Ausstellung Siegfried Wagner

 

Siegfried Wagner im Schwulen Museum Berlin? Erbitterte Wagnerianer werden einmal mehr mit den Augen rollen, ist doch der Wagner-Sohn nicht wirklich einer von der Bayreuther Firma geliebter. Zumal er es mit seinen eigenen Opern nie in die Heiligen Hallen gebracht, und die Familie Wagner es doch weitgehend geschafft hat, zumindest nach dem Krieg seine Werke zu  desavouieren. Es ist Enthusiasten wie Peter P. Pachl und der Siegfried-Wagner-Gesellschaft (sowie der Plattenfirma cpo und vor allem der Naxos-Tochter Marco Polo mit ihrer hervorragenden Siegfried-Wagner-Opern-Edition, wie ein Leser nachstehend zu Reicht hinweist) vorbehalten, sich nach wenigen modernen Aufführungen intensiv um Verbreitung und Rezeption des bis heute gemiedenen  Komponisten zu kümmern. Als Dirigent jedoch war er lebenswichtig für die Opern seines Vaters und des Fortbestandes Bayreuths nach Richard Wagners Tod. Seine revolutionären Bühneninnovationen (so beim Tannhäuser 1930) bereiteten den Weg für Wieland Wagners Neues Bayreuth; seine künstlerische Leitung des Hauses sowie seine nie nachlassende Werbung für das Werk des Vaters  bescherte diesem ein neues, dauerhaftes Leben in der Neuzeit.  Er selbst starb 1930, also zweieinhab Jahre vor der Machtergreifung und dem kalendarischen Beginn des Faschismus in Deutschland.  Dieses wichtige historisches Faktum soll nicht vergessen sein.

Heute mehr als früher scheint seine Homosexualität ein brennendes Thema, wann immer man von Siegfried Wagner spricht – vielleicht zu sehr seine Verdienste als Komponist, Organisator und Dirigent überdeckend?  Heute, wo Personen des öffentlichen Lebens schon beim geringsten Anzeichen sogar im Fernsehen geoutet werden und das Privatleben eines Donald Trump grelle Schlagzeilen produziert, ist Intimes von öffentlichem Interesse, oft überproportional und auf Kosten der Betroffenen, so auch hier.

Dennoch – das Leben und die Lebensumstände dieses so im immer wieder publizierten Bannkreis der Bayreuther Familie Stehenden nun mit einer eigenen Ausstellung (zudem erstmals in Berlin) nachzuvollziehen, ist ein reizvolles Projekt, dem sich das Schwule Museum in Berlin im kommenden halben Jahr (2017) widmet.

Dazu erscheint auch der gleichnamige 2. Band der Neuen Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e. V. (Band 2, 2017); Herausgegeben von Achim Bahr und Peter P. Pachl/ ISBN: 978-3-924522-69-8/ Bestell-Nr.: ARE 2269/ Im Vertrieb der Are Musik Verlag GmbH Postfach 210143 D 55060 Mainz/ www.aremusik.com

 

Nachfolgend ein Auszug aus dem Ankündigungs-Text des Museums von dessen website. Und Kevin Clarke, Musikwissenschaftlicher Berater der Berliner Ausstellung, beantwortet Fragen von operalounge.de-Chefredakteur Geerd Heinsen, der bei  manchen Passagen seines Gegenübers eher Peter P. Pachls Argumenten („Siegfried Wagner“) folgen würde und auch manchmal andersmeinend die Augenbraue hebt. Manches Gesagte – ebenso interessant wie subjektiv – wäre vielleicht in einem größeren, auch historischen Kontext zu diskutieren. Aber dazu sind ja Diskurse da, dass man unterschiedlicher Ansichten sein kann – auch unter Freunden.

Anlässlich dieser Ausstellung bringen wir auf operalounge.de in lockerer Folge verschiedene Beiträge zum Thema „Siegfried Wagner“, so einen Artikel von Peter P. Pachl zu Siegfried-Freund Clement Harris, von Rüdiger Winter einen zu Bayreuther Sängern der Vorkriegszeit, von Nikolai Endres einen weiteren zu Siegfried Wagners Homosexualität und mehr. 2017 scheint das Siegfried-Wagner-Jahr der anderen Art zu werden… G. H.

 

 

Siegfried Wagner: Portrait ca. 1896/ Sammlung Pachl in „Siegfried Wagner“/ Nymphenburg 1988

Ingrid Wanja war zum Pressetermin der Ausstellung am 16. Februar 2017:  Eine für Opern-, speziell Wagner- und ganz speziell Siegfried-Wagner- Freunde höchst interessante und reichhaltige Ausstellung findet vom 17. Februar bis zum 26. Juni 2017 im Schwulenmuseum Berlin statt und versammelte bereits am Vormittag des Vortags interessierte Journalisten zu einer Einführung und einer ersten Besichtigung, ehe am Abend bei einer Vernissage die Eröffnung gefeiert wurde. Zwei der Verantwortlichen, Kevin Clarke und Peter P. Pachel, Vorsitzender der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., sprachen zunächst einführende Worte, wiesen auf die schwierige, nicht zuletzt durch die Wagner-Erben verschuldete, Quellenlage, das schmale Budget von nur 5000 Euro hin, auf die zwei Jahre Vorbereitung und die Tatsache, dass man sich bei vielen der Quellen auf Faksimiles beschränkt hatte, einmal, um Geld für Transport und Versicherung zu sparen, und zum anderen, um beide Seiten von Schriftstücken zeigen zu können. Als Geber wurden das Museum Bayreuth, die Theaterwissenschaftliche Sammlung München und nicht zuletzt das Stammlokal von Siegfried Wagner, die „Eule“ genannt. Peter P. Pachel berichtete von der Gründung der Siegfried Wagner Gesellschaft gegen den Widerstand von Winifred Wagner im Jahre 1972, von deren Unwillen auch gegenüber Konzerten mit der Musik von S.W. und den erfolgreichen Versuchen, beides trotzdem zu verwirklichen.

Die Ausstellung gliedert sich nach Aussagen der beiden Betreuer in Hauptthemen und „kleine schwule Themen“, zu denen es naturgemäß wenig Material gibt. Auf einem Rundgang durch die quantitativ (bei der Quellenlage erstaunlich) wie qualitativ (bei der Begeisterung und dem Kenntnisreichtum der Veranstalter selbstverständlich) äußerst reichhaltige und interessante Ausstellung wurden unterschiedlichste Aspekte des Menschen und vielseitigen, aber immer im Schatten seines Vaters stehenden Siegfried Wagner beleuchtet, wobei auch vielfältige Möglichkeiten zum Hören seiner Musik oder der Stimmen in Bayreuth tätiger Sänger bereitstehen.

Siegfried, der für seine Familie schnell zum „Fidi“ wurde und es wohl bis zu seinem Tode blieb, wird auf unzähligen Fotos, in Briefen, durch Portraits und Büsten dem Ausstellungsbesucher nahegebracht. Seine Asien-, Italien-, Griechenland- und Englandreisen werden nicht zuletzt in den ausgestellten Aquarellen und Zeichnungen nachvollziehbar, dazu in den Briefen, die (Faksimile!) vollständig nachlesbar in den Vitrinen liegen. Sowohl Plakate aus der Zeit der Uraufführungen seiner eigenen (18) Opern wie aus der Zeit der Renaissance seines Schaffens nach dem 2. Weltkrieg (Rudolstadt!) sind Zeugen  der Aufführungspraxis der jeweiligen Zeit. Sogar Bayreuth in der Karikatur und der Streit des Festspielleiters Siegfried mit dem Dirigenten Busch um „die“ Wagnerstimme sind dokumentiert, und eine Flasche Söhnlein-Sekt spricht von der Mitwirkung eines Mitglieds der Dynastie in Bayreuth. Und mit Erstaunen nimmt man zur Kenntnis, dass Vater Wagners Musik  (heterosexuell) auf homosexuelle Hörer erotisierend bis zum Orgasmus wirken kann, die Siegfrieds (homosexuell) aber nicht.

Natürlich hat die bekanntlich nicht gerade in trauter Eintracht lebende Wagner-Sippe allerlei künstlerische Erzeugnisse wie z.B. Filme verursacht, die dem Besucher nicht vorenthalten werden, zumindest ein Blick auf Plakate oder Ähnliches wird ihm gestattet. Alles in allem ist die Ausstellung nicht nur eine für Homosexuelle, auch nicht nur für Wagnerfreunde oder –feinde, sondern für jeden, der sich für Kultur und Zeitgeschichte interessiert überaus interessant. Und wer sein Wissen noch über die Ausstellungsstücke hinausgehend erweitern will, kann in dem auch mit einer Bar ausgestatteten Museum  den Katalog zur Ausstellung, aber auch eine Vielzahl von Büchern über die Wagners kaufen (den Katalog – eigentlich eine eigenständige Veröffentlichung in der Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner gesellschaft –  bespricht Ingrid Wanja hier auf operalounge.de getrennt). Ingrid Wanja   

Schwulenmuseum Lützowstr. 73, 10785 Berlin Eintritt 7,50, ermäßigt 4 Euro; Geöffnet sonntags, montags mittwochs und freitags 14 bis 18 Uhr, samtags14 bis 19, donnerstags 14 bis 20 Uhr, Katalog 24 Euro

    

 

Siegfried Wagner/ Zeichnung von Clement Harris/ Foto entnommen dem Standardwerk zu Siegfried Wagner von Peter P. Pachl: „Siegfried Wagner – Genie im Schatten“, Nymphenburg 1988

Nun also das Fragen von Geerd Heinsen an Kevin Clarke  zur Siegfried-Wagner- Ausstellung im Schwulen Museum Berlin. Warum ausgerechnet Siegfried Wagner als Thema für das Schwule Museum? Es gibt bei uns regelmäßig biografische Übersichtsausstellung zu historisch wichtigen schwul-lesbischen oder transgender Persönlichkeiten, deren Leben exemplarisch den gesellschaftspolitischen Wandel im Umgang mit Homo- und Transsexualität spiegelt. Wir haben gerade eine Ausstellung zu Klaus und Erika Mann, es läuft eine Ausstellung zu „Rock Hudson und die Aids-Krise“, wir zeigen die Sexpositiv-Arbeiten von Fotografin Krista Beinstein aus den letzten 30 Jahren usw. Im Musikbereich gab’s eine große Operettenausstellung zu Erik Charell und dem „Weißen Rössl“. Aber auch Filmidole wie Adolf Wohlbrück oder Bühnenbildner wie Peter Kothe wurden bereits mit Ausstellungen bedacht. Siegfried Wagner setzt diese Tradition fort. Denn als prominenter Sohn des Bayreuther „Meisters“ und als Leiter der Bayreuther Festspiele von 1906 bis 1930 zeigt seine Vita exemplarisch, welchem Druck homoerotisch begehrende Menschen ehemals ausgesetzt waren: sie wurden erpresst, teils von der eigenen Familie, sie wurden gezwungen zu heiraten, um den Schein einer bürgerlichen Existenz zu wahren, sie mussten sich mit einem Doppelleben einrichten und ständig fürchten, dass ein Outing sie zum sozialen und künstlerischen Ruin führen könnte, wie das Beispiel Oscar Wilde eindrücklich zeigt. Und: Sie konnten in ihrem künstlerischen Werk meist nicht offen auf ihre sexuellen Neigungen umgehen, sondern mussten alles verschlüsselt ausdrücken, genau wie Hans Christian Andersen mit seiner „Kleinen Meerjungfrau“. Heinrich Detering spricht in seinem Buch „Das offene Geheimnis“ ausführlich über diese Verschlüsselungstaktik. All das sind Aspekte, die man auch auf die 18 Opern von Siegfried Wagner beziehen kann, die wir in der Ausstellung vorstellen werden mit historischen Bühnenbildentwürfen und Zeichnungen von Franz Stassen, Kurt Söhnlein, Wieland Wagner u. a..

 

Woher kommen die Exponate, und wer sind die KooperationspartnerDie überwältigende Mehrzahl der Exponate kommt aus dem Privatarchiv von Peter P. Pachl, dem Biografen von Siegfried Wagner. Sein Buch „Genie im Schatten“ erschien 1988, ist heute allerdings nur noch antiquarisch erhältlich. Die großen Ölgemälde kommen aus dem Richard Wagner Museum in Bayreuth; daher stammen auch einige sehr seltene und wenig bekannte Fotos in historischen Abzügen, zum Beispiel die, die Siegfried 1908 in der Bayreuther Badeanstalt zeigen. Diese vier Fotos stammen ursprünglich aus dem Besitz von Hans Knappertsbusch, und man muss sich fragen, was der wohl damit wollte? Man sieht Siegfried umring von jungen Männern, teils in unvorteilhafter Pose mit einer geradezu abenteuerlich-knappen Badehose. Hat Knappertsbusch diese Bilder benutzt, um Druck aus die Familie Wagner (oder Siegfried) auszuüben, damit man ihn in Bayreuth als Dirigent einsetzt? Er war ja schwer verärgert, dass Fritz Busch als überzeugter Demokrat zur Wiedereröffnung auf den Grünen Hügel 1924 engagiert wurde und nicht er.

Siegfried Wagner: Kevin Clarke/ Foto Bert-Jan van Egteren, bearbeitet von Raoul Horvay

Die Bühnenbildentwürfe kommen aus der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Uni Köln in Schloss Wahn, Briefe von Söhnlein an Siegfried aus dem Theatermuseum Hannover. Und von der Bayerischen Theaterakademie kommt das Gemälde „Kampf der Zentauren“ von Emil Preetorius. Wir werden auch viele handschriftliche Partiturseiten und Briefe bzw. Tagebücher Siegfrieds zeigen, die aus dem Richard Wagner Museum in Bayreuth kommen. Aus Bayreuths berühmten Lokal „Eule“ kommen außerdem zwei riesigen Stassen-Bilder mit Motiven aus Siegfried-Wagner-Opern. Die „Eule“ gehört heute der GEWOG Wohnungsbau- und Wohnungsfürsorgegesellschaft der Stadt Bayreuth. Sie haben für uns eine große Ausnahme gemacht und diese Highlights aus ihrem Lokal abgehängt. Ach ja, einen echten Steingräber-Flügel kriegen wir auch noch aus Bayreuth, fürs musikalische Rahmenprogramm. Das alles nach Berlin zu holen mit Kunst- und Klaviertransporten war bzw. ist eine ziemliche logistische und finanzielle Herausforderung; aber sie lohnt sich natürlich. Denn es soll ja ordentlich was zu sehen und zu hören geben!

 

Ein Wort zu eurem Kuratorium? Die Idee, die Ausstellung ins Schwule Museum* zu bringen, hatte Achim Bahr von der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e. V. Er hat Peter P. Pachl mitgebracht zur Vorbesprechung. Daraus ergab sich dann mit mir als musikwissenschaftlichem Vertreter von Museumsseite ein Dreigespann, das die Ausstellung konzipiert und umgesetzt hat. Ich muss ehrlich sagen, dass die Beschäftigung mit Siegfried Wagner – aber auch mit Achim und Peter – meinen Horizont enorm erweitert hat und ich unglaublich viel dazugelernt habe zu Bayreuth und zur Familie Wagner. Einiges war erschreckend, sogar schockierend. Aber alles war faszinierend.

 

Wie greifbar wird der schwule Aspekt präsentiert? Wie nachweisbar ist Siegfried Wagners Homosexualität? Wir gehen mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit mit den schwulen Aspekten in Leben und Werk Siegfried Wagners um. Es ist ja niemand „nur“ schwul, sondern schwule Menschen leben ein Gesamtleben, in dem es dann entsprechende Punkte gibt, die darauf verweisen, wie sie begehren. Bei uns wird es eine Wand zu „Oper als Autobiografie“ geben, eine Abteilung zu „Erpressung“ und zu Siegfrieds Begegnungen und Beziehungen mit Oscar Wilde, Clement Harris, dem Maler Ludwig von Hofmann und anderen. Wir werden auch erstmals Liebesbriefe ausstellen, die sich erhalten haben. Das meiste Material ist bekanntlich unter Verschluss, auf Verfügung Winifreds, und von niemandem einzusehen, nicht mal der eigenen Familie. Die bei uns gezeigten Briefe sind eine seltene Ausnahme, weil sie erst nach Winifreds Tod von Dritten in den Handel gebracht und von Peter P. Pachl aufgekauft wurden. Das ist also eine Weltpremiere, die wir irgendwann mit einer Lesung kombinieren werden.

Siegfried Wagner: Achim Bahr ist der Initiator und Kurator der Berliner Ausstellung, zudem in der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft für die Konzeption und Realisation veranwortlich/ Foto AB

Was die Nachweisbarkeit angeht: Im Gegensatz zu Peter Tschaikowsky hat Siegfried Wagner keine überlieferten Dokumente verfasst, in denen er von seinen sexuellen Eskapaden berichtet oder über seine sexuelle Orientierung sinniert. Es gab auch kein Gerichtsverfahren wegen § 175, aus dessen Akten Details hervorgehen würden. Man muss also mit Gerüchten und Andeutungen arbeiten, z. B. der Formulierung von Journalist Maximilian Harden, der Siegfried 1914 als „Heiland aus andersfarbiger Kiste“ bezeichnete. Zur Erinnerung: Harden war derjenige, der mit einer ähnlichen Formulierung den Eulenburg-Skandal ausgelöst hatte. Die Konsequenz? Siegfried heiratet überstürzt die minderjährige Winifred Marjorie Williams-Klindworth, mit der er vier Kinder zeugt: Wieland und Wolfgang werden später die Nachfolger als Festspielleiter. Siegfrieds Enkeltochter Katharina Wagner leitet heute die Festspiele. Ihre Generation ist die erste, die offen und weitgehend unverkrampft über Fragen der sexuellen Orientierung spricht, vorher war das unmöglich. Wolfgang Wagner leugnete bis zu seinem Tod, dass sein Vater homosexuell veranlagt gewesen sei. Während Wieland immer fürchtete, die homoerotische Neigung des Vaters (und Großvaters) könnte sich auf ihn vererben. Als würde „Mann“ morgens unverhofft aufwachen können und plötzlich schwul sein. Ich finde diese Angst fast belustigend, aber auch typisch für die Denkmuster der 1940er und 50er Jahre.

 

Wie ist Musik eines schwulen Komponisten darstellbar als „schwule“ Musik? Ist Musik schwul bzw. unterscheidet sie sich von der von Heteros? Das ist ein Mammutthema, das wir in der Ausstellung nur streifen, indem wir auf inhaltliche Aspekte der Opern Siegfried Wagners eingehen. Etwa darauf, dass er in „Der Friedensengel“ (1914) homoerotische Sehnsüchte anspricht. Dort singt Reinhold im 2. Akt: „Einmal mindest der Genuss / Eines Burschen Lieb‘ und Kuss! / Schau! Das wäre das Paradies!“ Darauf antwortet Mita entsetzt: „Aber Reinhold! Was sprichst du da aus!“

Man könnte sagen, der schwule Aspekt zeigt sich bei Siegfried Wagner in der Wahl der Opernsujets. Und teils darin, dass er seine symphonischen Dichtungen seinem Liebhaber Clement Harris widmete („Sehnsucht“ 1892 und „Glück“ 1923). Rein musikalisch ist Siegfried Wagner – anders als beispielsweise Tschaikowsky – kein „typischer“ schwuler Komponist, der besonders „gefühlsbetonte“ Musik schreibt oder extrem zerrissene Seelengemälde schuf, wie die Symphonie Pathétique. Er versuchte in seiner Musik, wie im echten Leben, seine sexuellen Neigungen vielmehr zu verstecken. Interessanterweise hat er zwar Oscar Wilde persönlich kennengelernt und war von dem irischen Schriftsteller schwer beeindruckt. Aber er hat nie ein Werk Wildes vertont. Das tat stattdessen sein großer Konkurrent Richard Strauss. Der wählte Wildes homoerotischstes Werk, die vor schwüler Sinnlichkeit vibrierende Skandal-„Salome“. Und landete damit einen der größten Opernhits des 20. Jahrhunderts. Man kann das fast als Ironie der Geschichte bezeichnen, aber vermutlich konnte sich Strauss solch ein Wagnis leisten, weil er eindeutig heterosexuell war und niemand irgendwelche Hintergedanken bezüglich sexueller Orientierung anführen konnte. Siegfried komponierte stattdessen mittelalterliche Geschichten im Stil der Märchenopern seines Lehrers Engelbert Humperdinck. In einer Zeitung von 1911 spricht Siegfried von der „ekelhaften Salome“ und wird mit den Worten zitiert: „Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er von dem Niedergang erfahren könnte, der in den Opern von Richard Strauss zum Ausdruck kommt. […] Seit wann ist Kunst identisch mit Schmutz?“

 

Siegfried und der aufkommende Nationalsozialismus? Antisemitismus? Zu diesen Themen gab’s im Kuratorium heftige, aber konstruktive Diskussionen. Weil die Beurteilung von Siegfrieds Antisemitismus und Beziehung zu völkischen Kreisen in den 1920er Jahren kontrovers ist. Peter P. Pachl bemüht sich in seiner Biografie und vielen Aufsätzen um einen eher apologetischen Ansatz, der Siegfried als „Judenfreund“, liberalen Kosmopolit und Hitler-Hasser darstellt. Dem steht vor allem Brigitte Hamann mit ihrem Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ (2003) gegenüber, das tausende Zitate von und über Siegfried enthält zu diesem Themenkomplex. Wenn man diese liest – und das werden die meisten Bayreuth-Interessierten getan haben – wird man über Pachls Ansatz, der sich mit dem der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e. V. deckt, ungläubig staunen.

Als Museum wollen wir uns nicht anmaßen, in einer Ausstellung zu sagen: Siegfried Wagner war ein „guter“ oder „schlechter“ Menschen, weil er sich so oder so zu Hitler und der NS-Bewegung verhalten hat. Stattdessen wollen wir die unterschiedlichen Standpunkte dokumentieren, so sachlich und ausgewogen wie möglich, und es den Besucher_innen überlassen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Die Schwulenbewegung und das Schwule Museum* sind lange aus der Phase heraus, dass wir nur leuchtende Vorbildbiografien vorstellen. Auch homosexuelle Menschen können Fehler begehen oder sich aus heutiger Sicht politisch völlig unmöglich verhalten. Genau wie das Heterosexuelle zu allen Zeiten der Geschichte taten. Das sollte man nicht ausblenden, sondern akzeptieren und fragen: Warum taten sie das, was trieb sie dazu, was genau steckt dahinter?

Wir haben eine Abteilung zu „Antisemitismus“ und im Rahmen der Bayreuther-Festspiele-Abteilung eine Unterabteilung zum „Nationalsozialismus“. Da kommen auch die Zitate von Thomas Mann vor, der 1924 anlässlich der Wiedereröffnung der Festspiele schrieb: „Bayreuth, wie es sich heute darstellt, interessiert mich gar nicht, und ich muß glauben, auch die Welt wird es nicht interessieren.“ Mann warf Bayreuth unter Siegfrieds Leitung vor, Wagner „als Schutzherr einer höhlenbärenmäßigen Deutschtümelei“ zu missbrauchen. Wir zeigen aber auch, dass Siegfried Sänger wie Friedrich Schorr als Wotan engagierte, worauf Hitler den Festspielen fernblieb, wegen angeblicher „Rassenschande“. Wir präsentiere auch die vielen schwul-lesbischen Sängerstars, die Siegfried nach Bayreuth holte: Bariton Herbert Janssen und Heldentenor Max Lorenz, die später beide Verfahren wegen § 175 am Hals hatten; wir gehen auf Frida Leider als möglicherweise lesbische Sopranistin mit schwulem jüdischen Ehemann ein. Und wir thematisieren Siegfrieds Opernlibretto „Das Flüchlein, das Jeder mitbekam“, in dem er sich nach der Lektüre von „Mein Kampf“ 1929 öffentlich von Hitler abwandte –in dem er einen brutalen Räuberhauptmann namens „Wolf“ zeugt, vor dem die Welt geschützt werden muss. Warum Siegfried das 1929 tat, muss Spekulation bleiben. War es politisch motiviert oder gab es private Gründe, wie etwa den, dass seine eigenen Kinder „Onkel Wolf“ lieber als Vater haben wollten, weil er so viel aufregender war?

 

Siegfried Wagner und Freund Henry Thode/ Foto entnommen dem Standardwerk zu Siegfried Wagner von Peter P. Pachl: „Siegfried Wagner – Genie im Schatten“, Nymphenburg 1988

Würdigung des Komponisten SW? Seine Opern heute? Wir zeigen viele Plakaten und Aufführungsfotos von Produktionen ab Mitte der 1970er Jahre, als dem britischen Dirigenten Leslie Head die Erstaufführung von „Der Friedensengel“ in London gelang, trotz erheblicher Widerstände der Familie Wagner. Winifred hatte bekanntlich Ende des Zweiten Weltkriegs das Notenmaterial aller Siegfried-Opern nach Bayreuth bringen lassen und fortan Aufführungen untersagt. Genau wie sie 1930 die Gründung eines Siegfried-Wagner-Vereins ablehnte und 1972 versuchte, die Gründung der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft zu unterbinden. Auch hier muss man über die Motive spekulieren. Fürchtete sie, eine zu genaue Beschäftigung mit den Opern ihres Mannes und mit dessen Biografie könnte ihn und die Familie kompromittieren? Sie nahm ja nach 1945 die komplette „Nazi-Schuld“ auf sich, auch um ihren Sohn Wieland zu schützen und ihm den Weg als Festspielleiter zu ebnen. Da wäre ein zweiter politischer „Problemfall“ ungelegen gekommen. Obwohl es dann Wolfgang Wagner war, der Brigitte Hamann mit der Winifred-Biografie beauftragte, in der es im ersten Drittel extrem detailliert um Siegfried geht. Jedenfalls ist das Copyright der Siegfried-Wagner-Werke 2001 erloschen, so dass seither Aufführungen der Werke rein rechtlich unproblematisch sind. Leider hat Siegfried keinen Regisseur wie Barrie Kosky gefunden, der so Mainstream-tauglich und begeisternd ist, dass ein internationales Revival in Gang gekommen wäre, wie das Kosky mit diversen vergessenen Operetten geschafft hat. Aber vielleicht ändert unsere Ausstellung daran etwas und macht Regisseure oder Theaterdirektoren auf Siegfried Wagners Oeuvre neugierig?

Barrie Kosky kommt jedenfalls am 4. Mai zu uns ins Museum, um über Wagner und Homophobie im Opernbetrieb zu sprechen, kurz bevor er im Sommer 2017 in Bayreuth die „Meistersinger von Nürnberg“ inszenieren wird. Obwohl das Stück, das fast alle Homosexuellen magisch anzieht, der „Tannhäuser“ ist. Als Geschichte zwischen Sinnestaumel im Venusberg und keuscher Ritterwelt wurde das Werk von Schwulen gern als Metapher auf ihr eigenes Leben interpretiert. Auch von Oscar Wilde in „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1890/91). Und nicht zufällig war „Tannhäuser“ 1930 die erste echte große Neuproduktion Siegfried Wagners in Bayreuth, mit Toscanini als erstem Ausländer am Pult und Herbert Janssen als Wolfram. Dazu ein mit homoerotischen Elementen durchsetztes Bacchanal, choreografiert von Rudolf von Laban. Dagegen gab es massive Proteste von konservativen Wagnerianern. Trotzdem war es einer der größten Triumphe der Festspielgeschichte. Die Festspiele machten 1930 erstmals nach dem Krieg einen finanziellen Gewinn. Siegfried erlebte das nicht mehr, er starb am 4. August 1930 während der Festspiele in einem Bayreuther Krankenhaus. Aber dieser „Tannhäuser“ ist auf Tonträger erhalten, ebenso der „Tristan“ aus dem Jahr zuvor. Das sind akustische Dokumente, die – zusammen mit den vielen Wagner-Aufnahmen mit Siegfried als Dirigent – einen Eindruck geben vom künstlerischen Vermächtnis, das durchaus spannend ist, auch wenn man sich überhaupt nicht für Siegfrieds eigene Opern erwärmen kann.

 

 

Siegfried Wagner: unermüdlicher Champion und Vizepräsident der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft ,Peter P. Pachl/PPP

Der vorliegende Artikel findet sich auf der website des Schwulen Museums Berlin und wurde uns vom Autor freundlicherweise überlassen. Die Fragen an Kevin Clarke beanbtwortete dieser exklusiv für operaloiunge.de. Kuratoren der Ausstellung sind: Peter Pachl, Achim Bahr und Kevin Clarke./ Wissenschaftliche Mitarbeit: Michael Baumgarten. Praktikantin: Cindy Wegner./ Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V. und dem Richard-Wagner-Museum Bayreuth. Zur Ausstellung wird es einen Katalog geben, herausgegeben von Achim Bahr in der Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e. V.. Er ist im Museumsshop erhältlich, darin gibt es u. a. Essays zu den schwul-lesbischen Sänger_innen der Bayreuther Festspiele, zu den homoerotischen Elementen in den Opern von Siegfried Wagner und eine Analyse zu Richard Wagner, Homosexualität und Musikforschung. Es wird eine Veranstaltungsreihe im Schwulen Museum* geben, mit Vorträgen und Diskussionen. Es sprechen u.a. Manuel Brug (Die Welt) und Johannes Kram (Nollendorfblog) über Homophobie im Opernbetrieb  sowie Michael Zywietz (Bremen) über das Problem der Musikwissenschaft mit homosexuellen Themen und Künstler_innen. Peter P. Pachl wird wiederholt in Leben und Werk Siegfried Wagners einführen. Eine Konzertreihe wird gestaltet von pianopianissimo-musiktheater München (Foto oben: der junge Siegrfried Wagner / Foto aus P. P. Pachl: „Siegfried Wagner“/ Nymphenburger 1988)

Schwules Museum Lützowstraße 73, 10785 Berlin; Tel.: +49 (0)30 69 59 90 50 ; Fax: +49 (0)30 61 20 22 89/ Tickets online buchen; mehr Infos unter www.schwulesmuseum.de

  1. Eloge

    Mal abgesehen von den erotischen Vorlieben: Nicht nur cpo hat sich um Siegfried Wagner verdient gemacht, sondern vor allem (und zuerst) auch Marco Polo mit einer wirklich vielfältigen, hervorragend ausgestatteten und überwiegend sehr gut eingespielten Edition von Siegfried-Wagner-Opern, die es allerdings leider nicht mehr alle im Handel zu geben scheint… Da erschienen in den 1990ern u.a. Banadietrich, Schwarzschwanenreich, Bruder Lustig, Der Bärenhäuter, u.w. Opern in teils exzellenten Wiedergaben.

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  2. Kevin Clarke

    Die Frage nach der Bisexualität oder überhaupt der sexuellen Orientierung hängt, meines Erachtens, stark zusammen mit der Frage: Wie hat ein Mensch seine sexuellen Begierden ausgelebt? Im Fall Siegfrieds ist es so, dass er – soweit dokumentiert – außer der Ehe mit Winifred und den vier Kindern keine weiteren heterosexuellen Beziehungen pfelgte, sondern sich stattdessen ausschließlich homoerotisch „betätigte“. (Und Winifred als sexuell frustierte Frau ihren diversen Leidenschaften überließ, u.a. für Hugh Walpole und Adolf Hitler.) Die Vaterschaft von Aign weist Brigitte Hamann in ihrer Winifred-Wagner-Biografie zurück, so dass man sie (oder Peter Pachls entsprechende Behauptung) zumindest in Zweifel ziehen kNN. Aber so oder so: auch Oscar Wilde war verheiratet und hatte zwei Kinder; das war der sozial erwartete bürgerliche Standard, dem sich auch Siegfried Wagner unterordnete. Das sagt nichts über sein tatsächliches Begehren aus. Die bis 1930 eingegangenen Erpresserbriefe wegen homosexueller Handlungen sagen dagegen einiges mehr aus. Selbstverständlich sollte man in diesen Punkten immer differenziert hinschauen. Aber es war dann immerhin Siegfrieds eigener Enkel, der meinte, sein Großvater sei der ehemals „berühmteste Homosexuelle Deutschlands“ gewesen. Eine fortgesetzt gelebte Bisexualität scheint mir also eher unwahrscheinlich.

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  3. Dr.Kölzsch

    Viele Künstler -und nicht nur die- sind bisexuell. Die medizinisch-sexuololgische Einteilung Homo/Hetero/Trans hat noch nie der Praxis entsprochen -es gab immer Übergänge, auch abhängig vom Alter, der Umgebung, der Kontaktpersonen und natürlich der Erziehung in entsprechenden Geschichtsperioden. Die Leistungen sind entscheidend und sollten nicht nur im Hinblick auf die sexuelle Orientierung betrachtet werden -auch nicht bei Siegfried Wagner. Aber eine Diskussion darüber ist in jedem Museum möglich und begrüßenswert.

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  4. Alexander Berold

    Tschaikowsky heiratete und wollte seine Frau nicht anrühren – er war definitiv homosexuell. Wer aber wie Siegfried Wagner vier eheliche und ein uneheliches Kind zeugt, ist nicht homosexuell, sondern wenn, dann wahrscheinlich bisexuell. Eine Vereinnahmung Siegfried Wagners im Schwulen Museum ist in gewisser Weise unaufrichtig, wenn die Schwarzweißsicht Hetero/Homo aufrecht gehalten wird und nicht die zutreffendere Bi-Option Platz eingeräumt wird.

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    1. Jürgen Haase

      Das Schwule Museum widmet sich LGBT-Themen, da sind also weder Unaufrichtigkeit noch Vereinnahmung im Spiel. Das Einräumen jedweder Optionen, denke ich, findet im Kopf des Ausstellungsbesuchers statt.

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