Verdis Stiffelio: Exkurs über Kirche und Moral

 

Locandina 1850/HeiB

Locandina 1850/HeiB

Angesichts  wenig Überraschendem beim ohnehin eher selten vertretenen  Stiffelio (nun aus Parma 2013 bei Unitel) ist ein Blick auf die recht knappen  Dokumente für diese Oper angebracht. Bemerkenswerterweise  hatte die RAI/Cetra in ihrer Verdi-Hommage 1951 (dazu den Artikel ebenhier) diese vielleicht auch  moralisch  für  damalige  Verhältnisse „schwierige“ Oper in ihrem Aufführungs-Kanon ausgelassen. Und bis 1980 (wie das unschätzbare Kompendium der RAI-Ausstrahlungen von Gualerzi/ Roscioni feststellt) wur­de Stiffelio bei der RAi nicht gesendet oder produziert – interessant.

Zeitgenössische Illustration zum "Stiffelio"/HeiB

Zeitgenössische Illustration zum „Stiffelio“/HeiB

Oliviero de Fabritiis dirigiert den Stiffelio 1972 in Neapel mit einem stentoralen (!!!) Mario Dei Monaco viel zu spät im Titel, erneut mit der nicht minder lauten Gulin, die eine Art Abo auf die Rolle hatte („Anything you can do…“), dazu mit anderen, nicht sehr präsenten Sängern (ehemals MRF,  dann GOP und Legato als CD) .

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Lamberto Gardelli halte ich selbst heute, als Verdi-Dirigent der eher im Ansatz und der Intention denn in der Ausführung lobenswerten Verdi-Reihe bei Philips, für drastisch überschätzt; sein Stiffelio profitiert nicht von seinen anonymen Tempi, sondern  von  dem jungen (1979!) Jose Carreras in der Titelrolle – selten hat er  etwas  so Packendes, Spannendes gesungen, selten so intensiv sich auf eine Rolle,zumal im Studio, eingelassen – er bietet alle Tugenden eines feurigen Verdi-Sängers  mittlerer Größe auf, wunderbar. Sylvia Sass ist als Lina außerordentlich unterschiedlich, mal beteiligt, mal mit einem Schlaftrunk in der Hand, technisch und stimmlich sehr unausgewogen  und dazu in der Diktion verwaschen. Dennoch – auch bei ihr halte ich diese Aufnahme der Lina für ihre beste, weil intensivste und dabei doch recht kontrollierte (Was konnte sie einen doch sonst zum Gähnen bringen!). Matteo Manuguerra und Wladimiro Ganzarolli sind wackere Haudegen und Philips-Hauskräfte. Ezio di Cesare, Maria Venuti und Thomas Moser (!) stützen in den kleineren Partien, während die britischen Orchester- und Chorkräfte etwas anämisch klingen.

 

"Stiffelio" Partitur/HeiB

„Stiffelio“ Partitur/HeiB

Mondo Musica (gibt´s die noch?) kam dann noch mit dem Memento des damals bemerkenswerten Fenice-Projektes heraus, das im Dezember 1985 den Stiffelio von 1850 mit dem Aroldo von 1857 kontrastierte oder koppelte (mal an einem Abend und mal an zweien, und ich erinnere den  Geruch von heißer Erbsensuppe im Foyer während der Pause, es war kalt!), gut gemeint und etwas schlampig ausgeführt, weil der Stiffelio damals unerhört intensiv wirkte und der Aroldo schlecht besetzt war. Die Pizzi-Produktion des Stiffelio prunkte hingegen mit rotem Samt und luxuriösem Ambiente. Leider sind in der akustischen Retrospektive viele der erinnerten Glücksmomente sauer geworden, denn weder Eliahu lnbal am Pult noch Rosalind Plowright als Lina halten, was man erinnert. Der Dirigent schleppt und ist definitiv kein Verdi-Champion, und die Diva schleift in die Töne und findet die Höhe knapp. Antonio Barasorda, Otello-Retter bei Bergonzis Ausstieg in New York mit Eve Queler, ist hier bereits ein interessanter, ernstzunehmender Tenor, Brent Ellis macht einen bemühten Stankar; die übrigen verbreiten italienische Stimmung, aber die Tontechnik verleidet auch zu vieles, was vielleicht bei besserer Qualität nachdrücklicher herübergekommen wäre. Peccato, aber es war damals ein großer Abend (naja, dann die Aliberti im Aroldo…..).

 

verdistiffeliodomingoVideo-Aufnahmen gibt es auch und einige: So aus der Met, 1994, wo die Lina von einer wirklich abscheulichen Sharon Sweet bearbeitet wird, bei der man weder hinsehen noch hinhören darf. Über Optik und Gewichtsprobleme lässt sich ja streiten, aber über gemeinen Tonschliff, unidomatische Diktion und qualligste Gesangsproduktion nicht (sage ich ganz persönlich, um eine Klage zu vermeiden, aber Sharon Sweet hat für mich schon manche Abende an der DOB und Aufnahmen ruiniert, nicht zuletzt den Freischütz bei BMG, was für ein Geheimnis um ihre Karriere, die sie bis an die Met gebracht hat, wo sie eine Hauskraft wie die Radvanovsky wurde). Diese DG-DVD gibt es auch bei Serenissma als CD­-Soundtrack, und mit einiger Berechtigung, denn neben dem erwähnten dicken Wermutstropfen war der Kelch sonst voll gefüllt. Plácido Domingo ist der Held des Abends mit einem strammen Stiffelio voll gewohnter Instant-Leidenschaft und vokalem Glanz bei einiger gestalterischer Oberflächlichkeit (wie das bei ihm ja meistens so war). Vladimir Chernov ist für mich einer der wenigen großen Verdi-Baritone unserer Zeit (Stankar), und mit Paul Plishka und anderen hatte James Levine (etwas knallig) am Pult ein mehr als kompetentes Ensemble – da kam wirklich Spannung auf (und der Ton ist erstaunlich für Serenissima).

Wer gute Verbindungen in die USA oder einen Tauschpartner mit Kontakten hat, sollte sich um die Reprise an der Met kümmern, in der 1998 erneut Domingo (wenig gealtert) neben Haijing Fu, Martin Thompson, Paul Plishka und Veronica Villaroel singt, die zwar auch gar nicht das Gelbe vom Ei in Sachen Verdi ist (eine sehr unterschiedliche und auch plärrige Stimme neben einer gelegentlichen erstaunlichen Ausdruckskraft), die aber der Sweet meilenweit (was sag ich: Lichtjahre) voraus ist (Legato und andere Graue).

 

verdistiffeliocarrerasEs gibt auch ein Covent Garden-Video vom Stiffelio aus London, ca. 1993, das gemischte Gefühle hinterlässt, denn weder der von Krankheit und Verschleiß inzwischen doch sehr angenagte José Carreras (der es mit dieser ehemaligen Erfolgspartie noch einmal wissen wollte, Foto oben aus dem Video/Unitel Classica) noch die für diese Partie gar nicht geeignete, weil viel zu charaktervoll-persönliche (um es liebenswürdig zu sagen) Catherine Malfitano als Lina machen Mut – beide waren szenisch sicher sehr viel überzeugender als im Soundtrack. Da hilft auch Edward Downes´ zupackendes Dirigat an Covent Garden nichts (Opus Arte). Die Reprise von 2007 mit José Cura und Sondra (!) Radvanovski hat es m. W. nur auf tiefgraue CD-Scheiben geschafft, aber ich erinnere beide nicht so wirklich überzeugend – er sein stentorales Selbst und optisch leckerer als akustisch, und sie körnig und allgemein eher wie die Sass, vielleicht kann da der von mir vielzitierte Rahner helfen (s. den Artikel hier im Operalounge.de). Auch die übrigen Cura-Dokumente (so Monte-Carlo mit Virginia Tola) können mich nicht umstimmen. Carréras (Philips) bleibt mein Held.

 

verdistiffelioparmaVon Unitel Classica stammt der DVD-Mitschnitt aus Parma 2013, der seine landschaftlichen Einzelschönheiten hat (wie es eine berühmte Künstlerin mal formulierte). Robert Aronica ist durchaus tapfer und charaktervoll, ein wenig zu undifferenziert und nicht leidenschaftlich-stürmisch im Fahrwasser von Carreras 1 bei Philips, eher provinziell-angenehm, Yu Guanqun arbeitet sich irgendwie durch die Lina hindurch (keine spinto-Soprane mehr in Italien und was für eine Verpflichtung für Parma, dem ehemaligen Hort des Verdi-Gesangs!), Roberto Frontali erinnert langlebig als Stankar an seine guten Zeiten, und unter Andrea Battistini kommt das auf, was man Italianità nennt. Zudem ist die Optik angenehm konservativ und wirklich schön-stimmungsvoll beleuchtet (auch und wie die ganze Serie in Blu-ray).

 

Geerd Heinsen

 

 

 

 

 

  1. Geerd Heinsen Artikelautor

    Da föllt mir immer der Spruch meines Uni-Professors ein: Der eine liebt Leberwurst und der andere grüne Seife! Wie auch hier – über Geschmack lässt sich nicht oder nur wenig streiten – angesichts der schmissigen alten RAI-Aufnahmen klingt mir Gardelli mit seinem frühen Verdi eben langweilig und zu akademisch. Da fehlen mir das Leben und der Schwung – pardon. Aber nun bitte keine Erwiderung mehr, der Artikel ist von 2014 und mir für eine Diskussion zu alt. G. H.

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  2. Peter

    Bissig-süffige Kommentare mag ich ja, ich muss es gestehen. Aber sie müssen Hand und Fuss haben. Dies ist meiner Meinung nach bei der Herabwürdigung von Gardelli und dessen Verdi-Reihe nicht der Fall. Erstens wird der Dirigent nicht wie behauptet masslos überschätzt. Eher im Gegenteil: liest man „professionelle“ Rezensionen über ihn, so wirft man ihm gebetsmühlenartig sehr oft sein angeblich gefühlloses Hmtata-Herunterrumpeln dieser frühen Verdi-Partituren vor. Wenn man aber genau hinhört, so muss einem einfach seine absolute Affinität zu dieser Musik auffallen. Er dirigiert kohärent, baut gekonnt Spannungsbögen auf, während er die lyrischen Momente auf bezaubernde Weise gestaltet, in Ton und Tempo.
    Und was die Sänger und Orchester betrifft, so ist einfach alles erste Sahne. Natürlich hat man persönliche Präferenzen. Aber in der Geschichte der Opern-Aufnahmen ist mir kaum etwas bekannt, das als Zyklus an diese konstante Qualität heranreicht. Die Reihe gehört bei mir jedenfalls zu den meistgehörten, wenn es um frühen Verdi geht!

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