Kálmán-Finale

 

Eine schöne Tradition an der Berliner Behrenstraße ist die alljährliche konzertante Operettenaufführung vor Weihnachten – in diesem Jahr galt sie Emmerich Kálmáns letztem vollendetem Werk Marinka. Das Romantic Musical wurde 1945 am Broadway in Anwesenheit von Kálmáns Tochter Yvonne uraufgeführt – und die in Sachen ihres Vaters unermüdlich in der Welt umher Reisende war auch diesmal anwesend, vom Hausherrn Barrie Kosky herzlich begrüßt. Es war bereits das fünfte Stück des Komponisten, das hier zur Aufführung gelangte. Für das nächste Jahr kündigte der Intendant den Beginn eines Paul-Abraham-Zyklus an.

Der pausenlose 90minütige Abend entließ das Publikum in blendender Stimmung, denn am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin sorgte der Musical-Spezialist Koen Schoots für eine zündende musikalische Wiedergabe mit Schmiss, Temperament, Tempo und Sentiment. Die vielschichtige Komposition zwischen Operette und Musical mit ihren nostalgischen Wiener-Walzer-Anklängen, den mitreißenden Puszta-Melodien, den sinnlichen Orientalismen und den fetzigen Musicalnummern lag bei dem niederländischen Dirigenten in kompetenten Händen. Erstmals bei dieser europäischen Erstaufführung erklang Ferdinand von Seebachs Neuinstrumentierung.

Diesmal gab es keinen Moderator, der durch die Handlung führte, sondern einer der Protagonisten – Peter Bording als Josef Bratfisch, Leibfiaker seiner Majestät, – erzählte die Geschichte von Kronprinz Rudolf, dem einzigen Sohn des österreichischen Kaisers Franz Joseph I., und seiner minderjährigen Geliebten Mary Vetsera, die 1889 auf Schloss Mayerling mit einem Doppelselbstmord endete. Der niederländische Bariton tat dies mit viel Charme und Ironie, sang darüber hinaus sehr wohllautend und sinnlich. Er stimmt den einzigen für das Stück komponierten Titel („Only One Touch of Vienna“) an, den dann alle anderen Figuren übernehmen, so dass er sich bis zum Quartett erweitert. Die anderen Nummern stammen aus der nicht vollendeten Miss Underground oder wurden dem Teufelsreiter von 1932 entnommen. Als Charmeur erweist sich Bording auch in „Turn on the Charm“, das er mit schmeichelnd-verführerischen Tönen vorträgt und dabei vom Chor der Komischen Oper (Einstudierung: David Cavelius) begleitet wird. Rhythmisch prägnant und mit vitaler Energie erklingt die Ballade „Old Man Danube’s“, mit der Kálmán den berühmten Titel aus Showboat zitiert. Als Rudolf macht Johannes Dunz einmal mehr blendende Figur in seiner schmucken, mit Orden geschmückten Uniform. Schwärmerisch singt er „One Last Love Song“, und gemeinsam mit der Titelheldin Marinka stimmt er schwelgerisch auch den Ohrwurm „Sigh by Night“ an. Die Wienerin Ruth Brauer-Kvam hat eine echte Musical-Stimme mit einem Hauch von Liza Minelli im Timbre, ihre Interpretation sprüht vor Temperament, ist gelegentlich allerdings etwas  exaltiert-überdreht – sie weiß sich geschickt in den Mittelpunkt zu spielen. Ihre Gegenspielerin, Talya Lieberman vom Opernstudio des Hauses als Gräfin Landowska, bringt dagegen den Ton der Operettendiva ein und wirkt in ihrem eleganten Kleid und dem mondänen Hut (Kostüme: Katrin Kath) optisch weitaus attraktiver als ihre Rivalin. Und sie kann diese zudem in den Ensembles mit ihren exponierten Spitzentönen mühelos ausstechen – trotz des etwas grellen Klanges.

Natürlich geht die Geschichte hier mit einem Happy-End aus, denn der Kaiser schickt seinen Sohn und dessen nicht standesgemäße Geliebte in die Verbannung nach Übersee. Und für das begeisterte Premierenpublikum (18. 12. 2016) gab es am Schluss noch einmal das Ensemble „Only One Touch of Vienna“ als Zugabe (Foto oben:“Marinka“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Robert-Recker.de). Bernd Hoppe