Zwei Helden vom Dorf in Budapest

 

.Mit einem Hahnenschrei geht es in Ero der Schelm  los. Ohne Ouvertüre knallt Jakov Gotovac mitten hinein ins dalmatische Dorfleben, wo ein Bräutigam vom Himmel fällt. So wurde es Djula, der Tochter des reichen Bauern Marko, von einer Zigeunerin geweissagt. Mitscha, oder nennen wir ihn Mico, wie ihn der Programmzettel des Zagreber Horvát Nationaltheaters beim Budapester Gastspiel ausweist, fällt zwar nicht vom Himmel, immerhin aber vom Heuschober. Gegenüber den leichtgläubigen Mädchen auf dem Dorfplatz behauptet er, er sei wie „Ero aus jener Welt“, der berühmte Eulenspiegel der serbisch-kroatischen Legende, tatsächlich vom Himmel gefallen, worauf sie ihn nun nach allen möglichen verstorbenen Freunden und Verwandten löchern. Mico ist natürlich nur wegen Djula gekommen, der er seine Liebe gesteht. Ihrem Vater ist er nicht genehm, Djunas Stiefmutter Doma eigentlich auch nicht, doch sie ist so fasziniert von den Geschichten, die Mico von ihrem verstorbenen ersten Mann erzählt, der im Himmel das Leben eines Bettlers führt, dass sie ihm ohne Umschweife das gesamte Geld für ihren verstorbenen Mann mit auf den Weg in den Himmel gibt. Marko ist wütend und nimmt die Verfolgung des Flüchtigen auf. Dieses war der erste Streich. Doch der zweite folgt sogleich in der Mühle des Sima, wo Mico in die Arbeitskleidung des Müllers schlüpft und letztlich mit Djuna und dem Pferd des Marko flieht.

Jakov Gotovac 1941/ Foto RAI

Die Geschichte der entführten Braut, die Milan Begovic auf der Basis der Volkslegende herstellte, erinnert an Smetanas Die Verkaufte Braut. Djula ist Halbwaise wie ihr tschechisches Pendant; hier wie dort werden die sturen, geizigen Alten übertölpelt, und auch in Ero der Schelm  stellt sich der Bräutigam als präsentabler Bauernsohn heraus, auf dessen breiter Brust die Goldknöpfe glitzern und der seiner Djula ein silbernes  Kleid spendieren kann. Seine Mutter hatte ihm geraten, als armer Schlucker aufzutreten, damit er ein Mädchen findet, dass ihn aus Liebe und nicht seines Geldes wegen heiratet. Selbst anhand der englischen Übertitel lässt sich der Wortwitz des Librettos erahnen. Die jungen Leute verschiedener Nationalitäten hinter uns amüsieren sich jedenfalls. Das ist vielleicht ein bisschen bieder und brav erzählt und die drei jeweils rund 40minütigen Akte kommen nur umständlich auf den Punkt, doch Begovic und Gotovac haben mit den tratschenden und aufgebrachten Frauen und der Jahrmarktstimmung am Schluss viel strotzendes Dorfleben eingefangen, die naive Schwatzhaftigkeit der Dörfler, die gestelzte Steifheit des reichen Bauern und die zänkische Wut seiner zweiten Frau so trefflich charakterisiert, dass diese komische Oper bis heute als die eigentlich kroatische Nationaloper neben den ernsten Opern des Ivan Zajc, etwa der ein Schlachtgetümmel aus dem 16. Jahrhundert erzählende Nikola Šubić Zrinski von 1876, fungiert.

Ero s onoga svijeta (Ero der Schelm) wurde erst am 2. November 1935 in Zagreb uraufgeführt, drei Jahre später folgte in Karlsruhe die deutsche Erstaufführung. 1940 sangen Maria Müller und Peter Anders an der Berliner Staatsoper in Ero der Schelm. Ich kannte das Werk nur aus dem Opernführer und von der einzigen Gesamtaufnahme, die 1962 in Zagreb unter Leitung des Komponisten entstand, der fast 30 Jahre zuvor auch die Uraufführung dirigiert hatte. Die Aufnahme bietet mit Radev, Gostic und Ruždjak  Namen auf, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Wien, München oder Hamburg einen guten Klang hatten. Die erste CD ist beim Herausnehmen seinerzeit in Brüche gegangen. Ob man deshalb das Werk nachholen muss? Die Produktion, die als Antwort auf ein früheres Gastspiel der Ungarischen Nationaloper jetzt unter der Kroatischen EU-Ratspräsidentschaft im  Budapester Erkel-Theater gezeigt wurde, entstand 2015 zum 80. Jahrestag der Uraufführung und wirkt so pittoresk wie das Berliner Szenenbild von 1940, und vermutlich haben die anderen Aufführungen auch so bilderbuchhaft ausgesehen. Pralle Sonne, goldgelber Heuschober, ein Apfelbaum mit melonengroßen Äpfeln, eine klappernde Mühle, kaum mehr (Ausstattung: Dalibor Jenis). Zwei Tage später gelingt dem Zagreber Ballett übrigens mit einem Tod in Venedig der Anschluss ans internationale Tanztheater. Valentina Turcu hat die Novelle in 75 spannende Minuten gepackt, das übersichtliche Ensemble auf viele Figuren verteilt, die knappen Szenen mit Mahlers Musik so suggestiv ausgemalt und verdichtet, dass das Budapester Publikum begeistert ist. (In operalounge.de wurde ausführlich über die Oper berichtet, wie dort Florian Heurich in seinem Artikel anlässlich der Münchner Aufführung 2019 schreibt.)

„Ero der Schelm“ am Nationaltheater Zagreb in der TV-Übertragung bei Eurivision/ Foto Mara Bratos/ eurovision.eu

Ero der Schelm ist altmodisch, bestenfalls werkdientlich sparsam (Inszenierung: Krešimir Dolenċiċ), denn offensichtlich ging der ganze Ausstattungsetat für die farbenprächtigen Kostüme der Inga Kotinčer drauf, die eine Wucht sind. Am besten kommen sie in dem sich rasant steigernden Reihentanz, dem Kolo am Ende der Oper, der eine geradezu entfesselte freudentaumelnde Dorfgemeinde zeigt, zur Geltung.

Dieser Kolo sind Gotovac’ Polowetzer Tänze. Ein Paradestück. Ein Sinfonischer Kolo von 1926 war einer der ersten Erfolge des 1895 im damaligen österreichisch-ungarischen Split geborenen Gotovac, der nach Studien in seiner Geburtsstadt ab 1920 seinen Feinschliff beim Spätromantiker Joseph Marx in Wien erhielt. Ab 1923 wirkte er dreieinhalb Jahrzehnte als Dirigent am Kroatischen Nationaltheater in Zagreb. Bis in die 1960er Jahre komponierte er noch sechs weitere Oper; dem Ero war Morana vorausgegangen, von der eine reizvolle Suite existiert. Im Gegensatz zu der vier Jahre vor dem Ero, ebenfalls in Zagreb, uraufgeführte Koštana des geradezu stürmisch avantgardistischen serbischen Komponisten Petar Konjovic, ist der Ero eine musikalisch sittsame, spätromantische Oper, doch er greift kraftvoll ins pralle Volksleben, knüpft in den Chorszenen und tänzerischen Elementen wohl an jugoslawische Folklore an und ist reich und originell orchestriert. Die Arien und Lieder sind vielfach schlicht, doch voll süßer Melodik, so dass eine scheinbare Nebenfigur wie der Müller zu einer prachtvollen Baritonpartie gerät, was Ljubomir Puškaric mit einem saftigen Bariton unterstreicht. Das Duett der Liebenden im zweiten Akt ist von einer hymnischen Italianità, beim Volksfest  sind orientalische Anklänge auszumachen. Tamara Franetoviċ Felbinger singt die an ihrem Ritter festhaltende kroatische Dorf-Elsa mit einem achtsamen Sopran, der in ihrer Arie in der Mitte des dritten Akts eine jugendlich-dramatische Färbung annimmt. Stjepan Franetoviċ gibt dem Ero die unglückliche Erscheinung eines dem „Biggest Loser“-Camp Entlaufen und einen netten Tenor, der sich wohl für das leichtere das italienische Repertoire eignet, doch zu wenig  tragfähig und vollblumig für das große Erkel-Theater ist, wenngleich er seine Erzählung über seine Herkunft mit tüchtig gestemmten Höhen krönt. Marko und Domo sind bei dem sehr soliden Ivica Čikeš und Sofia Amerli Gojiċ gut aufgehoben. Chor und Orchester des Kroatischen Nationaltheaters unter Josip Šego feierten ihren Ausflug (21. Januar 2020) nach Budapest.

 

„János vitéz“ an der Bupaester Oper/ Foto János Kummer

Die Liebe zur Heimat lässt auch Pongrác Kacsóh (1873-1923) hochleben in seinem 1904 uraufgeführten János vitéz nach Sándor Petöfis ungemein populärer Verserzählung von 1845, die heute noch jedem ungarischen Schulkind als Klassiker der ungarischen Literatur Kind vermittelt wird. 22 Jahre vor Kodálys Háry Janos, der allerdings auf einem kurz vor Petöfis Erzählung erschienen Epos von János Garay basiert, triumphiert zwar die wahre Liebe über Gold und Ehre, doch stärker noch als die Liebe zu Iluska ist  für János der Ruf der Heimat, die Flöte der Schafhirten und das Lied der Erntearbeiter.

Der arme Schlucker und Schafhirt Jáncsi, der sich selbst als Kukoriza Jáncsi, der Hans aus dem Kukuruz (=Mais) vorstellt, verliebt sich in die von ihrer bösen Stiefmutter malträtierte Iluska. Während ihres Stelldicheins brechen die Schafe aus, worauf er aus dem Dorf vertrieben wird. János schließt sich den Husaren an – wir denken beim operettenbunten Auftritt mit dem Sergeanten an den Zigeunerbaron – bricht nach Frankreich auf und kämpft gegen die Türken. Am  französischen Hof irgendeines der zwanzig Ludwigs, wie der alte König verrät, verspricht man ihm die Hand der Prinzessin, die er ausschlägt, weil er immer noch an seine Iuska denkt, worauf ihm immerhin der Heldentitel, also vitéz, verliehen wird. Auf dem Weg zurück in die Heimat gerät er an das Ende der Welt, kommt an den See mit dem Wasser des Lebens und hofft seine Iluska, die inzwischen aus Gram gestorben ist, zum Leben zu erwecken. Kacsohs Librettisten Károly Bakonyi und Jenö Haltai weichen in machen Details von Petöfi ab. János bleibt nicht bei Iluska im Feenreich, sondern kehrt in seine Heimat zurück. Neu ist auch die Figur seines Begleiters Bagó, einer treuherzigen Baritonpartie, die Zoltán Nagy in dieser Aufführungsserie mit fast zu Tränen rührender Inbrunst und Schönheit sang. Was eigentlich ist dieser in einem früheren Operettentheater uraufgeführte und als Singspiel bezeichnete Janos vitéz, den folgerichtig auch das Budapester Operettentheater aktuell neu in seinem Repertoire hat.

Singspiel, Operette, Oper? Alles. Auf jedenfalls ist Kacsóhs größter Bühnenerfolg eine sehr patriotische Angelegenheit – immerhin starb Petöfi im Aufstand der Ungarn gegen die Habsburger – denn nichts scheint János so wertvoll wie seine ungarische Heimat. Die ungarische Odyssee beginnt als pastorale Idylle und sentimentales Singspiel, weitet sich im Mittelakt am französischen Hof, der in vieler Hinsicht an Offenbach denken lässt, zur walzerheiteren Operette und endet im dritten Akt mit einer Feerie, die dem seit 1931 auch am Opernhaus gespielten János vitéz eine etwas ernüchternde stilistische Brüchigkeit gibt. Längst ist die als Hosenrolle angelegte Titelpartie eine Tenorpartie. In der von Márton Rácz, angefangen von der hübschen Potpourri-Ouvertüre, klangprächtig dirigierten Aufführung (18. Januar 2020) mit Chor und Orchester der Ungarischen Staatsoper sang Gergely Ujvári den János mit operettiger Wendigkeit und schönem Schmelz; ein Feschak, dem die Husarenuniform steht, ist er nicht. Lieblich ist Kriszta Kinga als Iluska. Der Schauspieler Péter Haumann gibt den französischen König als niedliche Greisennummer, Ágnes Molnar die von Puccinis Budapester Statthalterin Elza Szamosi kreierte französische Prinzessin mit sehr leichter Koloraturfertigkeit. Sándor Palcsós Inszenierung baut vor allem im zweiten Akt auf plüschige Operettenkonvention und eine dörfliche Idylle. Letztere unterscheidet sich kaum von der Zagreber Ero-Welt. Dalmatien und die Puszta sind sich da ganz nah.     Rolf Fath