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„Ganz großes Kino“ kann alles Erstaunliche und Überdimensionale sein, „Ganz große Oper“ ist der Titel eines ab dem 1. Juni im Kino zu sehenden Films über die Bayerische Staatsoper, und der könnte sich als im ursprünglichen Sinne ganz großes Kino erweisen. Dabei beginnt es ganz bescheiden mit einem Einblick in das Opernstudio des Hauses, in dem gerade ein Mezzosopran die Arie des Idamante aus Mozarts Idomeneo einstudiert, und es endet auch (fast) ebenso mit der Fortsetzung dieser Szene. Ganz große Oper erwarten allerdings offensichtlich die Zuschauer, die in eleganter Abendkleidung, dem Mercedes oder BMW entstiegen, in das Theater  zu einer Premiere strömen, von denen drei im Mittelpunkt der Dokumentation stehen: Die Meistersinger, Les Indes galantes und Ballo in Maschera; und für ganz große Oper Gewähr stehen die Stars, die vorgestellt werden: Jonas Kaufmann als Stolzing, Anja Harteros als Amelia und die Dirigenten Kirill Petrenko und Zubin Mehta, die sich (fast) alle nicht nur über ihre jeweilige Aufgabe, sondern ganz allgemein über ihre meist langwährenden Beziehungen zum Münchner Haus äußern. Reizvoll ist der Einblick, der in die Proben in ihren einzelnen Phasen gewährt wird, der ständige Wechsel zwischen diesen und Ausschnitten aus der Premiere wird besonders demjenigen gefallen, der die Produktion kennt, während er den Neuling eher verärgern könnte, wenn der jeweils aus einer gerade entstandenen Stimmung gerissen wird. So wie die Solisten erlebt man auf diese Weise auch den Chor und das Orchester des Hauses. Aber vieles davon hat man auch schon im TV gesehen.

Eines der Verdienste des Films von Toni Schmid ist es, dass er eindrucksvoll vermittelt, dass nicht nur die großen Künstlernamen das Ansehen eines Opernhauses ausmachen, sondern jeder einzelne Mitwirkende dazu beiträgt, und so kommen ausführlich und mehrmals Orchestermitglieder zu Wort, sprechen über die Besonderheiten ihres Instruments und den Zusammenhang von Instrument und Charakter des Spielers.

Wenn man 45 Titel im Repertoire hat wie die Bayerische Staatsoper, muss die Technik Enormes leisten und sie wird eindrucksvoll vertreten durch Einblicke in den Aufbau einer Szenerie, aber auch  in den Malersaal, in die Schneiderei und Schusterei, den Kostümfundus und auf die Arbeit der Maskenbildner darf der Betrachter des Films mehr als einen Blick werfen sowie etwas über die Aufgaben des Hausmanagements erfahren.

Natürlich darf das Ballett mit seinen Chefs Igor Zelensky und Judith Turos nicht fehlen, dessen Kompagnie bei der Einstudierung der Bajadere gefilmt wurde.

Der jetzige und der ehemalige Intendant, Nikolaus Bachler und Peter Jonas, äußern sich darüber, warum sie eine ganz besondere Beziehung gerade zu diesem Haus entwickelten. Kirill Petrenko bleibt seinem Vorsatz, keine Interviews zu geben, auch in diesem Film treu, während Zubin Mehta im Gegensatz dazu gern und weit ausholt und über seinen Weg zur Oper generell Auskunft gibt, den ihm erst Domingo in Los Angeles ebnete. Tröstlich mag für alle traditionsbewussten Opernbesucher klingen, was der jetzige Intendant abschließend meint, wenn er bekennt, kein Ideologe sein und nicht erziehen zu wollen, lieber glückliche als wütende Zuschauer aus einer Opernvorstellung zu entlassen. Vielleicht gelingt auch nur so ganz große Oper, wie der Film zeigen will. Allerdings weckt er auch durchaus den Verdacht, er wolle um jeden Preis Propaganda für die Bayerische Staatsoper machen, die im Auge des Betrachters als eine Schöpfung allein ihrer gegenwärtigen Vertreter erscheint, ohne einen Bezug zu einer ja immerhin mindestens ebenso ruhmreichen Vergangenheit, über die kein Wort verloren wird. Und dass die Bayerische Staatsoper nun nicht als die einzige mit einem Anspruch auf „ganz große Oper“ dasteht, weiß der Zuschauer außerhalb Bayerns auch, nur eben wird für diese Häuser weniger PR gemacht, auch weil offenbar kein Budget dafür vorhanden ist (oder die Präferenzen woanders anders gesetzt werden). Aber ein bissel trommeln schadet ja nicht…  Ingrid Wanja