Wenn sich Nachbarn streiten…

 

Der Ehrgeiz der Komischen Oper Berlin, ihren Spielplan von der Operette und dem Musical über Klassiker des Repertoires bis zur zeitgenössischen Musik auszudehnen, ist anerkennenswert und verdienstvoll. In diesem Rahmen sich auch eine große französische Barockoper zu wagen, scheint allerdings vermessen angesichts des deprimierenden Ergebnisses. Opfer ist Rameaus tragédie lyrique Zoroastre, die den Kampf der Mächte des Lichtes und der Finsternis, verkörpert in den beiden Priestern Zoroastre und Abramane, thematisiert. In der Inszenierung von Tobias Kratzer gerät das zum spießigen Streit zweier Hausnachbarn, der am Ende zu Mord und Suizid eskaliert. Ausstatter Rainer Sellmaier hat auf die Bühne zwei Gartenhäuschen gestellt, die durch einen Maschendrahtzaun getrennt sind. Das linke in strahlendem Weiß mit Schleiflacktür und goldner Klinke gehört dem Bildungsbürger Zoroastre, das rechte in grauem Beton mit ausrangierter Badewanne davor dem proletenhaften Abramane. Ersterer ist mit der Thronfolgerin von Baktrien, Amélite, verlobt, wird aber auch von Prinzessin Érinice geliebt, die sich mit Abramane verbindet, um Amélite zu vernichten. Bald sieht man vor dem linken Haus aufgetürmte Sandsäcke und Stacheldraht, auf dem Dach eine installierte Schusswaffe, vor dem rechten die umgekippte Badewanne als Schutzwall. Doch nicht nur die Szene bietet ein Bild des Chaos und der Zerstörung, auch die Beziehungen der Figuren geraten unausweichlich zur Katastrophe. Statt der im Barock üblichen Übermächte, die Abramane durch einen Blitzstrahl töten, greift hier Zoroastre zum Revolver und erschießt den Rivalen, während Érinice sich mit einem Gewehr das Leben nimmt. Das im Libretto vorgegebene lieto fine mit dem Sieg des Lichts über die Finsternis, von Rameau in einer heiteren Gavotte illustriert,  endet hier in Ratlosigkeit, Depression und Hoffnungslosigkeit. Dazu korrespondiert ein Video von Manuel Braun als vielsagender Epilog mit zwei Babys, die mit den beiden Miniatur-Häusern spielen und sie dabei zerstören.

Rameaus „Zoroastre“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Rittershaus

Eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung spielt ein vorn an der Rampe platziertes Rasenstück, in welchem ein Ameisenvolk lebt, das von den Chorsolisten des Hauses auf der Hinterbühne verkörpert und dabei von Kameramann Andreas Tobias live gefilmt wird. Auf einer Projektionsleinwand sieht man diese munteren Insekten, die in Panik geraten, wenn achtlos Zigarettenasche auf die  kleine Wiese abgestreift wird, und am Ende dem Rasenmäher zum Opfer fallen. Und natürlich müssen die Damen und Herren auch noch singen (Einstudierung: David Cavelius), zum Teil aus den mit Blattwerk geschmückten Proszeniumslogen, wegen der übersteuerten Tonverstärkung allerdings in sehr  eingeschränkter klanglicher Qualität.

Auch die Besetzung hat Schwachpunkte. Katherine Watson lässt als Amélite einen säuerlich-strengen Sopran von in der Höhe bohrendem Klang hören. Nadja Mchantafs mitunter durchdringender Gesang steht unter Dauerdruck, verleiht der Érinice aber immerhin einen furiosen Anstrich. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt Thomas Walker in der Titelrolle mit einem Tenor, der in der Mittellage mehrfach zärtlich weiche Töne zu produzieren vermag, mit den exponierten hohen Noten aber seine Probleme hat und dann gequält klingt. Das französische Idiom bediente er freilich zweifellos am besten. Zufrieden stellend besetzt waren die tiefen Partien – Thomas Dolié als Abramane mit markantem, in seinem rasenden Zorn zuweilen dröhnendem Bassbariton sowie mit präsenten Stimmen Denis Milo und Daniil Chesnokov als seine Vertrauten Zopire und Narbanor, die hier als joggendes oder tanzendes schwules Männerpaar auftreten. Ein Kabinettstück gelingt Jonathan McCullough, der als Zoroastres Lehrmeister Oromasès nicht nur mit profundem Bass die Geister anruft, sondern auch virtuos auf einem Bein balanciert und andere Yoga-Kunststücke vorführt. Tom Erik Lie muss als Die Rache einen heruntergekommenen, Flaschen sammelnden Obdachlosen mimen, überzeugt aber wie stets mit solider gesanglicher Leistung.

Das Orchester der Komischen Oper Berlin findet sich unter Leitung von Christian Curnyn erstaunlich gut in das spezielle Idiom dieser Musik ein. Die zahlreichen Ballettmusiken oder Instrumentalnummern – ob Menuett, Gigue, Air en Rondeau oder Entreacte – werden mit Esprit und Verve serviert, die dramatischen Situationen der Handlung mit pulsierenden Affekten untermalt (6. Juli 2017/Rameaus „Zoroastre“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Rittershaus). Bernd Hoppe