ Wiki

Zurück in lstrien, begann Smareglia die Arbeit an einem Genrestück aus seiner engsten Heimat, die Nozze lstriane (Die Istrische Hochzeit in  deutsch), die am Teatro Comunale der Hafenstadt und Verbindungsachse Triest 1895 aufgeführt wurden. Wie für Wolf-Ferrari übernahm Triest auch bei Smareglia immer wieder die Verbindungsfunktion zwischen lstrien /Venedig und Italien/ West-Europa. Die Handlungs-Szene war das Dorf Dignano an der istrischen Küste, wo sich das brutale Drama zwischen der mit einem Betrug in eine ungeliebte Ehe gestoßenen Marussa und ihrem eigentlichen, mittellosen Geliebten Lorenzo abspielt. Die Musik charakterisiert diese ambivalente Umgebung der armen Bauern zwischen den Kulturen mit Assoziationen an italienische Melodik durchaus im Umfeld der Cavalleria, aber durchsetzt mit istrisch-kroatischen Volksweisen, wie sie Smareglia von seiner kroatischen Mutter vorgesungen worden waren. Es war für ihn als Komponisten bezeichnend, dass er nach Jahren der Auseinandersetzung mit der italienischen und österreichischen Kultur sich seiner eigenen Wurzeln besann und zu einem eigenen Idiom fand.

Smareglia: „Nozze Istriane“/ Bongiovanni

Die Nozze lstriane wurden in nur ein paar Monaten komponiert, und die Premiere konnte mit denselben Stars glänzen wie die Cavalleria Mascagnis, mit Gemma Bellinconi und Roberta Stagno, dirigiert von Giuseppe Pome, dem Bruder des berühmteren Alessandro. Nach nur zwei Vorstellungen 1895 kehrte die Oper immer wieder nach Triest zurück (1908, 1921, 1954 und 1973) Im ganzen sind die Nozze wohl die am häufigste aufgeführte Oper Smareglias; und auch in Wien erreichte das Werk in deutscher Sprache als lstrianische Hochzeit an der Volksoper 1908 mit über 20 Vorhängen einen enormen Erfolg. Nach dem Tod des Komponisten am 15. April 1929 wurde mit dieser Oper die römische Arena von Pola 1933 eröffnet, und der Kritiker Maria Corsi hielt die Wirkung auf das Publikum fest: Nozze lstriane ist ein Drama der armen Leute, musikalisch durchdrungen von unterdrückter Sorge, geschrieben ohne jegliches ästhetisches Vorurteil, jenseits alter oder neuer Formeln, offen gegenüber einer Melodie, die in der Reinheit der klassischen Linie geformt war. Die Oper wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert und viele Male wiederholt.“ Die Musik wird in der Tat – von den ersten sehnsuchtsvollen Anfangstakten des e-Moll-Vorspiels an bis hin zum schnellen, tragischen Finale – von einer starken dramatischen Spannung getragen und besitzt nicht einen Moment des Nachlassens oder der erzählerischen Umschweife. Die Charaktere in dieser kurzen Tragödie lllicas haben präzise Beziehungen zu sich selbst und ihrer Umwelt und sind in die fatale Unentrinnbarkeit der Aktion verstrickt. Wie aber auch in allen anderen der Smareglia-Opern ist das Orchester der Hauptakteur, immer intensiv und unvorherbestimmbar, angereichert mit erstaunlich moderner Tonalität und einem subtilen, komplexen harmonischen Geschmack voller Kummer und düsterer Tonarten. Der beglückende Zug findet sich in der musikalischen Verhaftung zum lokalen Ambiente, zu wilden Landschaftsschilderungen der istrischen Küste. In diesem Sinne folgen die Nozze einem exquisiten naturalistischen Impuls und nicht einem literarischen (wie die Cavalleria) oder einem kriminellen (wie die Pa­gliacci), sie sind tief empfunden und im modernen Sinne „wahr“, wahr auch für den Komponisten selbst, der hiermit seinen eigentlichen Ausdruck fand.

 

Smareglia: „Nozze Istriane“ – hier eine Postkarte zu Tascas Oper „A Santa lucia“ mit den beiden Hauptdarstellern Gemma Bellinconi und Roberto Stagna, die auch die Smareglia-Oper in der Uraufführung sangen/ OBA

Aufführungen: Weitere Opern von ihm wurden selten aufgeführt. Aus der Beziehung zu seinem Schüler Silvio Benco entstand die mythische Falena (Die Motte) von 1897 am Teatro Rossini in Venedig, die thematisch bei einer allerdünnsten Handlung die Mächte der Sexualität und der Keuschheit gegenüberstellt, in deren Spannungsfeld der Mann steht, in diesem Falle innerhalb einer Handlung in einem mythischen Land „an der Küste des Atlantiks“. Wie bei Wagner und anderen Komponisten auch kämpft hier das Dunkel gegen das Licht, und die Musik ist voll dieser sich subtil verschiebenden Schwebezustände unterschiedlicher Helligkeit. 1976 gab es La Falena zuletzt am Teatro Verdi von Triest mit Leyla Gencer und unter Gianandrea Gavazzeni; das Staatstheater Braunschweig hatte den Mut, die Oper 2016 aufzuführen. Mit Denia Mazzola gab es zudem 2017 in Mailand die Oper konzertant.   Oceana mit praktisch keiner Handlung folgte an der Scala 1903, und schließlich wurde Smareglias letzte Oper, L‘ Abisso, ebenfalls an der Scala 1911 uraufgeführt; seit 1900 war der Komponist blind, nicht überraschend drehen sich seine letzten Werke um Leiden und Erlösung – die Ideale der scapagliatura hatten sich in einen dekadenten und halluzinatorischen Symbolismus verwandelt.

 

Dokumente/ Verbreitung: Die Oper Le Nozze lstriane ist bei der verdienten Firma Bongiovanni in Bologna als Mitschnitt einer hochbesetzten Aufführung von 1973 mit der jungen Maria Chiara als Marussa im Triestiner Teatro Verdi her­ ausgekommen (GB 113/ 4 – wesentlich der bekannten Aufnahme von der italienischen RAi von 1961 in ziemlich abscheulichem Klang mit Renata Mattioli vorzuziehen). Aufgeführt wurde das Werk ab 1985 rund 13 Mal in Italien und zweimal in Pola open-air. Seeger (Opernlexikon) nennt noch 1896 Prag in Tschechisch und Wien 1908 in der deutschen Übersetzung von Falzari. Als neuer Mitschnitt geriet dann auch die Aufführung von 1999 in Triest bei Bongiovanni auf die CD, die fabelhafte und damals ganz junge Svetla Vassileva ist die Marussa neben Ian Storey und Alberto Matromanrino unter Tiziano Severini – außerordentlich empfehlenswert, zumal nun in stereo (GB2265/66).

Smareglia: „Nozze Istriane“ in Triest 1999/ Teatro V erdi Trieste

Die Falena ist ebenfalls, und ganz überraschend, als Mitschnitt aus Triest 1976 mit Leyla Gencer und Gianandrea Gavazzeni bei Bongiovanni erschienen. Und auch das Staatstheater Braunschweig hatte den Mut, das Werk aufzuführen. Zumindest wurde die Aufführung im Radio übertragen, wenngleich leider nicht als CD mitgeschnitten –  wir haben bei operalounge.de darüber ausführlich berichtet. Angekoppelt an die Bongiovanni-Falena finden sich Ausschnitte aus der Oceana Smareglias (nur drei Aufführungen zwischen 1903 und 1949, die letzte dann in Triest, woher die Musikstücke stammen). Youtube bietet zumindest das auch visuelle Dokument der Aufführung in Zagreb 2003 unter Zoran Juranetz  Von L´Abisso gibt es eine unter Sammlern kursierende Aufnahme aus Triest 1979 mit Rita Orlandi Malaspina und Amedeo Zambon.

Ingrid Wanja übersetzt tapfer und unverzagt aus dem Italienischen für uns – Danke Ingrid!

Das Frühwerk Preziosa fand seine letzte Bühnenpräsenz natürlich wieder in Triest, 1886, Bianca da Cervia ebenfalls hier 1885, Re natale nur einmal, in Venedig 1887, II vassallo di Szigeth wurde als Der Vasall von Szigeth 1889 an der Wiener Hofoper uraufgeführt, danach nur noch 1930 in Pola und Triest und 1931 bei der RAi­ Voriäuferin EIAR in Rom gebracht. Cornill Schutt wurde nach der Premiere 1893 am Königlichen Theater von Dresden und anschließend in Prag nur noch einmal in deutscher Sprache 1900 im damals noch deutsch­kundigen Triest und danach italianisiert als Pittori fiamminghi 1928, 1930 und 1991 in Triest und 1931 in Novara gegeben. Auch hiervon kursiert eine Live-Aufnahme unter Sammlern von 1991, die es ebenfalls bei youtube gibt (Cornill Schut: Daniel Munoz, Franz Hals: Carlo Striuli, Craesbecke: Franco Giovine , Elisabetta: Milena Rudiferia , Gertrud: Rita Lantieri , Kettel: Cinzia di Molo Orchestra e coro del Teatro Verdi di Trieste 05 Maggio 1991).  Silvano Frontalini dirigiert bei Bongiovanni eine CD mit Ouvertüren aus den genannten Opern. Geerd Heinsen

 

(Der Artikel zu Le Nozze lstriane fußt auf dem Beitrag von Fernando Battaglia in der Beilage zur ersten Bongiovanni-CD-Ausgabe mit Maria Chiara, die italienischen Aufführungsdaten zu Smareglia-Opern entnahmen wir dem Programmheft des Teatro Verdi Triest zu Pittori fiamminghi, 30. April 1991. Dank an Ingrid Wanja für die Übersetzungshilfe.)