Sena Jurinac on Record

 

Gleich zweimal wird in diesen Tagen der unvergessliche Stimme der Sängerin Sena Jurinac gedacht. Von Warner kamen – nun endlich versammelt und exzellent ediert – ihre Glyndebourne-Mementos der Busch-dirigierten Mozart-Opern heraus (und endlich auch als CDs die beiden wichtigen Querschnitte von Cosi fan tutte und Idomeneo mit dem Partner Léopold Simoneau von 1951) und Schumanns zwei Zyklen Liederkreis op. 39 sowie Frauenliebe und -leben von 1953 bei Hänssler Profil. Das ist gewiss ein Grund zur Aufarbeitung der Dokumente der Jurinac, die sie uns hinterließ und auf denen ihre leuchtende, unverwechselbare Stimme voller Pathos und immer mit einer gewissen Melancholie (das slawische Erbe) zu uns herüberklingt.

 

„Feindliche Übernahme“: Schumann-Lieder mit Sena Jurinac aus dem Archiv der Westminster/DG

Die Firma Hänssler Profil ist zweifellos eine verdienstvolle, schon wegen der hochinteressanten historischen Dresdner Opernaufnahmen und der vielen gehobenen Schätze vom SWR. Dies vorausgeschickt, wundere ich mich über die „Neuveröffentlichung“ der Schumann-Lieder-CD mit der auch von mir hochverehrten Sena Jurinac (CD PH17042). Die Hänssler-CD im provinziell-hässlichen Design liegt vor mir auf meinem Schreibtisch neben ihrer „Vorläuferin“ von Westminster von 2002 (!!!), die durchaus noch als Einzelausgabe zu haben (Amazon) und auch im großen „Klotz“ der Westminster-Legacy-Veröffentlichungen enthalten ist. Warum nun also bei Hänssler Profil? Zumal die beiden Schumann-Liederzyklen bei der Westminster/DG-CD mit dem seltenen, atmospärischen Tramonto Respighis aufgefüllt sind. Den Schumann begleitet – in gutem Mono – etwas robust Franz Holetschek, den Respighi das  Barylli-Quartet. Aufgenommen wurde im Wiener Mozartsaal des Konzerthauses.

Das ist eine wenig inspirierende Übernahme. Nicht nur, weil der Respighi unterschlagen wird. Das erste Erscheinungsdatum für die Schumann-Lieder 1953/54 liegt außerhalb der Schutzfrist, und es mag für eine Firma legitim sein, sich an der reichen Quelle der abgelaufenen Legalität zu laben, das haben viele kleinere gemacht. Warum nicht? Mich irritiert – im begleitenden Artikel des Booklets -, so zu tun, als ob dies eine CD-Erstveröffentlichung seit der alten Westminster-LP sei (beim Aufnahmedatum vertraue ich auf Westminster mit 1953, nicht 1954). Was also wurde neu restauriert (remastered in Dormagen), wie angemerkt? Wo die Originale doch den berühmten, durchsichtigen MCA/Westminster-Klang aufwiesen (selbst die Monos) und später bei der DG noch einmal digitalisiert wurden? Hatte hier jemand in Unkenntnis eine verstaubte LP herausgekramt? Die in der preiswerten Silberaufmachung mit der kitschigen Rose auf dem Cover? Die besaß ich auch mal, und damit begann meine Liebe zur Jurinac.

Und hier ist sie: Die Originalausgabe der Schumann-Lieder mit Sena Jurinac bei Westminster/DG

Im Beitrag schreibt der Redakteur, dies seien die einzigen (veröffentlichten?) Klavier-Lied-Aufnahmen von ihr. Das stimmt nicht. Bei der amerikanischen Firma Immortal Performances sind auf einer Doppel-CD ganz betörende hellstimmige erste Studio-Klavier-Lieder-Aufnahmen erschienen. Aus Zagreb gibt es von 1944 Lackfolien-Rundfunk-Studio-Aufnahmen (dort hatte die Jurinac 1943 auch den  vaterländischen Spielfilm Lisinski aufgenommen, womit sie also erstmals singend dokumentiert ist), dann 1950/51 weitere Lieder von Grieg, Respighi, Wagner und mehr erst mit Ernest Lush, danach mit Gerald MooreLondoner Testaufnahmen der Columbia aus den Monaten ihrer ersten Glyndebourne-Auftritte. Dank eines mir sehr lieben Freundes sind diese aus dem Besitz der Künstlerin noch zu ihren Lebzeiten ans Licht gekommen und bei Immortal 2015 herausgegeben worden. Und Fans erinnern sich an die zu späte, überreife Brahms-LP der Jurinac (1976 mit Georg Fischer), die sie besser hätte lassen sollen. Klavier-Lieder, aus dem ORF-Studio, kommerziell bei BASF!

 

Sena Jurinacs erste Aufnahme bei der Columbia war der Dialog-lose „Figaro“ – was sahen die Cover damals schön aus!

So. Nach der Irritation über diese diskutable Übernahme gibt´s noch ein paar Worte zum Schallplatten-Erbe dieser großen Sopranistin mit der leuchtenden, unvergleichlichen Stimme, die mir „bis in die Tiefen des Herzens“ dringt. Sena Jurinac hatte wenig Glück mit ihren Plattenverträgen, vielleicht auch weil die Kolleginnen Elisabeth Schwarzkopf und Elisabeth Grümmer das Feld und die führenden Labels dominierten, namentlich die Schwarzkopf, hinter der ja auch die Grümmer zurückstand. Testaufnahmen (s. oben) bei der britischen Columbia führten 1950 zu einem ersten Figaro (Cherubino) unter Karajan, zu den bereits erwähnten Querschnitten von Cosi fan tutte sowie Idomeneo mit dem Glyndebourne-Ensemble von 1950 und zu einem einzigen LP-Recital mit Arien von Mozart bis Smetana und Verdi (Braithwaite/1951; später als CD ergänzt mit den Vier letzten Liedern live vom Schwedischen Rundfunk 1951 unter Busch). Dann noch einmal zur Gesamtaufnahme des Figaro (Contessa) unter John Pritchard 1955, der als Assistent Buschs die geplante Einspielung nach Buschs plötzlichem Tod übernahm. 1957 folgte bei EMI ebenfalls unter Pritchard als Busch-Glyndebourne-Erbe der Idomeneo. Einen weiteren Figaro hat die Jurinac auch bei Philips (1956, Contessa) eingespielt, Don Giovannis folgten – 1955 bei RCA und dto. Philips (beide Elvira) und 1958 Deutsche Grammophon (Anna). 1958 sang sie den Komponisten unter Leinsdorf bei der RCA (aus Salzburg gibt’s die Partie von 1965 als Video bei Arthaus). Unter Furtwängler war sie 1953 die bewegende Marzelline neben Martha Mödl bei EMI (ohne Dialoge). Aber es gab keine weiterreichenden Pläne. Bei Westminster nahm sie nur den Fidelio (1961) und vorher besagten Schumann/Respighi (1953) sowie geistlichen Mozart auf. Telemann und Mozart gab es recht viel später auch bei Philips. Nie war sie die erste Wahl. 1954 erfolgte unter Kleiber bei Decca der erste Rosenkavalier/Octavian, der berühmte Rosenkavalier bei Columbia (und als Film bei Rank/DVD 1962) mit der Schwarzkopf unter Karajan führte ihre Aufnahme-Karriere bei dieser Gesellschaft auch nicht weiter, wobei Karajan sie sehr schätzte. Keine Firma hatte ein Konzept für sie. Die Exklusivbindungen der drei großen Compagnien verhinderte fast alles. Einen kurzlebigen LP-Auftritt hatte sie bei Ariola als Tatjana deutsch vom NWDR  neben Rudolf Schock, bei Capriccio sang sie dto. den Komponisten neben Hilde Zadek beim WDR und dto. die Saffi unter Marszalek. Ein spätes Studio-Comeback hatte sie noch einmal als abgefahren-gruselige Knusperhexe in Soltis Humperdinck-Verfilmung bei Decca.

 

„Tu che la vanità“… niemand sang das so wie die Jurinac auf dem „Don Carlo“ aus Salzburg bei DG in sehr mittelmäßigem Sound.

Es sind die Live-Aufnahmen, die ihre Vielseitigkeiten außerhalb von Mozart und Strauss belegen. Die beiden herrlichen Iphigenien (französisch aus London, deutsch aus Wien), die zu Herzen gehende Jenufa zweimal aus Wien (Mödl und Varnay), die leidvolle Verdi-Elisabetta (live aus Salzburg bei DG, andere aus Wien) oder die Desdemona (jüngst auf einem optisch bizarren Arthaus-Video aus Stuttgart), die hochpersönliche Butterfly aus Wien und London, Wagners Elisabeth neben Beirer aus Italien, dto. der freche Hänsel neben der Schwarzkopf, Pamina von der RAI, Rheintochter, Norn und Gutrune im Ring unter Furtwängler aus Rom (später EMI), die Marschallinnen der späteren Jahre aus San Francisco und andernorts, etwas verdächtige Toscas aus Wien, die Cornelius´sche Margiana, die bezaubernde Manon vom Hamburger Rundfunk der Fünfziger, wo sie auch – umwerfend – Operetten aufnahm. Unerreicht ist auch ihre Arien- und Duett-CD vom Süddeutschen Rundfunk 1952 unter Ackermann neben Peter Anders (noch immer nicht komplett von den originalen Bändern, bei verschiedenen Anbietern). Krönung ihrer „offiziell“ herausgegebenen Live-Mitschnitte ist sicher der unglaublich intensive Londoner Fidelio 1961 unter Klemperer neben Jon Vickers bei Testament, wahnsinnig! Und um Strecken besser als der bei Westminster. Live gibt’s bei DG zudem auch den Rosenkavalier mit der Schwarzkopf-Konkurrentin Lisa della Casa aus Salzburg (während der bekannte Film eben kalt und ohne Publikum gedreht wurde).

 

Sena Jurinac mit frühen Aufnahmen bei Immortal Performances

Bei Immortal Performances liegt – wie bereits erwähnt – das aufregende Album mit bis dahin unveröffentlichten Erstaufnahmen vor – Lieder zum Klavier aus Zagreb 1944 auf Lackfolie erhalten (ein betörendes Nebbie Respighis oder auch zwei Wesendoncklieder), dazu weitere Testaufnahmen für die EMI aus London 1950/51 mit Lush und Moore am Klavier (unglaublich intensiv die noch ganz helle Stimme in Mendelssohn-Liedern oder in Schuberts Forelle) und – mir bislang nicht bekannt – die „Vier letzten Lieder“ unter Busch vom Dänischen Rundfunk 1951, die Stimme hier leuchtend-mädchenhaft und erfüllt in jeder Phrase.

Angekoppelt sind wenig bekannte Ausschnitte aus Operetten und Opern aus den frühen Fünfzigern, angeführt von dem absolut bezaubernden Couplet aus Gasparone (allein schon deswegen würde ich diese Ausgabe kaufen), dazu weiteres vom deutschen Rundfunk der frühen Jahre (FledermausFigaroManon) sowie die erwähnten kompletten Duette und Arien unter Ackermann vom SWR 1952 mit Peter Anders. Ach, es ist eine köstliche Lust, diese wunderbare Stimme in diesen frühen Aufnahmen zu hören – diese Süße und dieses Versprechen auf (dann auch eingetretenes) Großes gehen ans Herz. Danke dafür und meine uneingeschränkte Empfehlung.

 

Sena Jurinac in „Cosi fan tutte“ live aus Glyndeboiurne bei Immortal Performances

Aber auch ihre beiden Mozart-Live-Aufnahmen: Cosi fan tutte und Idomeneo 1951 sind Meilensteine auf dem Weg dieser bedeutenden Sängerin. Così fan tutte  (vorher bei anderen, aber ebenso wie dto. Idomeneo nun dank der Zusammenarbeit mit dem Brüder-Busch-Archiv und der Karlsruher Max-Reger-Stiftung absolut und gewinnbringend anhörbar) stammt wie der Idomeneo aus London, als bei den Proms 1951 die Glyndebourne-Equipe unter Fritz Busch konzertante Vorstellungen ihrer legendären Aufführungen aus den Sussex Downs gab. Was für eine Besetzung! Sena Jurinac, die wirklich Unvergleichliche, hier ganz am Anfang ihrer Karriere, jung und noch hell im Ton, den sie wenig später mit einem dunkleren, pathosreicheren eintauschte. Diese Fiordiligi voller Poesie und auch einer gewissen Unschuld, voller Würde und Leuchtkraft schließt sich an die obigen Lieder an und stellt wie diese für mich kostbare und beglückende Dokumente einer in meinem Herzen ruhenden Sängerin dar. Ihr damaliger Ehemann Sesto Bruscantini macht einen merkurialischen Don Alfonso in gewohnter Spielfreudigkeit und beispielhafter Diktion. Marko Rothmüller, nach England emigrierter Bariton, überzeugt mit gutsitzendem, markantem Ton. Richard Lewis war nie mein Ding, und auch hier finde ich ihn als Guglielmo steif und troppo brittico, Alice Howland war mir vorher kein Begriff, und sie ist kein Vergleich zur späteren Kollegin Blanche Thebohm, singt aber ordentlich wie auch die etwas piepsige Isa Quensel als quirlige Despina (das ist ja das Attribut, das man immer für diese Partie aufbringt). Chor und Orchester profitieren von Fritz Buschs überragender Leitung – Brio und Agogik paaren sich mit dunklem Schwung, der aus der Così ein Drama macht, ohne die helleren Seiten zu vernachlässigen. Absolut und unbedingt habenswert (2 CD Immortal Performances IPCD 1004-2 und ebenso Idomeneo (2 CD IPCD 1015-2) mit informativer Ausstattung in Englisch.

Da ist sie – die wunderbare Sena Jurinac als Contessa 1955 in Glyndebourne/Szene aus dem Film „On such a night“/ Glyndebourne Shop

Wer also einen Überblick über ihre früheren Jahre haben möchte, sollte sich unbedingt die Doppel-CD bei Immortal besorgen (IPCD 1013-2), hier ist sie in nuce versammelt, unerreicht und zeitlos. Und wer sie in ihrer Bühnenpräsenz erleben möchte, dem sei neben dem bekannten Rosenkavalier (und nicht im Stuttgarter Othello) und der Suor Angelica vom ORTF bei Gala der bezaubernde Film aus Glyndebourne 1956 angeraten: In „On such a night“ sieht man sie in Farbe als Figaro-Contessa im berühmten Sussex-Ambiente von unvergleichlichem Charme. Ich gäbe alles, um „such a night“ nacherleben zu können. Und – ich bin mir sicher – ich habe bestimmt einige Aufnahmen der geliebten Sängerin in meiner Aufzählung vergessen, die mir wichtigen aber sind hier versammelt.  (Foto oben: Sena Jurinac als Octavian/ Foto aus der Kleiber-Decca-Ausgabe/ youtube)Geerd Heinsen

 

(Sena Jurinac; eigentlich: Srebrenka Klementina Kristina Jurinac seit 1965 Sena Jurinac-Lederle; * 24. Oktober 1921 in Travnik; † 22. November 2011 in Hainhofen, Deutschland) 

  1. Michele C. Ferrari

    Vielen dank für die schöne und informative Hommage an diese große Sängerin! Ergänzend sei nur noch an weitere RAI-Aufnahmen erinnert, vor alle an jene mit ihrem (ab 1956 Ex-)Mann Sesto Bruscantini, etwa Cimarosas GIANNINA E BERNARDONE mit Sciutti, dir, Sanzogno, 1953 (u.a. bei Melodram), die NOZZE von 1968 mit Stratas, Berganza und Petri (u.a. GOP) oder den DON GIOVANNI von 1970 in einer kaum zu überbietenden Besetzung (Ghiaurov, Bruscantini, A. Kraus, Janowitz, dir. Giulini), welcher über sehr vielen Plastic-Produkten der Majors aus jener und aus späterer Zeit steht.

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    1. Geerd Heinsen Artikelautor

      und vergessen habe ich auch die bizarre „Poppea“ aus Wien, die es bei dg gab als Mitschnitt – nicht wirklich ihre rolle, aber um der vollständigkeit willen. danke für die ergänzungen.

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