Von mildem Humor…

 

Eine neue Compagnie hat sich gerüstet, zwei wichtige unbekannte  Opern aus dem Repertoire der britischen Insel herauszugeben, nachstehend mehr Informationen: Ethel Smyth’s Comic Opera The Boatswain’s Mate, 1916 für ein Souffragettentreffen in der Londoner Albert Hall verfasst,  ist gerade erschienen (ausgesprochen: Bosan) – zum ersten Mal komplett (es gab eine ältere unvollständige BBC-Aufnahme mit Alexander Young, die Amazon noch als mp3-downloads führt). Das ergänzt das schmale Kontingent von dokumentierter Musik der streitbaren englischen Komponistin, deren musikalische Hinterlassenschaft sich in Grenzen hält, wie ein Blick zu Amazon zeigt. Die Kritik zur neuen Aufnahme folgt anschließend.

smythe retrospect coverDie Retrospect Opera hat sich ins Zeug geworfen und eine veritable Sensation auf den Markt gebracht und damit eine empfindliche Lücke für die Wertschätzung der kampfeslustigen Komponistin vorgestellt. The Wreckers gibt es bei Conifer und wurde gelegentlich an kleineren Theatern (wie Hagen) aufgeführt. Nun die erste offizielle Studioeinspielung von The Boatswain´s Mate, wieder eine Seemannsgeschichte unter der Leitung von Odaline de la Martinez: Frauenpower also. 

 

 „Tuneful“, nennt man das wohl auf der britischen Insel. Genau das ist die vierte der sechs Opern von Ethel Smyth, der komische Einakter The Boatwain’s Mate, in etwa Der Freund des Bootsmannes. Als Basis diente Smyth der Einakter von William Wymark Jacobs nach dessen gleichnamigen Erzählung aus der Sammlung Captains All (1905); manchmal heißt es, sie habe den Text geschrieben, doch dem, so das Beiheft dieser Neuaufnahme, war offenbar nicht so. 1914 von Kairo kommend, hoffte sie, über eine Aufführung in Frankfurt verhandeln zu können; auch eine Aufführung ihres Hauptwerks The Wreckers in München war im Gespräch. Das wundert nicht, hatte Smyth doch am Leipziger Konservatorium studiert und in Deutschland eine kleine Anhängerschaft gefunden, darunter Bruno Walter und Arthur Nikisch: Fantasio war 1889 in Weimar herausgekommen, der von Karl Muck 1902 an der Berliner Staatsoper geleitete Der Wald schaffte es anschließend sogar an den Covent Garden und an die Met. Der Erste Weltkrieg machte die deutschen Pläne zunichte. Die Uraufführung der Bootsmann-Oper erfolgte schließlich 1916 am Londoner Shaftesbury Theatre durch Beechams Opernkompagnie. Im gleichen Jahr dirigierte die Dirigentin im Studio einige Ausschnitte, welche die Neuaufnahme (2 CD RO 0001) der rund 90minütigen Oper, welche die Retrospect Opera im Herbst 2015 im Londoner Stadtteil Walthamstow aufnahm, sehr geschickt und durchaus hörenswert abrunden. Dame Ethel (1858-1944) war eine Größe in England. So wie die eher lesbisch veranlagte Smyth vor Henry Brewster kapituliert und mit ihm ein Verhältnis einging hatte, gab sie schließlich der militanten Frauenbewegung nach, die sie seit langem umworben hatte und eines ihrer Lieder zur Hymne der kämpferischen Frauen erkor: The March of Woman kehrt in The Boatwain’s Mate wieder. Für die Sache der Frauen ließ die streitbare Smith sogar ihre Komponistentätigkeit ruhen und nahm einen Gefängnisaufenthalt in Kauf. Eine würdige Suffragrette. 1922 wurde sie geadelt.

Ethel Smythe/Wiki

Ethel Smythe/Wiki

In The Boatwain’s Mate lässt Smyth eine starke, unabhängige Frau reiferen Alters auftreten, Mrs. Waters, die vom Bootsmann Harry Benn umworben wird. Die Kneipenwirtin Waters gibt sich spröde. Um ihren Widerstand zu brechen und ihr die Notwendigkeit einer schützenden männlichen Hand vorzuführen, heuert Harry dem Exsoldaten Ned an, der zum Schein bei ihr einbrechen soll, worauf Harry als Retter in der Not auftauchen will. Der andere Mann scheint ihr besser zu gefallen. Ein romantisches Happy End zeichnet sich ab, obwohl der Schluss etwas Capriccio-haft, spätherbstlich offen bleibt. Strauss Alterswerk lag zwar noch nicht vor, die kleine, irgendwie im Umfeld von Smetanas Zwei Witwen und Kodalys Spinnstube anzusiedelnde Oper pflegt einen leichten, spätromantisch altmodisch eleganten Singspielton, der zu Tiefe fähig ist, man hört ein bisschen Hänsel und Gretel, was auch am strengen Ton liegt, den Nadine Benjamin der Mrs. Waters zukommen lässt, dazu ein paar Genreszenen aus dem Seeleute-Milieu, und wenn die Polizei anklopft, pocht das Schicksal mit einem Zitat aus der Fünften gewaltig an die Tür. Eine Schelmerei. Ein wenig disparat verwendet Smyth in der ersten Hälfte Sprechtexte, während der zweite Teil durchkomponiert ist. Edward Lee, den ich in vielen netten Buffopartien in Pforzheim gehört hatte, und Jeremy Huw Williams singen den Matrosen Harry und den Kavaliers-Einbrecher Ned mit Geschmack; wegen der Sänger wird man die Aufnahme nicht kaufen. Das Lontano Ensemble wird selbstverständlich von einer Frau dirigiert, Odaline de la Martinez, die sich vor rund 20 Jahren schon The Wreckers angenommen hatte.

Ethel Smyth: "The Boatswain´s Mate" am Theater Luzern im Februar 2014/Szene/Ttheater Luzern/ Ingo Höhn - dazu gab es auch eine umfangreiche Ausstellung zu Ethel Smyth, bedeutend nicht nur für den deutschsprachigen Raum (s. dazu die website). Hersilie Ewald besorgte die Inszenierung, Andrew Dunscombe dirigierte. Es sangen Alexandre Beuchat/Ned Travers, Tobias Hächler/Harry Benn, Eva Herger/Mary Ann, Anna Kovach/Mrs. Waters, Martin Roth/Policeman; es spielte die Junge Philharmonie Zentralschweiz. dank an das Luzerner Theater für die Genehmigung zum Nachdruck für dieses und das untenstehende Foto von Ingo Höhn.

Ethel Smyth: „The Boatswain´s Mate“ am Theater Luzern im Februar 2014/Szene/Ttheater Luzern/ Ingo Höhn – dazu gab es auch eine umfangreiche Ausstellung zu Ethel Smyth, bedeutend nicht nur für den deutschsprachigen Raum (s. dazu die website). Hersilie Ewald besorgte die Inszenierung, Andrew Dunscombe dirigierte. Es sangen Alexandre Beuchat/Ned Travers, Tobias Hächler/Harry Benn, Eva Herger/Mary Ann, Anna Kovach/Mrs. Waters, Martin Roth/Policeman; es spielte die Junge Philharmonie Zentralschweiz. dank an das Luzerner Theater für die Genehmigung zum Nachdruck für dieses und das untenstehende Foto von Ingo Höhn.

Angehängt sind – sehr spannend – originale HMV-Aufnahmen aus dem Jahr der Uraufführung mit Rosina Buckman, Frederick Ranalow und anderen (also die Besetzung der Uraufführung) sowie die Ouvertüre aus den Wreckers unter La Smyth selbst von 1930 – was für eine historische Fundgrube. Rolf Fath

 

Nachstehend ein paar Informationen von der website von Retrospect Opera zu Ethel Smyth (die Johannes Brahms ungalant „meine Schmeißfliege“ nannte – somit weiß der Nicht-Angelsachse zumindest, wie sie sich ausspricht…)  ( Retrospect Opera RO 001/ 2 CD mit nur-englischem Libretto und Anmerkungen von Christopger Wiley und David Chandler, dem Alfano- und Verismo-Spezialisten, dem operalounge.de einen fundierten Artikel zu Montemezzis Oper La Nave verdankt); zu kaufen gibt´s die neue Aufnahme von The Boatswain´s Mate unter www.retrospectopera.org.uk/CD_Sales.html  und  www.amazon.co.uk/Boatswains-Mate-Ethel-Smyth/dp/B01HIJX83Q;  (£14.95 plus postage post free in the UK,, £2.50 to Europe; through amazon.co.uk £15.95 plus postage ). G. H.

Ethel Smyth´s "Boatswain´s Mate" in Luzern: Die Sopranistin Anna Kovach gibt die Wirtin mit viel Temperament und leuchtendem, aber zu Härten neigendem Sopran Luzerner Theater  Ingo Höhn

Ethel Smyth´s „Boatswain´s Mate“ in Luzern: Die Sopranistin Anna Kovach gibt die Wirtin mit viel Temperament und leuchtendem, aber zu Härten neigendem Sopran/ Foto Luzerner Theater/ Ingo Höhn

Dazu ein Text von der Firma selbst: Recording neglected masterpieces: Retrospect Opera is a new organisation devoted to recording 19th- and early 20th-century operas by British composers. Britain produced many great operas in those pre-Britten days, but very few are remembered today. We ask you to help us bring them to life again. Our first project is Dame Ethel Smyth’s The Boatswain’s Mate.

Smyth is the central figure in the history of British women’s music: the first female composer to compete with her male contemporaries in every department of composition! The Boatswain’s Mate, a laugh-out-loud operatic comedy in Smyth’s most tuneful and genial style, proved the most successful of all her works in her lifetime. It poses, in the most delightful way, the eternal question: is a woman better off alone, or with a man? Completed in 1914, and first produced in 1916, it is an opera of the Great War and it gives a rich insight into what audiences enjoyed a century ago. The music, in Smyth’s highly imaginative style, also uses her own ‘March of the Women’, nursery rhymes, folk melodies and even a quote from Beethoven’s 5th symphony! All of us at Retrospect Opera have considerable experience in the field of British opera – editing music for performance and recording, publishing books and articles, and on the business side too. The recording sessions, at St Mary’s Church, Walthamstow, London, from September 2915/ April 2016 has used professional orchestra and is being conducted by Odaline de la Martinez, a great champion of women’s music, and especially Ethel Smyth. (Quelle Retrospect Opera).

Ethel Smythe: "The Boatswain´s Mate", Illustration von Henry Scott Tuke/ Wiki

Ethel Smythe: „The Boatswain´s Mate“, Illustration von Henry Scott Tuke/ Wiki

Ethel Smyth (1858-1944) occupies an absolutely central place in the history of British women’s music. In terms of professionalism, ambition and achievement she was in a completely different league from the female composers who preceded her, and she has gone on proving an inspiration and influence to those who came after her. In recent decades, her significance and abilities have been demonstrated by a series of recordings and rapidly increasing academic interest. There is no doubt that, with the general boom in women’s music, and the fact that her music goes out of copyright next year (2015), we will be hearing a lot more of Smyth in the future.

Although a good deal of Smyth’s music is now available on record, the genre with which she was most preoccupied and identified, opera, is very poorly represented. Of her six operas, only one has been recorded entire: the magnificent Wreckers. That recording was made twenty years ago and we believe it high time for more of Smyth’s operatic work to be available. The outstanding candidate is the immediate successor to The WreckersThe Boatswain’s Mate (1916), Smyth’s most tuneful and humorous work. The relationship between these two very different operas has well been described as closely analogous to that between Peter Grimes and Albert HerringThe Boatswain’s Mate was completed in 1914 and first performed in January 1916 so it has particular resonance now, a century later, with interest in the culture of the First World War very high.

 

Der bedeutende amerikanische Maler John Sargent Singer zeichnete Ethel Smyth/ retrospectopera.org.uk

Der bedeutende amerikanische Maler John Sargent Singer zeichnete Ethel Smyth/ retrospectopera.org.uk

The Boatswain’s Mate was far and away Ethel Smyth’s most successful opera in her lifetime, with significant extracts being released on 78 rpm record by HMV in 1917 and the work entering the repertory of the Old Vic in the 1920s. This is not surprising, for it is one of the comparatively few laugh-out-loud operas with its wonderful farcical plot. Despite the farce, it is a thought-provoking work, if anything of greater relevance today than it was in 1916, for at the centre of the story is the question of whether the widowed Mrs Waters would be happier living independently or getting remarried. It has sometimes been described as the feminist Smyth’s most feminist work. Her suffragette anthem, ‘The March of the Women’, is significantly incorporated into the overture, as are nursery rhymes, folk-melodies, and even a quotation from Beethoven’s 5th Symphony!

Musically, The Boatswain’s Mate reveals Smyth at the very height of her powers, but in a relaxed and mellow mood. If some of her music gives the impression that she was trying excessively hard – not surprisingly, as she was convinced she had a male-dominated establishment arraigned against her – that is certainly not the case here. The Wagnerian ambitions of The Wreckers are replaced with something much more in tune with the fashion for light and sparkling number operas with a certain folk-like flavour that spread across Europe in the late 1800s. There is an obvious comparison to be made with Vaughan Williams’ Hugh the Drover, composed at almost exactly the same time, which its composer described as a ‘ballad opera’.

Ethel Smythe´Oper gab es bereits bei der BBC und ist als Download bei Amazon erhältlich

Ethel Smythe´Oper gab es bereits bei der BBC und ist als Download bei Amazon erhältlich

Smyth prepared two versions of her score, one for full and one for reduced orchestra, itself with two versions, small and smaller. We are using the smaller reduced version as The Boatswain’s Mate is a small-scale work, ideally suited for smaller companies and venues, and Smyth clearly wanted it to be a popular work and regarded the reduced orchestral versions as essential for its wider cultural diffusion. In this chamber version, it was staged by the Luzerner Theater in February 2014. All the performances were sold out and the audiences were extremely enthusiastic, sometimes laughing out loud at the musical jokes.

We expect The Boatswain’s Mate to appeal to people interested in British opera, British women’s music, and the musical heritage of the First World War, and also to those who in general prefer operetta and lighter forms of musical theatre. Text © 2014 David Chandler/ The Retrospect Opera (Foto oben: Soufragetten in London/lookandlearn.com)