Zum 90. Jahrestag

 

Wir erleben in Wien derzeit (2016/2017) ein kleines Korngold-Festival. Die Wiener Staatsoper holte für vier Vorstellungen ihre Inszenierung der Toten Stadt hervor und wenige Tage später (am 28. 1. 2017) gab es an der Volksoper drei konzertante Aufführungen seinem Wunder der Heliane. Der verstorbene Marcel Prawy hatte Korngold gerne als den „letzten großen Melodiker der Oper“ bezeichnet. Wiewohl diese Aussage sicher von persönlichen Erinnerungen geprägt ist, so muss man zugeben, dass sowohl Mariettas Lied zur Laute als auch das Lied des Pierrot aus der Toten Stadt mit zu den letzten „Opernschlagern“ gehören. Man kann aber andererseits nicht leugnen, dass sich in seinen Opern bereits die zweite Karriere Korngolds ankündigt. Nach seiner Emigration 1934 in die USA wurde er ein bedeutender Filmmusik-Komponst in Hollywood. Er schrieb neben vielen anderen die Musik zu Welterfolgen wie „Captain Blood“, „The Sea Hawk“ oder „Robin Hood“, alle mit Erol Flynn in der Hauptrolle. Für letzteren und für die Musik zum Film „Anthony Adverse“ erhielt er sogar den Oscar.

Für viele Korngold-Experten gilt die Heliane als sein größtes Werk, allerdings konnte er den Publikumserfolg der Toten Stadt, wahrscheinlich mangels entsprechender Ohrwürmer, nicht wiederholen. Die Handlung des Stückes spielt in einem unbestimmten Reich zu einer unbestimmten Zeit. Einzig die Titelrolle hat einen Namen, alle übrigen Rollen haben nur eine anonyme Bezeichnung. Ein junger Fremder wurde festgenommen und soll hingerichtet werden. Die Gemahlin des Herrschers, eben Heliane, verliebt sich in den Fremden, was natürlich dem Herscher nicht verborgen bleibt, und er stellt seine Frau vor Gericht. Um nicht gegen sie aussagen zu müssen, tötet sich der Fremde selbst. Daraufhin zwingt der Herscher Heliane, sich einem Gottesurteil zu unterwerfen. Um ihre Unschuld zu beweisen, muss sie den Fremden wieder zum Leben erwecken. Ihr gelingt das Wunder, wodurch die Macht des Herrschers gebrochen ist. Das Libretto ist teilweise rätselhaft und von großer Mystik geprägt. Die Musik ist der Mode der Zeit entsprechend spätromantisch, wobei Korngold einen gewaltigen Klangrausch entfesselt und Strauss und Mahler stellenweise grüßen lassen. Pianostellen sind eher selten zu finden, am ausgeprägtesten noch in der großen Szene der Heliane im zweiten Akt. Manche Besucher sprachen in der Pause von einer Klangwolke. Im dritten Akt stellen sich dann auch noch gewisse Längen ein.

Die Wiener Erstaufführung des Werkes fand 1927 nur wenige Tage nach der Hamburger Uraufführung statt. Die Hauptrollen sangen damals Lotte Lehmann, Jan Kiepura und Alfred Jerger. Mit Ausnahme der CD-Produktion von 1992 mit Tomowa-Sintow ist das Werk einigermaßen in der Versenkung verschwunden (wobei Aufführungen wie die in Bielefeld 1988 von John Dew, 1995 mit Luana DeVol in Amsterdam, 1970 in Gent mit William Lewis oder auch 2010 in Kaiserslautern für die Fans dieses Genres in Erinnerung bleiben/ G. H.). Aus Anlass des 90. Jahrestages der Uraufführung und des 120. Geburtstages des Komponisten brachte die Volksoper nun eben diese Oper konzertant.

Es ist sicher nicht einfach, dieses trotz aller Melodik sperrige Werk aufzuführen, und die Volksoper hat sich ohne Zweifel bemüht, für eine adäquate musikalische Wiedergabe zu sorgen. Leider ist dies nur zum Teil gelungen, und das lag in erster Linie an der etwas unausgeglichenen Besetzung der Hauptrollen. Die beste Leistung des Abends bot sicher Annemarie Kremer als Heliane. Sie bemühte sich mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran auf Linie zu singen, was ihr über weite Strecken auch gelang. Dazu bot sie sichere und stellenweise sogar strahlende Höhen. Ihre große Szene im zweiten Akt gestaltete sie sehr eindrucksvoll. Wie sie allerdings eine szenische Aufführung, wo sie dann das Orchester vor sich hat, überstehen würde, bleibt offen. Das Problem der Aufführung war Daniel Kirch als Fremder. Zugegeben, die Tessitura der Rolle ist schwierig, vergleichbar mit den Strauss’schen Tenor-Partien, aber so wie sie Kirch gesungen hat, bietet er einfach zu wenig. In der Mittellage klang die Stimme stumpf, und die Höhen waren meist gepresst. Martin Winkler als Herscher sang mit kraftvoller, allerdings etwas rauer Stimme, was bei dieser Rolle allerdings nicht so sehr stört. Dass er Rollen gut charakterisieren kann, weiß man ja. Martina Mikelic sang die Botin mit schön geführtem Mezzo. Von den übrigen Solisten seien noch Andreas Mitschke als sehr berührend singender Pförtner und Mehrzad Montazeri als höhensicherer Schwertrichter erwähnt.

Das Orchester unter der Leitung von Jac van Steen war sehr gut disponiert und bewältigte den Korngoldschen Klangrausch mit sichtlichem Engagement, wobei vielleicht die eine oder andere Differenzierung nicht geschadet hätte. Der von Holger Kristen einstudierte Chor war ebenfalls gut einstudiert und entfaltete ein gewaltiges Klangbild. Am Ende jubelte das Publikum wie immer in der Volksoper. Zusammengefasst muss man sagen, dass es sicher interessant war, das Werk einmal live zu hören, aber der Wunsch nach einer Wiederbegegnung, eventuell sogar in szenischer Form, ist endenwollend. Heinrich Schramm-Schiessl (mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker/ www.der-neue-merker.eu / Foto oben:Korngolds „Wunder der Heliane“ mit Lotte Lehmann und Jan Kiepura 1927 in Wien/ forbiddenmusic.org)