Würdiger Einstieg ins Jubiläumsjahr

 

Zwar noch nicht auf Zauberflöten-Niveau, auf die kein Opernhaus verzichten mag, aber doch alles andere als unterrepräsentiert ist in Berlin Debussys Oper Pelléas et Mélisande, nimmt doch noch in dieser Spielzeit die Staatsoper wieder die alte Berghaus-Inszenierung des Werks auf, gab es in der Deutschen Oper Ende des vergangenen Jahrhunderts Götz Friedrichs Inszenierung und zu Beginn dieses Jahrhunderts Marellis Interpretation, die jetzt in Wien zu sehen ist, und scheuten auch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, dessen Gattin Magdalena Kožená die Titelpartie sang, nicht vor dem Werk zurück. Da drängt sich natürlich die Frage auf, warum die Komische Oper, sonst eher auf Entdeckungsreise und auf der Suche nach weniger bekannten und gespielten Opern, nun auch noch einen Pelléas,  bekanntlich ja nicht gerade ein Publikumsrenner und in der Meinung vieler gar keine „richtige“ Oper, auf den Spielplan setzen musste.

Andererseits entzieht sich kaum eine andere Oper so sehr einer allgemeingültigen, allerseits anerkannten Interpretation, bleibt so sehr im Unausgesprochenen, Nichteindeutigen befangen wie diese, so dass ein Vergleich unterschiedlicher Interpretationen immer interessant ist. Allein in Berlin gab es bei den genannten Inszenierungen drei sehr unterschiedliche Schlüsse, wenn Berghaus Mélisande die Himmelsleiter emporklettern ließ, Friedrich in ihrem neugeborenen Kind einen Hoffnungsschimmer erblickte und Marelli Mélisande von einer Schar von Gefährtinnen in Booten in ein sicherlich besseres Reich der Frauen holen ließ.

Barrie Kosky nun verweigerte der geheimnisvollen Fremden und dem Publikum der Komischen Oper am 15.10.  jeden tröstlichen Schluss, indem die blutbefleckte Mélisande auf der Drehbühne hinter die Kulissen gefahren wird und Golaud mit leeren, einander reibenden Händen zurückbleibt, nachdem zunächst der Eindruck entstand, er halte ein Neugeborenes in ihnen.

„Pelléas et Mélisande“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Bis zur Pause hatte man eine in ihrer Stringenz bewundernswerte Inszenierung erlebt auf einer Bühne frei von Requisiten, ohne Wasser, Brunnen oder Turm und mit einer Mélisande ohne besonders ins Auge fallenden Haarwuchs. Klaus Grünberg  hatte hinter einem vorgetäuschten blauen Pseudo- Prachtvorhang (Theater auf dem Theater!) für jeden Drehbühnenabschnitt ein je nach Beleuchtung schwarzes mit dunkelgrauen oder graues mit hellgrauen Quadraten geschmücktes  Tor auf die ansonsten leere Bühne gebaut, in denen, passiv und von der Drehbühne bewegt, die Figuren erschienen, so deren Fremdbestimmtheit eindrucksvoll vermittelnd. Psychisch gestört scheint durchweg das männliche Personal, was sich durch die zwanghaft erscheinenden Handbewegungen einer Art Waschzwangs Golauds ebenso dokumentiert wie durch das infantile Geducktsein von Pelléas, der  erst durch die Liebe zu Mélisande sich zu einer aufrechten Haltung durchringen kann. Selbst der kleine Yniold ist bereits ein Nägelbeißer. Das wird alles sehr konsequent entwickelt und erzeugt eine wachsende Spannung auch im Publikum. Nach der Pause dann wird der Zauber des Unbestimmten, Mehrdeutigen, Rätselhaften durch den handfesten Vergewaltigungsversuch Arkels und den Liebesakt zwischen Pelléas und der rittlings (Babybauch!) auf ihm sitzenden Mélisande gebrochen und überdies diese zur Lügnerin gegenüber Golaud gemacht. Eine Mélisande verschweigt zwar vieles, aber sie lügt nicht, so dass auch ihr Verschlucken und Wieder- Auswürgen des Ringes bereits recht fragwürdig erschien, aber  auch das Schillernde der Figur eher unterstrich als diese zu entstellen, was  viel stärker nach der Pause allerdings dem zwar hilflosen, aber  gütigen Arkel zugemutet wurde.

Gar nicht schäbig, was das Kleidergeld für seine Gattin angeht, scheint Golaud gewesen zu sein, denn Dinah Ehm durfte für sie viel Kostbares und Glitzerndes entwerfen, während die Herren außer dem in Violett gewandeten Pelléas in Schwarz die Düsternis der Szene unterstrichen.  Umso farbiger klang es aus dem Orchestergraben, wo das tief hinab gesenkte Orchester unter dem neuen Generalmusikdirektor Jordan de Souza all das an Farben, an Meer,  an bei aller durchgehenden Düsternis unerhörtem Nuancenreichtum aufbot, was der Szene aus gutem Grund versagt blieb.

Fast durchweg vorzüglich und dazu aus dem eigenen Ensemble besetzt waren die einzelnen Partien. Nadja Mchantaf gab eine anmutige Mélisande mit feinem, süß, aber nie süßlich klingendem, leuchtendem  lyrischem Sopran und mit hingebungsvollem Spiel. Zu einer wahrhaft tragischen Figur ließ Günter Papendell den unglückseligen Golaud mit dunklem, virilem Bariton werden. Dominik Köninger, auch er ein, wenn auch heller klingender, Bariton, war beiden ein ebenbürtiger Partner, zeichnete die Entwicklung des Pelléas überzeugend nach. Ein Tenor in der Partie hätte das Verletzliche wohl noch unterstrichen. Vielleicht angeregt durch den szenisch gröberen Zuschnitt seiner Figur als man es von dieser gewohnt ist, ließ sich Jens Larsen auch vokal zu unangemessenem Auftrumpfen anregen. Mit warm timbriertem Mezzo sang Nadine Weissmann eine mütterliche Genéviéve, während Samuli Taskinen einen trostbringenden Bass für den Arzt hatte. Das Werk braucht einen Tölzer Sängerknaben als kleinen Yniold, der, von einer erwachsenen Sängerin gesungen, immer unpassend wirkt. Gregor-Michael Hoffmann wirkte rührend inmitten der Erwachsenen, deren Welt er noch nicht verstehen konnte.

Die Aufführung war die erste Premiere der 70. Spielzeit des Hauses, und aus diesem Anlass wurde im Foyer eine Ausstellung 70 Jahre Zukunft Musiktheater eröffnet, die bis zum 15.7.2018 zu sehen ist und zu der man auch auf der Homepage unter www.komische-oper-berlin.de Zugang hat ( 15.10.2017; Foto oben „Pelléas et Mélisande“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus). Ingrid Wanja