Huren, Müll und feine Leute

 

Die diesjährige Neuproduktion der Staatsoper Unter den Linden im Rahmen ihrer Oster-Festtage war dem renommierten italienischen Regisseur Mario Martone anvertraut worden, der zuletzt mit seiner Inszenierung des Andrea Chénier zur Scala-Eröffnung hervorgetreten war. In Berlin widmete er sich Verdis Alterswerk Falstaff und erzielte mit seiner munteren Lesart beim Premierenpublikum am 25. 3. 2018 einen einhelligen Erfolg. Dieses nahm sichtlich auch keinen Anstoß an der Verlegung der Handlung in die Gegenwart. Das Wirtshaus zum Hosenband ist hier ein schäbiger Hinterhof, dessen Wände mit Graffitis beschmiert und mit Plakaten beklebt sind (Bühne: Margherita Palli). Neonschriften markieren die Eingänge zu Shops und einer zwielichtigen Panorama Bar. Es ist der Aufenthaltsort von Falstaff, der hier nicht nur aus der Flasche trinkt, sondern auch auf der Bank liegend liest. Ein Geadelter ist er ganz sicher nicht, eher ein in die Jahre gekommener 68er. In seiner schwarzen Lederjacke, dem Schlapphut und der Sonnenbrille (Kostüme: Ursula Patzak) ähnelt er Rainer Werner Fassbinder. Statisten in abgewetzten Klamotten besprühen Transparente mit Losungen jener Jahre (erkennbar ist das Ostermarsch-Logo) und auch aktuellen Parolen. Falstaffs Kumpane Bardolfo (Stephan Rügamer) und Pistola (Jan Martiník) sind zwei Penner-Typen, Dr. Cajus (Jürgen Sacher) ein Buchhalter im korrekten hellgrauen Anzug.

Michael Volle als Titelheld ist bei seinem Rollendebüt von umwerfender Präsenz in Stimme und Spiel. Gewaltig sind die Eruptionen seines Baritons, der kaum italienisch klingt, aber von teutonischer Wucht ist. Der Ausbruch „L’onore“ gleicht einem Erdstoß, das „ladri“ stößt er voller Grimm zwischen den Zähnen hervor. Für die feinen Ornamente der Partie fehlt es der Stimme allerdings an Beweglichkeit. Volle hat Mühe, sie zu zügeln und in ein Joch zu zwängen. So gerät ihm das Ständchen für Alice geradezu aus den Fugen, auch das Pagenlied holpert. Dann aber gibt es im Monolog über die „schlechte Welt“ wieder grandiose Momente mit rollenden, rasselnden R’s und voluminösen Ausbrüchen. Hinreißend ist später sein Dialog mit Ford (Alfredo Daza mit kernigem Bariton), weil einer dem anderen gebührend Paroli bietet und sich beide Stimmen in den ausschwingenden Kantilenen perfekt verblenden. Zudem ist diese Episode besonders witzig inszeniert. Und Daza erzielt danach in seinem Monolog „È sogno?“ Töne von beeindruckender Kraft und dem Jago verwandte Klangfarben.

Verdis „Falstaff“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Matthias Baus

Fords Haus ist ein Spa-Bereich mit Swimming-Pool, von einer mit Efeu bewachsenen Mauer eingesäumt, wo sich Damen und Herren in Badekleidung entspannen oder körperlicher Ertüchtigung widmen. Auch Alice und Meg Page sind dabei, tragen elegante Bademäntel und später Kleider von italienischem Chic. Barbara Frittoli singt die Gattin Fords solide mit reifem Sopran, unauffällig (und matt in der unteren Lage) bleibt Katharina Kammerloher in der leichteren Mezzo-Rolle. Mrs. Quickly ist hier keine beleibte Alte, sondern trägt ein raffiniertes rotes Kostüm und Pumps in eben dieser Farbe. Daniela Barcellona ist kein wirklicher Kontra-Alt. Sie färbt ihren Mezzo dunkel, nutzt geschickt dessen Registerbrüche, aber es fehlt ihm an satter Fülle, und die wenigen hohen Töne klirren. Nadine Sierra als Nanetta, Tochter der Fords, ist das Ereignis der Besetzung, denn die amerikanische Sopranistin ist nicht nur von bezaubernder Erscheinung und dazu attraktiver Körperlichkeit, sondern lässt auch eine feine jugendliche Stimme und zauberhaftes piano hören. Ihr Elfenlied im letzten Bild ertönt in reinster Poesie. Diesen lyrischen Zauber vermag Francesco Demuro als ihr geliebter Fenton nicht zu verströmen, sein Tenor klingt zwar angenehm und auch jugendlich, aber die hohen Töne könnten duftiger, schwebender ertönen.

Hatte man sich das Treiben im Hause Fords mit Falstaffs Aufwartung bei Alice noch turbulenter und konfuser vorstellen können, gerät das letzte Bild zum Ärgernis und nimmt der Aufführung viel von ihrem vorherigen positiven Eindruck. Statt in den Park und zur Eiche des Herne führt das Geschehen zu einem verfallenen Kirchenturm, wo sich nunmehr ein Sex-Club etabliert hat. In penetranter Deutlichkeit zeigt Martone bis an die Rampe kopulierende Paare in Ledermontur wie aus der S/M-Szene in allen erdenklichen Positionen. Diese drastische und ausschweifende Sex-Orgie – von Rotlicht illuminiert, gelegentlich auch von einer Polzeistreife mit Taschenlampen kontrolliert – ist ein Armutszeugnis für die Phantasie des Regisseurs. Auch in der gewählten Epoche hätte sich doch wohl ein Wald für mitternächtlichen Zauberspuk finden lassen. Martone hat auch keine sonderlich originelle Lösung für die Schlussfuge parat, bei der sich alle auf den Boden setzen und über die verteilten Bierflaschen freuen.

Es war Daniel Barenboims Falstaff-Debüt. Mit der Staatskapelle Berlin sorgt er für musikalischen Witz – zaubert leichtfüßige, tänzelnde, raunende, wispernde Klänge, die gelegentlich auch zum Donner anwachsen. Gebührend und gut studiert huschen die heiklen Ensembles, die Tempi sind flott, duftig und flirrend werden die lyrischen Arien der jungen Leute begleitet. Der Dirigent machte sich mit dieser Einstudierung selbst das schönste Geschenk zu seinem 75. Geburtstag. Bernd Hoppe