Zotiger Unfug

 

Vier Regisseure hat man in Karlsruhe für die vier Opern des Ring des Nibelungen engagiert, und man kann es als die größte Enttäuschung dieses Konzepts bewerten, dass bisher keiner der drei Regisseure seiner ganz isoliert betrachteten Einzeloper einen  bemerkenswerten Ansatz abgewann und eine neue Betrachtungsebene schuf. Die Selbstbeschränkung auf einzelne Atoll-Opern, die einerseits nicht über sich hinaus deuten und keinen Bezug zueinander haben, andererseits auch in der jeweiligen Einzeldramaturgie keine Bedeutung  bekamen, ergab so keinen Mehrwert, man verharrte lediglich in visueller Pose, investierte in visuelle Effekte und erreichte bestenfalls nette Unterhaltung. Die Regie der Götterdämmerung versucht nun hingegen beides – einen individuellen Perspektivwechsel unter Einbeziehung von Elementen der vorangegangenen Interpretationen. Erstes geschah durch eine Drehung des Blickwinkels, der bis zur Verzerrung an die Grenzen des Unfugs reicht, zweites durch eine komplett neue Meta-Ebene. Das Resultat ist einerseits gegen den Strich gebürstet, ambivalent und kontrovers diskutabel, andererseits unterhaltsam und trotz sechs Stunden Gesamtdauer mit Pausen eine überraschende und spannende Angelegenheit. Spannend auch vor allem dank der Gewinner dieses Karlsruher Ringzyklus: der Badischen Staatskapelle und Justin Brown, der sich in seinem 10. und letzten Jahr als GMD in Karlsruhe (als Nachfolger ist u.a. Frank Beermann im Gespräch) als bekannt souveräner Wagner-Dirigent verabschiedet und bewies, auf welch hohem Niveau und in welch ausgezeichneten Zustand er das verjüngte Karlsruher Orchester an seinen Nachfolger übergeben wird. Delikate Einzelinstrumente, überraschende Phrasierungen, reichhaltiger Wagner-Klang, selbst inszenatorisch schwache Stellen bekamen aus dem Orchestergraben eine unwiderstehliche Dramatik, der Orchestergraben lieferte den größten Anteil am Erfolg der Premiere und wurde vom Publikum umjubelt.
Bei der Götterdämmerung entkernt Regisseur Tobias Kratzer (er wird 2019 in Bayreuth Tannhäuser inszenieren) Sinn und Bedeutung weitgehend und reduziert die Oper auf sehr wenige Bestandteile – manchen zu wenig. Sexualität treibt die Handlung dieser Neuinszenierung an, nicht Liebe. Die Darstellung ist zotig: immer wenn von Nothung gesungen wird, ist damit Siegfrieds Penis gemeint, die Hauptfiguren sind alle kürzer oder länger in Unterwäsche auf der Bühne, weiße Unterhosen und Unterhemden sowie Nachthemden sind ein essentieller Bestandteil der Inszenierung. Siegfried nimmt es nicht so genau mit der Treue. Als er Gutrune bereits versprochen ist, knutscht er mit ihrem Bruder Gunter herum: der Herr der Gibichungen ist als etwas schmierig wirkender Schwächling in dieser Inszenierung ein homosexuelles Klischee (durch Haare und Bart erinnert die Figur an Bayernkönig Ludwig II.), ohne Siegfrieds aktives Eingreifen kann er Brünnhilde nicht in sexuellen Besitz nehmen. Zurück in der Halle der Gibichungen (Gunter fährt in einem Jeep herein, die Walküre gefesselt auf der Ladefläche) kommt es zum bekannten Eklat. Beim Grillen mordet Hagen Siegfried, später auch Gunter und Gutrune, die sterbend wiederum Hagen tötet. Vier Tote bzw. Sterbende liegen auf der Bühne als Brünnhilde die Bühne zum Schlussgesang betritt. Um die Schlusspointe (manche werden sagen: den Schlussunfug) zu erzählen, muß aber zuvor die neue Meta-Ebene beschrieben werden. Regisseur Tobias Kratzer wollte seine Götterdämmerung nicht autonom denken und versuchte, sich mit den drei zuvor tätigen Kollegen auseinanderzusetzen. Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier sah es nicht als ästhetische Aufgabe, die unterschiedlichen Handschriften auf einen Nenner zu bringen. Deshalb bringt man die anderen Regisseure als Figuren auf die Bühne – die außenstehenden Erzählerfiguren der Nornen sind als David Hermann (Regisseur des Rheingold), Yuval Sharon (Walküre / Sharon wird 2018 in Bayreuth Lohengrin inszenieren, die Ausstattung wird durch Neo Rauch und Rosa Loy erfolgen) und Thorleifur Örn Arnasson (Siegfried) kostümiert. Damit aber nicht genug, die drei Regiekollegen sind nicht nur die Nornen, sondern spielen auch die Rheintöchter und Waltraute. Diese Figuren versuchen in einer Parodie auf überforderte Regisseure das Geschehen zu beeinflussen, studieren die Partitur und rätseln über den Fortgang der Handlung.

Wagners „Götterdämmerung“ in Karlsruhe/ Szene/ Foto Matthias Baus

Eine Idee mit vorgetäuschter Tragkraft, die sich schnell erschöpft. Was für ein Drama soll in der Götterdämmerung zum Abschluss gebracht werden? Wer sind die Götter, was ist der Ring, was bewirkt den Untergang und wer oder was geht unter? Fragen, die Regisseur Kratzer nicht beantworten will. Den Karlsruher 4-Regisseure-Ring vereint nur die Idee, dass Wagners Nibelungenring keine tragfähige zeitgenössische Idee repräsentiert bzw. alle Deutungsideen bereits verbraucht und inszeniert worden sind. Der Karlsruher Ring ist ein Ring aus der Not der Deutungs-, Sinn- und Ideenlosigkeit! Wenn nach einer Götterdämmerung zwischen Klamauk und Eifersuchtsszenen Brünnhildes Schlussgesang erreicht wird, ist keine Fallhöhe aufgebaut, nichts kann einstürzen, nicht neu beginnen – ein Ring der Belanglosigkeit und Beliebigkeit. Die Regie rettet sich mit einer Idee, die das Ende komplett uminterpretiert. Brünnhildes Vorwürfe an Wotan richtet sie an die drei Regisseure, die ihr wiederum die Partitur zeigen, in dem ihr Schicksal festgeschrieben ist. Brünnhilde weigert sich, ihr Schicksal zu akzeptieren, sie verbrennt die Partitur, schnappt sich einen Regiestuhl und lässt die Handlung im Zeitraffer rückwärts fahren. Die Götterdämmerung endet, wo sie begann: beim Happy-End im Schlafzimmer stehen sich Brünnhilde und Siegfried gegenüber. Wieso es nun anders kommen soll, was das überhaupt alles soll, darüber darf nun das Publikum rätseln und urteilen. Die Regie hat sich über die Runden gerettet und ist dem Zwang zur Deutung des Ring-Geschehens entkommen.
Bisher konzentrierte sich der Karlsruher Ring auf Visuelles, nun wird man karg. Regisseur Tobias Kratzer bemerkte zum Bühnenbild von Rainer Sellmaier, dass „wir noch nie so schlichte Räume hatten wie hier. In Bezug auf die Bühnenästhetik sind dies die schmucklosesten, abstraktesten Räume, mit denen wir je gearbeitet haben“ und ergänzt: „Aus der Auseinandersetzung mit den drei Ästhetiken unserer Vorgänger ist dann fast eine Art von Bildverzicht entstanden. Unsere Räume rühren nicht allein aus der Spezifik des Stückes, sondern auch aus dem Wunsch nach Konzentration“. Vom Rheingold bis zum Siegfried ging es üppig zu, nun beschränkt man sich auf überwiegend leeren Raum, teilweise mit Spiegelwänden, die die Figuren auf sich selbst zurückwerfen: autonome Charaktere, die keinen politischen oder gesellschaftlichen Einflüssen folgen. Sie tragen überwiegend Kostüme, die keinen positiven Erinnerungswert haben. Die Lichtregie(Stefan Woinke) ist oft gefordert, bspw. um die Bühne in durchsichtiges Dunkel zu packen. Im zweiten Akt steht ein lebendiges Pferd auf der Bühne, das später als Kadaver ein blutiger Zeuge des Paktes zwischen Hagen, Brünnhilde und Gunter ist.
Die szenisch diskutable Umsetzung ist sängerisch überwiegend stark besetzt. Der schwedische Tenor Daniel Frank sang Siegfried mit selbstverständlich wirkender Leichtigkeit, nuanciert mit schöner Stimme – ein Tenor, den man sich merken muss. Großartig klang das dunkle Trio: Hagen wurde bei  Konstantin Gorny so bedrohlich, dass man ihm als Zuhörer nicht den Rücken zuwenden wollte, als Gunther zeichnete Armin Kolarczyk mit ausdrucksstarker Stimme ein eindrückliches Bild zwischen Tragik und Satire, Jaco Venter ist ein vorbildlicher Alberich. Was hat die bedauernswerte Heidi Melton der Karlsruher Oper nur angetan, dass man sie erneut in ein so unvorteilhaftes Kostüm steckte? Erneut haperte es bei Melton an der selbstverständlichen Höhe, man merkte, wie sie sich auf ihre Gesangslinie konzentrierte, um dann sprunghaft zu stemmen. Das geschah kraftvoll mit viel Volumen, aber auch mit gepressten Tönen und nicht immer mit Ausdruck und Nuancen. Die sympathische Amerikanerin wird hoffentlich noch an Selbstverständlichkeit hinzu gewinnen. Es gibt fünf stark gesungene Nebenrollen: Christina Niessen als etwas blasse Gutrune, Katharine Tier singt David Hermann (1. Norn, Waltraute, Floßhilde), Dilara Baştar singt Yuval Sharon (2. Norn / Wellgunde), als Thorleifur Örn Arnasson sind An de Ridder (3. Norn) und Agnieszka Tomaszewska (Woglinde) zu hören.
Was bleibt? Eine zwiespältige Premiere. Ein musikalisch großer und spannender Abend, unterhaltsam und handwerklich sehr gut gemacht, aber auch eine Inszenierung, die der Götterdämmerung keine Tragik, keine Fallhöhe und keine Aussage verleiht und viele Aspekte einfach ignoriert. (6 weitere Termine in dieser Spielzeit, 2 davon in zyklischen Ring-Aufführungen zu Ostern und Pfingsten 2018/ Foto oben: Wagners „Götterdämmerung“ in Karlsruhe/ Szene/ Foto Matthias Baus). Marcus Budwitius