Die mit den Ziegen singt

 

Die Hälfte der Geschichte ist bereits erzählt, bevor die Oper anfängt. Am Tag der jährlichen Wallfahrt zur Marienkapelle von Ploërmel wollten Dinorah und Hoël heiraten. Doch ein schweres Unwetter zerstörte das Elternhaus der nun mittellos dastehenden Dinorah. Hoël erliegt daraufhin der Verführung des Zauberers Tonyk, der ihm unter der Bedingung, seine Braut ohne ein Wort der Erklärung und des Abschieds zurückzulassen, einen großen Schatz verspricht. Dinorah wird darüber verständlicherweise wahnsinnig.

So erzählt es eine bretonische Legende, die Jules Barbier und Michel Carré bei Emil Souvestre fanden und zur Vorlage eines Opernlibrettos wählten, das sie Giacomo Meyerbeer anboten. Ursprünglich als Einakter gedacht, machte Meyerbeer auf Anraten des Directeurs der Opéra-Comique daraus ein abendfüllendes Stück Dinorah ou Le pardon de Ploërmel, das im April 1859 an ebendiesem Institut uraufgeführt und ein Vierteljahr später in London in einer Fassung von Meyerbeer aufgeführt wurde, bei der er die Sprechtexte in Rezitative umwandelte und der Hosenrolle des Ziegenhirten eine Conzonetta gab. Nach einem Jahr, so beginnt nun endlich die Oper, kehrt Hoël zurück, stößt auf den Einsiedler und Dudelsackspieler Corentin und versucht diesen zu überreden, ihn bei seiner Schatzsuche zu unterstützen. Denn der erste, der den Schatz berührt, muss innerhalb eines Jahres sterben. Dinorah, die seit dem Unglück geistesverwirrt als Waldmädchen umherwandert und sich am liebsten mit „Bellah! Ma chèvre chérie“, also ihrer geliebten Ziege Bellah, unterhält, erinnert sich plötzlich an die Erzählungen des alten Zauberers, warnt Corentin, der sich nun weigert in die Schlucht zu steigen und vorschlägt, an seiner Stelle solle die Närrin hinabklettern. Ein Sturm zieht auf, Dinorah stürzt in die Schlucht, Hoël erkennt endlich seine Braut und seien Irrtum. Er bereut. Als die totgeglaubte Dinorah aus ihrer Ohnmacht erwacht, meint sie geträumt zu haben. Das kommt dem geknickten Hoël zupass, der die Dörfler bedrängt, bei der Täuschung mitzumachen. Die Wallfahrt findet ohnehin wieder statt. Die Hochzeit kann gefeiert werden Mit einem Jahr Verspätung.

Die Geschichte ist nichts. Eigentlich ein rechter Schmarrn und weit entfernt von den komplizierten grand opéras, mit denen Meyerbeer sich in Paris einen Namen gemacht hat. Und trotzdem ist es geschickt, dass sich das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz, das sich gerne als kleinere Ausgabe der Semperoper betrachtet, im Zuge der Wiederentdeckung von Meyerbeers grand opéras dieser opéra comique erinnert. Einer der zehn Hausgötter, die von der Decke des  schmucken klassizistischen und zu Beginn der 2000er Jahre restaurierten Theater auf den Zuscherraum blicken, ist übrigens Meyerbeer.

Das Stück wird ohnehin nicht häufig auf der Bühne gegeben. Ich erinnere mich an die von Geerd Heinsen erwähnte Aufführung vor einem halben Menschenleben in Triest –  – in italiano mit der Serra und dem feinen Max René Cosotti als Corentin, in der Inszenierung von Alberto Fassini und mit der die Uraufführung nachbildenden Ausstattung von William Orlandi; wie das ausgesehen haben könnte, vermittelt auf youtube auch eine Aufführung von 2002, die nicht von der Augsburger Puppenkiste, sondern aus Compiègne stammt (die gab oder gibt es auch noch als Kauf-DVD). Man muss sich auf diese hochromantische Pastorale einlassen, zu deren Personal ein Ziegenhirt und eine Ziegenhirtin, ein Jäger und ein Schnitter gehören, auf die in Görlitz verzichtet wurde, wodurch außer der hübschen Arie des Hirten zu Beginn des zweiten Akten auch die Arien der letzten beiden, das Duett der Ziegenhirten und das schöne Quartett wegfielen. Das Nichts an Handlung schmilzt auf eine nicht eben dramatische Dreiecksgeschichte zusammen (und so sah und hörte man es bereits 2000 in Dortmund/John Dew, dann konzertant von der Deutschen Oper Berlin 2014  und natürlich auch auf der folgenden cpo-CD als Mitschnitt dieser Veranstaltung, nachzulesen in operashare.de, wo 2014 ein Überblick über akustische Dokumente zum Meyerbeer-Jahr gegeben wurde/ G. H.)

Meyerbeers „Dinorah“ erstmals auf deutschen Bühnen, nämlich in Görlitz/ Szene/ Foto Marlires Kross

Sehr romantisch sieht zunächst auch der Bergrücken mit der Einsiedelei des Corentin aus, den Olga von Wahl und Carl-Christian Andresen auf die Bühne gestemmt haben, bis man bei genauerem Hinsehen erkennt, dass sie eine Müllhalte aufgeschüttet haben, auf der neben einem Tierskelett allerlei moderne Wohlstandsreste abgeladen wurden und Röhren mit sicherlich gefährlichem Inhalt durchlaufen. Die Natur ist nicht mehr das, was sie war, als Meyerbeer dieses aus der Zeit gefallene Schäferspiel komponierte, das zu seiner Zeit so anakronistisch anmuten musste wie das Hameau der Marie Antoinette: ein Spiel im Stil des 18. Jahrhunderts, doch mit dem musikalischen Können eines der Granden der Oper des 19. Jahrhunderts. Die Ouvertüre offenbart den ersten Teil der Geschichte mit dem Glöckchen der Ziege, dem heraufziehenden Sturm, dem Brand des Elternhauses und, recht originell, dem Pilgerchor hinter der Bühne mit „Salvet Sainte Marie, Notre Dame des Bruyères“, der am Schluss wiederkehren wird – gespielt wurde in Görlitz die alte deutsche Übersetzung von Johann Christoph Grünbaum – und dem Oeuvre eine gefällige Geschlossenheit verleiht. Natürlich finden sich in den Szenen des furchtsamen, wunderlich verschreckten Corentin die leichten Couplets der opéra comique, haben manche Strophenarien und Duette alerten Buffocharakter, und auch die Berceuse der Dinorah zu Beginn der Oper gehört in den Bereich der leichten Oper, doch das Terzett am Ende des zweiten Aktes, während dem – wie bereits in der Ouvertüre – wieder ein Sturm aufkommt, beispielsweise ist wunderbare grad opéra. Man kann es schade finden, dass Meyerbeer mit Kanonen auf Spatzen schoss, doch die Überfülle der musikalischen Einfälle und das gediegene Kunsthandwerk in den instrumentalen Lautmalereien, die sich auch in den atmosphärischen Vor- und Nachsiele bei den Arien und Szenen finden, machen eine Aufführung lohnenswert. Nie vergessen wurde die große Schattenarie der Dinorah, „Ombre légère“, die es auch der polnischen Generalmusikdirektorin des Hauses, Ewa Strusinska, angetan haben muss, denn selten hört man diese Mazurka so zupackend und tänzerisch mitreißend wie hier mit der Neuen Lausitzer Philharmonie. Überhaupt gelangt Strusinska eine Interpretation, die, hat man sich erst einmal an den schlank direkten Klang des Orchesters gewöhnt, an interpretatorischer Dichte und instrumentaler Spannung kaum Wünsche offen ließ. Die Wienerin Jenifer Lary sang die Titelrolle mit ansprechendem Vibrato und einem wendigen, in den Höhen unerschrockenen, in der oberen Mittellage süßen und reizvollen Koloratursopran, der für die Rezitative über Körper und resche Mittellage verfügt. Für ihren Hoël hatte der sehr textdeutlich singende Südkoreaner Ji-Su Park einen etwas halsigen, unter Druck erzeugten und deshalb im Piano farblosen, nicht sehr gleichmäßigen Bariton, dessen dramatische Gesangslinie in der wirkungsvollen Arie im dritten Akt (im Original „Ah! Mon remords“) am besten zur Geltung kam, und der Südafrikaner Thembi Nkosi ließ in den Ariettes und Couplets des Corentin die feine Körnigkeit und leichte Höhe eines typischen Tenors der opéra comique hören. Die Ziegen, Zauberer, Kobolde und Naturwesen entschlüsselt Geertje Boeden in ihrer Inszenierung als Schatten, man könnte auch sagen Traumata, der drei Figuren – von den Tänzern Nami Miwa, Harrison Claxton und Lorenzo Rispolano hinter dem durchscheinenden Schleier der Rückwand dargestellt – wodurch das Stück, das Aaron Kitzig mit seinen geschickten Videos in einer romantischen Atmosphäre belässt, wenn schon keine rationale, so doch eine fassbare, traumdeutende Dimension enthält. Durch die erwähnten Kürzungen hatte die Aufführung, auf die man in Görlitz stolz sein darf, eine bekömmliche Dauer von gut 2 ½ Stunden (29. November).  Rolf Fath