Plädoyer für ein umstrittenes Werk

 

1938. Das Datum der Uraufführung erweist sich als schwere Hypothek für die Oper Peer Gynt des deutschen Komponisten Werner Egk (1901-1983). Trotz der Vorbelastung dieses Werkes hat sich das Theater an der Wien an eine Neuinszenierung gewagt, obwohl es im Vorfeld auch sehr kritische Stimmen gab. Hitler und Goebbels waren von Egks Oper angetan. Die nordische Thematik entsprach dem Geschmack der Nationalsozialisten. Egk stützte sich aber nicht auf die Ibsen-Übersetzung des Hitler-Mentors Dietrich Eckart, sondern entwarf sein Libretto in freier Neugestaltung. Zwiespältig ist auch Egks eigene Rolle im „Dritten Reich“ gewesen. Auf der einen Seite war er fraglos ein Nutznießer des NS-Regimes, erhielt zahlreiche Auszeichnungen (darunter 1936 eine olympische Goldmedaille in der Kategorie „Orchestermusik“), fungierte als Leiter der „Fachschaft Komponisten“ in der Reichsmusikkammer und landete auf der „Gottbegnadeten-Liste“, die ihn vor dem Kriegsdienst bewahrte. Auf der anderen Seite war er nie Mitglied der NSDAP, und gelang es ihm noch nicht einmal, seinen eigenen gerade 21-jährigen Sohn Titus vor dem sinnlosen Kriegstod 1945 zu bewahren.

Wie klingt nun diese Oper? Eine Verortung in die 1930er Jahre ist auch ohne Vorwissen naheliegend. Insgesamt bedient sich Egk eines Konglomerats verschiedenartigster Einflüssen. Wiewohl gewisse dezente Anklänge an Wagner feststellbar sind, wäre es verfehlt, das Werk in eine irgendwie geartete Wagner-Nachfolge einzuordnen. Vielmehr wird man an Orff, Weill, Krenek, auch Strawinski denken. Die Schlussszene erinnert geradezu verblüffend an Korngolds opulente Klangwelt. Hinzu kommen weitere, den Nazis eigentlich verdächtige Stile, von Jazz und Tango bis hin zu Charleston. Diese Stileinflüsse kennzeichnen die Welt der Trolle, was die Frage aufwirft, welche Intention Egk dabei verfolgte. Eine diffamierende Herabsetzung der auf diese Weise Charakterisierten ist schwer zu leugnen, allerdings ist unklar, wen die Trolle konkret symbolisieren. Einiges spricht für die im Nazi-Jargon so bezeichneten „Untermenschen“, auch wenn die Anhängerschaft Egks darin gerade im Gegenteil die NS-Führungsriege selbst erblicken will. Der durchaus streitbare Peter Konwitschny, der für die Inszenierung verantwortlich ist, erweist sich als Anwalt des lange Zeit verfemten Werkes, in welchem er keine nationalsozialistische Propaganda Egks erkennen will. Entsprechend fehlen in seiner Regiearbeit auch praktisch jedwede Anspielungen auf das „Tausendjährige Reich“. Dadurch gelingt es ihm, zum eigentlichen Kern des Egk’schen Opus vorzudringen: der evidenten Kapitalismuskritik. Dies macht Peer Gynt zu einer bedeutenden Oper, obwohl sie musikgeschichtlich keinesfalls wegweisend war.

Die Handlungszeit ist bei Konwitschny schwer definierbar, auch wenn Details wie Vintage-Anzüge und ein Oldtimer eher nicht ans einundzwanzigste Jahrhundert denken lassen. Die Trolle sind bei Konwitschny keine monströsen Gestalten, sondern vom Konsumwahn und Genusssucht Befallene, was wiederum genau in die Jetztzeit passt. Der grenzenlose Egoismus des „Wer hat, der hat“ dominiert die gesamte Produktion. Dass Peer Gynt – phänomenal in allen Schattierungen verkörpert vom großen Sängerschauspieler Bo Skovhus – ein krasser Außenseiter ist, der von der eigenen Dorfgemeinschaft bestenfalls belächelt wird, macht bereits das kurze Vorspiel deutlich. Nur widerwillig begibt er sich auf das Hochzeitsfest von Mads und Ingrid, bei welchem er auf Solveig stößt, die aufgrund ihrer Blindheit stets in Begleitung von Klein-Helga ist und somit auf andere Weise ebenfalls zu den Ausgestoßenen zählt. Diese Eigeninterpretation Konwitschnys darf man als vollauf gelungen bezeichnen, macht sie doch die Besonderheit Solveigs für Peer noch besser deutlich. Mit seinen Phantastereien kann dieser in der engstirnigen dörflichen Welt nicht bestehen. Dass die Szenerie chaotisch endet, ist nur folgerichtig. Freilich wirft die Entführung der Braut durch Peer kein allzu gutes Licht auf ihn, stößt er sie doch bei nächster Gelegenheit wieder von sich, nachdem er ihr ihre Unschuld geraubt hat. Neben Solveig hält im Grunde genommen nur Peers Mutter Aase – mustergültig verkörpert von Natascha Petrinsky – stets zu ihrem Sohn, obwohl er auch sie ohne Abschied sitzenlässt. Mit einem Maschinengewehr bewaffnet, hindert sie die wütenden Dorfbewohner Szene daran, die Verfolgung aufzunehmen.

Egks „Peer Gynt“ in Theater an der Wien/ Szene/ Foto Werner Kmetitsch

In der Einsamkeit hält es Peer Gynt indes nicht lange aus. Bald schon lässt er sich mit der mysteriösen Rothaarigen ein, die sich als die Tochter des Trollkönigs herausstellt. Der Regieeinfall, die Rothaarige von derselben Sängerin wie Solveig darstellen zu lassen, erweist sich als überzeugend und geht noch über die Gleichsetzung der Rothaarigen mit der Tänzerin im sechsten Bild durch den Komponisten hinaus. Auf diese Weise werden die beiden Seiten von Peers Begehren ersichtlich: Zum einen erstreckt es sich auf die unschuldige, in sich gekehrte Solveig, zum anderen auf die extravertierte und genusssüchtige Trollin. Diese Doppelrolle wird kongenial von Maria Bengtsson ausgefüllt, der es gelingt, die Kontraste herauszuarbeiten. Schon bei ihrem ersten Auftritt wird deutlich, wofür die Trolle stehen: „Suche stets nur Lust, Genuss, Gewinn, dann enthüllt sich dir der tiefre Sinn!“ Die visuell vielleicht beeindruckendste Szene ist dann auch das Reich der Trolle, welches vom sogenannten Alten, dem König der Trolle – rollendeckend Rainer Trost -, regiert wird. Konwitschny zeichnet das Bild eines grenzenlosen Konsumrausches, dem sich Peer Gynt nicht anschließen will. Nur widerwillig wiederholt er die hohle und selbstsüchtige Phrase der Konsumsüchtigen: „Ich schwöre, dass ich nie etwas anderes tun will als das, was mir grade passt!“ Dem Alptraum entkommt er schließlich durch die Anrufung Solveigs. Hier erweist sich die Dopplung der beiden Frauenrollen wiederum als geschickt, kann Peer dem Spuk doch durch das bloße Herunterreißen der roten Perücke ein Ende bereiten.

Die Idylle in der Abgeschiedenheit, in welcher er sich ein kleines Häuschen errichtet hat, ist indes nur von kurzer Dauer. Zwar hat sich Solveig wider Erwarten bereits zu diesem Punkt entschlossen, ihr Leben an Peer Gynts Seite verbringen zu wollen, doch gemahnt diesen die neuerlich auftauchende Rothaarige an seine Eskapaden, ein angebliches Bastardkind Peers an ihrer Seite. Obgleich er beide fortjagt, erkennt er, dass ihn seine bösen Geister auf Schritt und Tritt begleiten. Unter einem Vorwand – wenn auch mit Gewissensbissen – lässt er Solveig zurück und verschwindet. Der erste Akt endet damit und man findet sich im nächsten Bild zwanzig Jahre später in einer lateinamerikanischen Republik wieder, wo es Peer Gynt als Musterkapitalist mit fragwürdigen Methoden zu großem Reichtum gebracht hat. Obwohl er den Präsidenten der Republik – mit sonorem Bass gesungen von Stefan Cerny – mittels umfangreicher Bestechungsgelder auf seine Seite gebracht hat, überlisten ihn seine drei Geschäftspartner – wiederum dargestellt von bereits in der Dorfszene auftretenden Antagonisten – und entführen sein mit Gold beladenes Schiff. Die drei Kaufleute verkörpern den „Raubtierkapitalismus“ in reinster Form: „So ist’s im Leben, dem Schwachen nicht, dem Starken wird’s gegeben! […] Und wer gewinnt, hat recht; wer hat, der hat!“ Als das Schiff auf hoher See explodiert, muss auch Peer Gynt deutlich werden, dass grenzenlose Gewinnsucht nicht unbedingt zu persönlichem Glück führt.

In der Hafenkneipe lacht er sich die bereits erwähnte Tänzerin in Gestalt der Rothaarigen an und versucht, sie sich durch ein selbst vorgetragenes Lied gefügig zu machen. Freilich macht er sich damit lediglich lächerlich. Sie verliert jegliches Interesse, sowie ihr bewusst wird, dass er keinen müden Groschen mehr in seinen Taschen hat. Im dritten Akt, kehrt Peer Gynt vollends verarmt in die Heimat zurück. Nicht nur, dass er auch dort einmal mehr dem Spott dreier seltsamer Vögel ausgesetzt ist, will ihm auch noch der Tod – wiederum Stefan Cerny – an den Kragen. Flehentlich erreicht Peer Aufschub, gelangt allerdings nicht zur erhofften Solveig, derer er sich nun endlich wieder entsinnt, sondern in eine apokalyptische Unterwelt, wo er sich als Angeklagter wiederfindet. Der kapitalistische Trug hat seinen Glanz verloren und erscheint in matten Grautönen. Peer wird mit seinen vergangenen Schandtaten konfrontiert und ihm droht, sein Leben endgültig verwirkt zu haben. Einzig die Fürsprache der mittlerweile verstorbenen Mutter bringt ihm eine allerletzte Chance, sofern er binnen Jahresfrist jemanden findet, der für seine Rechtschaffenheit bürgt. Er begegnet Solveig nun in einem Seniorenheim wieder. Die Versuche des Todes, ihn von der Ausweglosigkeit der Situation zu überzeugen, schlagen fehl, erklärt sich Solveig doch bereit, ihn bedingungslos wiederaufzunehmen. In einer verklärenden, dabei keineswegs kitschigen Schlussszene singt Solveig ihr anrührendes Lied. Endlich darf Peer Gynt erfahren, was Liebe und Glück bedeuten. Der Schleier der Blindheit scheint von ihr genommen. Doch noch ein Happy End.

Die Ausstattung der Produktion durch Helmut Brade ergänzt das Konzept der Inszenierung adäquat. Die Bühne ist weder überladen noch karg. Nicht nur die Haupt-, sondern auch die Nebenrollen sind vorzüglich besetzt. Zu erwähnen sind hier besonders Nazanin Ezazi als Ingrid/Kellnerin/Erster schwarzer Vogel, Andrew Owens als Mads/Bedienter, Michael Laurenz als Erster Kaufmann/Der Vogt/Hoftroll, Zoltan Nagy als Zweiter Kaufmann/Der Schmied sowie Igor Bakan als Dritter Kaufmann/Der Haegstadbauer/Zuhälter. Zum sehr positiven Gesamteindruck (Vorstellung am 1. März 2017) trägt vor allem auch das blendend aufgelegte ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Stabführung von Leo Hussain bei. Der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor brilliert in den großen Szenen. Entsprechend fielen die Reaktionen des Publikums aus. Begeisterter Beifall und viele verdiente Bravo-Rufe, besonders für Bo Skovhus und Maria Bengtsson. Man kommt nicht umhin, diese Neuproduktion als einen großen Erfolg zu bezeichnen, die ein klares Plädoyer für diese Oper ausspricht. Die Inszenierung von Peter Konwitschny weist den Weg, wie eine zeitgemäße Rezeption von Egks Peer Gynt aussehen kann. Es wäre wünschenswert, käme es zu einer CD-Veröffentlichung. Die Diskographie dieser Oper ist immer noch dürftig: Einzig eine noch von Werner Egk selbst autorisierte und von Heinz Wallberg verantwortete Einspielung des Münchner Rundfunkorchesters aus dem Jahre 1981 (Orfeo) ist derzeit greifbar. In jedem Falle gilt: Wieder einmal hat sich das Theater an der Wien als das innovativste unter den drei Wiener Opernhäusern erwiesen (Foto oben : Bo Skovhus als Peer Gynt in der gleichnamigen Oper von Werner Egk am Theater an der Wien. Foto: © Werner Kmetitsch). Daniel Hauser