Alfredo Kraus

„Wenn ein Sänger hohe Noten, die nicht in der Partitur stehen, der Tradition gemäß aber schon immer gesungen wurden, singen KANN, dann soll er sie auch singen……“

krauscd1Garant für Qualität

Er galt als der Grandseigneur unter den Tenören seiner Zeit, als überragender Stilist, als unerreichter Ritter vom hohen C (und darüber) – als Aristokrat des tenoralen Belcanto……Die Liste solcher und ähnlicher Attribute und Superlative ließe sich noch lange fortsetzen. Doch muss man nicht unbedingt auf die blumige Sprache begeisterter Fans und Kritiker (auch solche gab es in diesem Fall!) zurückgreifen, die reinen Fakten allein bestätigen den Ausnahmerang, den Alfredo Kraus rund vier Jahrzehnte lang im oft so schnelllebigen Musikbetrieb eingenommen hat. Vier Jahrzehnte ohne Krisen, ohne Skandale, ohne Absagen. Der Name Alfredo Kraus am Theaterzettel war stets eine mehr als hundertprozentige Garantie für ein unvergessliches künstlerisches Erlebnis.

Ein halber Österreicher

Geboren am 24. November 1927 in Las Palmas, Gran Canaria (die Mutter war Spanierin, der Vater Österreicher), erhielt er bereits als vierjähriger Klavierunterricht, sang mit acht Jahren im Schulchor, und begann schließlich ein Ingenieurstudium, als ihn ein singender Ingenieur so beindruckte, dass er beschloss, ebenfalls Sänger zu werden. Dieser singende Ingenieur war kein geringerer als der dänische Tenorstar Helge Rosvaenge, im bürgerlichen Beruf Chemie-Ingenieur, der nach dem Krieg nach Südamerika auswandern wollte und auf dem Weg dorthin ausgerechnet in Las Palmas hängen geblieben war, wo er sein 25. Bühnenjubiläum feierte und damit offenbar auch den jungen Alfredo Kraus begeisterte, der daraufhin ein ernsthaftes Gesangsstudium in Angriff nahm.

In Kürze zur Weltspitze

1956 hat Kraus dann in Kairo als „Rigoletto“-Herzog sein Bühnendebüt gefeiert und sich inkrauscd3 kürzester Zeit schon einen hervorragenden Ruf erarbeitet, auch durch die Tatsache, dass er schnell gelernt hat „nein“ zu sagen (was ihm durch materielle Unabhängigkeit seitens seines Elternhauses auch leichter gefallen ist als anderen). So hat er etwa bereits seine zweite Bühnenrolle –den Cavaradossi in Puccinis „Tosca“- nur ganze zwei Mal gesungen, war er doch überzeugt davon, dass veristische Partien für seine Stimme absolut ungeeignet waren. Trotzdem hat er sich schnell die wichtigsten Opernhäuser der Welt erobert, angefangen vom Londoner Covent Garden bis zur Mailänder Scala, der Metropolitan und der Wiener Staatsoper, an die er allerdings erst auf einem Umweg über die Volksoper gelangt ist.

Späte Liebe

Richtig erkannt, welches Phänomen in Alfredo Kraus steckt, haben Wiener Operndirektoren und Publikum relativ spät, quasi erst im Herbst seiner Karriere, wenn diese auch nie einen stimmlichen Herbst erlebt hat, sondern im wahrsten Sinne des Wortes mit einem ewigen Frühling gesegnet gewesen ist. In diesen Jahren aber haben die Wiener Kraus dann so enthusiastisch gefeiert, als wollten sie alles Versäumte plötzlich nachholen. Und das nicht nur an der Staatsoper, auch bei Konzerten und bei zwei Sensationsgastspielen an der Volksoper, wo er sich hier endlich in zwei seiner wichtigsten Rollen präsentieren konnte, als Tonio in der „Regimentstochter“ und als „Hoffmann“.

Bruch mit der Staatsoper

krauscd4Den „Hoffmann“ sollte er später auch an der Staatsoper singen, doch an diesem Projekt zerbrach sein zuletzt so hervorragendes Verhältnis zum Haus am Ring – zum Schaden des Publikums. Ausgerechnet sein früherer Agent war nun Chef des Hauses und verlangte plötzlich von ihm, mit einem seiner eisernen Prinzipien zu brechen, nämlich den „Hoffmann“ in zwei Einzelvorstellungen zu singen, noch dazu getrennt durch die Sommerferien und ohne Orchesterprobe, was gerade bei diesem Werk, von dem so viele Fassungen existieren, eine Zumutung darstellte. Kraus hat dankend abgelehnt und die Staatsoper nie mehr betreten.

 

Respekt vor Musik und Text

Auch in Bezug auf Regie und Ausstattung hatte Kraus feste Prinzipien, unterschrieb nie einen Vertrag, ohne genau zu wissen, was ihn bei dieser Produktion erwarten würde. Undenkbar, dass er den Faust in Jeans gesungen, oder sich bei einem Liebesduett am Boden gewälzt hätte. „Ich bin offen für neue Ideen“ meinte er in diesem Zusammenhang bei einem Publikumsgespräch der Opernfreunde: „Aber wir müssen immer Respekt haben für die Musik und für das Libretto. Auch für uns selbst und für das Publikum, von dem ich manchmal das Gefühl habe, dass es auf die Schaufel genommen wird. Und natürlich ist es viel schwieriger, in der Tradition zu bleiben und schöne Aufführungen zu machen, als irgendetwas Absurdes zu erfinden……“

Pult-Diktatoren

Im letzten Abschnitt seiner Karriere hat Alfredo Kraus sich verstärkt auch um den Nachwuchskrauscd2 bemüht, Meisterkurse abgehalten und sein reiches Wissen in puncto Gesangstechnik bereitwillig weitergegeben. Von einer Sänger- oder Opernkrise wollte er allerdings nichts wissen, eher konstatierte er eine Lehrer- bzw. Dirigentenkrise. In erster Linie hat er das Aussterben der großen, wissenden alten Maestri bedauert, die viel von Stimmen verstanden und ihre Sänger auch geliebt haben. „Und anders als viele junge arrogante Dirigenten von heute“ meinte Kraus in einem Interview mit der griechischen Musikjournalistin Helena Matheopoulos „spielten sich diese Männer nicht als Diktatoren auf. Sie sagten nie: So muss es sein!, sondern es hieß immer: Kraus, kommen sie, jetzt machen wir das einmal zusammen, ich zeige ihnen, wie es sein soll. Diese Art, einem Sänger etwas beizubringen, Wissen zu vermitteln und die Tradition der Operngesangskunst weiterzugeben, das ist so etwas wie eine Mission. Wenn das nicht weitergegeben wird, dann ist ein Glied der Kette zerstört, dann ist die Kette erst an einer Stelle, dann an einer zweiten, schließlich an vielen Stellen unterbrochen, bis irgendwann einmal nichts mehr vorhanden ist.“

Singen bis zum Tod

Mit dem Tod seiner Ehefrau im Jahr 1997 begann sich der Himmel über Alfredo Kraus zu verfinstern: „Ich habe nicht mehr den Willen zu singen“ meinte er in einem Interview, „aber ich muss es tun, weil es in gewisser Weise die einzige Möglichkeit ist, die Tragödie zu überwinden. Singen ist das, was mich am Leben erhält.“ Leider hat diese Selbsttherapie nicht allzu lange angehalten. Gerade ein Jahr lang ist er noch aufgetreten, hat Platten aufgenommen, ist dann aber selbst schwer erkrankt und schließlich am 10. September 1999 in Madrid gestorben.

(Gottfried Cervenka ist Wiener Professor und Musikwissenschaftler; seinen Beitrag für Ö1 überließ er uns zum Nachdruck, wofür wir ihm sehr danken/die Red.)