Wunden der Vergangenheit

 

Es ist eine Großtat, die die Sächsische Staatsoper Dresden zum Ende der Spielzeit stemmte: In Kooperation mit der Oper Frankfurt übernahm sie deren 2015 herausgekommene Inszenierung von Mieczyslaw Weinbergs Die Passagierin mit dem Libretto von Alexander Medwedew, welches nach dem gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz entstand. Die polnische Autorin hat die Hölle von Auschwitz überlebt und ihre Erlebnisse im KZ niedergeschrieben. Ihr 1919 in Warschau geborener Landsmann Weinberg vertonte den Stoff, doch erlebte er die Uraufführung seiner 1968 vollendeten Oper nicht mehr. Diese erfolgte (nach einer konzertanten Premiere 2006 in Moskau) erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen.

Ort der Handlung ist ein Luxusliner auf der Überfahrt nach Brasilien. Zu den Reisenden gehören der deutsche Diplomat Walter und seine junge Ehefrau Lisa, die ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin in Auschwitz ihrem Mann bisher verschwiegen hat, in einer Passagierin aber eine einstige Insassin des Lagers zu erkennen glaubt. Es ist Marta, der damals ihre Zuneigung gehörte und der sie heimliche  Treffen mit ihrem Geliebten Tadeusz ermöglichte, die aber nun die fatale Vergangenheit unausweichlich hervorbrechen lässt. In Lisa wechseln Erinnerungen an Szenen im KZ, die Ängste um ihr Eheglück und vor allem Verdrängungsmechanismen. Immer wieder glaubt sie an eine Verwechslung, hofft auf eine Täuschung, was sie sogar zu einem ausgelassenen Tanz mit Walter im Schiffssalon ermutigt. Dort findet sich auch Marta ein und äußert einen Musikwunsch – den Lieblingswalzer des einstigen Lagerkommandanten. Diesen sollte im KZ auch Tadeusz auf der Geige spielen, doch intonierte er stattdessen eine Chaconne von Bach, was ihn das Leben kostete.

 

Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ an der Dresdner Semperoper/ Foto Jochen Quast

Das Bühnenbild von Katja Haß bietet eine geniale Lösung von hoher Funktionalität für die Episoden auf dem Schiff und die ins ZK führenden Rückblenden. Auf die Drehbühne ist ein aufgeschnittener riesiger Schiffsrumpf mit Treppenaufgängen und Hochständen gestellt, der in Sekunden von Szenen auf dem Luxusliner zu denen in der Baracke des Lagers wechselt. Eine weiße Schiebetür mit Lamellen wird für die vielfältigen Projektionen genutzt (Bibi Abel). Es sind Texte in verschiedenen Sprachen, die unzähligen Namen der Opfer, Notenlinien und als Klammer für den Beginn und das Ende der Aufführung die Konjugation des Verbs „leben“.

In dieser Optik gelingen Regisseur Anselm Weber (Szenische Einrichtung in Dresden: Corinna Tetzel) dichte, eindringliche Bilder, welche nie plakativ sind, nie den erhobenen Zeigefinger sehen lassen, sondern in ihrer menschlichen Dimension berühren. Gerade die episodenhaften Miniaturen der einzelnen Häftlinge aus verschiedenen Ländern (und entsprechend in mehreren Sprachen) prägen sich als individuelle Schicksale ein. Dagegen steht der oft statuarisch und bis an die Rampe geführte Sächsische Staatsopernchor Dresden (Jörn Hinnerk Andresen) in gestreiften Sträflingsanzügen (Bettina Walter), der neben Gesängen aus dem Off am Ende einen mahnenden Appell an das Publikum wider das Vergessen richtet.

Die Besetzung ist exemplarisch, vereint in den beiden zentralen weiblichen Rollen des Werkes Sängerdarstellerinnen von Rang. Die polnische Sopranistin Barbara Dobrzanska debütiert an der Semperoper in der Partie der Marta mit expressivem Gesang und wahrhaftiger Darstellung von nahezu archaischer Größe. Besonders anrührend sind ihre Szenen mit dem geliebten Tadeusz (Markus Butter mit markantem Bariton), wenn sie sich vor ihm wegen ihrer Glatzköpfigkeit geniert, sich dann aber an die erste gemeinsame Begegnung in einer Dorfkirche erinnert und von ihm eine selbst gefertigte Halskette geschenkt bekommt.  Das Fest zu ihrem 20. Geburtstag ist ein ungemein kontrastreiches Bild, wenn sie nach dem anfänglich ausgelassenen Jubel der Frauen ein sanftes Lied über den Tod anstimmt, das dann in einen Hymnus an die Freiheit übergeht. Ihr ebenbürtig ist Christina Bock, Ensemblemitglied des Hauses, als Lisa im gepunkteten hellen Sommerkleid. Der hohe Mezzo ist klangvoll, durchschlagend und auch zu feinen lyrischen Stimmungen fähig. Zudem spielt sie die Figur so überzeugend in ihrem tragischen Konflikt zwischen schuldhafter Täterin und hoffnungsvoll Liebender, dass ihr das Mitgefühl der Zuschauer sicher ist. Jürgen Müller singt den Walter mit reifem Charaktertenor in Herodes-Nähe, zeichnet ihn als ehrgeizigen Emporkömmling, der angesichts der Vergangenheit seiner Frau in einen entsetzten, zunehmend bedrohlichen Zustand verfällt. In den Lagerszenen, wo die traurigen Gesänge der Frauen zuweilen an Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk erinnern, berühren vor allem Emily Dorn als Katja, die mit hohem, reinem Sopran a capella ein inniges russisches Volkslied intoniert, und Larissa Wäspy als naive Yvette, die ihren Mitgefangenen Französischunterricht erteilt. Abstoßend in ihrer Brutalität und dem Fanatismus sind die drei SS-Männer (Matthias Henneberg, Michael Eder, Tom Martinsen).

Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ an der Dresdner Semperoper/ Foto Jochen Quast

Weinbergs vielschichtige Musik wird durch den eminenten Einsatz der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Christoph Gedschold, der bereits die deutsche Erstaufführung der Oper 2013 in Karlsruhe geleitet hatte, zum nachhaltigen Erlebnis. Seine Erfahrung mit dem Stück zahlt sich aus in einer beeindruckend differenzierten Wiedergabe. Die Komposition ist von höchstem Anspruch, fordert den Hörer durch ihre lärmenden Passagen mit aggressivem Schlagwerk, die oft schmerzhaft hämmernden Rhythmen, die zur Darstellung der physischen Gewalt in den Vernichtungslagern eingesetzt sind, die grellen Klänge des Walzers im Salon, bei denen Schostakowitsch nicht fern ist. Nicht selten erinnert Weinbergs Orchestersprache auch an die von Britten (und dessen Interludes im Peter Grimes), nimmt dann einen flirrenden, schmerzlich-lyrischen Klang an. Die Atmosphäre im illuminierten Ballsaal, wo ein Salonorchester sogar zum Saxophon greift, evoziert eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, welche im Auftritt Martas gipfelt, die vor den Augen Lisas ihre Perücke abnimmt und die Wunden ihrer Vergangenheit bloßlegt.

Werk wie Aufführung sind beklemmend, doch ein schlagendes Zeugnis von der Leistungsfähigkeit des Hauses. Auch die 2. Aufführung am 30. Juni 2017 sah am Ende ein tief beeindrucktes und dankbares Publikum (Foto oben: Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ an der Dresdner Semperoper/ Foto Jochen Quast). Bernd Hoppe