„Ich habe keine Eile!“

Der Tenor und shooting-star Daniel Behle ist nicht erst seit der TV-Übertragung der Salzburger Arabella als eleganter, höhenstarker und ausdrucksvoller Matteo Opern- und Stimmenfans ein Begriff. Er hat gerade bei Decca seine hochinteressante Gluck-CD (dazu die Rezension bei operalounge.de) herausgebracht, Anlass für Fragen von Ingrid Wanja an den Tenor, der für eine neue Generation von jungen und selbstbewussten, intelligenten und nachdenklichen Künstlern steht.

Daniel Behle: Das elegante Foto zum Cover der neuen Gluck-CD bei Decca/Julian Laidig/Decca

Daniel Behle: das elegante Foto zum Cover der neuen Gluck-CD bei Decca/Julian Laidig/Decca

Vor fünf Jahren haben wir bereits einmal ein Interview gemacht, seitdem ist vieles Bedeutende in Ihrer Karriere passiert, hat sich vieles entwickelt. Dazu gehört auch Ihre Einstellung gegenüber der Winterreise, die sie damals als sehr tief für eine Tenorstimme wie die Ihre ansahen und von der Sie meinten, in Bezug auf dieses Werk seien erst einmal alle Interpretationsmöglichkeiten erschöpft. Was hat sich seit damals an Ihrer Stimme und an der Möglichkeit, neue Deutungsmöglichkeiten zu finden, geändert? Ich glaube, dass Rollen wie der Königssohn, Leukippos, Idomeneo, Titus oder Matteo mir neben dem lyrischen Repertoire geholfen haben, meine Stimme nach unten zu öffnen. Meine Mittellage und Tiefe ist jetzt satter im Klang und das erweitert natürlich die Farbpalette.

Daniel Behle: als Idomeneo mit Anne-Catherine Gillet an der Oper Frankfurt/Ilia/Foto Wolfgang Runkel/OF

Daniel Behle: als Idomeneo mit Anne-Catherine Gillet an der Oper Frankfurt/Ilia/Foto Wolfgang Runkel/OF

Sie haben die Winterreise auf CD aufgenommen, was ist mit dieser geschehen? Der Schweizer Pianist Oliver Schnyder, mit dem ich neben Sveinung Bjelland meine Liederabende gestalte und aufnehme, gründete mit dem Geiger Andreas Janke und dem Cellisten Benjamin Nyffenegger vor ein paar Jahren das Oliver Schnyder Trio, mit welchem sie sehr erfolgreich und regelmäßig bei Sony veröffentlichen. Der Wunsch nach einem gemeinsamen Projekt führte 2013 dazu, dass ich die Winterreise für Tenor und Klaviertrio arrangierte und wir im Juni dann für eine Doppel CD ins Studio gegangen sind. Die CDs erscheinen jetzt im Winter bei RCA Sony, und wir debütieren damit im April 2015 in der Wigmore Hall in London.

Daniel Behle: Kammermusik mit  Benjamin Nyffenegger, Oliver Schnyder und Andreas Janke/Foto Marco Borggreve

Daniel Behle: Kammermusik mit Benjamin Nyffenegger/Cello, Oliver Schnyder/Klavier und Andreas Janke/Geige/Foto Marco Borggreve

Sie geben oft Liederabende nicht nur mit dem Werk, meist mit dem selben Pianisten. Arbeiten Sie gerne langfristig mit dem selben Begleiter zusammen? Ist das eine Frage des Vertrauens? Ich binde gerne Pianisten an bestimmte Projekte, aber manchmal ist ein Konzert mit einem anderen Pianisten auch spannend, weil jeder Künstler unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellt.

Im Berliner Tagesspiegel hieß es nach einem Ihrer Liederabende, Sie hätten das Zeug dazu, den Liedgesang zu revolutionieren. Konnten Sie mit dieser Aussage etwas anfangen? Es ist ein schönes Kompliment und hat mich bestätigt, dass ich etwas richtig mache. Aber ob ich etwas revolutioniere entscheiden andere.

Daniel Behle: als Matteo in der "Arabella" bei den osterfestspielen Salzburg 2014 mit Thomas Hampson/Mandryka/Foto Foster/Salzburger osterfestspiele

Daniel Behle: als Matteo in der „Arabella“ bei den Osterfestspielen Salzburg 2014 mit Thomas Hampson/Mandryka/Foto Foster/Salzburger osterfestspiele

Ich las, Sie planen eine CD mit dem Arbeitstitel „Tribut an Fritz Wunderlich“, wurden bereits mit diesem, aber auch mit Dermota und Tauber verglichen. Klaus Florian Vogt erntete einigen Kritikerspott für die Operettentitel auf seiner CD. Warum dieser Titel, und in welche Beziehung wollen Sie sich damit zu Fritz Wunderlich stellen? Aus dieser Wunderlich-CD ist inzwischen „Das Hamburg Album“ geworden. Da mein Arrangement der Winterreise so viel Spaß gemacht hat und in mir auch ein kleiner Ralf Siegel schlummert, komponiere und texte ich 16 Schlager aus Oper, Operette und „Bierzelt“ neu und arrangiere dann alles für das Oliver Schnyder Trio plus eventuellem obligatem Instrumentarium. Das alles steht in Bezug zu meiner geliebten Heimatstadt. Ein großer zeitlicher Aufwand, aber ich freue mich riesig auf die Aufnahmen im August 2015.

Vor fünf Jahren arbeiteten Sie an einer Oper mit dem Titel Strandläufer, was ist mir ihr geschehen? Hat man als viel beschäftigter Sänger noch Zeit und Muße zum Komponieren, das vor fünf Jahren noch einen wichtigen Platz in Ihrem Leben einnahm? Gerade bei Neuproduktionen sitzt man manchmal wochenlang in einer fremden Stadt fest. Da finde ich zwischen den Proben auch Zeit zum Schreiben. Strandläufer bzw. der Erste Akt dazu war meine Diplomarbeit – leider hat es sich nicht ergeben, die Skizzen vom zweiten und dritten Akt zu beenden. Jetzt würde ich wahrscheinlich lieber neu anfangen.

Daniel Behle: Pressefoto Marco Borggreve/Parnassus

Daniel Behle: Pressefoto Marco Borggreve/Parnassus

Glauben Sie den richtigen Zeitpunkt für die Lösung aus dem Ensemble des Frankfurter Opernhauses gewählt zu haben? Ein Festengagement zu kündigen birgt immer Risiken. Aber zum Glück darf ich regelmäßig wiederkommen und mein Repertoire erweitern. Bernd Loebe, der Intendant von Frankfurt, hat ein sehr gutes Gespür, wie sich eine Stimme entwickelt. Ich hoffe, dass wir auch mit dem Erik 2015 richtig liegen.

Daniel Behle: noch einmal als Matteo mit Hanna-Elisabeth Müller/Zdenka/Foto Forster/Osterfestspiele Salzburg 2014

Daniel Behle: noch einmal als Matteo mit Hanna-Elisabeth Müller/Zdenka/Foto Forster/Osterfestspiele Salzburg 2014

Sie haben ein umfangreiches und vielseitiges Repertoire. Was ist in den letzten fünf Jahren dazu gekommen, und wovon haben Sie sich verabschiedet? Sämtliche Strauss-Rollen sind neu dazu gekommen. Das Jugendlich-Heldische auf der Opernbühne. Da man mich jetzt weniger für Rossini bucht, versuche ich durch mehr Barock im CD und Konzertbereich diese Lücke zu schließen. Mir liegt das leicht-elegante Singen genauso, wie das etwas breitere – natürlich alles im Rahmen eines lyrischen Tenors. Meine neuen Gluck Arias und die Bach-CD zeigen das.

Ihre verstärkte Hinwendung zu Richard Strauss – hängt sie mit seinem Geburtstag zusammen, oder entspricht sie dem jetzigen Zustand Ihrer Stimme? Kaum ein Sänger singt Strauss-Lieder und für Rollen wie Matteo in Arabella gibt´s jetzt auch nicht so viele veritable Optionen. Mir liegt Strauss – und so denke ich: beides.

Wie schaffen Sie es, Oper, Konzert und Lied unter einen Hut zu bekommen? Durch viele Emails mit meinen beiden Agenturen.

Daniel Behle: Pressefoto Marco Borggreve/Parnassus

Daniel Behle: Pressefoto Marco Borggreve/Parnassus

Eine besondere Erfahrung müsste für Sie die Aufnahme von Vincis Artaserse  gewesen sein, gemeinsam mit Countertenören, für die es sogar eine Grammy Nominierung gab. Das war mein Einstieg ins barocke Business – welches sich grundsätzlich vom Opern- und Konzertbetrieb unterscheidet. Ein Beispiel: Durch das Fehlen von Referenzen und dem gewünschten „Show-off“ Effekt bei Seria-Arien, kann sich jeder Sänger seine Musik frei in die Kehle schreiben. Das macht Spass und ist dankbar. Man versingt sich in der Oper ja oft nur deshalb, weil die geschriebene Musik nicht zur eigenen Stimme passt. Und Gluck? Gluck gilt als Bindeglied vom Barock zur Frühklassik und man kennt praktisch nur die späten Werke. Zudem hat er den Tenor in der Oper den Falsettstimmen gleichgestellt. Sehr sympathisch. Auf dieser Aufnahme kann man sich ein umfassendes Bild durch all seine Schaffensphasen machen. Das waren spannende Aufnahmen in Athen und ich möchte den Weg unbedingt weiter gehen.

Daniel Behle: als Idomeneo an der Oper Frankfurt/Foto Wolfgang Runkel/OF

Daniel Behle: als Idomeneo an der Oper Frankfurt/Foto Wolfgang Runkel/OF

Erik, den Sie singen werden, ist eine schon dem sogenannten Zwischenfach zugehörige Partie. Wann kommt Ihr erster Lohengrin? Lohengrin hätte 2016 in Frankfurt folgen sollen, hat aber leider mit meinem Covent Garden Debut kollidiert. Ich habe überhaupt keine Eile und schaue erstmal, wie der Erik sich so anfühlt.

Gibt es noch eine künstlerische Zusammenarbeit mit Ihrer Mutter, Renate Behle? Wenn Sie eine Generation 2 meinen – ich glaube, meine Mutter liebt es mehr auf der Bühne zu stehen als vor einem U87. Ansonsten ist und bleibt sie der erste Ansprechpartner bei allen stimmlichen Fragen.

Gelegentlich singen Sie auch Operette. Singt sich die anders als die Oper oder das Lied? In der Operette muss man abwechselnd sprechen und singen. Dazu auch bei schlechtem Wetter in Champagnerlaune über die Bühne hüpfen. Alles von Herzen – und das ist manchmal schwer.

Es fällt auf, dass Ihre „offiziellen“ Fotos recht streng oder ernst wirken, ist das beabsichtigt? Die stylischen Marco-Borggreve-Fotos haben recht lange die Presse befeuert. Ich verspreche bei der nächsten Fotosession mehr zu lachen.

 

Daniel Behle: Gluck Arias/Decca 4786758

Daniel Behle: Gluck Opera Arias/Decca 4786758

Zur Person: Daniel Behle ist einer der vielseitigsten deutschen Tenöre und in Konzert, Lied und Oper gleichermaßen erfolgreich. Sein Repertoire reicht von barocken Meisterwerken über klassisches und romantisches Repertoire bis hin zu Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts. Im April 2014 gab er in Salzburg unter Leitung von Christian Thielemann sein umjubeltes Debüt als Matteo in Strauss‘ Arabella. Im Sommer 2014 folgt an der Bayerischen Staatsoper Henry Morosus in Die schweigsame Frau. 2015 gestaltet er am Théâtre La Monnaie Brüssel Oronte in Händels Alcina, kehrt als Belmonte nach Aix-en-Provence zurück und singt an der Oper Frankfurt erstmals Erik in Der fliegende Holländer.  Konzerte singt er u.a. mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden/Christian Thielemann, dem RSB/Marek Janowski, der Tschechischen Philharmonie/Jiří Bělohlávek, der Wiener Akademie/Martin Haselböck und der Bachakademie Stuttgart/Hans-Christoph Rademann. Als Liedsänger fasziniert er seine Zuhörer bei der Schubertiade, im Prinzregententheater München, der Kölner Philharmonie, der Laeiszhalle Hamburg, dem Beethovenhaus Bonn, der Wigmore Hall London und beim Richard-Strauss-Festival Garmisch-Partenkirchen. Auch als Komponist macht der Künstler von sich reden: Ein wichtiger Meilenstein seines Schaffens ist die Bearbeitung von Schuberts Winterreise, die er im Sommer 2013 zusammen mit dem Oliver Schnyder-Trio uraufführte. Im nächsten Winter erscheint das Werk auf CD, 2015 folgt in der Wigmore Hall die Erstaufführung in Großbritannien. Daniel Behles Darstellung des Artabano auf der Grammy-nominierten Einspielung von Vincis Artaserse wurde ebenso begeistert aufgenommen wie seine mittlerweile sechs Solo-CDs. Im Juli 2014 erscheint sein Debüt-Album bei Decca. Einen optischen Eindruck des Sängers bei der Aufnahme der Gluck-Arie „Quercia annosa sull’erte pendici“ vermittelt ein Video bei Universal, wo sich auf Danbiel Behles Decca-Homepage weitere Informationen finden, darunter auch seine Einspielungen bei dieser Firma. Weiteres liest man bei seiner Agentur ParnassusDecca/G. H.

 

4786758_Behle_Gluck_cover_juliasn laidig