Windiges Gartenfest

 

Ein gleichwertiges In- und Miteinander von Schauspiel und Musik schwebte Frank Martin nach eigenen Angaben für seine Vertonung von Shakespeares Sturm vor. Damit blieb er sich treu, denkt man daran, wie eng in seinen Oratorien und Kantaten (darunter auch der als weltliches Oratorium geplante „Vin herbé“, der sich als absolut bühnentauglich erwiesen hat) Wort und Musik stets verbunden sind. Die musikalischen Mittel sind aber im Sturm vielfältiger, die Rolle des Orchesters größer, jene des Chors dadurch vergleichsweise klein, dass er eine einzelne Person des Stücks, den Luftgeist Ariel, verkörpert und keine Aufgaben als „Volk“ oder Erzähler hat. Ein kantables Rezitativ herrscht vor, das den Text (leicht gekürzt und in der Schlegelschen Übertragung, da Martin nach einigen schlecht, nach eigener Auskunft kein Englisch konnte) sowohl verständlich bleiben lässt als auch durchaus musikalisch interpretiert; noch stärker als die Gesangsstimmen transportiert das Orchester eine Vielzahl von Stimmungen und die Wechsel dazwischen. In der Aufführungssituation erweist sich die Komposition als noch abwechslungsreicher als beim akustischen Kennenlernen – da wirkte sie auf mich gelegentlich etwas asketisch zurückhaltend, was sich aber als plastische, kleingliedrige Korrespondenz mit der Handlung entpuppte.

Martins Sturm ist seit der Uraufführung 1956 (immerhin an der Wiener Staatsoper mit Wächter als Prospero-Einspringer für Fischer-Dieskau und Ansermet statt Böhm am Pult) selten gespielt worden, seltener als der eben gar nicht als Oper konzipierte „Vin herbé“. Dank und Glückwunsch also ans Saarländische Staatstheater Saarbrücken für die Gelegenheit, dieses Stück endlich auf der Bühne kennenlernen zu dürfen. Die Produktion besitzt aus meiner Sicht Licht und Schatten. Gänzlich auf die Lichtseite gehört zweifellos die Besetzung. Peter Schöne als Prospero führt das Ensemble gebührend an mit eher hellem, aber auch in den tief liegenden Passagen tragendem Bariton und einer tollen Verbindung von klarster Diktion und stets kantabler Linie. Seine Monologe, v.a. der Epilog, werden so zu den Brennpunkten des Stücks, die sie ja auch sein sollen – was auch deswegen klappt, weil da einer genau weiß, was er singt. Die Regie zeichnet Prospero von Anfang an als etwas tatterigen alten Mann, was Schöne mit konsequenter Körpersprache durchzieht – dass man die körperliche Steifheit der Stimme nicht anhört, ist gewiss auch kein Spaziergang. Mir schien diese Anlage der Figur eines der ernsteren Probleme des Abends zu sein – Prospero verliert jede Fallhöhe, wenn er körperliche Schwäche schon zu Beginn besitzt und nicht erst am Schluss, wenn er seine magischen Kräfte ablegt. Dass er mit diesen zugleich auch seine Oberbekleidung ablegt, hat eine gewisse szenische Stringenz – allerdings dürfte er sie konsequenterweise nicht fürs Familienphoto danach wieder anziehen, wenn sie eben Sinnbild für seine Magie sein soll.

Carmen Seibel ist mit hellem, frischem und sprungsicherem Mezzo von großem Umfang seine impulsive Tochter Miranda, in glücklichen wie unglücklichen Momenten glaubwürdig (die zwei, drei Andeutungen von väterlichem Missbrauch sind so ärgerlich wie unnötig). Ihr Ferdinand, enthusiastischer Liebhaber, der nicht immer alles mitkriegt, was um ihn herum vorgeht, ist Roman Payer mit strahlendem, nie forcierendem Tenor. Beide (wie mit kleinen Abstufungen das ganze Ensemble) sind ebenfalls gut zu verstehen. Alonso, den hoheitsvollen, aber von seinem schlechten Gewissen getriebenen König von Neapel zeichnet Hiroshi Matsui mit prächtigem Bass und intensivem Spiel, goldrichtig in Gesang wie Figuren sind die beiden fiesen jüngeren Brüder Antonio (Algirdas Drevinskas) und Sebastian (Stefan Röttig) und Markus Jaursch mit kerniger Tiefe und dräuender Sprechstimme als angemessen ungebärdiger Caliban, aufhorchen lässt Won Choi mit schmelzreichem Tenor (trotz ein, zwei etwas gepressten Hochtönen) in der kleinen Rolle des Adrian. Hans-Otto Weiß ist eine Labsal als ehrliche Haut Gonzalo zwischen all den Schurken und Getriebenen, manchmal etwas mulschig in der Diktion, aber auch ihn versteht man. Köstlich Julian Younjin Kim als unter Alkoholeinfluss königsmordlüsterner Stephano und Sungmin Song als sein ängstlicher Kollege Trinculo. Beide haben sowohl zu singen (was sie beide können, und wie!) als auch (dann jeweils mit Mikro verstärkt, wenn die Anlage nicht gerade spuckt) zu sprechen – am Gesang erkennt man, dass sie beide bestens verständliches Deutsch könnten, was aber offenbar bei den besoffenen Dialogen nicht gewünscht war… Fabelhaft auch der Chor (Jaume Miranda) in den Arielgesängen, auch in den harmonisch dichten Stellen stets schön luftig. Schade, dass sie nach der Pause nicht mehr als pfiffig inszenierte Dienerschaft auftreten durften, sondern hinter der Bühne sangen.

Die Bühne von Ralf Käselau zeigt einen (etwas kahlen) Ort im Freien, Gartentische und -stühle, einen Baum, ein paar Pfähle, für Wäscheleinen ebenso geeignet wie für Lichterketten. Keine Insel, kein Meer, keinen Schiffbruch. Regisseur Lorenzo Fioroni streift dem Stück Magie und Inselromantik ab und fokussiert auf Familienkonflikt(e) im Rahmen eines Gartenfestes. Warum nicht? Vieles funktioniert gut in dieser überraschenden Sichtweise (Caliban als schwarzes Schaf, rebellierender Sohn z.B.), zumal Fioroni auch gar keine bis ins letzte realistische Umgießung anstrebt. Der von ihm entfachte Sturm bringt statt einem Schiff eine alkoholselige Gartenparty im Smoking zum Kentern, wobei die vier vertikal fahrbaren Bühnenebenen erstmals zum Einsatz kommen. Unter der zweitvordersten kommt zudem eine Grotte zum Vorschein, in der vor allem Müll gelagert wird. Die dichte Personenführung hilft auch über für mich unverständliche und inkonsequent eingesetzte Elemente hinweg – was sollen die Latexmasken, die zu Beginn alle tragen (sodass man schon befürchtet, ohne Mimik auskommen zu müssen)? Warum sieht man Prosperos Bücher nie, obgleich nicht ganz alle Passagen, in denen es um sie geht, gestrichen sind? Auch die Umadressierungen mancher Sätze erschließen sich mir des öftern nicht (Prospero eröffnet am Schluss Miranda, dass er sie nun freigibt, statt wie im Original Ariel). Aber eben, immer wieder auch starke Bilder: Das poetische Ungeheuer, das Caliban mit Monsterkopf, Stephano mit Flügeln und Trinculo mit Reptilienschwanz bilden (Kostüme: Katharina Gault); das Familienphoto nach der großen Vergeberei, nach dem dann Prospero und Caliban doch allein in ihrer I(n)solation zurückgelassen werden. Mir scheint, hätte man das alles mit dem Sturm als Sprechstück gemacht, hätte auch die Mehrheit des Publikums (leider am 9.2. ein halb voller, sich in der Pause noch mehr leerender Saal) das als frische und anregende Interpretation angenommen. Nur sind die gesungenen Texte komplexer als im durchschnittlichen Opernlibretto, und auch die Musik müssen fast alle erst stilistisch und als erste Textinterpretation erst einmal erfassen – das mag zu einer gewissen Überforderung führen. Ich war jedenfalls froh, mir das ganze Stück davor im Zug angehört und mitgelesen zu haben. Schade, denn Stück wie Inszenierung sind die Auseinandersetzung zweifellos wert.

Roger Epple am Pult beginnt die Ouvertüre mit ihrer Meeresschilderung eher sachlich als sinnlich, er scheint mir mehr die Modernität als die Phantastik von Martins Klangsprache zu betonen. Das kann man so machen, die Koordination mit der Bühne klappt auch gut, ich hätte mir aber etwas mehr Zauber und Flirren aus dem Graben gewünscht. Denn daran, dass das Orchester das alles kann, was da verlangt wird, besteht kein Zweifel (Fotos: Frank Martins Oper „Der Sturm“ am Staatstheater Saarbrücken/FOTO Martin Kaufhold Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater). Samuel Zinsli