Wieder eine Rarität

 

Da hat ja das Theater für Niedersachsen (TfN) durch seinen neuen, innovativen GMD Florian Ziemen einen echten Theater-Coup gelandet! Nur wirkliche Opernfans kennen Donizettis Oper, bzw. richtig bezeichnet sein melodramma serio Adelia. Aber es hat sich gelohnt, diese Rarität ans Licht zu heben, enthält sie doch solistisch und vor allem in den Ensembles bestes, herrliches Belcanto zu einem typischen Libretto jener Zeit von Felice Romani und Girolamo Maria Marini. Adelia entstand 1840/41, als sich Donizetti immer noch bemühte, in Paris Fuß zu fassen. Sie beendete eine Serie von französischen Opern wie La Fille du Régiment oder La Favorite; nach ihr gab es noch neben vergessenen Werken „Linda di Chamonix“ und den unverwüstlichen Don Pasquale. Zwischen diesen Meisterwerken kann sich „Adelia“ durchaus hören lassen, obwohl Donizetti bereits durch seine venerische Krankheit beeinträchtigt war.

Zum Inhalt: Der junge Adlige Oliviero und die bürgerliche Adelia lieben sich; dafür, dass Oliviero sie verführt haben soll, wird er von ihrem Vater, dem Kriegshelden Arnoldo, beim Herzog verklagt. Dieser verurteilt Oliviero zum Tode. Arnoldo wird jedoch durch die Klagen seiner Tochter erweicht und bittet daher, dass die Familienehre stattdessen durch die Heirat der jungen Liebenden wiederhergestellt wird. Der Herzog willigt ein, plant aber die Hinrichtung nach vollzogener Hochzeit; als Adelia dies erfährt, verweigert sie den Gang zur Kirche. Vater Arnoldo, dem seine Ehre über alles geht, besteht auf der Eheschließung. Im originalen Libretto löst Adelia den Konflikt durch Selbstmord; in Rom drängte die päpstliche Zensur auf ein happy-end/ lieto fine: Der Herzog ändert seine Meinung, die Liebenden heiraten und alles ist gut.

In Hildesheim gibt es eine Zwischenlösung: Es klingt das ursprüngliche Finale an, indem das Schlussduett des Liebespaars gestrichen ist, am Ende die Bühne im Dunkel versinkt und nur noch Adelia in grellem Licht dem Wahnsinn verfällt. Aus der Finsternis hört man die frohe Botschaft, dass nun doch geheiratet werden kann, und entsprechenden Jubel; beides erreicht die umnachtete Braut nicht mehr.

Dies schwächt die Unglaubwürdigkeit der Story, die durch den nachträglichen Eingriff der Zensur noch unglaubwürdiger geworden war, etwas ab, ohne den Inhalt wesentlich zu verfälschen. Überhaupt zeichnen sich die Regiearbeiten von Guillermo Amaya dadurch aus, dass er ohne unnötige Aktualisierungen oder andere sonst übliche Regie-Mätzchen auskommt, wenn man von den sinnfreien, überzeichnet wirkenden Aktionen der Choristen zur Ouvertüre und zum ersten Chor einmal absieht. Alles spielte sich in einer schwarz-weißen, sehr nüchternen, aber gut bespielbaren Szenerie ab (Bühnenbild: Hannes Neumaier). Allein die historisierenden Kostüme mit Farbtupfern (z.B. rote Socken der Damen) von Franziska Müller deuteten darauf hin, dass die Geschichte eben in früheren Zeiten spielt. Die schlüssige Inszenierung arbeitete die kontrastreichen Beziehungen der Hauptfiguren zueinander, die alle vom strengen Sittengesetz des Herzogs Carlo betroffen sind, und vor allem die spannungsgeladene Vater-Tochter-Beziehung sorgfältig heraus, wobei das Verhältnis der Liebenden zueinander etwas blass blieb, was auch daran lag, dass in der besuchten Vorstellung am 10. April 2018 wie in der Premiere der Sänger des Oliviero ausgefallen war und doppelt ersetzt werden musste.

Besonders die extremen Gefühlsänderungen der Titelfigur wurden nachdrücklich durch die junge Britin Kim-Lillian Strebel gestaltet. Dazu kam eine bereits geradezu souveräne Führung ihres farbenreichen Soprans, mit der sie die unterschiedlichen Seelenzustände ausdrucksstark zur Geltung brachte. Weiterhin begeisterten die Höhensicherheit und die in jeder Phase reine Intonation, sowohl im wunderbaren Legato-Singen als auch in den geläufigen Koloraturen. Der rumänische Bass Andrei Yvan stellte nachvollziehbar heraus, wie sehr Adelias Vater Arnoldo stur auf die Familienehre bedacht war. Die Stärken seiner Stimme liegen offenbar in guter Tiefe und weicher Mittellage, während die Höhen teilweise ein wenig forciert klangen. Garrie Davislim sang den Oliviero von der Seite, während der Bariton des Hauses Peter Kubik mehr oder weniger auf der Bühne agierte, was im Grunde nur ein Herumstehen war, letztlich eine hinzunehmende Beeinträchtigung der Gesamtdarstellung. Der australisch-irische Sänger gefiel durch angenehme Phrasierung und verbreitete den nötigen tenoralen Glanz. Als Herzog Carlo trat mit reichlich unruhiger Stimmführung Uwe Tobias Hieronimi auf; Adelias Vertraute Odetta war bei Neele Kramer und ihrem charaktervollen Mezzo gut aufgehoben; Aljoscha Lennert ergänzte als Comino, Olivieros Freund.

Chordirektor Achim Falkenhausen sorgte am Pult des aufmerksamen Orchesters für flottes Musizieren, wenn er es auch einige Male zu sehr lärmen ließ. Das gilt auch für Chor und Extrachor, die anders als sonst gewohnt reichlich undifferenziert und leider auch nicht immer ausgewogen (einzelne hervorstechende Tenöre!!) klangen. Das Publikum zeigte sich begeistert und belohnte alle Mitwirkenden mit starkem, lang anhaltendem Applaus.

Das Theater in Niedersachsen (TfN) und seinem GMD Florian Ziemen ist es zu verdanken, dass mit „Adelia“ ein wahrer Belcanto-Schatz gehoben ist, von dem man sich dringend wünscht, dass er auch an anderen Bühnen aufgeführt wird. Ein Interview mit dem neuen GMD folgt (Foto oben: Donizettis „Adelia“ in Hildesheim/ Szenen-Ausschnitt/ Foto © Falk von Traubenberg). Gerhard Eckels