Gefallen am Dreck

 

Das Theater an der Wien hat sich seit gut zehn Jahren als Wiens drittes Opernhaus etabliert. Aufführungen seltener Opern vom Barock bis hin zur Moderne ließen es zuweilen zum innovativsten Opernhaus der Stadt werden. Ich selbst erlebte dort einige beglückende Vorstellungen, ob nun konzertant oder szenisch. Zuletzt besuchte ich das Haus in einer außerordentlich gelungenen Produktion der fast vergessenen Oper Peer Gynt von Werner Egk. Die Ankündigung, Wagners Ring des Nibelungen auf die Beine stellen zu wollen, sorgte im Vorfeld für einiges Aufsehen und bescherte dem Haus ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit, auch von Opernfreunden, die für gewöhnlich eher in der Staatsoper heimisch sind. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude, und so darf bereits jetzt gesagt werden, dass die hochgesteckten Erwartungen bei weitem nicht erfüllt werden konnten und der Ring für dieses Haus doch mindestens eine Nummer zu groß war.

Doch der Reihe nach. Die Verpflichtung von Tatjana Gürbaca, immerhin „Regisseurin des Jahres 2013“ (Opernwelt), ließ bei Kennern bereits die Alarmglocken schrillen, war ihre Capriccio-Inszenierung am Theater an der Wien doch bereits umstritten. Zusammen mit der Dramaturgin Bettina Auer und dem Dirigenten Constantin Trinks wurde eine selbstbewusst Theater an der Wien-Fassung genannte Version erstellt, die auf der entschlackten Orchesterfassung von Alfons Abbass (für das Hoftheater Coburg 1896) basiert; ergänzende Übergänge stammen von Anton Safronov. Dass die Orchestrierung aufgrund der beengten Platzverhältnisse reduziert werden musste, leuchtet ja noch ein. Dass man allerdings die Tetralogie zur Trilogie zusammenstrich, weit weniger. Es wurden drei Figuren in den Mittelpunkt gestellt und ihnen jeweils ein Abend gewidmet: Hagen, Siegfried und Brünnhilde. Hierbei wurde munter zusammengemixt, was so von Wagner nie und nimmer goutiert worden wäre: Musik aus Rheingold und Götterdämmerung am ersten Abend, aus Siegfried und Walküre am zweiten und schließlich aus Walküre und Götterdämmerung am dritten. Abgesehen davon, dass zum Verständnis der Handlung wichtige Elemente völlig fehlen (etwa die beiden Riesen am Anfang, die übrigen Walküren und Erda), fallen dem fortgeschrittenen Wagnerianer natürlich auch die musikalischen Brüche auf. Als wäre dies nicht Manko genug, erweist sich leider auch die Inszenierung selbst als zumeist plakativ und abgedroschen und kommt über mittlerweile vorgestrige Regietheater-Klischees nicht hinaus. Natürlich ist auf der Bühne alles kärglich und armselig, natürlich laufen die Protagonisten in schlecht sitzenden Anzügen und mit unpassenden Brillengestellen herum. Dieser Triumph des Unästhetischen wäre vielleicht noch zu verkraften, bliebe dem Zuseher zumindest der leider allzu provokative Ekelfaktor erspart, den sich diese Produktion zu eigen macht. Vom kotigen Schlammbad bis hin zu unnötig brutalen Schockelementen wie dem Absägen (!) von Alberichs beringtem Finger und dem Zusammenschlagen Mimes mittels Hammer ist da alles dabei. Wieso sich etwa der Nibelungenfürst auch nach seiner Machtergreifung weiter im Dreck suhlt und sein Geld ausgerechnet in Müllsäcken deponiert, wird sich logisch schwerlich erklären lassen.

Überhaupt scheint die Regie Gefallen am Dreck zu finden: Fafner ist ein versiffter Säufer, der Waldvogel eine Art Müllmann. Das bereits erwähnte Streichen wichtiger Figuren sollte mutmaßlich mit dem Dazuerfinden anderer (Hagen und Brünnhilde als Kinder, Siegmund als Geist in Siegfrieds Schmiedeszenen) ausgeglichen werden. Gutrune ist eine Thusnelda, Gunther ein Idiot. Siegfried stirbt mittels Baseballschläger durch die Mannen, nicht unmittelbar durch Hagens Stoß; am Ende liegt er auf dem Seziertisch. Der Trauermarsch könnte kaum banaler sein. Die sich im Dauereinsatz befindliche Drehbühne wirkt mit der Zeit auch einfallslos. Feuerzauber und Walkürenritt fehlen gänzlich, von Walhall ganz zu schweigen; dafür geht’s reichlich albern und infantil zu, sogar ein Kondom kommt vor. Ich werde es mir ersparen, der über weite Abschnitte gescheiterten Regie hier weiter Raum zu widmen. Zuweilen lauer Beifall und viele ratlose Gesichter im Publikum scheinen meinen Eindruck zu bestätigen.

Zumindest sängerisch gibt es auch Lichtblicke zu vermelden. Den Reigen führt Martin Winkler als Alberich an, der sowohl stimmlich als auch darstellerisch großartig agiert und das Fehlen einer angemessenen Regie zumindest zeitweise ausgleichen kann. Für sich genommen sehr gut auch Samuel Youn als Hagen, auch wenn man nicht an Rollenvertreter wie Gottlob Frick oder Matti Salminen denken darf – dazu fehlt ihm die Schwärze und ist er etwas zu handzahm. Mehr als überdurchschnittlich Michael J. Scott als Loge und Marcel Beekman als Mime. Die beiden anderen Hauptfiguren Siegfried und Brünnhilde werden von Daniel Brenna und Ingela Brimberg verkörpert. Brimberg weiß trotz ihres etwas rauen Soprans durchaus Sympathien zu gewinnen, während Brenna arg grobschlächtig, wenn auch stimmgewaltig daherkommt. Blass bleibt Aris Argiris als Göttervater Wotan, dessen Rolle (wohl nicht zu seinem Schaden) eher am Rande zu verorten ist, was freilich einmal mehr eine Umkehrung von Wagners Intention bedeutet. Gut dafür Stefan Kocan als Hunding und Fafner und die drei Rheintöchter (Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis, Ann-Beth Solvang). Der Rest gesanglich eher unauffällig.

Das ORF Radio-Symphonieorchester unter Constantin Trinks geht trotz reduzierter Instrumentierung aufs Ganze und versucht dieses Manko gewissermaßen auszugleichen. Zuweilen ist es gar ein wenig dröhnend, die Streicher haben gegen das Blech oft keine Chance. Auf dem gewohnt hohen Niveau agiert der von Erwin Ortner einstudierte Arnold Schoenberg Chor und überspielt die auch ihn erfassenden Ergüsse der Regie. Fazit: Viel Lärm um nichts. Insgesamt leider kein großer Wurf. Szenisch stellenweise zum Davonlaufen, wäre man mit rein konzertanten Aufführungen, wie sie am Theater an der Wien schon häufig mit Erfolg praktiziert wurden, besser gefahren. Oder man hätte lieber gleich die selten gespielten frühen Opern Die Feen oder Das Liebesverbot inszeniert, dafür aber dann richtig. Am Versuch, der Staatsoper ihr ureigenes Kernrepertoire streitig machen zu wollen, hat man sich jedenfalls gehörig verhoben. Diese drastisch zur Trilogie zusammengekürzte und insgesamt wenig überzeugende Fassung ist weder Fisch noch Fleisch und wird sich schwerlich auf den Bühnen durchsetzen (Foto oben und Fotos im Text: Wagners „Ring des Nibelungen“ im Theater an der Wien/ Szene/ Foto Hedwig Prammer). Daniel Hauser