Bis in die Tiefe des Herzens…

 

Elektra – wie könnte man die junge, beinahe unschuldige und dabei jubelnde, ehrliche, die Dimensionen des technischen Singens vergessen machende Stimme der Ursula Schröder-Feinen nicht erinnern? Sie war für eine ganze Generation die Elektra aller Träume; unvergessen aber auch ihre Salome, ihre Färbersfrau, ihre Brünnhilden, ihre lsolde, die alle so anrührend, so jung, so im besten Sinne unraffiniert waren. Viele andere Rollen , die sie erst in Gelsenkirchen und Düsseldorf und vor ihrer großen Karriere gesungen hatte (von der Post-Christl bis zur Tosca), könnte man für ihre Vielseitigkeit anführen, aber eigentlich war sie im Wagner- und Strauss-Fach die erste in der unmittelbaren Wirkung, die schlucken machte und zum Weinen brachte. ,,Heil dir Sonne“ oder „Agamemnon, Vater „ oder vor allem ihre Zeile „Barak, ich hab es nicht getan!“ hatten stets diese tief emotionale Wirkung. Unvergessen und bis heute – ich konnte jahrelang danach keine Elektra mehr auf der Bühne oder Platte hören. Ullas Elektra war und ist mir eingebrannt im Gedächtnis wie die Norma der Callas oder der Cerquetti.

Ursula Schröder-Feinen vor dem „Siegfried“-Poster an der Met/ Foto wie auch oben Erika Davidson

Ihre erste Isolde in Berlin (DOB), Beirers Bühnenabschied, ist mir in ihrer unaffektierten Schlichtheit ebenso unvergesslich (ein Wort, das sich beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder aufdrängt) – um mit Martha Mödl zu sagen: Es sang aus ihr heraus. Man hatte bei Ursula Schröder-Feinen immer das Gefühl, es mache sich da etwas selbstständig, etwas Diaphanes, das die Rolle vor die Sängerin stellte, wie ich es selten auf der Bühne erlebt habe. Sie war ganz einfach die Färbersfrau, Isolde, Leonore. Sie begegnete ihren Partnern auf der Bühne als Figuren eines Dialogs, eines zutiefst menschlichen Miteinanders. Die Geste, wie sie ihrem Tristan im letzten Akt über die Haare strich, bleibt ebenso im visuellen Gedächtnis wie die Hand der Färbersfrau, als sie sich dem Jüngling der Versuchung zu- und abwandte. Diese schlichte, eindringliche Gestik gab dem Singen, dem wundervollen stimmlichen Erfassen der Figuren, Sinn. Und vor allen ihren Personen, die sie erschuf, steht für mich eben ihre Elektra, mit der sie Weltkarriere machte. Nie wieder habe ich diese Partie so in mich hineingelassen, wurde je wieder von ihr ausgefüllt. Von den ersten Tönen an, „Allein, weh ganz allein“, bis zum triumphalen Tod vergaß ich Raum und Zeit. Ursula Schröder-Feinen schuf mir ein magisches Fenster in ein eigenes Universum (ihres wie meines).

 

Als wir uns 1998 in ihrem Haus im sonnigen Siegerland gegenübersitzen, kreist unsere Unterhaltung um das Thema Nerven und Stress. Privat war Ursula Schröder-Feinen eine der liebenswertesten, uneitelsten und direktesten Sängerinnen, die ich kennengelernt habe. Sie war zudem bemerkenswert offen und selbstkritisch. Wie sie selber die erste war, die zugab, es waren die Nerven, die Anspannung, die sie zum Pausieren getrieben haben. (Über die Karriere der Ursula Schröder-Feinen noch Details zu verlieren, erübrigt sich; sie hat in der ganzen Welt die großen Partien ihres Faches mit allen berühmten Kollegen gesungen und wurde von der Weltpresse umjubelt. Eine Zusammenfassung ihrer Karriere nachstehend.) Nach einer langen Phase des natürlichen, organischen Singens entdeckte sie, die nie aufgeregt vor den Vorstellungen gewesen war, die in der Garderobe Mineralwasser trank, wenn andere nach Champagner für die Fans riefen, ihre Nerven. „Ich stand auf der Riesenbühne der Met in ‚Siegfried‘, hatte einen Moment Zeit vor meinem Einsatz, und plötzlich dachte ich: Oh Gott, wenn ich jetzt etwas falsch mache! Die vielen Menschen da unten… –  und plötzlich lernte ich die Angst kennen, Angst vor einem Versagen, Angst, die ich nie vorher gekannt hatte. Vorher war alles so natürlich gewesen, die Sprung von mittleren Bühnen an die großen, nach Berlin, München, New York, Paris, Mailand.

Das war alles ganz normal gegangen, und auch die  großen Partien waren ganz normal gewachsen. Ich hatte nie Probleme beim Singen, nie Probleme mit den hohen Noten oder mit dem Volumen von Stimme oder Orchester, ich sang ganz einfach so, wie ich fühlte, und so war auch meine Darstellung. Aber dieses Mal an der Met: Ich hatte einfach Angst, Angst auch vor mir. Und dann ging es weiter. Die Angst blieb. Ich verkrampfte mich, fing an, technisch irgend etwas falsch zu machen. Vielleicht hätte ich da pausieren sollen und mich erst einmal finden sollen.  Pausieren ist ja schwierig. Man hat ja Verträge, bis zu sieben, acht Jahre im Voraus.  Aber das Syndrom der „verlorenen Unschuld“ ist ja vielen Sängern nur zu bekannt, wenn sie sich nach den ersten großen Erfolgen plötzlich in ganz veränderten Umständen wiederfinden. Dass Ängste zu Spannungen und Verkrampfungen führen ist vielen klar und dass man unter diesen Schwierigkeiten keine optimalen Leistungen bringen kann ja auch. Da kann man nicht einfach aussteigen. Und dann gibt man sich vielleicht auch nicht selber zu, dass man sich schlecht fühlt; man denkt: Ach, das geht vorüber, hab‘ dich nicht so. Dazu kam dann noch eine chronisch werdende Erkältung, die nicht fortgehen wollte. Und da blieb nichts weiter übrig, als eine Seption der Nasenscheidewand, was dann ein anderes Singen bedingte. Monate­ lang hatte ich vorher mit einer vereiterten Stirnhöhle gesungen, musste sogar meinen ‚Fidelio‘ in Berlin abbrechen – was man von mir nicht kannte. Ich war immer zuverlässig gewesen.“

Ursula Schröder-Feinen als Elektra an der Deutschen Oper Berlin/ Foto Kranich/ DOB

Ursula Schröder-Feinen pausierte; das war das einzige, was sie tun konnte. Ihr Gesundheitszustand und vor allem ihre psychische Verfassung ließen ein Weitersingen unter diesen Umständen nicht zu. Tiefste Depression brachte sie zu Gurus und anderen Versuchen der Selbstfindung nach Indien, wo sie zur Ruhe kam.

Vorher hatten wir als Freunde alles getan, um ihr sängerisch wieder auf die Beine zu helfen, hatten sie zu berühmten Lehrern wie Metternich gebracht. Die renommierten Stimmbildnerinnen Ira Hartmann und meine Freundin Hanna Ludwig in Salzburg versuchten ihr Heil („Bub, sie versteht mich einfach nicht – und ich sie wohl auch nicht!“, sagte Hanna zu mir und gab auf). Wir hatten sie sogar an eine kleine deutsche Bühne bringen wollen, wo eine Kollegin sich anbot, als Ersatz in der Gasse zu stehen. In Amsterdam sang sie dem damaligen und freundschaftlich verbundenen Intendanten vor, der eine Kundry suchte, aber danach um seine Kronleuchter fürchtete – die die einst so leuchtende Stimme war riesig, geborsten und wild geworden. Sie hatte sie nicht mehr unter Kontrolle.

In dieser Zeit erfuhr sie auch schmerzlich, wer Freund und Feind war.  Sie hatte nie in diesen Kategorien gedacht; und es sprach für ihre Aufrichtigkeit, das sie nicht bitter wurde. Viele der Kollegen und Agenturen, Intendanten und Bühnen, mit denen sie eng und unter Triumphen zusammengearbeitet hatte, die zum Teil auch – das muss man wirklich sagen – sehr viel Geld an ihr verdient hatten, wollten nun von der Hilfe Brauchenden nichts mehr wissen – man ließ sie fallen. ,,Es ist ein hartes Geschäft; wenn man nicht mehr in Top-Form ist, wird man links liegengelassen.“ Durch ihr Leid hatte sie gelernt, keine Angst mehr vor dem Leben zu haben, ihr war das Schrecklichste passiert, was einem Sänger passieren kann; und durch diese Feuerprüfung war sie als ein gereifter Mensch hervorgegangen. Sie hatte, auch durch ihre Hinwendung zur buddhistischen Geisteshaltung, Selbstvertrauen und Sicherheit in einem neuen Leben neu gelernt. In der Begegnung mit dem Leid so vieler anderer Menschen in Indien suchte sie zurück in Deutschland ihr Zentrum in der Pflege von Alten und Bedürftigen. Sie starb nach einer schweren Grippe am 9. Februar 2002 mit nur 70 Jahren! Ich habe kaum eine Sängerin nach ihr kennengelernt, die mir mehr an Menschlichkeit vermittelte. Sie hat einen großen Teil meines Musikerlebens besetzt. Und ich vermisse sie. Geerd Heinsen

 

Ursula Schröder-Feinen und ihre Kollegin Leonie Rysanek beim Salzburger Plausch anlässlich der „Frau ohne Schatten“ 1975 unter Karl Böhm/ der Fotograf war der berühmte Theaterfotograf Ellinger, der als langlebiger Chronist seit dem Krieg das Salzburger Opern- und Theaterleben dokumentierte/ Foto Schröder-Feinen privat

Statt vieler Worte zitiere ich den unersetzlichen Kutsch-Riemens: Schröder-Feinen, Ursula, Sopran,  (* 21. Juli 1936 in Gelsenkirchen; † 9. Februar 2005 in Hennef); Ausbildung bei Maria Helm in Gelsenkirchen, dann an der Folkwang Schule in Essen. Sie sang seit 1958 im Opernchor von Gelsenkirchen, übernahm 1961 dort eine Partie in der Operette »Der Vogelhändler« von Zeller; eine Woche später begann ihre Opernkarriere 1961 am Stadttheater ihrer Geburtsstadt Gelsenkirchen als Titelheldin in Verdis »Aida«. Bis 1968 blieb sie an diesem Haus. Die Karriere der Künstlerin nahm eine sehr schnelle Entwicklung. Sie trat mit glänzenden Erfolgen an den Staatsopern von Hamburg, München und Stuttgart, in Essen, Hannover und Karlsruhe auf und war 1968-1972 ein geschätztes Mitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg wie auch der Deutschen Oper Berlin. 1970 debütierte sie an der Metropolitan Oper New York als Chrysothemis in »Elektra« von Richard Strauss, 1972 bewunderte man dort ihre Brünnhilde im »Ring des Nibelungen«. 1973 sang sie in Montreal die Titelrolle in »Salome« in der kanadischen Erstaufführung dieser Richard Strauss-Oper. 1975 trat sie beim Edinburgh Festival ebenfalls als Salome von Richard Strauss auf. Sie sang an der Staatsoper von Wien und an der Mailänder Scala; sie gastierte an der Grand Opéra Paris, in Genf, Straßburg, Kopenhagen, Prag und Amsterdam, an den Staatsopern von Berlin und Leipzig, bei den Festspielen von Edinburgh, in Lissabon, Genf, Chicago und San Francisco. Bei den Festspielen von Salzburg stand ihre Gestaltung der Färberin in der »Frau ohne Schatten« von R. Strauss 1974-75 im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. In Bayreuth sang sie große Wagner-Partien (u.a. 1971 Senta im »Fliegenden Holländer«, 1972 Ortrud im »Lohengrin«, 1973 Brünnhilde im Nibelungenring, 1975 Kundry im »Parsifal«). Weitere Höhepunkte in ihrem Repertoire waren die Elektra, die Tosca, die Turandot, der Fidelio, die Alceste in der gleichnamigen Oper von Gluck, die Cleopatra in »Giulio Cesare« von Händel, die Jenufa in Janáčeks bekannter Oper und die Isolde im »Tristan«. Nach einer Stimmkrise mußte sie ihre Karriere dann jedoch für längere Zeit unterbrechen. Von der groß dimensionierten hochdramatischen Sopranstimme der Künstlerin existieren nur wenige Aufnahmen. Auf Voce sang sie die Königin der Erdgeister in einer vollständigen Aufnahme der Oper »Hans Heiling« von Marschner. [Nachtrag] Schröder-Feinen, Ursula; sie trat 1976 an der Grand Opéra Paris als Brünnhilde auf. 1979 mußte sie ihre Karriere für längere Zeit unterbrechen. [Lexikon: Schröder-Feinen, Ursula. Großes Sängerlexikon, S. 22018 (vgl. Sängerlex. Bd. 4, S. 3152; Sängerlex. Bd. 6, S. 597) (c) Verlag K.G. Saur]

 

Anzumerken sind die vielen Live-Aufnahmen, die unter Sammlern kursieren, namentlich die vielen für den Dirigenten Günther Wich in Düsseldorf und NRW eigens mitgeschnittenen (so die Walküre 1974 in Düsseldorf). Der Tristan 1973 in Gelsenkirchen dokumentiert sie in der Partie der Isolde, die Frau ohne Schatten gibt es mehrfach (Salzburg 1975, die Met 1978, San Francisco 1976 u. a.), auch die Salome (Met, Wien u. a.), Fidelio (dto.), Parsifal bei der RAI 1970 und manche, manche mehr. Neben ihrer einzigartigen Färberin (mir unvergessen an der DOB Berlin neben der ebenfalls ewigen Rysanek als Kaiserin („Vater bist du´s?“), ist für mich als eine der unersetzlichen Aufnahmen ihre Ortrud im Bayreuther Lohengrin 1976 unter Silvio Varviso – endlich eine schön-stimmige Sopran-Ortrud an einem fulminant dirigierten Abend (warum hat orfeo das nicht längst herausgegeben?). G. H

  1. Carl Meffert

    Unvergessen – unvergänglich: Ich sah sie zuerst 1970 als Jenufa in Düsseldorf und dort danach mehrfach als Sieglinde, Fidelio, Salome, Elektra und Kundry. Eine herrliche, einprägsame Stimme, eine anrührende Darstellerin, eine liebenswerte Persönlichkeit und ein tragisches Schicksal. (P.S. Der Bayreuther ‚Lohengrin‘ ist von 1972 und der schwächere Karajan-‚Lohengrin‘ aus Salzburg von 1976.)

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