Die Stimme des Hasses

Die georgische Sopranistin Tamar Iveri gehört nicht zu den künstlerischen Leuchttürmen des Klassikbusiness, ist aber seit Jahren eine durchaus feste Größe auf den Besetzungslisten internationaler Opernhäuser. Mit Mozart begonnen, inzwischen bei, leidlich bewältigtem, Verdi und Puccini angekommen, ist sie ein solider B-Sopran mit hübschem Timbre, einigermaßen verlässlicher Technik und überschaubarer Bühnenpersönlichkeit; kurz: eine von vielen Sängerinnen, die man mal engagieren kann, wenn gerade niemand Besseres zur Verfügung steht. So auch geschehen an der Bayerischen Staatsoper vor zwei Monaten, wo man Frau Iveri als Einspringerin in der Partie der Amelia in Simon Boccanegra präsentierte.

Nun ist Tamar Iveri (Foto oben/Tamar Iveri) allerdings in eine neue und äußerst hässliche Rolle geschlüpft: die der homophoben Hasspredigerin. Als Ende Mai in der Hauptstadt Tblissi ein Mob aus mehreren Tausend „christlichen“ und faschistischen Schlägern einen Demonstrationszug zur Gleichstellung von Homosexuellen angriff und etliche Teilnehmer lebensgefährlich verletzte, hatte Frau Iveri ihren „großen“ Auftritt. Georgiens Präsident Georgi Margwelaschwilli, der den Anschlag öffentlich scharf kritisiert hatte, bekam Post von der Sängerin; in einem offenen und vor homophober und faschistoider Hetze strotzenden Brief, zur Sicherheit gleich auch auf Facebook verlinkt, feierte sie die kriminellen Schläger als „großartige georgische Jugend mit unverdorbenem Blut“ und frohlockte, dass Kranke und Perverse „endlich mal richtig auf die Schnauze gekriegt“ hätten. (Falls jemand das gesamte Gewölle lesen möchte…..). Das alles ist, zumindest im bornierten Weltbild der Sängerin, ein Produkt der „ständig aus dem Westen herübergeschwappten Fäkalien“. Ja, klar. Ob diese „westlichen Fäkalien“ auch jene vielen Euronen Steuer- und Eintrittsgelder westlicher Staatsbürger (die womöglich schwul oder lesbisch sind!) beinhalten, aus denen Frau Iveris stattliche Gagen finanziert werden, lässt sie offen… Aber mit Nachdenken haben es Fanatiker ja bekanntlich eh nicht so.

Nun sind diese Ausfälle nicht nur sträflich dumm, sondern schlicht unerträglich und können auch nicht als „Privatmeinung“ abgetan werden; Faschismus ist nämlich keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Nun sind Musiker und Künstler nicht automatisch bessere oder intelligentere Menschen als der Rest der Bevölkerung (Quod erat demonstrandum!), aber dass sich so etwas ausgerechnet in der Welt der Oper abspielt, macht wütend und betroffen. Das Theater kann für uns alle, die wir es lieben und pflegen, unendlich vieles sein: ein Ort der Schönheit, der Liebe, der Vielfalt und der Leidenschaft, aber auch einer der geistigen Auseinandersetzung, des kultivierten Streites und der künstlerischen Innovation. Was es dagegen nicht ist und niemals werden darf, ist ein Ort der Intoleranz, des Hasses und der Ausgrenzung. Das wunderbare und einzigartige Spektakel namens Oper ist immer Mannschaftssport, wird erzeugt und getragen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und persönlicher Orientierung, die hier alle ihre Emotionen, ihre Ideen und Träume einbringen und verschmelzen.

Die Pariser Opéra und das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel haben bereits reagiert und kommende Engagements von Tamar Iveri gecancelled. Auch in Kollegenkreisen regt sich Widerstand, immer mehr Sängerinnen und Sänger erklären, nicht mehr mit ihr auf der Bühne stehen zu wollen. Als Alternative würden sich vielleicht Privatkonzerte oder Geburtstagsständchen bei den Herren Putin, Lukaschenko oder Assad anbieten, das nötige Kleingeld dürfte da zu verdienen sein… Auf den Opernbühnen dieser Welt werden wir Tamar Iveri jedenfalls nicht vermissen. Fabian Stallknecht

 

Diesen persönlichen Kommentar entnahmen wir dem blog des Autors (http://fabiuskulturschockblog.wordpress.com/)

Und auch die Australian Opera reagierte nach einem beispiellosen Proteststurm und entließ die Sängerin aus ihrem Vertrag („Opera Australia sacks soprano Tamar Iveri over gay slurs“; schreibt der Sydney Morning Herald. / G. H.

 

Und dazu laut Spiegel online auch noch die fragwürdige Stellungnahme der Sängerin: Iveri hatte sich für die Veröffentlichung entschuldigt und den umstrittenen Eintrag gelöscht. Sie erklärte, ihr Mann habe ohne ihr Wissen einen Text von ihr über die Gay Pride stark verändert und in ihrem Namen veröffentlicht. Ihr Mann sei „zutiefst religiös, erklärte sie. „Dieser Text spiegelt nicht meine Meinung wider.“ Offenbar habe sie ihn aber zu spät gelöscht, und er sei bereits im Umlauf gewesen. „Ich bin schockiert und traurig über Medienberichte, die mich als homosexuellenfeindlich bezeichnen“, schrieb sie auf Facebook….