José LUCCIONI

 

Mit der jüngsten Veröffentlichung von Aufnahmen mit dem französischen Tenor José Luccioni macht opera-club.net (PA-1106; nach einigen CD-Umschnitten bei dem verdienstvollen französischen Label Malibran (mit weitgehend Studioaufnahmen) auf einen der ganz Großen der französischen Gesangstradition zwischen den beiden Kriegen und danach erneut aufmerksam – ein lyrischer Heldentenor, wenn es so etwas gibt, ein Tenor für das große französische aber auch italienische Fach, ohne den ganze Repertoire-Teile namentlich des Grand-Repertoire nicht aufzuführen sind.

José Luccioni als Jean/"Herodiade"/OBA

José Luccioni als Jean/“Hérodiade“/OBA

José Luccioni war das Bindeglied zwischen der Vorkriegsszene eines Georges Thill (der lyrisch grundiert den Berlioz´schen Enée und Wagners Lohengrin ebenso sang wie einen Alfredo/Traviata oder Julien/Louise) und den weniger kultivierten, aber athletischen Kollegen wie Tony Poncet, Guy Chauvet oder Gilbert Py der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte. Diese besaßen bei weitem nicht Thills Eleganz und machten mit Stimmstärke mangelnde lyrische Fähigkeiten wett. Gustave Botiaux ist da vielleicht noch der Eleganteste in dieser Zeit. Danach war Schluss, und nur ein lyrischer Tenor wie Alain Vanzo rettet Frankreichs Tenorglanz.

José Luccioni als Goesta Berling/"I Cavalieri di Ekebu"/OBA

José Luccioni als Goesta Berling/“I Cavalieri di Ekebu“/OBA

José Luccioni füllte in den Dreißigern/Vierzigern und in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg diese Lücke: ein flexibler, eben französischer Sänger, physisch elegant, ein guter Schauspieler und dazu Besitzer einer außerordentlich flexiblen, dunkel timbrierten echten Heldenstimme á la francaise, leichter als die italienischen Kollegen (einem Prandelli vergleichbar, aber eben nicht so stentoral wie Del Monaco) und deshalb ein Zwischenfachtenor mit großen Möglichkeiten sowohl in lyrischer wie heroischer Hinsicht. Die Veröffentlichungen bei opera-club stammen aus Live-Mitschnitten des Radios und zeigen Luccioni  in seiner Glorie, mit seiner dunklen, leuchtenden und nachdrücklichen Tenorstimme im Kreis seiner illustren Landsleute. Mit Ausnahme der bemerkenswerten italienischen Sopranistin Maria Vitale (die auch in Frankreich eine interessante Karriere machte und dort sogar die Norma sang), mit der er einige Aufnahmen aus Aida und Otello beim Rundfunk eingespielt hatte – in ihrer Begleitung singt er in Italienisch, sonst in seiner Muttersprache. Die betörende Suzanne Sarrocca ist seine Tosca. Régine Crespin singt neben ihm ebenfalls die Desdemona, nun in der Landessprache, wie das damals so üblich war.

José Luccioni als Ohello/OBA

José Luccioni als Ohello/OBA

Unübertroffen ist Luccioni für mich in der grandiosen Aufnahme von Samson et Dalila unter Fourestier mitr der ebenfalls unvergleichlichen Hélène Bouvier bei EMI (Patré), immer noch die Standardaufnahme trotz des Aufnahmedatums von 1949. Bei opera-club gibt’s nun Ausschnitte aus derselben Oper in Genf 1948 mit der Sopranistin Suzanne Lefort – auch dies ein packendes memento. Und schließlich hört man die charismatische Mezzospranistin Suzanne Jouyol (die es bis Bayreuth schaffte) neben ihm als Carmen beim französischen Radio 1947 – große Momente französischen Gesangs. Wie sich überhaupt die hier versammelten Besetzungen wie das Who-is-who der französischen Oper um 1955 liest. Und über Luccioni möchte man das abgegriffene Wort wiederholen: Keiner wie er…. Denn nach ihm kam kein Besserer! G. H.

 

luccioni papillonJosé Luccioni  (nicht zu verwechseln mit dem Tenor Georges Liccioni/ 1932 – 2013) wurde am 14. Oktober 1903 in Bastia geboren, wo er am Gymnasium ohne Schwierigkeiten seine Matura  absolvierte. Sehr bald zeigte er eine Leidenschaft für das Maschinenwesen und für  Autos. Dennoch machte er seinen Militärdienst nicht als Fahrer (was man hätte erwarten können) und entdeckte, als er die anderen Einberufenen musikalisch unterhielt, dass er eine tragende Stimme hatte. Für einen Korsen ist das normal, aber das Phänomen interessierte ihn und sobald er dazu Gelegenheit hatte, ging er in die Oper. Er hörte die italienischen Ensembles und vor allem César Vezzani, den er sofort überaus verehrt. Er kaufte dessen Platten und sang die berühmtesten Arien nach, meist einen oder zwei Töne höher, denn der alte Plattenspieler dreht sich zu schnell. Glücklicherweise hörten ihn Leute mit guten Ohren  und halfen ihm, nach Paris zu gehen. Im Jahr 1927 trat er ins Konservatorium ein. Er besaß zwar eine Naturstimme ohne Grenzen und ein wunderbares Gedächtnis, aber sonst muss er eben alles andere lernen. Léon David lehrt ihn Stil und Artikulation, Léon Escalaïs, wie er seine natürliche Stimmkraft einsetzen und tragend vervollkommnen konnte. Eugène Sizes unterwies ihn im Schauspiel; in seiner Klavierklasse lernt er auch seine spätere Frau und Begleiterin kennen..

José Luccioni als André Chénier/OBA

José Luccioni als André Chénier/OBA

1930 machte er sein Abschlussexamen. Jacques Rouché, der Direktor der Opéra engagiert ihn sofort. Henri Rabaud, der Direktor des Konservatoriums, macht einen Kompromiss, da er begeistert davon ist, dass ein Schüler an der Opéra verpflichtet wird. Am Konservatorium erhielt er eine erste Belobigung für den Gesang, einen zweiten Preis für Komische Oper, aber auch einen prachtvollen ersten Preis für Oper, mit dem 3. Akt von Othello. Verträge kommen von allen Seiten und am 22. Februar 1932 ist es soweit: Für eine Opern- und Ballettgala kündigt Jacques Rouché beim Öffnen des Vorhangs den Bajazzo mit Mily Morère, Pernet, Cambon, Gilles und dem Debütanten José Luccioni an. Es gab fünfzehn Vorhänge für ihn! Dennoch vertraut ihm die Oper vorerst nur Neben-Rollen, wenngleich bereeits sehr anspruchsvolle,  an: der Junge Diener in Elektra, der Italienische Sänger im Rosenkavalier, der Fischer in Guilaume Tell. Jedes Mal erstaunt er und setzt sich durch.

José Luccioni als Duc de Mantou/"Rigoletto"/OBA

José Luccioni als Duc de Mantou/“Rigoletto“/OBA

Danach kommen der Duc/Rigoletto, dann 1933 Jean in Hérodiade neben Marjorie Lawrence, Radamès auf Italienisch neben Gina Cigna und Cesare Formichi und schließlich sein Debüt an der Opéra-Comique in Carmen. 1935 singt er an der Opéra Roméo, Faust  von Berlioz und Sigurd. 1935 ist er der Italienische Sänger im hundertsten Rosenkavalier an der Oéra neben Campredon, Lubin und Huberty. Für das Jubiläum von von George V. ist er in Covent Garden der Don José von Conchita Supervia, dann der von Renée Gilly, neben seinem engen Freund Adrien Legros am antiken Theater von Vaison-la-Romaine. 1936 singt er in Rom die Uraufführung von Cyrano de Bergerac von Alfano neben Franci und der ganz jungen Caniglia und nimmt La Fiamma von Respighi wieder auf. Dann kommt Südamerika, wo er Germaine Hoerner, seine Aida, wiedertrifft und Lucienne Anduran entdeckt, mit der er später mehr als hundert Mal Carmen gesungen hat. 1937 ist er Radamès in Orange, Calaf in der Arena von Verona, Don José und Canio in Chicago. 1938 singt er an der Pariser Opéra Samson und Matho in Salammbo von Ernest Reyer. Danach kommt eine Periode, die er dem Radio und Konzerten in Nordafrika widmet.

José Luccioni/ OBA

José Luccioni/ Künstlerpostkarte/OBA

Am 8. Mai 1943 an der Pariser Oper folgt sein erster Othello, neben Geori Boué, José Beckmans und Georges Noré: Wahrscheinlich seine bedeutendste Rolle, die er bis zum Ende seiner Karriere mehr als hundertfünfzig Mal sang, immer mit enormen Erfolg. Radamés, Samson, Don José, Werther, Mario Cavaradossi, Roméo begeistern auch weiterhin alle französischsprachigen Zuschauer bis zu jenem außergewöhnlichen, mit dem seine Karriere an der Pariser Oper begonnen hatte und mit der sie dreißig Jahre später, am 2. Februar 1962 an der Opéra-Comique mit noch immer kräftiger und schöner Stimme enden sollte. José Luccioni stirbt am 5. Oktober 1978  in Marseille, wohin er sich zurückgezogen hat. (Diesem Beitrag liegt ein Artikel von Jean Ziegler bei Malibran zugrunde – Dank an Ingrid Englitsch für die Übersetzung!)