Herta Talmar

 

Sonntags, wenn nach dem Essen sich die Familie zum Mittagsschlaf niederlegte, schlich ich mich an mein neues Radio und hörte – Norddeutsche werden schmunzeln – die Bremer Sendung „Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank“. Ein Cornocupium an Melodien ergoss sich dann, meistens der leichten Muse. Ich lernte mein Operetten- (und auch Opern-)Handwerk am Loewe Opta Gerät, das mit dem Stoffbezug und dem grünen Auge in der Mitte. Herta Talmar war eine der wunderbaren Stimmen die dort in Potpourris und Querschnitten erklang, Maria Mucke eine andere, Peter Alexander, Willy Hofmann, Rita Bartos, Franz Fehringer und was die Rundfunanstalten der Zeit (namentlich aus Bremen, Hamburg und Köln) mit und ohne Franz Marszalek aufgenommen hatten. Nostalgie pur, wenn ich daran denke. Um so glücklicher bin ich, dass Wolfgang Denker meine Erinnerungen teilt und einen Artikel für unsere Serie „Wer war doch noch…“ zusammengestellt hat. Ah, memories G. H.

 

Herta Talmar mit Sandor Konya bei Radio-Aufnahmen/ Foto Denker

Sie war in den fünfziger und sechziger Jahren die Operettendiva schlechthin. Es dürfte kaum einen westdeutschen Rundfunkhörer der damaligen Zeit geben, der nicht die Stimme von Herta Talmar kannte. Herta Talmar wurde am 4. Juli 1920 in Salzburg geboren und begeisterte sich schon als kleines Kind für Musik. Bereits im Alter von elf Jahren stand sie (als kleine Prinzessin in der Fall-Operette „Die Kaiserin“) auf der Bühne des Landestheaters Salzburg. Die Eltern ermöglichten ihr eine vierjährige Ausbildung am Salzburger Mozarteum. Es folgten zwei Jahre Schauspielunterricht am Reinhardt-Seminar sowie mehrere Jahre an der Wiener Staatsakademie. Mit ihrer Heirat schienen die Karriereträume zunächst beendet. Sie synchronisierte nur gelegentlich in den Wiener Filmateliers. Doch dann zog es sie doch zur Bühne und sie trat in einer Wiener Revue auf. Nach einem Jahresvertrag in Baden-Baden holte sie das Salzburger Landestheater, wo sie zunächst 1952 gastierte und dann bis 1957 als festes Ensemblemitglied blieb. Dort war die Operette ihre Domäne: Sie sang in „Die goldene Meisterin“ (E. Eysler), „Abschiedswalzer“ (L. Schmidseder), „Marietta“ (W. Kollo), „Der letzte Walzer“ (O. Straus), „Der Sohn des Mikado“ (F.Reinl), war aber auch als Anna Elisa in „Paganini“ und als Partnerin von Johannes Heesters in der „Lustigen Witwe“ (1956) zu erleben.

Herta Talmar/ Foto privat

Ihre eigentliche Karriere hat Herta Talmar aber im Rundfunk gemacht. Der Dirigent Franz Marszalek holte sie an den Westdeutschen Rundfunk für seine vielen, vielen Operettenproduktionen, die bis heute der Maßstab in Sachen Operette geblieben sind. Parallel zu den Rundfunkaufnahmen entstanden auch unzählige Querschnitte für die Schallplatte, die damals allesamt auf Polydor erschienen sind. Marszalek, der größte Operettendirigent des Rundfunks, hatte für seine Aufnahmen ein einzigartiges Sängerensemble zur Verfügung. Neben Herta Talmar gehörten u.a. Anny Schlemm, Rita Bartos, Peter Anders, Franz Fehringer, Sándor Kónya, Fritz Wunderlich, Willy Hofmann und Peter Alexander dazu. Auch beim Bayrischen Rundfunk hat sie einige Aufnahmen gemacht, darunter „Das kleine Café“ von Robert Stolz (mit Peter Alexander).

In allen Aufnahmen wird deutlich: Herta Talmar hatte mit ihrem erfrischenden, nie zum Sentimentalen neigenden Gesang das „gewisse Etwas“ für die Operette. Sie konnte die richtige Operettenatmosphäre mühelos herbeizaubern und hatte immer etwas von einem feschen, forschen Wiener Mädel. Die Tränendrüse bemühte sie nie. Auch die Dialoge, die sie in den Gesamtaufnahmen als gelernte Schauspielerin selber sprach, zeichneten sich durch Charme und Natürlichkeit aus. Mit ihr machte Operette einfach Spaß.

Mitte der sechziger Jahre beendete sie ihre Gesangslaufbahn, trat aber u.a. noch 1968 als Schauspielerin am Münchner Volkstheater auf. Zuletzt lebte Herta Talmar in Salzburg, wo sie am 24. Juni 2010 wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag starb.

Vor allem beim Hamburger Archiv für Gesangskunst sind viele der Rundfunkaufnahmen, darunter auch viele ausgefallene Werke, in Ausschnitten oder komplett erschienen, wobei es oft die alten Polydor-Querschnitte als Bonus gibt. Ebenso findet man hier viele Einzelaufnahmen und Melodiefolgen sowie eine Aufnahme von „My Fair Lady“ unter Kurt Edelhagen (mit Peter Alexander und Sándor Kónya). Nachstehend sind die beim Hamburger Archiv für Gesangskunst erschienen Gesamtaufnahmen des WDR unter Franz Marszalek aufgelistet:

Benes: Auf der grünen Wiese (mit Franz Fehringer, Rita Bartos)/ Dostal: Die ungarische Hochzeit (mit Franz Fehringer, Anny Schlemm)/ Fall: Die Dollarprinzessin (mit Hernert Ernst Groh, Rita Bartos)/ Fall: Der fidele Bauer (mit Herbert Ernst Groh, Willy Hofmann)/ Fall: Die geschiedene Frau (mit Reinhold Bartel, Rita Bartos)/ Goetze: Adrienne (mit Franz Fehringer, Lore Lorentz)/ Jarno: Die Försterchristel (mit Franz Fehringer, Peter Alexander)/ Jessel: Schwarzwaldmädel (mit Franz Fehringer, Antonia Fahberg)/ Kalman: Das Hollandweibchen (mit Herbert Ernst Groh, Willy Hofmann)/ Künneke: Der Vetter aus Dingsda (mit Franz Fehringer, Brigitte Mira)/ Künneke: Wenn Liebe erwacht (mit Franz Fehringer, Renate Holm)/ Lehar: Der Graf von Luxemburg (mit Maurice Bsancon, Benno Kusche)/ Lehar: Paganini (mit Sándor Kónya, Rita Bartos)/ Millöcker: Gasparone (mit Josef Metternich, Anny Schlemm)/ Stolz: Himmelblaue Träume (mit Peter Alexander, Maria Mucke)/ Straus: Ein Walzertraum (mit Herbert Ernst Groh, Peter Alexander)/ Strauß: Jabuka (mit Franz Fehringer, Anny Schlemm).  Alle Aufnahmen sind in sehr guter Klangqualität und erfreuen mit liebevoller Ausstattung.  Wolfgang Denker