Walking Dead

 

Vom wenig überregional beachteten Gastregisseur zum Senkrechtstarter innerhalb von drei Jahren: nach Hänsel und Gretel und Un ballo in maschera in den Spielzeiten 2016/17 bzw. 2018/19 inszeniert Valentin Schwarz zum dritten Mal am Staatstheater Darmstadt, inzwischen durch die Wahl zum Regisseur des zwölften Bayreuther Rings der Nachkriegszeit 2020 mit gesteigertem Marktwert. Die Neugierde war entsprechend groß. Mit einem Märchenstoff beschäftigte sich Schwarz bei seiner dritten Darmstädter Arbeit, bevor er – nach Offenbachs Banditen an der Dresdner Staatsoper – sich im kommenden Sommer der Sagenwelt in Wagners Tetralogie stellt. Ein gewaltiger Schaffensrausch ist angesagt, wie bei dem Maler, der großes Gemälde auf den Gazevorhang des Darmstädter Großen Hauses wirft. Als Nachkomme des Malers Cavaradossi oder des Bohemien-Dichters Rodolfo arbeitet er in einer aus Sperrmüllmöbeln des 20. Jahrhunderts zusammengetragenen Künstler-Behausung, lässt sich weder von Liù noch Timur bremsen, die sich auf den Matratzen vergnügen; als ein unter Strom oder Drogen zappelnder Kunst-Junkie vergegenwärtigt er das alte China als Phantasielandschaft zwischen Manga und psychedelischer Kunst mit verschlungenen Labyrinthen und Höhlen, aus deren Irrwegen auch diese Turandot Inszenierung nur schwer herausfindet. Calaf ist auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Wie Giacomo Puccini, der sich von Melodien aus chinesischen Spieldosen und Gong-Mixturen für eine Oper anregen ließ, die von der an einer Endstation angekommenen italienischen wegführen und seinem Schaffen neue klangliche Reize hinzufügen sollte. Den Stoff dazu fand er in einer Vorlage Carlo Gozzis, dessen venezianische Märchendramen aus dem 18. Jahrhundert im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg eine Renaissance erlebten.

Noch hängen die Puppen der Commedia dell ’arte in der Künstlermansarde, die Schwarz und sein Bühnenbildner Andrea Cozzi der über viele Stufen steil ansteigenden Bühne als Rahmen vorgelagert haben. Nur ansatzweise kann der Maler Calaf die anarchischen Bilder evozieren, die als geheimnisvolle Schemen aus dem Unterbewusstsein empordämmern, geräderte Freier, ein aufbegehrendes Volk, bis er in die chinesische Geschichte einsteigt und sich zwischen Kriegern der Terrakotta-Armee und dem einem bronzenen Prachtwagen entsteigenden Kaiser (Lawrence Jordan) findet, die Pascal Seibicke in lehmfarbene und doch irgendwie sehenswerte Kostüme gesteckt hat. Als wandelnde Tote erscheint Prinzessin Turandot, kalkweiß, halbverwest, ein Monster, das Calafs Sieg beim großen Quiz um ihre Hand nicht hinnehmen will und ihn sich zum Todeskuss krallt.

„Turandot“ am Staatstheater Darmstadt/ Szene/ Foto Nils Heck

Mit einer in der Tiefe böse geräderten Stimme wie einem Sarg entstiegen singt Soojin Moon dieses gespenstische Märchenwesen, dessen Gesang in den Höhen von sirenenhafter Strahlkraft ist. Mit einem schönen, jugendlich gefederten Tenor muss sich der Australier Aldo di Toro gelegentlich heftig durch die Musik stemmen, bevor er im dritten Akt sein „Nessun dorma“ lyrisch und wie erlöst angeht. Doch da könnte die Oper eigentlich zu Ende sein. Das Ratespiel um Calafs Namen wirkt neben den Trümmern der Krieger und der auf ihren Scherben hockenden Turandot nur noch lose angehängt. Wie ein Traum vom Sterben der Liù auszubreiten, deren Liebes- und Todesbereitschaft den Kontrast zur Todeskälte der Titelheldin bildet. Jana Bachmann singt die Liù mit sich im schimmernden Piano unendlich verströmenden, tragfähig gesundem Sopran.

Das letzte Rätsel bleibt ungelöst. Die Frage, wie Puccini hier zu einem Finale finden könne. Während die meisten Aufführungen mit einer kurzen oder längeren Fassung des Finales aus der Hand von Alfanos oder einer modernen Variante enden, schließt Darmstadt, wie bei der Uraufführung 1926, mit dem Tod der Liù. Konsequent. Aber auch verlegen. Wie der niederprasselnde Regen. Achtung Rutschgefahr beim Schlussapplaus. Giuseppe Finzi, der bereits bei der Bregenzer Turandot Erfahrung mit Wassermassen sammelte, steuerte die Aufführung folgerichtig auf Liùs Trauermusik zu. Puccinis Musik, die in Turandot mit grellen Akzenten leuchtet und sich brutal aufbäumt, klingt durch den hinter dem Gemälde fern und hoch verteilten Chor – der genau singenden Opern-, Extra- und Kinderchor des Staatstheaters – sowohl wattiert und unausgeglichen wie in manchen Details scharf angeraut und durchsichtig. Die Nebenrollen bleiben sonderbar unterbelichtet, etwa Werner Volker Meyers Mandarin, der unauffällige Timur von Dong-Won Seo und die hoch über der Bühne an Fäden zappelnden Minister, unter denen Julian Orlishausens Ping hervorsticht (31. August 2019).  Rolf Fath