Deutschlandpremiere

 

Man stelle sich vor: Eine Oper, 1900 vollendet, von der zu Lebzeiten des Komponisten nur die beiden Außenakte (konzertant) aufgeführt wurden, die 1931, 17 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers, zu ihrer szenischer Uraufführung kam (nachdem ein Komponistenkollege die Orchestrierung der Außenakte hatte rekonstruieren müssen) und 2019 erst ihre zweite Bühnenproduktion erhält. Und das Publikum applaudiert dem anspruchsvollen, eher handlungsarmen Stück in der 4. Vorstellung (26.6.) enthusiastisch, klatscht den Vorhang zweimal wieder in die Höhe. Völlig zu Recht natürlich. Das Werk ist Guercœur von Albéric Magnard, der Ort des Geschehens keine Opernmetropole wie Paris und auch kein französisches Opernhaus, sondern dasjenige von Osnabrück. Magnard, von dem ich bisher v.a. die dynamischen vier Symphonien gut kannte, hat da ein ungewöhnliches Stück geschrieben. Der Vergleich mit Pfitzners rund 10 Jahre jüngerem Palestrina wird oft angestellt, besitzen doch beide Werke kontemplative Außenakte, die je einen tumultuös-weltlichen Akt rahmen. Ist bei Pfitzner ein Komponist der Titelheld, ist es bei Magnard ein Staatsmann. Aber auch mit der praktisch gleichzeitig entstandenen Rusalka von Dvořák gibt es Parallelen – Guercœur und Rusalka beklagen sich in ihren ersten Akten jeweils so lange, bis ein übernatürliches Wesen ihnen den Zugang zur Menschenwelt ermöglicht, wo sie scheitern. Nur: Guercœur ist im 1. Akt bereits tot und begegnet Bonté (der Güte), Beauté (der Schönheit), Vérité (der Wahrheit) und Souffrance (dem Leiden). Erst wollen sie ihn nicht zurück ins Leben schicken, doch Souffrance überzeugt ihre Kolleginnen mit dem Argument, er habe sie, das Leiden, in seinem bisherigen Leben noch nicht kennengelernt.

„Guercoeur“: der Komponist Albéric Magnard/ musicologie.org

Zurück im Leben muss Guercœur zunächst feststellen, dass seine Frau Giselle, die ihm ewige Treue gelobt hatte, nun mit seinem Schüler Heurtal zusammen ist (man beachte die sprechenden Namen Guercœur – Kriegerherz und Heurtal – Verletzer). Damit kann er sich noch abfinden, doch als er erkennt, dass Heurtal dabei ist (mit Angst vor den „Fremden“ schürenden Parolen, die verblüffend vertraut klingen), sich in der von Guercœur geschaffenen Demokratie zum Diktator wählen zu lassen (Magnard charakterisiert das mit einem gewiss bewusst simplen Marsch), versucht er einzugreifen. Er wird aber (nicht zuletzt „dank“ Heurtal) für einen Betrüger gehalten und am Ende des 2. Aktes gelyncht – Magnard schreibt dafür Musik von einer eindrücklichen Brutalität, die wieder an Palestrina denken lässt.

Der 3. Akt zeigt den abermals gestorbenen Guercœur wieder im Himmel. Ein traditionell christlicher Himmel ist es nicht; die vier Allegorien sprechen ein noch höheres Wesen mit mère an. (Das erinnert zumindest mich daran, dass Magnard sich vehement für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt hat.) Sie besprechen Guercœurs Schicksal, und den Schluss der Oper bildet eine Prophezeihung der Vérité – eine sehr idealistische Vision, in der der Mensch gut und weise geworden sein wird. Auch wenn sie diesen Zustand erst für eine ferne Endzeit in Aussicht stellt, wäre da „Utopie“ wohl ein passenderer Name für sie als „Vérité“. Auffällig auch, dass die Hoffnung – obgleich das Stück mit dem Ausruf espérance endet – keine Personifikation erhält. Die Sogwirkung von Magnards Musik kompensiert allerdings inhaltliche Bedenken mühelos.

Albéric Magnards „Guercoeur“ am Theater Osnabrück/ Szene/ Foto wie auch oben Landsberg

Die Bühne von Martina Segna abstrahiert die himmlischen und irdischen Spielorte mit markanten Elementen und gezielt eingesetzten Farbtupfern (Souffrances langer roter Handschuh etwa und die blau-rosa Fähnchen und anderes Propagandamaterial von Heurtals Kampagne) im vorherrschenden Schwarz-Weiß. Projektionen zu den Orchestervorspielen bereiten die Schauplätze gekonnt vor (Video: Roman Kuskowski). Die Kostüme von Frank Lichtenberg sind heutig für Menschen, zeitlos schwarz für Allegorien. Regisseur Dirk Schmeding schafft einen Balanceakt zwischen realistischer Personenführung und starken meditativen Bildern, die er richtig lange stehenlassen kann, ohne Spannung zu verlieren – ganz den weiten Bögen der Musik entsprechend. Selbst komische Momente streut er zielsicher ein – etwa Guercœur, der sich zu Beginn des 2. Aktes in Anzug und Krawatte aus seinem Grab emporarbeitet. Im 3. Akt zeigt Schmeding nicht den Himmel, sondern die Diskussion der Allegorien (er nennt den Akt auch ein „vertontes Philosophieseminar“) findet neben den irdischen Bestattungsvorgängen statt – Guercœurs erstes espérance erklingt zur leichten Irritation der Leichenbeschauer aus dem Sarg. Der auf der leeren Bühne aus dem Kremierofen aufsteigende Rauch und das pietätvolle Befüllen der Urne ergeben ein überraschend tragfähiges Bühnengeschehen, ehe sich Vérité mit ihrem Schlussmonolog an den Zuschauerraum wendet. Lina Liu singt das fabelhaft, mit der gebotenen charismatischen Ruhe und ekstatischen Konzentration eines klangschönen und sicher geführten jugendlich-dramatischen Soprans. Eine größere Stimme könnte noch mehr aus dem Vollen schöpfen, aber sie kann mit ihren Mitteln das nötige Volumen und Sendungsbewusstsein auch aufbauen. An der Verständlichkeit kann noch gearbeitet werden.

Albéric Magnards „Guercoeur“ in der vergriffenen EMI-Aufnahme

Wirklich idiomatisch, gleichermaßen aus der Sprache wie aus dem Klang heraus singt niemand, aber mindestens die Herren und Souffrance versteht man gut – für ein rein nichtmuttersprachliches Ensemble in einer solchen Rarität ist das ingesamt eine sehr dankenswerte Leistung. Zumal generell gut und engagiert gesungen und gespielt wird. Rhys Jenkins lässt einen recht hellen, robusten Heldenbariton ohne Ermüdungserscheinungen am Ende der langen, fordernden Partie hören. Er mag nicht das allerschönste und farbenreichste Timbre besitzen, kompensiert das aber mit Ausdruck und Emphase, passend zum rundlichen elder statesman, der immer noch zu Aufwallungen jugendlichen Temperaments fähig ist, den er glaubwürdig und sympathisch verkörpert. Susann Vent-Wunderlich als Giselle macht es nachvollziehbar, dass er ihr den Treuebruch nachsieht, singt mit sinnlichen Bögen die Szene mit Heurtal und macht szenisch wie vokal ihre existenziellen Nöte nach Guercœurs Rückkehr greifbar. Einzig einige dramatische Spitzentöne verlieren teilweise ihre Rundung. Costa Latsos, mit strahlendem, hin und wieder etwas engem Tenor, wirkt zunächst privat mit Giselle gar nicht unsympathisch, sobald er aber in seiner Politikerrolle gefragt ist, verwandelt er sich in einen aalglatten Strahlemann, wie das weiland Jörg Haider nicht besser hingekriegt hat, und sorgt perfid für Guercœurs Untergang. Nana Dzidziguri breitet einen dunkel-samtenen Alt für Souffrance aus und ist auch in ihren stummen, triumphierenden Auftritten im 2. Akt von bezwingender Präsenz. Erika Simons als Bonté berührt besonders, wenn sie zu Beginn des 3. Akts mit warmer Emotion Lob und Mitleid für Guercœur singt (und übernimmt auch Ombre d’une vierge). Katarina Morfa (Beauté und Ombre d’une femme) und Daniel Wagner (Ombre d’un poète) vervollständigen auf hohem Niveau das Ensemble. Der Chor, von Sierd Quarré geleitet, singt in den Außenakten meist aus dem Off, einmal bei offenen Türen aus dem Foyer, was beides szenisch eindrücklich ist, aber auf Kosten der Intonation geht (den vier Allegorien geht es bei ihrem kurzen Quartett aus dem Off nicht anders). Dass das an der Anordnung und nicht am Können liegt, zeigt die Volksszene im 2. Akt, wo der Chor auf der Bühne singt und agiert, und wie!

Albéric Magnards „Guercoeur“ in der authentischen französischen Radioaufnahme unter Toni Aubin 1985 bei Bourg u. a. der Dumazert-Folge

Das für Magnard charakteristische Neben- und Miteinander von straffer Struktur und Weite evozierenden langen Bögen (seine langsamen Symphoniesätze scheinen mir immer im Unterschied zu Bruckner unter Strom zu stehen) bauen Andreas Hotz und das Osnabrücker Symphonieorchester mitreißend auf.

Vielleicht könnte der Orchesterpart in einem größeren Raum nochmal anders klingen, aber auch so ist Magnards Orchestration (die im Grunde so individuell ist wie etwa die von Schreker oder Vaughan Williams) sofort wiederzuerkennen, z.B. sein Einfallsreichtum besonders fürs (saubere) Blech, das hier so markant wie sängerfreundlich erklingt.

Man kann dem Theater Osnabrück nur danken und gratulieren, und ich bereue keine Minute einer über zehnstündigen (laut Fahrplan siebenstündigen) Zugfahrt. Samuel Zinsli