Eindrucksvoller Neuanfang

 

Was für ein spektakulär-gewichtiger Umbruch! So etwas hat es am Staatstheater Stuttgart noch nie gegeben. Zum Start der neuen Saison treten alle drei Intendanten von Europas größtem Dreispartenhaus ihre Ämter neu an: Am Schauspiel übernimmt Burkhard C. Kosminski vom glücklosen Armin Petras, Tamas Detrich tritt das Ballett-Erbe des fast schon legendären Reid Anderson an, und in der Oper wechseln gleich  Intendant und Generalmusikdirektor: Cornelius Meister (38), zuletzt Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, aber auch mit einer Fledermaus bereits Scala-erprobt, ersetzt Sylvain Cambreling;  Nachfolger von Jossi Wieler, am Haus äußerst beliebter Regisseur und Intendant zugleich, wird Viktor Schoner (48), bislang Künstlerischer Betriebsdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.

Und der sorgt im Opernhaus mit einem neuen Lohengrin für einen nicht nur bei der Premiere, sondern auch nach der zweiten (besuchten) Aufführung rundum glücklich bejubelten Auftakt nach Maß. „Romantisch“, wie von Wagner angedacht, ist dieser Abend allerdings gar nicht. Vorab veröffentlichte Szenenfotos lassen schon Schlimmes befürchten: Wieder mal ein düsterer, schwarz-grauer leer gefegter Bühnenkasten. Doch Vorurteile sind dazu da, live überprüft zu werden. Und da kommt man bei der Aufführung zu einem ganz anderen, durchaus auch positiven Ergebnis. Raimund Orfeo Voigts Bühne mit einem Minimum an Requisiten (ein paar Schwäne, ein Koffer, ein Holzbettkasten und ein Stück Kreide für den zentralen „Kreidekreis“) fordert Regisseur und Sänger provokativ heraus. Was leicht zu einer konzertanten Aufführung auf der Bühne hätte werden können, entwickelt sich auch dank Tamás Bányais subtiler Lichtgestaltung zu einem intensiven, buchstäblich unter die Haut gehenden Bühnendrama. Hier gelingt  dem ungarischen Regisseur Árpád Schilling eine sehr menschliche, im Ansatz auch gesellschaftskritische Deutung von Wagners „romantischer“ Oper. Dieser Lohengrin kommt nicht gottgesandt vom Gral, sondern direkt aus dem Volk der Brabanter, das sich von ihm viel, wenn nicht gar Rettung verspricht. Elsa bringt er zur Begrüßung einen kleinen Steiff-Schwan mit, was überhaupt nicht lächerlich wirkt, wenn man Schillings „weltlichen“ Regie-Ansatz akzeptiert.

Den haben offensichtlich auch die Sänger erkennbar verinnerlicht, agieren und vor allem singen sie doch so, dass man als Zuschauer mit ihnen lebt und empfindet: Da gibt´s keine aufgesetzt theatralischen Gesten, sondern Gefühle pur: Ob bei der heftigen Auseinandersetzung  Ortruds mit Telramund,   dem einschmeichelnden Gespräch von Ortrud mit Elsa oder schließlich der Hochzeitsnacht-Szene, in der die schicksalhafte Frage („Nie sollst du mich befragen“) doch gestellt wird, durchweg hat man den Eindruck, dass das, was auf der Bühne passiert, „echt“ ist. Auch die, allerdings wenig einfallsreichen Kostüme von Tina Kloempken signalisieren „Alltag“, mal grau, mal bunt.

„Lohengrin“ an der Staatsoper Stuttgart/ Szene (Michael König und Simone Schneider in der Premierenbesetzung)/ Foto wie auch oben Matthiias Baus

Dabei werden die schauspielerischen Leistungen der Akteure noch durch die vokalen Highlights getoppt. Jennifer Davis, kurzfristig für die erkrankte Simone Schneider eingesprungen, singt eine ganz wunderbare, zugleich hochdramatische wie auch lyrisch feine Elsa, Michael König einen souverän auftrumpfenden Belcanto-Lohengrin, Okka von der Damerau eine ungemein expressive Ortrud, Martin Gantner einen ausdrucksstarken Telramund und Goran Juric einen kraftvollen König Heinrich. Weiter im vortrefflichen Ensemble: Shigeo Ishino (Heerrufer), Torsten Hofmann, Heinz Göhrig, Andrew Bogard und Michael Nagl (Edle von Brabant).

Der Stuttgarter Opernchor, von Schilling etwas zu statuarisch geführt, lässt unter Leitung seines neuen Leiters Manuel Pujol eindrucksvoll bis in die letzte Stimme hören, warum er gerade zum elften Mal zum „Opernchor des Jahres“ gekürt wurde. Mit mächtigem Furor, jugendlicher Leidenschaft und rasantem Tempo stürzt sich  Cornelius Meister in die Lohengrin-Partitur und reißt die exquisiten Musiker des Staatsorchesters inklusive Bühnentrompeter begeistert mit. Doch nicht nur die gewaltigen Klangexplosionen gelingen ihm und seinem Orchester, sondern auch die äußerst zarten Momente, wie etwa schon im Vorspiel zum 1.Akt. Am Schluss nimmt Meister unter Beifall und Bravo-Rufen spontan die eingesprungene Jennifer Davis für eine wahre Meisterleistung in die Arme (Premiere 29.9.2018; besuchte Aufführung am 3.10. 2018). Hanns-Horst Bauer