Vis á vis: Doris Soffel

 

Auf eine außergewöhnlich lange und überaus erfolgreiche Karriere als Sängerin blickt die Mezzosopranistin Doris Soffel zurück, deren künstlerischer Lebensweg sie von Stuttgart, wo sie von 1973 bis 1982  festes Ensemble-Mitglied war, an die großen Opernhäuser der Welt geführt hat. Jetzt war sie als Klytämnestra in Peter Konwitschnys spannungsgeladener „Elektra“ ins Haus am Eckensee zurückgekehrt und wurde für ihre beeindruckend intensive Gestaltung dieser Rolle gefeiert wie einst für Rossinis koloraturensprühende „Cenerentola“ am selben Ort. Hanns-Horst Bauer traf die Sängerin nach der „Elektra“-Matinée-Vorstellung am 28. Februar 2017 – ein ganz wunderbares Wiedertreffen nach 32 Jahren mit Glücksgefühl auf beiden Seiten.

 

Doris Soffel: „Elektra“ in Stuttgart/ Szene mit Simone Schneider/ Foto: Martin Sigmund

Bei unserem letzten gemeinsamen Gespräch vor 32 Jahren in der Stuttgarter Oper hatten Sie sich gerade gegen das weitere Singen im Ensemble und für eine eigenständige internationale Karriere entschieden. Haben Sie das jemals bereut? Nein, denn für mich war damals alles schon unter Dach und Fach. Ich hatte bereits meine Engagements an anderen Opernhäusern, etwa an Covent Garden in London. Heute dürfte so etwas unvergleichlich schwieriger sein.

Was hat sich denn für  Sängerinnen und Sänger in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Oh Gott, so vieles. Heute ist alles sehr schnelllebig und unruhig geworden. Die Sänger werden häufig in Rollen verschlissen, die sie gar nicht singen sollten. Im Ensemble, wie es das in Stuttgart zum Glück immer noch gibt, können Stimmen noch wachsen und reifen.

Die Klytämnestra in der „Elektra“ von Richard Strauss, die Sie im Augenblick in Stuttgart und München parallel singen, ist sicher eine Ihrer Paraderollen. Gehört sie auch zu Ihren Lieblingspartien? Inzwischen ja. Meine erste Klytämnestra durfte ich bereits 1996 mit Lorin Maazel und den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen singen, eingesprungen für die erkrankte Leonie Rysanek. Das war für mich damals etwas absolut Utopisches, habe  ich doch zugleich Charlotte in Massenets „Werther“ und die Judith in Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ gesungen. Danach habe ich die Rolle dann lange liegen gelassen, weil ich mich noch zu jung dafür fühlte. Klytämnestra war für mich die Krönung aller Frauenrollen, ein wahres Monster, wo man alle stimmlichen und schauspielerischen Facetten zeigen muss. Klytämnestras kamen dann zurecht erst wieder ab 2009, nachdem ich Kundry, Ortrud und die Amme in „Frau ohne Schatten“ gemacht hatte. Das war auch gut so. Es folgten die unterschiedlichsten „Elektra“-Produktionen, und jedesmal entdeckte ich eine neue Dimension meiner Klytämnestra. Das ist einfach eine tolle Partie, in der man sich so richtig ausleben kann.

Doris Soffel: „Elektra“ in Stuttgart/Szene mit Bernhard Conrad/Foto: Martin Sigmund

In Stuttgart hatten Sie am Beginn Ihrer Karriere unter anderem große Erfolge mit Belcanto-Partien. Wie hat sich Ihre Stimme im Lauf der Jahrzehnte entwickelt? Wie haben Sie sich darauf eingestellt? Ich habe ja schon mit 29 die Fricka im „Ring“ in Basel gesungen. Und als ich dieselbe Partie 1983 mit Georg Solti in Bayreuth gemacht habe, stand ich vor einer wichtigen Entscheidung, da ich fast zur gleichen Zeit Rossinis „Cenerentola“ in Schwetzingen und Stuttgart gesungen habe. Ich wollte in meinem Leben unbedingt einmal Primadonna sein, und das ist man bei Rossini und seinen Koloraturen wirklich. Koloraturen, Koloraturen, Koloraturen, das kann ich nur jedem Sänger empfehlen, da man so die Stimme nicht nur perfekt von unten bis oben und von oben bis unten unter Kontrolle, sondern sie auch frisch und elastisch hält. Zudem haben mich die Belcanto-Partien einfach glücklich gemacht.

Und was kam nach dem „Verzierungs“-Gesang? Eigentlich habe ich ja vier Karrieren nacheinander gemacht. Als junge Sängerin in Stuttgart musste ich alles singen, dann kamen italienische und französische Partien sowie viele Mahler-Konzerte, danach die großen Wagner-Knaller und jetzt die reiferen Rollen. Man muss einen sehr langen Atem und viel Geduld haben. Dabei bin ich doch sehr temperamentvoll.

Bekamen das auch die Regisseure von Rang und Namen  zu spüren, mit denen Sie zusammengearbeitet haben? Wenn mich ein Regisseur bremst, ist das für mich das Schlimmste. Wichtig bei der Zusammenarbeit ist, dass man offen und vernünftig miteinander über Probleme und Konzepte spricht. Als Sänger sollte man, wenn einem etwas nicht gefällt, immer gleich mindestens zwei Alternativen in petto haben. Oper ist zwar sehr emotional, aber diese Gefühlswelt sollte man nicht hysterisch Türen schlagend in einen Arbeitsprozess hineintragen.

Und wie sieht´s mit den Dirigenten aus? Da ist es leider so, dass es einige bisweilen gar nicht interessiert, was da auf der Bühne passiert. Wichtig für den Sänger ist deshalb immer, dass man äußerst präzise ist: Mit einem Auge natürlich schon immer beim Dirigenten, mit dem Kopf bei der Regie und mit dem Herzen bei sich selbst. Eigentlich bin doch ich derjenige, der da oben steht und seinen Kopf hinhalten muss. Das alles ist manchmal gar nicht so einfach zu vereinbaren.

Ihr Terminkalender reicht schon bis ins Jahr 2019. Wie halten Sie sich fit für die anstehenden Rollen? Ich ernähre mich gesund, und die Proben sind für mich der Sport. Ich fühle mich fit und freue mich auf viele spannende Herausforderungen.hhb 

 

Zur Person: Doris Soffel wurde in Hechingen geboren. Nach ihrer Zeit im Ensemble der Stuttgarter Oper von 1973 bis 1982 machte sie eine große internationale Karriere. Seit 1999 gehört sie zu den meistgefragten Wagner- und Strauss-Sängerinnen. Sie hat fast 100 Opernrollen gesungen und über 70 CDs und DVDs aufgenommen.

In Stuttgart ist Doris Soffel am Mittwoch, 8.März, ein letztes Mal als Klytämnestra zu erleben. Die Contessa di Coigny in Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ singt sie im März nicht nur in München (Premiere am 12.3.), sondern auch in Paris. Es folgen Auftritte als Mme de Croissy in Poulencs „Dialogues des Carmelites“ und  in verschiedenen Strauss-Opern in Amsterdam, Zürich, Berlin, München und Turin. Im November gibt sie im Opernstudio Stuttgart einen Meisterkurs (Foto oben: Martin Sigmund).   hhb