Mäzene, Romantik und viel Regen

 

Vom Wirken des Palazetto Bru Zane und seinem Großprojekt der Wiederbelebung der französischen romantischen Oper ist ja in operalounge.de in der Vergangenheit oft berichtet worden. Unsere Suchfunktion wirft viele Einträge aus, ob nun Artikel über Neuaufnahmen unbekannter Titel aus diesem Repertoire oder über Konzerte und Aufführungen in Deutschland, Frankreich oder anderswo. Anderswo war nun kürzlich Venedig, wo im kleinen Teatro Malibran (Louis-Auguste-Florimond Rongers) Hervés Komische Oper Les Chévaliers de la table ronde als Wanderproduktion aus Frankreich zu sehen war. Rolf Fath fuhr hin und berichtet nachstehend, nahm aber auch die Gelegenheit war, dem in Venedig ansässigen Palazetto Bru Zane (eigentlich der Anbau zum großen Palazzo Bru, dem Wohnsitz der Mäzenin Nicole Bru) und dem darin befindlichen Centre de Musique Romantique Française einen Besuch abzustatten und mit dem Künstlerischen und Wissenschaftlichen Leiter, Alexandre Dratwicki, ein Gespräch über die Organisation, die Ziele und die kommenden Veröffentlichungen des Palazetto zu führen, das die Münchner Agentur Ophelias vermittelt hatte. Nachstehend also ein Bericht über die „Machtzentrale“ dieser wirklich einmaligen Stiftung, aber auch über Hervés Chevaliers de la Table ronde sowie über eine Aufführung von Verdis Oper La Traviata am Abend zuvor im neu erstrahlten La Fenice, nebst Karneval und feuchten Füßen… G. H.

 

Der Palazzo Bru Zane - der Eingang zur Stiftung/ PBZ

Der Palazetto Bru Zane – der Eingang zur Stiftung/ PBZ

San Polo 2368. Eigentlich ganz leicht zu finden, denke ich, als ich anlässlich der Chevaliers de la  table ronde von Hervé nach Venedig gereist bin und der Einladung zu einem Besuch beim Palazetto Bru Zane folge. Selbst für den Ortsfremden, der auf der Suche nach der richtigen Hausnummer in den Gässchen und unter den Torbögen gleich einem Irrgarten leicht fremd geht. Gleich neben der gotischen Frari-Kirchen mit den Tizians, neben der Scuola Grande di San Rocco mit den Tiepolos und der Scuola Grand di San Giovanni Evangelista. Dennoch werden Besucher kaum auf den hinter einer Gartenmauer und einem Tor versteckten, von außen nicht wahrnehmbaren Palazzetto Bru Zane, den kleinen Ableger des Palazzo Zane, stoßen, der selbst den Einheimischen fremd war. Da bedurfte es schon des Mäzenatentums von Nicole Bru, die den kleinen Palast 2006 kaufte und aufwändig und mit allen Mitteln venezianischer Handwerkskunst renovieren und herrichten ließ, und gleichzeitig mit modernen Details, wie etwa einem Aufzug, versah: Ein oder besser das Zentrum für die französische Musik der Romantik, Centre de musique romantique française, war entstanden. Madame Bru, Erbin des UPSA-Pharmaunternehmens, zu dessen Wohlstand sie als Medizinerin beigetragen hatte, gründete eine Stiftung, die u. a. auch Kultur fördert. Und das so zuverlässig und nachhaltig, dass Alexandre Dratwicki, auch in Zukunft regelmäßig fünf oder sechs Tage im Monat in Venedig verbringen wird, um als wissenschaftlicher Leiter des Palazzetto Bru Zane nach dem rechten zu schauen.

Palazzo Bru Zane: Alexandre Dratwicki und Nicole Bru/ PBZ

Palazetto Bru Zane: Alexandre Dratwicki und Nicole Bru/ PBZ

Drei Millionen beträgt der Jahresetat, von dem eine Million in die diversen Veröffentlichungen fließt, 12 bis 15 Mitarbeiter arbeiten hier, in Paris sind fünf beschäftigt, um in der Nähe der Bibliotheken zu forschen und die Herausgaben zu betreuen. Madame Bru ist zufrieden. Der französische Staat ist sich des Juwels noch nicht bewusst; zumindest steuert er kein Geld bei, doch „eines Tages werden wir finanzielle Partner finden müssen“, ahnt Dratwicki. Der Musikwissenschaftler Alexandre Dratwicki ist der wissenschaftliche Leiter beim Projekt Palazetto Bru Zane/ PBZ (und Bruder von Benoit Dratwicki, dem Künstlerischen Leiter des  Centre de musique Baroque de Versailles). Der Forschungsgegenstand des Palazzetto indes scheint nicht recht zu der Stadt zu passen, die sich Madame wohl vor allem wegen ihrer Liebe zur Lagunenstadt als Sitz ihrer italienischen Stiftung auswählte.

Palazzo Bru Zane/ Treppenhaus/ PBZ

Palazzo Bru Zane/ Treppenhaus/ PBZ

Durch das umfangreiches Bildungsprogramm des Palazzetto Bru Zane ist hunderten von Schulkindern des Veneto heute Gouvy und Magnard aber ebenso vertraut wie Vivaldis Quattro Stagioni. Regelmäßig finden die Schulklassen den Weg in den Palast, erleben Konzerte, finden, da ihre Französischlehrer auch mit eingespannt werden, einen vertiefteren Zugang zur französischen Sprache. Was will man mehr. Der Palazzetto als Ort der kulturellen Bildung. Auf jeden Fall, denn die Musik der französischen Romantik ist selbst im Mutterland wenig bekannt: Godard, Gouvy, Onslow, Marie Jaëll und viele andere werden vom Palazzetto Bru Zane der Öffentlichkeit durch Konzerte, Publikationen und CDs bekannt gemacht sowie durch ein dichtes Netzwerk, gewoben von Alexandre Dratwicki, der die Triebkraft hinter den vielen, manchmal schwer zu erfassenden und durchschauenden Aktivitäten des Palazzetto ist. „Wir arbeiten allein mit 45 Labels zusammen und haben darüber hinaus unsere eigenen Veröffentlichungen“. Passgenau werden Einzelkünstler, Orchester, Ensembles, Konzertreihen und Veranstalter in Vorhaben eingebunden, denn je mehr man sich mit Komponisten und Themen beschäftigt, weitet sich die Terra incognita zu einem weiten Land.

Palazzo Bru Zane: der kleine Saal für Konzerte/ PBZ

Palazzo Bru Zane: der kleine Saal für Konzerte/ PBZ

Mit berechtigtem Stolz kann Dratwicki durch seinen Arbeitsplatz führen. Durch den in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts neben dem Palazzo Zane entstandenen kleinen Ableger, der neben dem Familiensitz als Ort des geistreichen Müßiggangs gedacht war. Hier fand eine Bibliothek Platz, Porzellan- und Gemäldesammlungen. Der heute nicht mehr als solcher genutzte Eingangsbereich mit seinem über zwei Etagen reichenden Treppenaufgang wurde mit schönster Scheinarchitektur und Anspielungen auf die Kunstsinnigkeit des Hausherrn versehen. Der zentrale Hauptsalon, der ebenso wie die Architektur, Ausgestaltung und Lage des Palazzetto von Geerd Heinsen eingehend beschrieben und gewürdigt wurde, bietet im ersten Obergeschoss Raum für rund hundert Besucher. Er wird heute für Konzerte genutzt, die „alle mitgeschnitten und veröffentlicht werden, so sie gut sind. Viele unserer Klavieraufnahmen sind perfekt“, wie Dratwicki betont, der auch den kleineren Raum mit dem Érard-Flügel zeigt, dessen raffiniert aufklappbare Wandpaneele die idealen akustischen Voraussetzungen für Aufnahmen garantieren. Überhaupt ist alles zweckmäßig und mit dezentem Raffinement ausgestattet, um den Künstlern das Wirken angenehm zu machen.

Palazzo Bru Zane/ Plafond im Treppenhaus/ PBZ Palazetto Bru Zane/ Plafond im Treppenhaus/ PBZ

Palazzo Bru Zane/ Plafond im Treppenhaus/ PBZ 

Doch was genau macht der Palazzetto? In Zahlen: rund 35 Konzerte in Venedig, meist zu Zyklen oder Reihen gebündelt, wie in der Saison 2015/16 Lalo und Godard, zusammen mit den Symposien sind das etwa 50 Veranstaltungen, wozu nochmals 100 Konzerte außerhalb des Landes kommen. Etwa Ende Januar/ Anfang Februar Benjamin Godards Dante als konzertante Aufführung mit dem Münchner Rundfunkorchester im Prinzregententheater und Versailles oder Spontinis Olympie im Juni im Théâtre du Champs-Élysées. Dante wird in der Reihe „Opéra français“ erscheinen, einer bewusst als luxuriöse Geschenkausgabe ausgestatten zwei- oder drei-CD Reihe im Taschenbuchformat, in der bereits zehn Titel bei Ediciones Singolares vorliegen. Zwei- oder dreitausend Ausgaben werden produziert, manchmal auch viertausend, aber nur, wenn Komponisten wie Massenet oder Saint-Saëns eine mehr als durchschnittliche Beachtung erwarten lassen. Und nun Operette? „Manche Leute haben die Nase gerümpft und gesagt, dass ist doch nicht eure Aufgabe. Aber das genau ist unsere Aufgabe“. Seit zehn Jahren sieht Dratwicki eine Veränderung in der französischen Opernlandschaft. „Es werden nicht mehr die immer gleichen drei Titel von Offenbach gespielt, sondern auch die bislang unbekannteren Stücke“. Die Operette verpacke jede Art der Kritik an Politik, Gesellschaft und Sexualität auf charmante Weise. Vielleicht erleben wir bald eine neue Blüte der französischen Operette. Deshalb Hervé, der noch vor Offenbach, als der Erfinder des Genres gelten darf. „Viele Menschen wollen gute Unterhaltung.“ Ein Vorteil, „man braucht keine teuren Stars. Unsere Sänger sind unglaublich auf der Bühne. Manche sind Schauspieler. Es kommt auf den Witz an, vor allem braucht es, wie im Café-concert, die Fähigkeit mit dem Text zu spielen. Man muss den Text exakt verstehen“. Eine Kunst, die verlorenzugehen droht bzw. wiederentdeckt werden muss. Auch deshalb ist der umtriebige Musikwissenschaftler Dratwicki als coach unterwegs, „Wir haben eine neue Generation von Sängern, die Rameau und Lully singen und mit dem Text umgehen können. Bei Véronique Gens beispielsweise versteht man jedes Wort.“

Als Projekt des Palazetto Bru Zane: Hervés "Petit Faust"/ Wiki

Als Projekt des Palazetto Bru Zane: Hervés „Petit Faust“/ Wiki

Der Anfang wird mit Les chevaliers de la table ronde von Hervé (1866) gemacht, die bereits in einigen französischen Städten über die Bühne gingen. „Der Erfolg hat uns überglücklich gemacht“. Nicht zuletzt weil erstmals eine szenische Produktion gewagt wurde, die in einer leicht transportierbaren Transkription für 13 Sänger und 12 Musiker insgesamt 35 Aufführungen erleben wird. Auf Hervé, den ich vor allem als Komponist der Mam’zelle Nitouche und vor allem seines Hauptwerks Le petit Faust kannte, soll nun jedes Jahr ein weiterer Titel folgen. Im nächsten Jahr von Messager nicht dessen Véronique, sondern die im Jahr zuvor (1897) aufgeführten Les p’tites Michu.

Palazzo Bru Zane: Garten im Innenhof/ PBZ

Palazetto Bru Zane: Garten im Innenhof/ PBZ

Auch künftig sind szenische Operetten-Produktionen in transkribierten Orchesterfassungen angedacht, Veröffentlichungen sollen aber in der „großen Version“ erfolgen, möglichst auch als DVD. „Aber Hervé ist der „fil rouge“, der roten Faden, weil er komplett verrückt ist, ein Vorläufer des Surrealismus“. Apropos szenisch. Dazu ist, ebenfalls 2017, eine Phèdre von Lemoyne geplant.
Und sonst: der Palazzetto Bru Zane hat eine Datenbank ins Internet gestellt (bruzanemediabase.com), bringt seine Katalogisierung von fast 1700 Regiebüchern von romantischen Opern zum Abschluss, verfolgt Buchveröffentlichungen, eigene wie als Koproduktion mit anderen Verlagen, darunter die achtbändige Ausgabe Le Théâtre-Italien 1801-31, bildet junge professionelle Musiker weiter. Ein konkreter Wunsch von Dratwicki gilt einem Web-Radio, in dem auf der ganzen Welt die Musik der französischen Romantik zwischen 1780 und 1920 erklingt. Man müsste noch länger im Palazzetto weilen, um nur annähernd zu erfassen, was hier passiert. Rolf Fath

 

Hervés "Chevaliers de la Table ronde" in Venedig/ Szene/ Foto Crosera

Hervés „Chevaliers de la table ronde“ in Venedig/ Szene/ Foto Crosiera

Und nun Verrücktes aus dem Teatro Malibran in Venedig: „Gar’, gar’, gar’, gar’, gar’, gar’, gar’ gar’, Gare gare“, so geht es noch eine Zeile weiter. Herzog Rodomont ist außer Rand und Band, „Trila ti ta trila ti tra“, ohne Punkt und Komma. Das aufgeregte Wortgestolpere, auf das sich weitere absurde Wort- und Lautspielereien türmen, scheint sich der Herzog von Rossinis aufgezogenen,  schnurrenden Plapperfiguren abgeschaut zu haben. Hatte Rossini in seinen Komödien seinerseits bereits den Boden der Realität verlassen und seine Figuren manchmal in einen dadaistischen Schwebezustand entführt, so könnte Hervé geradezu als Wegbereiter der Surrealisten gelten. Zwar ist es noch ein halbes Jahrhundert, bis sich der Dadaismus formierte, aber mit ihrem subversiven, vor nichts zurückschreckenden und respektlosen Humor waren Hervé und seine Operetten-Zeitgenossen Repräsentanten einer amüsierwilligen Ära, die den moussierenden Wort- und Musikwitz um seiner selbst willen zu schätzen wusste. „Traurig! Traurig! Die Operette hat die Götter getötet, hat die Helden getötet, hat die Fürsten des Mittelalters getötet, und an diesem Abend in den Bouffes-Parisiens“, hieß es 1866 anlässlich der Uraufführung von Hervés Les chevaliers de la table ronde, „setzt sie alles daran, die Ritter der Tafelrunde zu töten. Médor, Amadis, Lancelot, Ogier und Renaud haben für immer den Respekt der Massen verloren. Sie haben ihn verloren wie die wunderschöne Angélique und die Fee Mélusine“.

Hervés "Chevaliers de la Table ronde" in Venedig/ Szene/ Foto Crosera

Hervés „Chevaliers de la table ronde“ in Venedig/ Szene/ Foto Crosiera

Bis sich Monty Pythons Ritter auf die Suche nach den Heiligen Gral machen, vergeht zwar mehr als ein Jahrhundert, doch Hervés Ritter lassen schon mal grüßen. Hervé, der eigentlich Louis Auguste Florimond Ronger (1825-92) hieß, war Organist, Chorist, spielte in mehreren kleineren Pariser Theatern, begründete mit Don Quichotte et Sancho Pança die französische Operette, stülpte sich den griffen Kurznamen Hervé über, übernahm 1854 ein Theater, welches er Les Folies-Concertantes nannte, entschwand nach einem Prozess und der Verurteilung wegen Verführung eines minderjährigen Jungen von der Bildfläche und musste die Bühne und den Erfolg seinem Konkurrenten Offenbach überlassen. Nach einer Tour durch die Provinz gelangte Hervé Anfang der 1860er Jahre wieder nach Paris, übernahm erneut ein Theaterchen, in dem er – wir kennen das von Offenbach – anfangs nur klein besetzte Einakter aufführen durfte, bis 1864 „La Liberté des Théâtre“ verkündet wurde. Jetzt kam die große Zeit von Hervé, der bis zu seinem Tod gut zwei Dutzend mehraktiger Operetten schrieb. Das Vorspiel zu seiner Tetralogie großer Operetten (L’ oeil crevé, Chilpéric, Le Petit Faust und Les Turcs) bildeten Les chevaliers de la table ronde, die – manche schoben es auf die Konkurrenz durch die am gleichen Abend uraufgeführte Mignon und den Dauererfolg von La Vie parisienne  – nur eine lauwarme Aufnahme fanden. Seinen späten Ritterschlag erhielt Hervé jetzt durch den Palazzetto Bru Zane, Centre de Musique Romantique Française, der eine Bühnenproduktion anstieß, die Hervé, wenn sich die Wünsche der Organisatoren erfüllen, zum Motor für eine kontinuierliche Beschäftigung mit der französischen Operette machen. In einer leicht transportablen Fassung für dreizehn Sänger und zwölf Instrumentalisten waren Les chevaliers de la table ronde bereits seit November 215 in einigen französischen Städten unterwegs, bevor die Ritter nun pünktlich zum Carnevale in Venedig eintrafen, wo sie für fünf Vorstellungen in dem nach dem Brand des Teatro La Fenice rasch restaurierten und seit 2001 wieder bespielten Teatro Malibran auftraten. Im März erreichen die Ritter in Rennes das Ziel ihrer Pilgerfahrt.

Hervé (eigentlich Louis-Auguste-Florimond Rongers)/ Wikipedia

Hervé (eigentlich Louis-Auguste-Florimond Rongers)/ Wikipedia

In der ersten Aufführung hätten noch ein paar hundert Besucher Platz gefunden. Die Sprache (es wurde nur italienisch übertitelt) könnte ein Hürde darstellen. Doch obwohl der Text umfangreicher und anspruchsvoller ist als die eingangs angeführten Zeilen, kann das Vergnügen auch für nicht frankophone Besucher ein beträchtliches sein. Wen kümmert die Handlung, trägt doch schon die Inhaltsangabe die Unterzeile „eigentlich nicht wirklich wichtig“. So ist es. Jeder liebt in dieser irgendwann und irgendwo zwischen 800 und 2017 spielenden Handlung jeden. Rodomontes Gattin Totoche vergnügt sich mit dem Haushofmeister, Rodomontes Tochter Angélique ist leicht entflammbar, die Zauberin Mélusine will unbedingt den Ritter Roland usw. Das muss man nicht wissen. In der zweistündigen Aufführung erklärt sich alles von selbst. Dafür hat Pierre-André Weitz gesorgt, den wir durch seine Ausstattungen für Olivier Py kennen, und der hier erstmals für alles zuständig ist. Weitz hat vom Programmheft, der CD mit Ausschnitten von der Produktion über die Kostüme bis zur Bühne und der Bühne auf der Bühne alles mit breiten schwarzen und weißen Streifen überzogen und schöpft daraus einen optischen Witz, der seinen szenischen Witzen in nichts nachsteht: da wird temporeich agiert, balanciert, geturnt, stolziert, das „r“ gekaut wie in einer moderneren Variante der Commedia dell’arte, da wird kaum ein Trick ausgelassen, um einen federleichten szenischen Leckerbissen zu servieren, und mit dem Zuschauer Zwiesprache gehalten, was freilich von Hervé, der ständig die vierte Wand durchbricht, vorgegeben ist. Der eitle Roland trägt Goldkettchen und (natürlich) schwarz-weiß gestreifte Badeshorts, die Ritter tänzeln bei ihrem Ohrwurm „Jamais plus joli métier, ne fut dans le monde, que celui de cheval, que celui de chevalier, de la table ronde“ wie eine Boygroup im Umkleideraum einer Turnhalle und kehren in Dosen-Rüstungen zurück, Merlin taucht wie der Teufel aus der Schachtel auf, Angélique treibt es mit dem Spielmann Médor auf alle Arten juchzender Unschuld und ihre Stiefmutter wippt mit dem Haushofmeister Can-Can.

Hevé: Wanderproduktion der "Chevalier de la Zable Ronde" durch Frankreich und nun Venedig/ Image PBZ

Hervé: Wanderproduktion der „Chevaliers de la table ronde“ durch Frankreich und nun Venedig/ Image PBZ

Das Ensemble besteht aus singenden Artisten, die alle, ob nun mit mehr oder weniger Stimme begabt, glänzend bestehen. Hinreißend als Rodomont ist Damien Bigourdan, der mich, vielleicht auch wegen des mittelalterlichen Stoffes, an Werner Enders in Felsensteins Blaubart erinnerte, ein vertrottelter General und hysterisches Nervenbündel mit einer dünnen, bei Aufregung fistelhohen Stimme, voll giftig böser Hinterhältigkeit. Bigourdan singt seine anspruchsvolle Arie im ersten Akt und seine Couplets mit federnd leichter Eleganz und – wie alle – mit dezidierter Diktion, gelegentlich im Duktus seiner Szenen an den Frantz in Les contes d’Hoffmann erinnernd. Große gesangliche Anforderungen werden an die Totoche gestellt, die in ihrer Romanze eine Parodie auf eine tragische Seria-Arie anstimmt und mehrere freche Couplets hat, welche den Umfang eines runden Mezzosoprans erfordern, was Ingrid Perruche mit Bravour meisterte. Aber das gilt für alle, für die Mélusine von Chantal Santon-Jeffery, die in ihrer von der Flöte begleiteten Arie eine wunderbare Szene zwischen Ernst und Komik lieferte, die piepsig süße Angélique von Lara Neumann, den in fast schon klassisch arioser Weise schwelgenden Médor von Mathias Vidal, den mit einer Stimme, dünn wie ein Fädchen, herrlich gestaltenden Antoine Philippot als Sacripant, sowie alle Ritter, die von Christophe Grapperon und Les Brigands mit Verve durch den Abend gesteuert wurden. Grapperon ließ auch sehr rasch vergessen, dass man es mit einer Einrichtung für 12 Instrumentalisten zu tun hatte, da der leichte, drahtige Klang des Orchesterchens völlig Hervés quecksilbrig springender Musik entspricht, von der es nach der Uraufführung hieß: „Die Musik von Monsieur Hervé ist in stärkerem Maß richtige Musik als die von Monsieur Offenbach… Der Refrain der Ritter, eine Art komische Marseillaise, wird bald in ganz Paris gesungen werden, und die Ballade „Isaure était seule“ kann in jedem Wohnzimmer wiederholt werden, ohne Mutter und Tochter erröten zu lassen“. Die Musik ist fein gewoben, zeichnet sich durch zart gedrechselte rhythmische Alertheit aus, biegsame Couplets, duftige Melodik, gelenkig kurze Arien und springlebendige Ensembles und Finali, die wie alle Nummern, immer übersichtlich sind: musikalisches Schaumgebäck. Aber nie zu süß. Rolf Fath

Die ganze Aufführung ist nun auch auf der Website von Culurebox für jedermann zu sehen, mit einiger Werbung drin und nicht ganz unkompliziert: http://culturebox.francetvinfo.fr/festivals/teatro-la-fenice/les-chevaliers-de-la-table-ronde-d-herve-au-teatro-malibran-234555#disqus_thread

 

Das Teatro la Fenice/ fenice.it

Das Teatro La Fenice/ fenice.it

Und am Abend zuvor im Teatro La Fenice: La Traviata 163 Jahre nach ihrer Uraufführung. Draußen feiert die Stadt Karneval, im Theater liegt Violetta Valéry im Sterben. Es ist genau diese Situation, die sich die Autoren für den Beginn des letzten Aktes vorstellten: „Tutto Parigi impazza…è carnevale sagt die treue Annina. Von ihrem Appartement am Boulevard de Madeleine aus, der heutigen Nummer 15, das ihr Graf Stackelberg eingerichtet hatte, hätte Marie Duplessis vielleicht auf den Karneval, sicher aber auf die gerade fertig gestellte La Madeleine blicken können. Beste Pariser Lage. Die großen städtebaulichen Veränderungen unter Haussmanns Planung erlebte sie nicht mehr, da sie im Alter von 23 Jahren im Februar 1847 starb. Zwei Jahre zuvor war sie mit dem 20jährigen Alexandre Dumas eine Liebesbeziehung eingegangen, der diese Romanze zum Inhalt seiner „Kameliendame“ machte und beteuerte, „Ich bitte den Leser, von der Realität dieser Geschichte überzeugt zu sein, da alle Personen, mit Ausnahme der Heldin, noch leben. Überdies gibt es in Paris für einen Großteil der Ereignisse Zeugen, die sie bestätigen können“.  Aus Marie wurde Marguerite Gautier, er selbst gab sich den Namen Armand. Das frühe Liebesleid bot die Chance zum Erfolg, der sich nochmals steigerte, als Dumas 1852 ein Bühnenstück daraus fabrizierte. Verdi sah eine Aufführung und hatte damit endlich das Thema für seine Paris-Oper gefunden, die 1853, also nur fünf Jahre nach dem Tod der wirklichen Kameliendame, in Venedig auf die Bühne gelangte.

"La Traviata" im TeatrolLa Fenice/ Szene/ Foto Michele Crosiera

„La Traviata“ im Teatro La Fenice/ Szene/ Foto Michele Crosiera

Draußen wogt der venezianische Karneval, und drinnen stirbt Violetta Valéry. Zum wievielten Mal eigentlich seit dem 6. März 1853? Wie häufig wurde La Traviata am La Fenice gespielt, wer hat sie gesungen? Immerhin erinnert eine kleine Callas-Ausstellung auf der dritten Logen-Ebene daran, dass die Diva neben Isolde, Turandot, Brünnhilde, Elvira, Norma, Lucia und Medea hier auch die Violetta in der Jubiläumsaufführung 100 Jahre nach der Uraufführung gewesen war. Das schmale Programmheft für 12 € gibt darüber keine Auskunft.

Gespielt wird die Inszenierung von Robert Carsen, mit der das La Fenice 2004 wiedereröffnet worden war (im Jahr zuvor freilich hatte es ein offizielles Eröffnungskonzert gegeben), die seither mehrere Reprisen erlebte und allein 2016 in vier Serien-Blöcken auf dem Spielplan steht. Ein bisschen fühlt man sich an die vielen Le-Quattro-Stagioni-Konzerte in Originalkostümen erinnert. Business as usual. Im Zuschauerraum sind dennoch erstaunlich viele Venezianer, viele tragen Masken, einige der Damen sehen in ihren Kostümen aus der Goldoni-Zeit wohl so aus wie man sich die Ur-Violetta vorstellen muss, denn bekanntlich wurde die Zeitoper um mehr als ein Jahrhundert zurückdatiert, was – das findet sich im Programmheft und war mir neu – weniger mit der Furcht vor der Zensur zu tun hatte als ein Entgegenkommen an den Chor war, der es gewohnt war, in historischen Kostümen aufzutreten.

Sünde pur: "La Traviata" im TeatrolLa Fenice/ Szene/ Foto Michele Crosiera

Sünde pur: „La Traviata“ im Teatro La Fenice/ Szene/ Foto Michele Crosiera

Auf der Bühne hat Carsen die Oper, die erst 1906 getreu Verdis Wunsch als Zeitoper gegeben wurde, aber damals freilich auch schon historisch geworden war, in die Gegenwart verlegt.  Die Inszenierung ist bekannt, es gibt sie bereits seit Jahren auf  DVD, wobei ich sie jetzt auf der Bühne ein ganz klein wenig interessanter fand. Man merkt ihr die zehn Jahre seit der Premiere an. Wirklich modern wirkt sie nicht mehr. Gerettet wird sie auch nicht durch das steife Agieren der Protagonisten. Violetta residiert während des Vorspiels auf ihrem breiten Bett, vor dem die Männer wie Höflinge vorbeispazieren und sie mit Geld überhäufen. Das breite Landschaftsbild über dem Bett wird im zweiten Akt zum realen Sehnsuchtsort. Es fehlt nie an Geld. Es quillt aus den Schubläden, es fällt, braun verbrannt, im zweiten Akt wie Herbstblätter in die Landschaftsszene, und seht in Überfülle den Reichen im Nachtclub zur Verfügung auf dessen kleiner Bühne goldbetresste Animiertänzerinnen und Cowboys à la Chippendales die Zigeuner geben, Nur am Schluss, als das feine Interieur, die moderne Kunst und die alten Spiegel, weggeräumt wurden, und die Maler schon für einen Nachmieter renovieren, fehlt es. Noch einmal tobt die Partygesellschaft, die bereits im ersten Akt ein wenig unglaubwürdig wirkte, herein, beachtet Violetta nicht mehr. Sie stirbt. Rauchend setzen die Maler ihre Arbeit fort. Es ist sicherlich nicht das, was sich die Touristen erwarten. Es ist sicher auch nicht Carsens überzeugendste Arbeit, da doch etwas altbacken. Violetta ist die Edelprostituierte, Alfredo der Künstler. Als Fotograf ist er anfangs Zaungast beim ausgelassenen Treiben.

 Matteo Lippi ist das pausbäckige Landei in Lederjacke, er singt mit unbekümmerter Partylaune und bibbernde Träne in der Stimme, ist immer etwas uneins mit dem Dirigenten, wählt in seiner Stretta die schlichtere Alternative und gewinnt in „Parigi o cara“, inzwischen offenbar erfolgreicher und in Anzug mit Krawatte gekleidet, etwas an Format. Bei nicht unbedingt schöner Stimme hat Francesca Dotta eine gute Tiefe, die einiges an Charakterisierungskunst verspricht. Doch es fehlt ihr an emotionaler Eindringlichkeit und auch Wucht (im banalen „Amami Alfredo“), in „È strano“ klingt schon „oh gioia“ hart und unattraktiv, die Koloraturen wirken leiernd, in „croce e delizia“ eierig, und man zuckt vor den hohen „gioire“-Tönen zusammen, obwohl das Publikum dankbar hineinklatscht. Für die Auseinandersetzung mit Germont fehlt es an Kraft, für „Addio del passato“ an unverschleierter Tonproduktion. Elia Fabbian ist ein patenter Germont, mit dem das Drama im zweiten Akt an Tiefe gewinnt. Ihm, der aber in der Cabaletta schwächelte, aber vor allem dem tollen Dirigenten Daniele Rustioni ist es zu verdanken, dass der Abend nicht in völliger Belanglosigkeit verlief. Rustioni hat das richtige Gefühl für das Stück, für die Nuancen und den dramatischen Fluß, für das Pathos und die fieberige Melancholie, er ist manchmal ein wenig rasch, erzeugt aber von Anfang an eine musikalische Atmosphäre, von der sich das Orchester, auch wenn es am 6. Februar nicht seinen allerbesten Tag hatte, animieren ließ. Erschreckend schwach besetzt waren die kleinen Partien von der unhörbaren Flora über den stimmlosen Baron und Marchese bis zum knarzigen Doktor, da war es für Iorio Zennaro, eine Säule des Hauses, ein Leichtes als Gastone aufzufallen.    R.F.