KANGMIN JUSTIN KIM

 

Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim wird Ende Juni 2019  Operngeschichte schreiben, wenn er als erster Countertenor in der Geschichte des Londoner  Royal Opera House dort den Cherubino in Le nozze di Figaro singen wird (die Vorstellung vom  9. Juli wird auch in Deutschland in vielen Kinos übertragen werden). In den letzten zwei Jahren hat die Karriere des jungen Sängers rasant an Fahrt gewonnen. Unter Sir John Eliot Gardiner, der auch den Londoner Figaro dirigieren wird, machte Kim als Nerone in der  Poppea auf einer weltweiten Tournee Furore, die ihn unter anderem an die Salzburger Festspiele, die Berliner und Pariser Philharmonie, das Lincoln Center in New York und das La Fenice in Venedig führte. Ebenfalls als Nerone gab er im November sein umjubeltes Hausdebüt an der Staatsoper Unter den Linden. Im Moment ist er wieder in Deutschland zu erleben, wo er – wie auch in London – in einer Hosenrolle Mozarts am Staatstheater Wiesbaden auf der Bühne steht: als Idamante. Dieter Schaffensberger sprach mit dem jungen Sänger  über Mozartrollen, über sein anstehendes Covent Garden Debüt und vieles mehr.

 

Kangmin Justin Kim/ Foto Victor Santiago

Sie sind im Moment unseres Gespräches in Wiesbaden, wo Sie den Idamante in einer Neuinszenierung von Idomeneo singen. Idamante ist eine von Mozarts sogenannten Hosenrollen. Sie singen diese Spielzeit ganze drei davon! Können Sie uns mehr über diese Art von Rollen sagen und Ihre Verbindung mit ihnen? Was mögen Sie besonders an diesen Partien? Als Antwort auf diese Frage würde ich gerne Mirella Freni zitieren. Als man sie frug, wie es möglich war, Karriere mit einem derart breitgefächerten Repertoire zu machen, das über die Jahre eigentlich jedes Sopranfach streifte antwortete sie, dass sie nie nach neuen Rollen gesucht hatte, sondern dass sie die Rollen von selbst fanden. Sie meinte damit, dass sie es von ihrer Stimme abhängig machte, welche Rolle zu welchem Zeitpunkt richtig für sie war. Immer, wenn ich ein Angebot für eine Rolle erhalte, egal ob neu oder ob ich sie in der Vergangenheit bereits gesungen habe, singe ich sie erst einmal ganz durch. So sehe ich, ob sie zu diesem Zeitpunkt zu meiner Stimme passt. Ich hatte Glück, dass ich Hosenrollen Mozarts angeboten bekam, aber noch größeres Glück, dass meine Stimme wirklich gut zu diesen Partien passt. Bei diesen Rollen handelt es sich um junge Männer, und ich erinnere mich an meine Jahre als Teenager oder Anfangzwanziger zurück, wenn ich mich mit ihnen beschäftige und an den dauerhaften inneren Kampf zwischen Kopf und Herz. Mozart hat das wunderbar in seiner Musik umgesetzt. Außerdem: Wer fühlt sich nicht gerne wieder jung?

 

Sie sind im Moment einer der ganz wenigen  Counterteöre, der gleich vier Mozartrollen im Repertoire hat (Idamante, Cherubino, Sesto und bald Annio). Warum singen Countertenöre sonst eher selten Mozartrollen?  Viel hat damit zu tun, dass der Countertenor immer noch ein sich stark entwickelndes Fach ist, mit Möglichkeiten, die fast eine Art Mysterium sind. Die meisten Leute, die das Wort Countertenor hören, denken an einen Altisten, aber das trifft mittlerweile einfach nicht mehr immer zu. Heutzutage gibt es Countertenöre, die so gut wie alle weiblichen Stimmfächer abdecken, vom leichten Koloratursopran bis zum tiefen Alt. Die Welt lernt immer mehr über die Vielfalt, die Countertenorstimmen bieten können und ich glaube, dass es immer mehr Countertenöre geben wird, die Mozart, Belcanto und vielleicht sogar Strauss singen werden.

 

Kangmin Justin Kim/ Foto Victor Santiago

Den Idamante haben Sie seit einigen Jahren im Repertoire… Mein Rollendebüt als Idamante gab ich im Jahr 2013. Nun, sechs Jahre später sind bestimmte Passagen leichter zu singen, aber andere schwerer, da sich meine Stimme verändert hat. Darstellerisch verfüge ich mittlerweile über mehr Tiefe, sodass es spannend war, die Denkprozesse des Charakters noch einmal durchzugehen und zu überarbeiten. Das Handeln Idamantes und jede Wahl, die er trifft hat nun für mich mehr Intention.

 

Was sind für Sie die stärksten musikalischen Momente in Idomeneo und welche Teile der Rolle mögen Sie besonders? Ich mag die Chorszenen ganz besonders. Mozart verwendete den Chor als „Stimme des Volkes“, er spielt eine Hauptrolle, genauso wie die Solisten. Was Idamantes Musik angeht, liebe ich das Quartett im dritten Akt sehr. Die Einsamkeit, die man in Idamantes Gesangslinie fühlen kann, ist einfach herzzerreißend. Insgesamt finde ich es toll, wie durchkomponiert sich das Stück anfühlt. Die Rezitative gehen nahtlos in die Arien über, die wiederum in ein Accompagnato-Rezitativ oder eine Chorszene übergehen. Einige dramatische recitativi accompagnati bringen nicht nur die Handlung weiter, sondern auch den musikalischen Fluss.

 

Im Juni werden Sie Ihr Debüt am Royal Opera House Covent Garden als Cherubino in Le nozze di Figaro geben. John Eliot Gardiner wird dirigieren. Wenn ich richtig informiert bin, werden Sie der erste Countertenor in der Geschichte des Theaters sein, der diese Rolle dort singen wird. Was geht Ihnen vor solch einem wichtigen Debüt durch den Kopf? Und worauf freuen Sie sich ganz besonders? Es ist furchbar aufregend und gleichzeitig furchteinflößend! Ich sage mir, dass es einfach eine weitere Rolle an einem weiteren Theater ist, und ich bereite die Partie genauso wie immer vor. Es hilft definitiv, dass ich bereits 25 Vorstellungen als Cherubino in Heidelberg gesungen habe. Außerdem ist es nun, wo Joelle Harvey die Susanna singen wird, viel entspannter für mich, da ich mich auf sie werde stützen können. Sie war meine Cleopatra, als ich letzten Sommer Nireno in Giulio Cesare in Glyndebourne gesungen habe.  Ich freue mich außerdem darauf, wieder mit Sir John zusammenzuarbeiten. Er ist ein Musiker, der stark auf uns Sänger eingeht und seine Vorstellungen klar kommuniziert, dabei aber immer froh über Input ist. Ich bin so sehr als Künstler gewachsen, als wir mit Monteverdi auf Welttournee waren, und ich freue mich darauf, weiter mit der gemeinsamen Arbeit an Le nozze di Figaro zu wachsen.

 

Kangmin Justin Kim/ Foto Victor Santiago

Ein weiterer wichtiger Teil Ihres Repertoires ist die Barockmusik. Was sind die Herausforderungen, Barockrepertoire zu singen? Im Barock sind es die Rezitative, in denen sich die Handlung entwickelt. Die Arien sind hingegen so komponiert, dass die Handlung nicht weiter voranschreitet. Heutzutage entwickeln die Regisseure die Handlung allerdings gerne auch während der Arien weiter, das ist eine Art moderner Trend bei Barockinszenierungen. Unterschiedliche Bedeutung zum sich wiederholenden Text zu finden ist immer eine Herausforderung, aber eine Herausforderung, in der ich mich voll entfalten kann!

 

Welche Rollen würden Sie gerne singen, hatten aber bisher nicht die Gelegenheit dazu? Ich würde unheimlich gerne die Knusperhexe in Hänsel und Gretel singen. Als Student habe ich die Rolle an der Royal Academy of Music gesungen, aber nun, da sich meine Stimme weiter entwickelt hat und ich erfahrener als Darsteller bin denke ich, dass ich der Rolle sehr interessante neue Impulse geben könnte. Auch die Helden Händels, die er für Carestini und Caffarelli geschrieben hat würden mich sehr reizen.

 

Kangmin Justin Kim und Hanna Blazikova/ Poppea unter Eliot Gardiner/ youtube/ Kangmin Justin Kim/ Helmut Fischer

Eine Biographie findet sich auf der website des Sängers: Korean-American Kangmin Justin Kim is one of the most sought-after countertenors of his generation, having earned accolades in roles of the Baroque repertoire, contemporary music and in Mozart’s trouser parts. Engagements of the 2018/19 season include his Covent Garden debut as Cherubino in Le nozze di Figaro conducted by Sir John Eliot Gardiner, his debut at the Staatsoper Unter den Linden in Berlin as Nerone in L’incoronazione di Poppea, Idelberto in a new production of Lotario in Bern, Idamante in a new staging of Idomeneo at Staatstheater Wiesbaden and Megacle in Vivaldi’s L’Olimpiade with the Orchestra La Cetra conducted by Andrea Marcon in Basel and Herne.

Recently he was heard as Nerone in L’incoronazione di Poppea and Speranza in L’Orfeo at the Salzburg Festival, New York Lincoln Center, Philharmonie of Paris and Berlin, Harris Theatre in Chicago, Edinburgh Festival, Lucerne Festival and the Teatro La Fenice in Venice conducted by Gardiner, Cesare in Vivaldi’s Catone in Utica and Orlofsky in a new production of Die Fledermaus at the Oper Köln, Orfeo in Handel’s Parnasso in festa at the Concertgebouw Amsterdam conducted by Andrea Marcon, in Giulio Cesare for his Glyndebourne debut conducted by William Christie, in a staged production of Handel’s Jephtha at Maifestspiele Wiesbaden, in his debut at the Teatro San Carlo of Naples in Britten’s Canticles alongside Ian Bostridge,  in Carmina Burana with the Seoul Philharmonic Orchestra, as Barzane in Vivaldi’s Arsilda with the Collegium 1704 in Bratislava, Caen, Lille, Luxembourg and Versailles, Speranza in L’Orfeo at the Opéra de Dijon, and Romeo in Zingarelli’s Giulietta e Romeo at the Rokokotheater of Schwetzingen.

Kangmin Justin Kim / Sesto/ youtube/ Kangmin Justin Kim/

Other successes since his professional operatic debut in 2013 include Prince Orlofsky in Die Fledermaus for his Parisian debut at the Opéra Comique conducted by Marc Minkowski, Oreste in La Belle Hélène at the Théâtre du Châtelet of Paris, Sesto in La clemenza di Tito at the Opéra de Montpellier, Idamante in Idomeneo at the Stadttheater Gießen under the baton of Michael Hofstetter, Enea in the Handel/Vinci pasticcio Didone abbandonata at the Handel Festival Halle, his first Sesto in Giulio Cesare at the Handel Week Festival Oak Park, Cherubino in Le nozze di Figaro and Kalitzke’s newly written opera, Pym for Theater Heidelberg. He could also be heard in Gala Concerts at the Styriarte Graz and at the Rokokotheater Schloss Schwetzingen.

Kangmin Justin Kim was born in South Korea and grew up in Chicago. He studied voice, opera, and musical theater at the Northwestern University in Evanston and the Royal Academy of Music, London. He has collaborated with such prestigious conductor as Sir John Eliot Gardiner, Mark Minkowski, Andrea Marcon and Michael Hofstetter.

For his interpretation of the title role of Pym he received nominations as “Best Singer” of the 2015/16 season for the German theatre award DER FAUST 2016 and from the magazine  Opernwelt as “Singer of the year 2016”. November 2018/ http://kangminjustinkim.com/