Neues vom Palazzetto Bru Zane

 

Die neue Saison 2016 – 2017 verspricht spannend zu werden. Allein die Nachricht von der Reine de Chypre Halévys, mythischer Titel meiner langen Opernjahre, elektrisiert. Und auch die anderen Opern, die da genannt werden, fallen unter die Rubrik „interessant“. Wenngleich man in der Vergangenheit auch gelegentlich eine Kritik an der Auswahl der ans Tageslicht gehobenen Werke machen muss, die nicht alle nun so wahnsinnig aufregend sind – Cinq Mars von Gounod (kürzlich erschienen) oder auch die Jacquerie Lalos lassen in ihrer Wirkung nicht gerade die Welt still stehen. Aber ich will nicht meckern – wo findet man sonst ein solches Engagement für die Oper, in diesem Falle für die französische? Und die Zyklen von Saint-Saens, de la Tombelle oder Méhul sind ungemein verdienstvoll und schärfen und erweitern unseren Blick auf die romantische Musik in Frankreich. Vergleichbares findet sich weder in Deutschland/Österreich oder England noch in den osteuropäischen Ländern. Nachstehend ein Gespräch mit dem Palazetto Bru Zane über seine neue Saison also – Merci a tous! G. H.

 

Mit Camille Saint-Saens widmet der Palazzetto Bru Zane erstmalig auch einem bekannten Komponisten einen Zyklus. Wie kam es zu dieser Wahl? Bei der Wiederentdeckung der französischen Musik der Romantik geht es nicht nur darum, völlig unbekannte Komponisten und Werke zu neuem Leben zu erwecken. Es soll auch aufgezeigt werden, dass der Ruhm mancher Künstler wie Bizet, Gounod oder Massenet häufig nur auf einigen wenigen Werken beruht. Und in diesem illustren Kreise erschien uns Saint-Saens der interessanteste Vertreter zu sein, da seine Musik noch stark von überlieferten akademischen Vorstellungen geprägt ist.

Illustration zu Saint-Saens Oper "Le Timbre d´Argent"/ Wikipedia

Illustration zu Saint-Saens Oper „Le Timbre d´Argent“/ Wikipedia

So hat sich Saint-Saens, möglicherweise mehr noch als Gounod beispielsweise, immer wieder neu erfunden, und zwar bisweilen bis zu einem Punkt, an dem es einem „Laien“ nicht mehr möglich ist, einige seiner späten unbekannten Werke ihm zuzuordnen, weil er sich darin völlig unterschiedlicher musikalischer Stilmittel bedient. Im Rahmen des Zyklus bietet sich Gelegenheit, ganz gegensätzliche Facetten seines künstlerischen Schaffens zu beleuchten, darunter den fantastischen Stil aus der Oper Le Timbre d’argent (1877) und den Wagnerismus aus Proserpine (1887), zeitgemäße Melodien wie im Zyklus La Cend re rouge (1914) oder originelle experimentelle Strukturen wie in seinen Liedern mit Orchesterbegleitung. In den Konzerten in Venedig stehen selten aufgeführte Stücke auf dem Programm, darunter insbesondere das Klavierquintett, eines der beiden Klavierquartette, die Suite in F-Dur für Klavier oder die Suite für Violoncello und Klavier.

 

Palazzo Bru Zane: Alexandre Dratwicki und Nicole Bru/ PBZ

Palazzo Bru Zane: Der Musikwissenschaftler Alexandre Dratwicki und die Mäzenin Nicole Bru/ PBZ

Welche weiteren Komponisten und Werke werden in der Saison 2016-2017 zur Wiederentdeckung präsentiert? Als perfekte Ergänzung zu einem Programmpunkt, der sich um einen derart bekannten Komponisten wie Saint-Saens dreht, kann zweifelsohne die Wiederentdeckung  eines in völlige Vergessenheit geratenen Künstlers dienen. Einerseits wollen wir zeigen, dass der Palazzetto Bru Zane seine „experimentelle“ Mission nicht aus dem Blick verloren hat, und andererseits sind wir davon überzeugt, dass selten oder nie vorgetragene Musikstücke nichtsdestotrotz beim Musikliebhaber auf großes Interesse stoßen können. Dies trifft auch auf die Musik von Fernand de La Tombelle zu, der bereits  hier  und da im Programm  der ersten Spielzeiten  des Palazzetto Bru Zane aufgetaucht ist – immer wieder mit vollem Erfolg. Auf dem Festival in Venedig im Frühjahr 2017 wird der Palazzetto Bru Zane nahezu die Gesamtheit des kammermusikalischen Werks von La Tombelle vorstellen. Parallel dazu wird es mehrere Veranstaltungen anlässlich des zweihundertsten Todestages eines der ersten französischen Romantiker, Etienne-Nicolas Méhul (1817), geben; Uthal wird auf CD veröffentlicht mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment Es wird eine erste Ausgabe und Uraufführung der Messe pour le sacre de Napoléon aus dem Jahre 1804 geben, und in London wird eine „Mehul-Gala“ mit Auszügen aus Opern veranstaltet, die bisher nicht einmal auszugsweise vorgelegen haben (Les Amazones, Euphrosine, Ariodant, Melidore, Une Folie usw.). Ebenfalls im Bereich der Opernmusik ist eines der mit besonderer Spannung erwarteten Ereignisse die Wiederaufführung von Halévys Oper La Reine de Chypre, mit der das 5. Festival des Palazzetto Bru Zane 2017 in Paris eröffnet werden soll.

 

Ein mythischer Titel: "La Reine de Chypre" von Halévy/ Liebig/ OBA

Ein mythischer Titel: „La Reine de Chypre“ von Halévy/ Liebig/ OBA

Dazu noch ein Wort: Für die fünfte Ausgabe seines Pariser Festivals 2017 konnte der Palazzetto Bru Zane dank einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Théâtre des Champs-Elysées im Rahmen einer Aufführung von Halévys La Reine de Chypre (1841) sowie durch die Aufführung einer Bühnenfassung von Saint-Saens‘ Le Timbre d’argent (1877) in Koproduktion mit der Opera Comique an das Programm der letzten Jahre anknüpfen. (…)  Obgleich es der Erfolg von La Juive aus dem Jahre 1835 war, der Halévy einen Eintrag in die Annalen der Musikgeschichte sichern sollte, betrachteten nicht wenige die sechs Jahre später komponierte Oper La Reine de Chypre als sein eigentliches Meisterwerk. Kein Geringerer als Wagner bezeichnete die darin enthaltene Musik als „edel, ergreifend und zugleich neuartig und mitreißend“ und beschäftigte sich damit sogar in einer ausführlichen schriftlichen Analyse. Selbst Kritiker des Komponisten mussten einräumen, dass diese neuartige Musikform gewisse Qualitäten aufwies, so auch George Sand, die gegenüber Delacroix von einer „wunderschönen und prachtvollen Inszenierung“ sprach. Bei der Uraufführung von Halévys Oper am 22. Dezember 1841 erhielt Rosine Stoltz den Vorrang für die Titelrolle und zugleich die einzige weibliche Rolle der Aufführung, da man es vorzog, sie aufgrund ihrer ständigen Streitigkeiten mit den übrigen Sängerinnen vom Rest des Ensembles zu trennen. An ihrer Seite brillierte der Tenor Gilbert Duprez in der Rolle des Gérard.

Klavierauszug "La reine de Chypre" von halévy/ OBA

Klavierauszug „La Reine de Chypre“ von Halévy/ OBA

Im Unterschied zu den Grands Opéras aus der Zeit zwischen 1830 und 1840 beinhaltete La Reine de Chypre neben einer ausgedehnten Basspartie (Andrea Cornaro) eine ausgesprochen anspruchsvolle Partie für einen hohen Bariton (Lusignan). Die Handlung entführt den Zuschauer auf eine Reise von den Palästen Venedigs hin zu denen auf Zypern. Vom Musikverleger Maurice Schlesinger, der immer auf der Suche nach musikalischen Neuheiten war, wird berichtet, dass er für die Rechte an der Oper die enorme Summe von 30 000 Francs zu investieren bereit war. Es gab einen gewissen Anfangserfolg, von dem Übersetzungen in mehrere Sprachen und einige im Anschluss an die Uraufführung herausgebrachte Vertonungen des gleichen Librettos zeugen (zu nennen wären hier insbesondere Catarina Cornaro von Lachner aus dem Jahre 1841 und Donizettis Version aus dem Jahre 1843). Dennoch wurde das Werk seit mehr als 150 Jahren nicht mehr auf europäischen Bühnen aufgeführt. Am 7. Juni 2017 wird es eine Aufführung geben im Théâtre des Champs-Elysées, in der Véronique Gens, Marc Laho, Etienne Dupuis und andere unter der Leitung von Hervé Niquet am Pult des Orchestre de Chambre de Paris und des Chors des flämischen Rundfunks singen.

 

Hervés "Chevaliers de la Table ronde" in Venedig/ Szene/ Foto Crosera

Hervés „Chevaliers de la Table ronde“ in Venedig/ Szene/ Foto Crosera

Wie geht es nach dem Erfolg der Chevaliers de la Table ronde mit der Produktionstätigkeit weiter? Die Produktionstätigkeit wird auch in den kommenden Spielzeiten mit der Maßgabe einer breiteren inhaltlichen Fächerung fortgesetzt. Bereits jetzt konnten wir mit den Chevaliers de /a Table ronde von Hervé mehr als 20 000 Zuschauer erreichen und somit einen wichtigen Beitrag zur Kernaufgabe des Palazzetto Bru Zane leisten, die darin besteht, unbekannte Werke und Komponisten einem größeren Publikum zu Gehör zu bringen. In der Spielzeit 2016-2017 wird die Tournee fortgesetzt, die im Rahmen von 14 Aufführungen am Athenée Théâtre Louis Jouvet in Paris sowie anschließend in Limoges, Besanon und Sénart emeut Gelegenheit bietet, die Inszenierung von Pierre-Andre Weitz und der Kompagnie Les Brigands zu erleben.

Jean-Baptiste Lemoyne, Büste von Noël-Nicolas Coypel, 1730, Terracotta/ theredlist.com

Jean-Baptiste Lemoyne, Büste von Noël-Nicolas Coypel, 1730, Terracotta/ theredlist.com

Darüber hinaus blickt der Palazzetto Bru Zane ein weiteres Jahrhundert zurück zu den Anfängen der französischen Romantik und  hebt mit der im Jahre 1786 komponierten lyrischen Tragödie Phèdre von Jean-Baptiste Lemoyne eine weitere szenische Aufführung aus der Taufe. Mit Julien Chauvin, seinem Concert de la Loge Olympique und Regisseur Marc Paquien wird eine für vier Sänger und zehn Instrumentalisten überarbeitete Bühnenfassung dargeboten, an der auch das Théâtre de Caen und der Centre de musique baroque de Versailles beteiligt sind. Die Aufführung kann zunächst im April 2017 in Caen und zwei Monate danach im Rahmen des 5. Festivals des Palazzetto Bru Zane im Pariser Théâtre des Bouffes du Nord erlebt werden.

Aus dem Bereich der Kirchenmusik und anlässlich des zweihundertsten Todestages von Etienne-Nicolas Mehul stammt die Wiederaufführung der von Mehul für die Krönungszeremonie Napoléons komponierten und seitdem nie wieder aufgeführten Messe, für die der Palazzetto Bru Zane Francois-Xavier Roth und sein Orchester Les Siecles gewinnen konnte. Die Konzertreise führt über Laon, Bonn, Grenoble und Nimes nach Versailles.

Schließlich steht im Jahre 2017 noch Au pays où se fait la guerre, Le Ven tre de Paris und Es war einmal..., die weiterhin in Frankreich und Deutschland aufgeführt werden, mit Auf Stimmenfang eine weitere thematische Veranstaltung auf dem Programm. Hier steht die Politik im Mittelpunkt, die bereits im 19.Jahrhundert Komponisten wie Chansonniers als Inspirationsquelle gedient hat.

 

Charles-Henri Plantade, 1806/ fr.wikipedia.org

Charles-Henri Plantade, 1806/ fr.wikipedia.org

Wie entwickelt sich die audiovisuelle Strategie des Palazzetto Bru Zane? Angesichts der Tatsache, dass szenische Auführungen von Felicien Davids Herculanum (vergl. operalounge.de)auf dem Festival von Wexford und von Gounods Cinq Mars (ein Bericht folgt bei operalounge.de) in der Leipziger Oper in diesem Jahr auf dem Programm stehen, und zwar im Anschluss an eine Wiederaufführung und Aufzeichnung dieser Werke (bei Ediciones Singolares) durch den Palazzetto Bru Zane, wird deutlich, welchen grundlegenden Einfluss die Veröffentlichungen des Centre de musique romantique francaise  auf die Verbreitung dieses Repertoires nehmen. In der Spielzeit 2016 – 2017 sind erneut Einspielungen der Opern Proserpine und Le Timbre d’argent von Saint-Saens sowie La Reine de Chypre von Halévy für die Reihe „Opera francais“ geplant. Der Zyklus zu Ehren von Fernand de la Tombelle soll ebenfalls für die Aufzeichnung mehrerer bisher unveröffentlichter  Werke genutzt werden, die in ein geplantes Porträt des Komponisten einfließen sollen.

Fernand de La Tombelle, 1890/ de.wikipedia.org

Fernand de La Tombelle, 1890/ de.wikipedia.org

Gleichzeitig setzt der Palazzetto Bru Zone die Koproduktion von Aufnahmen mit verschiedenen Partnerlabels wie Aparte fort, dessen Reihe mit Liedern und Anthologien zu Saint-Saens und La Tombelle bereichert werden soll. Weitere Publikationen umfassen eine CD zum Programm Es war  einmal…, das unveröffentlichte Requiem von Charles-Henri Plantade in einer Uraufführung durch den Palazzetto Bru Zane aus dem Jahre 2015, eine Auswahl seltener Opernarien gesungen von Veronique Gens und eine Sammlung von Liedern mit Orchesterbegleitung von Saint-Saens. Neben den CD-Veröffentlichungen hat der Palazzetto Bru Zane mit dem Internetradio Bru Zane Classical Radio, das weltweit empfangen werden kann (dazu der Bericht in operalounge.de) und ausschließlich französische Musik der Romantik sendet, eine weitere Möglichkeit zur Verbreitung des  Genres geschaffen. (Quelle: Palazzetto Bru Zane/ weitere Informationen und Details: Bru-Zane-com; mit Dank an die Damen von opelias/ letter@ophelias-pr.com)