Ein Fest für Joseph I.

 

Erste moderne Aufführung der “Festa Teatrale” des Arminio von Antonio Maria Bononcini beim Barock-Festival von Lugo: Es ist ein Sujet, das zahlreiche Librettisten und Komponisten inspiriert hat, besonders die aus deutschen Landen stammenden. Die Geschichte von Arminius, der im ersten Jahrhundert nach Christus den Aufstand der Germanen gegen die Römer anführte, ist mehrere Male auf den Bühnen erschienen: die Taten des Kriegshelden sind von Alessandro Scarlatti, Händel, Caldara, Hasse und Galuppi (um nur die berühmtesten Autoren anzuführen) vertont worden, haben aber auch Ballette inspiriert und im 19. Jahrhundert das berühmte Drama von Kleist.

Eine jedoch vergessene Version ist die des Modenesers Antonio Maria Bononcini (jüngerer Bruder des viel bekannteren Giovanni), der das Libretto von Pietro Antonio Bernardoni, eines  Literaten von beachtlichem Talent vertonte: einer der vielen Italiener, die in der Periode Dienst am Hof von Wien ableisteten, wo diese „Festa Teatrale in due Atti“ 1706 uraufgeführt wurde. Danach wurde es nie wieder aufgeführt und ist nun nach drei Jahrhunderten in Konzertform beim Barock-Festival „Purtimiro“, das seit drei Jahren in Lugo stattfindet,(Stadt in der Romagna, in der es ein wunderschönes, Rossini gewidmetes Theater gibt) wieder auf die Bühne gekommen. Rinaldo Alessandrini, der Autor der kritischen Ausgabe des Arminio und auch künstlerischer Direktor des Festivals ist, hat das Ensemble Concerto Italiano geleitet, das aus hervorragenden Instrumentalisten besteht,

Die Partitur enthält mehr als ein die Kunstwelt interessierendes Element, vor allem auf literarischem Gebiet, auf dem sich Heldentum und Vaterlandsliebe zeigen, die später- weiter entwickelt- bei Metastasio zu finden sind. Und so, lassen wir die historische Wahrheit bei Seite (in der Wirklichkeit nahm Arminio ein schreckliches Ende und wurde von seinen eigenen Gefolgsleuten ermordet), und obwohl das Stück im Krieg spielt, triumphieren die edlen Gefühle und die Bewunderung für den Heldenmut, den einige Personen, die Damen eingeschlossen, zeigen. Das ist der Fall bei der willensstarken Tusnelda, Gattin des Protagonisten, die sich gegen den eigenen Vater auflehnt, der sich des Überlaufens auf die Seite der Römer schuldig gemacht hat. Die Musik unterstützt in sehr wirksamer Weise den Edelmut der Personen: schließlich wurde Arimio geschaffen, um den Geburtstag des Kaisers Joseph I. zu feiern, mit der leicht durchschaubaren Absicht, zwischen dem regierenden Wiener Haus und Rom eine ideale Verbindung zu schaffen.

Ingrid Wanja übersetzt tapfer und unverzagt aus dem Italienischen für uns – Danke Ingrid!

Die zentrale Figur nach Anzahl der Arien gerechnet ist Tusnelda: Tochter des Germanico, Schwester von Sigismondo und Gattin von Arminio. Die Handlung umfasst also eine ganze Familie, so dass vier der sechs Personen miteinander verwandt sind. Nach etwas zaghaftem Beginn hat sich der Sopran Giulia Bolcato besser auf die Partie eingestellt und sich hörbar immer wohler in der in mittlerer Höhe liegenden Rolle gefühlt, in der sie ein leuchtendes Timbre und eine lobenswerte Unbekümmertheit in den Verzierungen  gezeigt hat. Die solide Valeria Girardello, von schöner Mezzofarbe, fiel durch die Sicherheit in den Koloraturen und die Ausdruckskraft der Phrasierung auf: Gaben, die es ihr gestatteten, einen überzeugenden Sigismondo en travestie zu kreieren. Korrekt und präzise der Sopran Benedetta Corti, Interpretin von Ismenia in der etwas stereotypen Partie der Geliebten  Im Bereich der Männerrollen schlug sich der Bass Alessandro Ravasio, Anführer der Barbaren, der auf die Seite des Gegners ging, und Veter von Tusnelda, ehrenvoll in einer Partie mit weitgespanntem Tonumfang. Unausgeglichener der Tenor Raffaele Giordani, der Römer Germanico, wegen eines streckenweise unausgeglichenen Singens. Der heroische Arminio, der der Oper ihren Titel gibt, ist nur dem Namen nach ein Protagonist. Im ersten Teil erscheint er gar nicht, während er im zweiten Teil gerade einmal drei Arien singt, darunter die sehr schöne, die den Akt eröffnet: in Wien hatte ihn ein Altus gesungen, in Lugo war der Countertenor Enrico Torre etwas unterdimensioniert.

Etwas verwirrt ließ  ließ die musikalische Verwirklichung mit Originalinstrumenten (denen, die in der Originalpartitur angegeben waren) zurück: ein Entscheidung, die besonders, was die Streicher betrifft, nicht funktioniert, auch nicht, wenn ein wunderbarer Boris Behnan eine der beiden (!) Violinen spielt. So erreicht man keinen Eindruck von orchestraler Fülle. Kümmerliche Klangfülle und kleine Volumen, dazu das Fehlen der dynamischen Variationen führen unfehlbar zu einem Verlust an Expressivität. Vielleicht war diese Wahl  an das Gebot der Sparsamkeit gebunden, hoffentlich nicht eine philologische Entscheidung (Foto oben Wikipedia)Giulia Vannoni (mit Dank an Ingrid Wanja für die Übersetzung!)