Deutsches Singspiel

 

Im Spielplan des TfN (Theater für Niedersachsen) gibt es im Musiktheater immer wieder Überraschungen, vor allem seit Florian Ziemen hier als Generalmusikdirektor und Operndirektor verantwortlich ist. Nun ist ja Figaros Hochzeit nicht wirklich eine Überraschung, aber die Fassung, die sie in Hildesheim aufführen, ist tatsächlich eine Rarität. Bei der Uraufführung 1786 in Wien hatte die wirbelige Oper bekanntlich nur mäßigen Erfolg; erst nach den Prager Aufführungen in der Saison 1786/87 wurde sie bejubelt. Im deutschsprachigen Raum trat die Oper ihren ganz großen Siegeszug mit deutscher Übersetzung und mit gesprochenen Dialogen anstelle der Rezitative an. In diesen Fassungen wurde sie bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Wien gespielt, und Mozart selbst erlebte seinen Figaro als deutsches Singspiel 1790 in Mannheim.

Zuvor hatte die Wandertruppe Großmann erstmalig im Mai 1788 in Lübeck Die Hochzeit des Figaro in einer Übersetzung des durch seine Schrift „Vom Umgang mit Menschen“ berühmt gewordenen Adolph Freiherr Knigge auf die Bühne gebracht. Diese Übertragung des italienischen Originals wurde die in der Folgezeit wohl am häufigsten gespielte Fassung von Mozarts Oper. Ernsthaft konkurrieren konnte damit nur die Version von Goethes Schwager Christian August Vulpius, die auch Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in Frankfurt zur Aufführung gekommen ist und deren Dialoge die einzigen heute noch erhaltenen Sprechtexte aus dieser Zeit sind.

In Hildesheim ist nun die Oper mit Knigges Gesangstexten und Vulpius’ Dialogen als deutsches Singspiel zu erleben. Regisseur Wolfgang Nägele ließ sich in seinem Konzept davon inspirieren, dass die im 19. Jahrhundert durchs Land ziehenden Wandertruppen ähnlich der italienischen Commedia dell’arte hauptsächlich pure Unterhaltung eines eher einfachen Publikums bezweckten. So sah man am Ende der flott servierten Ouvertüre auf ein graues, schrankähnliches Gebilde mit Klappen und Türen, die sich öffneten und schlossen und den Blick in kleine Räume mit Blümchen-Tapete freigaben. In und natürlich besonders vor dem großen „Schrank“, der sich im 2.Akt zu einem veritablen Zimmer öffnete, gab es nun durchweg munteres Spiel aller Beteiligten, deren Kostümierung teilweise der Commedia dell’arte entlehnt waren. So trugen nur die Nebenfiguren knallbunte Kostüme und auch Masken, während Graf und Gräfin sowie Susanna und Figaro eher zeitlos gekleidet waren, wenn man von der merkwürdigen überdimensionalen „Halskrause“ um Susannas Taille einmal absieht (Ausstattung: Hannah König).

Mozarts „Hochzeit des Figaro“ im gemischten Doppel der Bearbeitung von Knigge und Vulpius am TFN Hildesheim/ „Foto wie auch oben © Jochen Quast

In der Personenführung gab es einige überflüssige Albernheiten wie das Auseinandernehmen von Schaufensterpuppen während der Verkleidung Cherubinos und in der großen Arie des Grafen im 3.Akt; dazu zählt auch der Beginn der Gerichtsszene, wenn alle außer dem Grafen und Figaro wie Marionetten aufgehängt sind. Zu einem unverständlichen Bruch kam es, als sich im letzten Teil des 4. Aktes alle – gekleidet in dunkelgraue  (Susanna und Figaro in weiße) Regenschutzkleidung von Kapuze bis zu Gummistiefeln – am Meeresstrand oder in anderer unwirtlicher Gegend wiederfanden – genau war das nicht zu lokalisieren. Auch das finale, fröhliche Herumhopsen aller in moderner Freizeit-Kleidung passte  irgendwie nicht zum vorangegangenen Geschehen.

Nun aber zu der Singspiel-Fassung: Die Texte waren teilweise gewöhnungsbedürftig, jedenfalls wenn man die seit 1895 gebräuchliche Übersetzung von Hermann Levi noch im Ohr hat – zur guten Verständlichkeit des quirligen, sich immer wieder verändernden Intrigenspiels trugen die deutschen Texte allemal bei.

Musikalisch stand die Vorstellung am 24,. September 2018  unter keinem günstigen Stern: Es begann mit der Ansage, dass für den erkrankten Sänger des Bartolo und Antonio Levente György auftrat. Da er als Alternativbesetzung für Figaro vorgesehen war, kannte er sich in der Inszenierung aus, sang aber mit seinem raumgreifenden Bass Bartolos Arie auf Italienisch und zog sich bei den Dialogen mit Spickzetteln geschickt aus der Affäre. Schon bei ihrer Auftrittsarie war durch einige Unsicherheiten spürbar, dass Antonia Radneva als Gräfin offenbar indisponiert war; ganz deutlich wurde es dann, als sie in der Folgezeit in den Schon-Modus ging, häufig oktavierte und in den großen Ensembles gar nicht mehr mitsang. Prompt wurde vor Beginn des 2. Teils bekannt gegeben, dass bei der sympathischen Sopranistin eine Erkältung noch nicht völlig ausgeheilt war und deshalb die Arie im 3.Akt entfallen müsse. Isabell Bringmann, früher im jugendlich-dramatischen Fach in Hildesheim gefeiert, die eine witzige Marzelline gab, sang nun zusätzlich die übrigen wichtigen Passagen der Gräfin von der Bühnenseite aus – insgesamt eine tolle Ensemble-Leistung!

Als quicklebendige Susanna (in den Sprechtexten Susanne) gefiel Meike Hartmann, die mit ihrem klaren Sopran besonders die „Rosen-Arie“ einfühlsam ausdeutete. Ihr Figaro war mit viel Spielwitz Peter Kubik, der seinen prägnanten Bariton differenziert und effektvoll einsetzte. Seinem Gegenpart Graf Almaviva gab Martin Berner Gewicht; während er im ersten Teil stimmlich noch allzu viel polterte, fand sein angenehm timbrierter Bariton später in der großen Arie und in der lyrischen Bitte um Verzeihung zu deutlich abgerundeteren Melodiebögen. Als draller Cherubino erfreute mit schönem Mezzo-Timbre Neele Kramer, während das neue Ensemble-Mitglied Julian Rohde sicher als Basilio und Don Curzio auftrat; Vanessa Peschel als blutjunge Barbarina (= Bärbchen) beklagte mit Naturstimme den Verlust der „kleinen Nadel“.  Seine wenigen Aufgaben erfüllte der von Achim Falkenhausen einstudierte Opernchor des TfN klangvoll. Am Pult des gut disponierten Orchesters des TfN stand Sergei Kiselev, der mit zupackendem Dirigat für stets vorwärtsdrängenden Schwung sorgte. Das Publikum feierte alle Beteiligten mit begeistertem Applaus. Gerhard Eckels
Bilder: © Jochen Quast