IRMGARD HARTMANN-DRESSLER

 

Mit Ira (eigentlich Irmgard) Hartmann-Dressler verlor ich 2013 eine langjährige Berliner Freundin, Mentorin und Gesprächspartnerin, deren Tod eine tiefe Lücke in meinem Leben hinterlassen hat. Die vielen Nachmittage in ihrer Berliner Wohnung waren voll mit ebenso weisen wie unterhaltsamen Gesprächen, denen Iras rollendes -r- und Russland-deutscher Akzent besondere und unverwechselbare Erinnerung verleiht. Bei Tee und Musik (sie spielte gerne auch mal das eine oder andere vor, um das Gesagte zu illustrieren) redeten wir buchstäblich über Gott und die Welt, viel natürlich über Gesang und dessen Grundlagen (da war sie das lebende Anatomie-Lexikon), aber auch über ihr bemerkenswertes Leben, die Zeit in russischer Gefangenschaft, die Vertreibung, die Hamburger Jahre, bis sie in Berlin an der Hochschule der Künste bis zu ihrer Emeritierung 1994 immer mehr zu einer der wirklich gesuchten Gesangspädagogen und vor allem Stimmbildnerinnen wurde. Buchstäblich alle Sänger von Rang hatten bei ihr Hilfe gesucht, von ganz berühmten bis zu bekannten, wobei sie sich gegen Ende ihres Lebens nur noch auf wenige Große konzentriete. Von Johan Botha bis zu Pilar Lorengar (die sie über ihre ganze Berliner Zeit hinweg betreute), von Robert Gambill bis zu Deborah Polaski – alle hatten bei ihr Hilfe gesucht und gefunden. Ira war die Anlaufstelle für sängerische Probleme der Stars.

Ira Hartmann-Dressler gehörte zu den renommiertesten Gesangspädagogen Deutschlands. Sie war lange Jahre an der West-Berliner Hochschule der Künste Professorin für Gesang, nachdem sie in Wien erst Medizin und dann ebendort und in Hamburg ihre Staatsexamen und Diplomprüfungen in Gesangspädagogik abgelegt hatte. Eine eigene sängerische Laufbahn als Mezzosopran kam zu einem relativ schnellen Ende (nach Hamburg und Berlin ging sie 1961 nach Ulm, bis eine schwere Krankheit auf Grund der Entbehrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit folgte). Sie war mit dem Berliner Philharmoniker und Geiger Rudolf Hartmann verheiratet, der vor ihr starb („Rudele“ sagte sie liebevoll). Ira Hartmann-Dressler begann eine eigene Laufbahn als Gesangspädagogin, nachdem sie ihre Grundlagen bei Maya Stein, Rolf Albers und Herta Klust erfahren und mit diesen auch viel musiziert hatte. Nach Tätigkeiten an der Gesangshochschule Detmold wurde sie Nachfolgerin ihrer einstigen Lehrerin Maya Stein an der Staatlichen Musikhochschule Hamburg. Darauf folgte Berlin und die Hochschule der Künste. Bis 1989 unterrichtete sie dort und wurde 1990 emeritiert. Von da an arbeite sie mit einigen Wenigen an deren Stimmen.

Es ist mir ein Bedürfnis, selbst nach so langer Zeit (ihre Lebensdaten sind 16. 7. 1924 – 4. 12. 2013 Berlin) ihr, wenngleich so lange nach ihrem Ableben, noch einmal die Ehre zu erweisen, denn ihr Tod fand kaum einen Nachhall in der Fach-Presse und in der Berichterstattung. Ähnlich wie meine Salzburger Freundin Hanna Ludwig, Kollegin und ebenfalls eminente Stimmbildnerin von Rang, ist auch Ira einfach so verschwunden, wie verweht. Dass sie in der Erinnerung vieler und vor allem auch in ihren „Klienten“ weiterlebt, steht außer Zweifel – viele von ihnen erwähnen sie in ihren Lebensläufen. Sie hat – wie das mancher anderer – mein Leben entscheidend geprägt, und dafür und für ihre Güte und Freundschaft bin ich ihr unendlich dankbar.

Im Folgenden bringen wir einen Text von Ira Hartmann-Dressler selbst, den sie 1994 vor Studierenden gehalten hatte und der in seiner Klugheit und realistischen Einschätzung des Metiers ein Beispiel ihrer Lebensnähe gibt. Ich fand ihn in meinen Unterlagen, als ich nach Fotos von ihr suchte, von denen kaum welche im Umlauf sind. Geerd Heinsen

 

Gesang in der heutigen Zeit: Gedanken  zum Gesang  und  zur Gesangsausbildung: Angesichts der vielen kriegerischen Situationen in aller Welt, der furchtbaren Not vieler Millionen unschuldiger Menschen, die Terror, Vertreibung, Hunger, schwerste Misshandlungen und Entwürdigungen erleiden müssen, sprechen wir von Kunstausübung, Kunstgeschehen, Kunsterlebnis. Aber ist nicht gerade die Kunst die Trägerin der Hoffnung, den wertvollsten Teil des Menschseins, die Kreativität,  zu wahren, zu vermitteln und uns allen zu helfen? Innerhalb der Kunstäußerung ist Gesang in jeder  Form die unmittelbarste Mitteilung. Der Mensch selbst teilt sich mit, er ist aber auch das Instrument und der Träger und Mittler von Kompositionen verschiedenster Art.

Was geschieht mit uns, wenn wir einem beseelten Gesang zuhören oder wenn wir selbst das Glück haben, uns singend mitzuteilen? Wir erleben den Zustand einer inneren Öffnung und Befreiung, einer lebendigen Kommunikation mit der Umgebung. Wenn der Gesang eine solch aufbauende, harmonisierende Kraft besitzt, müsste er in unserem Leben eine viel größere Rolle spielen,  als es zur Zeit der  Fall  ist.

Die therapeutische Chance, die sich aus der psychischen Wirkung physiologisch richtigen Singens ergibt, könnte sehr wohl zur Lösung wichtiger gesellschaftlicher Probleme der heutigen Zeit hilfreich herangezogen werden. Zum Beispiel meine ich, dass jenseits einer professionellen Gesangsausbildung ein behutsames Heranführen an richtiges Singen die Lebenssituation vieler Kinder und Jugendlicher, die nicht das Glück haben, in einem harmonischen Elternhaus, in dem viel musiziert und gesungen wird, aufzuwachsen,  nachhaltig zu verbessern. Auf ihre Seele, die von Hause aus nicht harmonisiert wird und sehr leicht von zerstörerischen, negativen Einflüssen „verformt“ werden kann, mag vom Gesang manch positiver Impuls ausgehen.

In dem Bewusstsein, dass sowohl die erwähnten soziologischen als auch die folgenden pädagogischen Aspekte in diesem Zusammenhang nur kurz angerissen werden können, nun vom Allgemeinen zum Spezifischen unseres Themas „Gedanken zur Gesangsausbildung“:

 

Schulen  und Methoden: Es wird sehr oft von Gesangsschulen oder Gesangsmethoden gesprochen: Was bedeutet das? Gesangsschulen sind immer an historisch-ethnische Gegebenheiten gebunden und sind die Summe der Überlieferung von Erfahrungen im Umgang mit der Ausbildung der menschlichen Stimme. Sie werden geprägt von der Idiomatik des Landes, aus dem sie stammen, von den Menschen, ihrer Sprache, ihren Bräuchen, ihrer Lebensart, ihrer Geschichte.

Gesangsmethoden dagegen sind Übertragungen  persönlicher  Gesangserfahrung vom Lehrenden auf den Lernenden. Da aber jeder Sänger (jede Sängerin) nur  durch seine sehr spezifische, unverwechselbare Art der Gesangsausübung als Mensch und Künstler das Prädikat des Ausserordentlichen erhält, darf er keine Wiederholung beziehungsweise kein „Abziehbild“ seines Lehrers sein. Er darf nicht in eine methodische Reihenordnung gezwängt, sondern kann nur aus den ihm eigenen Anlagen entwickelt  werden.

 

Voraussetzungen und Kriterien: Natürlich gibt es für die Gesangsausbildung allgemeingültige Kriterien, die in aller Welt angewandt werden. Was wird von einem Berufssänger erwartet:  eine gesunde und in vielen Aufgaben einzusetzende Stimme, deren Geläufigkeit, Atemführung, Stimmsitz, Vokalausgleich, Timbre, mezza voce  und  legato bestens funktionieren. Die Persönlichkeitsstruktur sollte von gutem musikalisch-musikantischem Temperament, großer Sensibilität für seelische und körperliche Vorgänge, gutem Durchstehvermögen, stabilem Nervenkostüm und unendlicher Liebe  zur Musik  geprägt sein.

Da eine genaue Körperbeherrschung und ausgeglichene seelische Verfassung wichtige Ausgangspunkte der Ausbildung sind, gilt es, beide in Form zu bringen. Ein sinnvolles Körpertraining, Atemführungsübungen, leiten in die nächsten Stufen der Ausbildung über: Vokalausgleich, Geläufigkeit, Registerausgleich, staccato, legato und so weiter, alles unter dem Aspekt eines guten Stimmsitzes, klarer Artikulation, einwandfreier Atemführung und Lockerheit des Klangträgers.

Der Vokalausgleich entspringt der Notwendigkeit, beim Singen einer Komposition die Vokale in allen Lagen möglichst differenziert einsetzen zu können. Eine nicht minder sorgfältige Arbeit erfordert die Verbindung von Konsonant und Vokal, die, über Silben zu Worten entwickelt, das eigentliche Legatosingen ermöglicht. Beides hängt von einer wohldosierten Luftgabe,  kontrolliert durch die Atemstütze, sowie von der Lockerheit des Kehlkopfes und unverkrampfter Artikulation ab.

In allen Stimmfächern ist bei dem Registerausgleich, also die bruchlose Verbindung von Kopf-, Mittel- und Bruststimme größte Sorgfalt anzuwenden. Der Vokalausgleich entspringt der Notwendigkeit, beim Singen einer Komposition die Vokale in allen Lagen möglichst differenziert einsetzen zu können. Eine nicht minder sorgfältige Arbeit erfordert die Verbindung von Konsonant und Vokal, die, über Silben zu Worten entwickelt, das eigentliche Legatosingen ermöglicht.

In allen Stimmfächern ist bei dem Registerausgleich, also der bruchlosen  Verbindung   von Kopf -, Mittel- und Bruststimme, größte Sorgfalt anzuwenden. Der Registerausgleich ist stimmfach-spezifisch unterschiedlich. So haben Männerstimmen einen größeren Anteil an Brust­ und Mittelstimmenfunktion als Frauenstimmen.

Die Suche nach dem individuell richtigen Lehrer ist  ein  eigenes Kapitel. Nicht alle Lehrer sind befähigt, bis zur Berufsreife auszubilden. Dazu muss der Studierende viel Initiative und Instinkt entwickeln und die erforderliche Hilfe bei erfahrenen Lehrern und Berufssängern suchen. Da wir in Deutschland  keine  Gesangslehrer-Fortbildung von Staats wegen haben, sollten auch die Lehrer nicht versäumen, durch  ständigen Kontakt mit der Praxis, durch Besuche von weiterbildenden Kongressen, Festspielen und in regem Austausch mit Fachkollegen sich weiterzuentwickeln.

 

Ausgebildet zum Sänger – was nun? Die schwerste Hürde ist noch zu bewältigen: die Entwicklung zum Sängerdarsteller. In szenischer Arbeit werden Fachpartien studiert und bei Hochschulveranstaltungen mit Orchester in Opernaufführungen eingegliedert. Außerhalb der Hochschule beginnt dann der stufenweise Einstieg in die Praxis, zunächst mit kleineren Konzerten, Teilnahme an Wettbewerben und schließlich mit dem entscheidenden Schritt – dem  Vorsingen bei Agenturen und an Theatern. Heutzutage wird in der Praxis Enormes  verlangt.  In  allen  Sparten des Musiktheaters, in Oper, Operette und Musical muss der junge Sänger nicht nur  große Wendigkeit im Spiel  und  Gesang  beweisen, sondern auch stilistisch vom Barock bis zur Moderne mit der Musik umgehen können. Das ist nur mit der Besessenheit eines künstlerisch hochmotivierten Naturells zu schaffen; große Disziplin und nicht nachlassender Fleiß sind die steten Begleiter eines Künstlerdaseins!

Aber auch die Opernhäuser tun wenig für den Nachwuchs, nur wenige Bühnen haben ein Studio. An kleineren Bühnen werden  stattdessen die Anfänger regelrecht verschlissen, singen gleich viel  zu oft zu schwere Partien – nur wer das stimmlich und seelisch überlebt, hat eine Chance, weiterzukommen. Früher hatte man wesentlich mehr Zeit, sich zu entwickeln, heute muss alles schnell gehen. Es fehlen die Ruhe, die sängerische Laufbahn liebevoll aufzubauen, und die Charakterstärke, zu schwere Partien abzulehnen – schnelle Berühmtheit ist meist wichtiger als Qualität. Der Hunger nach Sensation fordert seine Opfer, viele schnelle Karrieren sind auch schnell wieder zu Ende, denn der Beruf braucht gute Nerven und ist unendlich hart. Insgesamt ist der Opernalltag zu nachlässig, durch das viele Gastieren fehlt an den großen Opernhäusern die Zeit zu gründlichen Proben, gerade bei Repertoirevorstellungen. Dieses liegt an der Struktur und Größe der Opernhäuser und des Kulturlebens überhaupt, es hat wenig Sinn, solch grundsätzliche Probleme zu beklagen, nur muss der Sänger auf sie vorbereitet werden. Die harte Auslese findet in Deutschland erst nach dem Studium statt, auf eine freie Stelle kommen mitunter zweihundert Bewerber, die Konkurrenz wird durch viele sehr gute, besser ausgebildete Sänger aus dem Ausland noch erbarmungsloser. Und die Agenten können nicht, wie die Hochschullehrer, die manchen Studenten bis zur Abschlussprüfung durchschleppen, auf menschliche Bindungen Rücksicht nehmen; sie müssen an ihr Geschäft denken und beurteilen, wer sich auf der Bühne halten und entwickeln kann, wobei die starke Kommerzialisierung für eine solide aufgebaute Karriere nicht gerade förderlich ist. Ein junger Mensch, der Sänger werden will, muss kämpfen und überzeugen, sich nicht scheuen, auch berühmte Sänger um Rat und Hilfe zu bitten und sich schon früh allgemein musikalisch ausbilden; zum Beispiel durch Chorsingen, Instrumentalunterricht oder den Besuch von Konzerten und Opernaufführungen. Der Beruf des Sängers ist schwer  und  kostet viel Mut  und Kraft.