Abschied ohne Tränen

 

Manchmal eilen die frohen Hirten auch im Hochsommer zur Krippe in Bethlehem, um das holde Kind zu sehen. Dann nämlich, wenn der Sänger, der die Arie in Bachs Weihnachtsoratorium vorträgt, am 29. Juli 2015 Geburtstag hat. Peter Schreier wird Achtzig. In einer 8-CD-Edition, die das Label Berlin Classics aus diesem Anlass vorlegte (0300659 BC), durfte diese Arie nicht fehlen. Schreier wird gern und notwendigerweise mit Bach und Weihnachten in Verbindung gebracht. Seine Weihnachtsplatte mit dem Thomanerchor – selbst war er ja Mitglied des Kreuzchores – und der Dresdner Staatskapelle soll 1,4 Millionen Mal verkauft worden sein, ist auch im Booklet zu lesen. Das war Rekord. Letztlich sagt diese Zahl aber mehr über die DDR aus als über den Sänger. Hätte es Beat, Rock und Pop in ausreichendem Maße auf Tonträgern gegeben, die Statistik würde anders ausgefallen sein. Ich fand diese Platte sehr betulich in ihrer offenkundigen Absicht, zu Herzen gehen zu wollen.

schreierZurück zu Bach. Er ist die Säule, auf der Schreiers Kunst und seine anhaltende Wirkung ruhen. Im Dresdner Kreuzchor hat er unter der strengen Fuchtel von Kantor Rudolf Mauersberger, der noch im 19. Jahrhundert verwurzelt war, singen gelernt. Immer auf den Noten, klar, schnörkellos, protestantisch. Diesen Stil bewahrte er sich sein Leben lang. Er wurde ihn nie los. Wollte es wohl auch nicht. Bei Schreier ist nichts ungenau und riskant. Für mich ist er einer der Zuverlässigsten seiner Zunft. Wenn Schreier auf dem Cover steht, ist Schreier drin. Seine fundierte Ausbildung, die er nach seinem Ausscheiden aus dem Chor in einem regulären Studium vertiefte, das auch Dirigieren und Chorleitung einschloss, hat ihm die Stimme bis ins Alter erhalten. Mit den Jahren wurde sie nicht schöner, sie blieb aber sicher, behielt ihren Sitz.

Die Auswahl in der Box umfasst weitgehend die allerbesten Jahre. In der Regel entstanden alle Aufnahmen in der DDR beim VEB (das war ein so genannter volkseigener Betrieb) Deutsche Schallplatten Berlin. Das Label hieß Eterna. Mit dem Ende der DDR verschwand dieser Name, weil er offenbar nur geborgt gewesen war. Und das aufgenommene Repertoire machte weitgehend zu Edel/Berlin Classics rüber. Eterna ist nämlich eine alteingesessene Hemdenmarke, die  sehr stark am Markt vertreten ist. Der Sänger Ernst Busch, der gern solche Hemden trug, spielte beim Aufbau einer eigenen Plattenproduktion in der sowjetischen Besatzungszone die entscheidende Rolle. Bei der Namenssuche soll er sich aus einer Laune heraus für Eterna entschieden haben – sagt die Legende.

 

1-Schreier 2Schreier hat in der DDR so viele Platten wie kein anderer Sänger produziert. Kein Genre, das ohne seine Mitwirkung auskam. Sogar vor Lehár, Spoliansky oder Künnecke schreckte er nicht zurück. Nicht immer zu seinem Vorteil. Mir gefällt, dass er diese Aufnahmen immer verteidigt hat. Solche Ausflüge, die bekanntlich auch andere Tenöre gern unternahmen, wirkten bei ihm damals wie heute etwas steif, gewollt und unbeholfen. Sie sind nicht raffiniert, nicht erotisch genug. Er ist viel zu anständig. Schreier spielte auch Partien ein, die er auf der Opernbühne gar nicht bewältigt hätte, wie den Max im Freischütz unter Carlos Kleiber. Irgendeine Rolle fand sich immer. Kein Zweifel, Schreier konnte sich aussuchen, was er aufnehmen wollte, später auch am Dirigentenpult. Als mit Theo Adam eine Wagner-Platte produziert wurde, war Schreier in einer Szene in dritten Aufzug sogar der Parsifal. Selbst im Rienzi – eine Ost-Westproduktion wie auch der Freischütz – fiel mit dem Baroncelli noch eine Rolle für ihn ab.

 

1-Schreier 6In der Rückschau ist das alles ganz spannend und wunderbar. Damals in der DDR, wurde auch schon mal tief geseufzt: Nicht noch eine Schreier-Platte! Lieber mal was mit Wunderlich, Kmentt oder Dermota. Ich bin Zeuge, ich habe selbst geseufzt. Ich habe aber auch seinen Auftritten in den Opern Mozarts oder im Barbier von Sevilla in der berühmten Berghaus-Inzsnierung an der Berliner Staatsoper entgegen gefiebert. Die fand ich nie routiniert. Bis ich auch andere Tenöre – zumindest auf Platten hören konnte – hielt ich Schreier für das Maß der Dinge. Er hatte eine große Fangemeinde, die keine Aufführung und keinen Liederabend verpasste und nach der Vorstellung um Autogramme anstand. Als einen Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn empfinde ich bis heute den Palestrina von Pfitzner in der Berliner Staatsoper, der auch auf Platte, später auf CD gelangte. Schreier singt in der gleichen Liga wie seine berühmten Vorgänger. Der Loge darf nicht unerwähnt bleiben. Den hat er zuerst 1974 unter Karajan in der Verfilmung des Rheingold gesungen, 1980 dann in der Dresdner Studioproduktion unter Janowski. Den Loge mehr lyrisch statt nur charaktervoll zu besetzten, sagte mir sehr zu. Erst dadurch wird deutlich, was für eine wunderbare Gesangspartie der Halbgott ist. Stimmliche Malaisen setzt er geschickt als zusätzliche Ausdrucksmittel ein. Er gibt sich nach außen unbedarft. Der arme Loge. Immer nur Undank ist sein Lohn. Fricka aber hält ihn für einen trugvollen Schelm. Schreiers Loge ist beides. Leider wurden in der Edition Loge und Palestrina nicht berücksichtigt. Es hätte sich gut gemacht und die Bedeutung Schreiers als Rollengestalter auf der Opernbühne wirkungsvoller belegt als das völlig überflüssige Duett „Die Stunde ist heilig“ aus Verdis Macht des Schicksals mit Theo Adam. Ein kleiner Trost ist die Szene des Schwachsinnigen aus Boris Godunow, die Schreier sehr bedrückend gelungen ist. Ich zähle sie zu seinen besten Leistungen.

 

1-Schreier 8Viel Barock also, viele tönenden Pauken und die bereits erwähnten eilenden Hirten. Dafür gehen notwendigerweise zwei CDs drauf. Oratorium und Kantate mit Bach im Zentrum müssen in dieser Ausführlichkeit sein, soll das Lebenswerk des Sängers, der mit Bach begann und seine Kariere mit Bach beendete, annährend reflektiert werden. Drei CDs von insgesamt acht sind für Lieder reserviert. Das ist ebenfalls angemessen und verhältnismäßig. Schreier ist ohne Liedgesang überhaupt nicht denkbar. Meine Favoriten sind Schuberts Schöne Müllerin, die er mehrfach aufgenommen hat (sogar mit Gitarrenbegleitung durch Konrad Ragossnig), und die Schumann-Aufnahmen mit Norman Shetler, mit denen Mitte der siebziger Jahre begonnen wurde, als er auf dem Höhepunkt war. Sie sind weich und zart und hochsensibel. Von den ursprünglich fünf Langspielplatten ist nicht viel übrig geblieben. Dichterliebe und Liederkreis op. 39 wurden gnadenlos zusammengestrichen. Dabei sind es gerade diese beiden Werke, mit denen sich Schreier seinen Platz in der Musikgeschichte gesichert hat.

 

Die Auswahl ist mir grundsätzlich zu kleinteilig. Und das nicht nur bei Schumann. Vier Lieder aus der Müllerin, ein bisschen Brahms, ein wenig Wolf, ein Häppchen Dvorák, fünf Titel von Mendelssohn. Aus jedem Dorf einen Hund. Kaum, dass man sich in ein Stück hineinversetzt hat, einer Fortsetzung gewärtig, ist es wieder entschwunden. Einzig Beethovens An die ferne Geliebte und das Heitere Herbarium von Günther Mittergradnegger (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Werk von Franz Salmhofer, das es mit Julis Patzak gibt) sind komplett übernommen worden. Das Herbarium ist zwar sehr pointiert und technisch phänomenal geglückt, zugunsten von mehr Schumann hätte ich gern darauf verzichtet. Nicht genug. Benjamin Brittens War Requiem von 1969, das bislang nur als Plattenalbum existiert, schrumpft auf das Agnus Dei zusammen, von Weills Sieben Todsünden ist einzig die „Völlerei“ übrig geblieben, Mahlers Lied von der Erde wird mit „Der Trunkene im Frühling“ nur mehr zitiert.

1-Schreier auf dem RasenmäherJa, die Auswahl ist der Schwachpunkt dieser gut gemeinten Neuerscheinung, die vieles will und letztlich von der Fülle des Materials überrumpelt worden zu sein scheint. „Sind Aufnahmen als Knabenalt auch dabei?“, erkundigte sich Schreier bei einem vorbereitenden Gespräch, das im Booklets referiert wird. Sie sind nicht dabei und der Sänger scheint ganz froh darüber zu sein. „Manchmal bin ich geneigt, zu den alten Aufnahmen nicht mehr zu stehen“, sagt er ganz grundsätzlich. Vieles von dem, was er in frühen Jahren gesungen habe, würde er heute nicht mehr abnehmen. Als junger Mensch könne man die Tiefe der Empfindung nicht haben, meint Schreier. „Im Laufe des Lebens kommt man zu anderen Erkenntnissen, wächst stimmlich, gewinnt neue Sichtweisen.“ Gedanken, mit denen sich viele Sänger herumgeschlagen haben. Schreier ist da kein Einzelfall. Er übersieht aber, dass frühe Aufnahmen ihre einzigartige Wirkung aus der Tatsache beziehen, dass das Talent noch Versprechen und im Entstehen, der Zugang unbedenklicher und unbefangener ist. Genau deshalb halte ich die frühen Aufnahmen oft für die besseren. Das gilt für Schreier genauso wie für Fischer-Dieskau, Schock oder auch Wunderlich, dem das Schicksal keine andere Möglichkeit ließ. Die Kinderaufnahmen von Schreier sind gerade deshalb so hinreißend, weil letzten Dinge, um die es darin auch geht, aus einem Kindermund tröstlich und wie selbstverständlich klingen – wie das „Es ist vollbracht“ aus der Johannespassion.

 

Peter Schreier – Einer von uns. Die Überschrift eines Beitrags im Booklet ist irritierend. Wer ist „uns“? Der Autor Wolf Kampmann erzählt aus seiner eigenen Kindheit, wie Schreier aus dem Ost-Schwarzweiß-Fernseher im Zimmer der Großmutter zur Familie sprach, wie er langsam aber sicher durch seine Auftritte dazu gehörte, in den „oft tristen Alltag des gemeinen DDR-Bürgers“ „zeitlose Schönheit“ brachte als „einer von uns“. Aha! Er habe zwar Privilegien genossen, „uns“ aber das Gefühl gegeben, dass sie ihm nichts bedeuteten. Schreier, der immer in der DDR wohnen blieb, sei dem Land, nicht dem Staat verbunden gewesen. Und so geht das fort. Das ist Kitsch. Überhaupt lässt das Booklet Tendenzen zur Geschichtsklitterung und Verklärung erkennen, womit man diesem sympathischen Sänger, der ein stiller Weltbürger war, keinen Gefallen tut. In der Aufzählung der Auftrittsorte und beim Zitieren von Kritiken liegt der Schwerpunkt auf der westlichen Seite. In seinem Erinnerungsbuch „Aus meiner Sicht“, das erstmals 1983 in der DDR erschien, liest sich manches noch etwas anders. Da kommt auch das Gespräch mit Erich Honecker vor, in dessen Verlauf Schreier bewusst wurde, „wieviel Aufmerksamkeit unser Staatsoberhaupt nicht nur aus kulturpolitischen Gründen, sondern auch aus persönlichem Interesse künstlerischen Fragen“ widme. Als „noble Geste“ empfand er es, als der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew nach einem Konzert in Moskau auf die Bühne kam, um den Künstlern zu danken. Und es gibt in Schreiers Diskographie Titel, die heutzutage ehr selten Erwähnung finden wie das Oratorium Schöpfer Mensch von Fritz Geißler. Es war – wie auf dem Plattencover ausdrücklich erwähnt – dem VII. Parteitag der SED gewidmet (Nova 8 85 044-045). Auch das Poem Reich des Menschen von Siegfried Köhler auf einen Text des Dichters der DDR-Nationalhymne Johannes R. Becher (Eterna 8 20 692) ist kein Dokument der Distanz zu den Mächtigen der DDR. Diese ausgesprochenen Propaganda-Schinken sind gewiss nicht so oft verkauft worden wie die Weihnachtsplatte. Aber sie sind nun mal in gut sortierten Peter-Schreier-Sammlungen und Archiven vorhanden – und werden als Sammlerstücke gehandelt.

Schreier 8Diese Geschichten brauchten nicht hervorgeholt zu werden, würden mich die Texte im Booklet nicht regelrecht dazu angestiftet haben. Schon zu DDR-Zeiten sei Schreier Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien geworden und habe den Siemens-Musikpreis erhalten, lese ich. War das denn alles? Diesmal hilft Wikipedia auf die Sprünge. Er, Schreier, ist auch in der DDR mit allerhöchsten Preisen dekoriert worden: Nationalpreis, Großer Stern der Völkerfreundschaft, Vaterländischer Verdienstorden. Mir ist nicht bekannt, dass er diese Preise zurückgegeben hat. Soll er auch nicht. Muss er auch nicht. Sie gehören zu ihm, sind Bestandteil seiner Biographie. Schreier hat als Solist an der Eröffnung beider Prestigebauten der späten DDR teilgenommen: Neues Gewandhaus in Leipzig 1981 und Schauspielhaus Berlin (jetzt Konzerthaus) 1984. Er wirkte als Präsident des „Kuratoriums Schauspielhaus“. Er war oft dabei und braucht das im Nachhinein nicht zu entschuldigen und nicht zu begründen. Wollte ihm Berlin Classics einen Gefallen tun, wenn Tatsachen diskret unter den Teppich fallen? Peter Schreier hat das überhaupt nicht nötig. Er steht darüber. Rüdiger Winter

 

PS.: Die hier gezeigten Fotos von Peter Schreier sind Screenshots aus der beiliegenden DVD, die Ausschnitte aus einem Liederabend von 1971 mit Rudolf Buchbinder am Klavier enthält. Schreier singt Mozart, Schubert, Beethoven und Brahms. Und es gibt ein aktuelles Gespräch mit Wolf Kampmann, der den Sänger in seinem Sommerhaus in Sachsen besucht hat. Schreier blickt dabei völlig unsentimental zurück. Er hat viel zu sagen über Liedgesang und Interpretation. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören. Dieser Mann ruht in sich. Es geht ihm nach schwerer Krankheit wieder sichtbar gut. Der Film zeigt ihn sogar auf der Rasenmähmaschine. Seine sehr erfolgreiche Karriere ist für ihn ein abgeschlossenes Kapitel. Zuletzt hatte er im Weihnachtsoratorium in Prag gesungen. Er habe ohne Wehmut aufgehört. „Ich glaube, ich habe nicht einmal geheult.R. W.