Eher musikalisch eindrucksvoll

 

Seine besten Karten spielt der Otello von Rossini, der die Saison des San Carlo am 30. November 2016 in Neapel eröffnet hat, auf dem musikalischen Sektor aus: die Oper wurde in der Stadt Neapel genau vor zwei Jahrhunderten geboren  ( die Premiere der dritten von zehn Opern Rossinis, die während seiner neapolitanischen Periode entstanden, fand am Teatro del Fondo am 4. Dezember 1816 statt, weil das San Carlo wegen eines Brandes geschlossen war). Im Schatten blieb hingegen der optische Aspekt, da die Aufführung von Amos Gitai – bekannter Filmregisseur bei seinem Operndebut- keine Fahrt aufnimmt. Der israelische Cineast konzipiert den Protagonisten als einen Flüchtling von heute, am Rande der Gesellschaft lebend, während auch im Libretto von Francesco Berio di Salsa der siegreiche Held Otello in die Gesellschaf integriert ist (wenn auch nicht wie bei Verdi), und zwar so sehr, dass er den Neid der anderen, insbesondere Jagos hervorruft. Die Idee, Geschriebenes – dazu noch schwer zu lesen- in Italienisch und Englisch über die Vorhangschleier zur Unterstützung dieses Interpretationsansatzes laufen zu lassen, hilft einer Dramaturgie nicht, die bereits für sich genommen einige Mängel aufweist, selbst nicht, wenn das durch eine außergewöhnliche Musik ausgeglichen wird  Ähnlich wirkt die majestätische Szene ( wo die Personen wie kleine, unbewegliche Figuren erscheinen) von Dante Ferretti, die einen gewissen Eindruck von Statik erweckt, trotz der Farbe der drei wunderschönen Kostüme für Desdemona, die von Gabriella Pescucci entworfen wurden.

Rossinis „Otello“ am San Carlo von Neapel/ Szene/ Foto Luciano Romano

Es ist also die Musik, die in diesem Otello die Herrscherin ist. Der Rossini serio ist nicht leicht zu dirigieren, es gibt zu viele Aufführungen – auch aus jüngster Zeit – in denen nur die Stimmen glänzen, ohne dass die gesamte Architektur sich kundtut, die oft deklassiert wird als Klangteppich für die Sangespracht. Gabriele Ferro ist ein Dirigent von großer Erfahrung, daran gewöhnt, sich Wagner und Strauss zu stellen. Das macht sich in seinem Dirigat bemerkbar, die alles andere als blutleer ist und sich durch einen nicht immer leichten Arm ausdrückt: ein Charakteristikum jedoch, dass ein Vorzug wird für eine so dramatische Oper (für die Ouvertüre schlägt Rossini hier wieder –mit einigen Modifikationen- die gleiche vor wie für Der Türke in Italien, und Ferro erkennt gut den unterschiedlichen semantischen Wert, den ein und dieselbe Musik, von einer Buffa in eine tragische Oper verlegt, haben muss).  Der Dirigent zeigt sich darüber hinaus als Kenner der Blöcke, aus denen der Otello besteht- es ist die Struktur, mehr als die Dramaturgie, der am meisten innovative Teil dieses Melodramas – und es gelingt ihm, die ganze architektonische Kraft der Rossinianischen Architektur deutlich werden zu lassen.. Schade nur, dass das Orchester des San Carlo, nicht immer makellos in den Bläsern i(einige Probleme hat auch der Chor gehabt) , ihm in ungleichmäßiger Art und Weise entsprach.

Der wirklich siegreiche Aspekt des Abends wurde durch die Stimmen repräsentiert. Der Otello Rossinis, das ist bekannt, ist eine Oper für Tenor-Matadoren (nicht einer, wie bei Verdi, sondern mindestens drei,) und die auf der Bühne haben die Erwartungen nicht enttäuscht. Um mit dem Protagonisten John Osborn zu beginnen: befasst mit einer baritenorilen Tessitura, die für ihn wirklich viel zu tief lag, machte er einige Zeichen von mangelnder Homogenität hörbar (Wie sollte es anders sein?), aber wenn er sich in der Höhe entfalten konnte, brachte er wirklich betörende Töne zustande. Dmitry Korchak beeindruckte durch die Leichtigkeit und die Sicherheit, mit der er die Monster-Partie des Rodrigo in Angriff nahm: er begnügt sich nicht damit, die Besonderheiten eines tenore contraltino zu Gehör zu bringen, sondern es gelang ihm, einer Rolle Substanz zu verleihen, die der wahre Rivale von Otello ist. Juan Franciosco Gatell ist ein makelloser Jago, der das Beste in dem zweiten seiner beiden Duette gibt, dem mit Otello (die Partie hat keine Arie). Dem Verzeichnis der Tenöre ist noch der sehr gute Enrico Iviglia hinzuzufügen, der Gondoliere, eine sehr kurze, aber wichtige Partie.

Ingrid Wanja übersetzt tapfer und unverzagt aus dem Italienischen für uns – Danke Ingrid!

Inmitten der Tenöre macht Mirco Palazzi, der einzige Bass, keine schlechte Figur als Vater Desdemonas, und es sei auch das lobenswerte Timbre der Emilia, vom Mezzosopran Gaia Petrone interpretiert,  erwähnt.   Alle aber übertrumpft Nino Machaidze, die sich sehr wohl fühlt in einer Colbran-Rolle dank der vokalen Spannbreite: sie scheint sich von den heute eher modernen Interpretinnen zu entfernen und sich einer glorreichen Vergangenheit anzunähern ( es sei nicht vergessen, das Virginia Zeani die Wiederentdeckung des Otello noch vor dem Einsetzen der Rossini-Renaissance zu verdanken ist). Einerseits verfügt sie über eine schöne dunkle Stimme, die aber andererseits mit extremer Natürlichkeit in die Höhen zu steigen vermag und über eine große Agilität und kreiert so eine leidenschaftliche Desdemona von beachtlichem dramatischem Format: eine viel selbstbewusstere Persönlichkeit als die gleichnamige Figur Verdis. Giulia Vannoni (Übersetzung Ingrid Wanja; Foto oben Rossinis „Otello“ am San Carlo von Neapel/ Szene/ Foto Luciano Romano)