Vom Winde verweht

 

Wie Scarlett O’Hara verzehrt sich die Südstaaten-Beauty im weiten Reifrockkleid nach ihrem Geliebten. Da stimmt was nicht. Die schwarze Sopranistin Michelle Bradley kann unmöglich Scarlett sein. Praktischerweise stellt ihr Tobias Kratzer in einem Film das korrekte type-casting an der Rückwand gegenüber. Die weiße Schauspielerin Laura Tashina spielt darin die Tochter des Hauses, die schwarze Dela Dabulamani anstelle der weißen Sopranistin Nina Tarandek die Curra, deren Einvernehmen mit der geplanten Flucht und Sympathie mit dem Liebhaber dadurch verständlich werden, Thesele Kemana den schwarzen Liebhaber, den der Armenier Hovhannes Ayvazyan auf der Bühne singt; und Hartmut Volle, der Bruder von Dietrich Volle, der am Abend als Alkalde mit dabei ist, den Marchese. Diesen hätte freilich auch Franz-Josef Selig geben können.

Den überall in Text schwelenden Rassenkonflikt macht Tobias Kratzer zum zentralen Thema seiner La forza del destino an der Frankfurter Oper. Er ist der treibende Motor, nicht jener diskutable Schuss, der sich aus Don Alvaros Pistole löst und Leonoras Vater tötet, worauf der standesbewusste Marchese von Calatrava seine Tochter und den Mörder verflucht und eine wilde Flucht der getrennten Liebenden von Sevilla durch Spanien bis nach Italien initiiert. In der kurzen Einleitung – gespielt wird die Fassung, die 1862 in St. Petersburg zur Uraufführung gelangte und an Stelle der in jedem Arienabend als Füller geschätzten umfangreichen Ouvertüre eine kurze Potpourri-Einleitung vorsieht – wurden schon ein gehängter Sklave, eine Minstrel Show und Abbildungen zur Rassenlehre gezeigt. Die Uraufführung der Oper und der Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs fallen fast zusammen. Kratzer nutzt die Wildheit der Handlung, an der man Verdis Shakespeare-Leidenschaft zu erkennt glaubt, die aber auch seine Manzoni-Bewunderung und die verschlungenen Schicksalspfaden in dessen Promessi sposi widerspiegelt, für einen Streifzug durch die amerikanische Geschichte des Rassismus und der Apartheid vom Bürgerkrieg über den Vietnam-Krieg bis zur Tafel für die Bedürftigen in der Gegenwart.

Am Ende kann auch Michael Braun seinen Film in der Gegenwart fortsetzen: drei Leichen in einem einsamem Motel-Zimmer, darunter laufen die Textnachrichten; nachdem auf der Bühne Alvaro Carlos tötete und dieser wiederum seine Schwester, stürmen Polizisten die Bude, worauf auch Alvaro irgendwie zu Tode kommt und ihm die Polizisten rasch die Mord-Pistole unterschieben. Im Drama des Ángel Pérez de Saavedra stürzt sich Alvaro von einem Felsen. Verdi hatte für seine Mailänder Fassung fünf Jahre später die Anzahl der Toten um einen reduziert und Alvaro in einem verklärenden Schluss à la Aida Trost in den Armen der Religion finden lassen.

Verdis „Forza del Destino“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Kratzer belässt es aber nicht einfach bei dem Bilderbogen und bei dem Exkurs durch ein Jahrhundert amerikanischer Geschichte, sondern mischt und durchsetzt die Zeiten mit unterschiedlichen Spielebenen, in denen seine theatralische Phantasie und die des Ausstatters Rainer Sellmaier Funken sprühen. Von dem Cowboy Comic à la  Lucky Luke mit den Schwellköpfen für die Saloon-Zecher, was Leonoras Verkleidung im Männerkostümen erleichtert, bis zur rigiden Glaubensgemeinschaft, die unter dem Motto „Jesus saves“ und dem Deckmantel der Barmherzigkeit Übergriffe duldet und Böses ahnen lässt und deren brave Pulloverträger sich um das brennende Kreuz scharen und in spitzen Kapuzen als  Ku Klux Klan-Anhänger zu erkennen geben. Bis zu den Kriegsszenen, die den Vietnam-Krieg vor einer Cinemascope-Breitwand und glühenden Technicolor-Farben und mit den hereingefahrenen Palmen und Bambushüttchen als ein Ableger von Miss Saigon erscheinen lassen, samt weißem und schwarzen GI, die einträchtig in einen Eimer pinkeln, den Alvaro dann versehentlich umwirft, samt Frontbelustigung mit herbeigeflogenen Bunnys und ihrer Show über Kennedy und Marilyn und Nixon und der Kapuzinerpredigt des Frau Melitone zu Einblendung einer Rede Martin L. Kings. Schließlich im weißen Klosterraum die Verteilung der Lebensmittel an Bedürftige. Carlos, nun im schlank geschnittenen blauen Anzug, trifft auf Alvaro. Das Ende ist unausweichlich. Pure Verlegenheit. Kratzer gelingt es über weite Strecken, die unterschiedlichen Schauplätze und Handlungsstränge mit den verschiedenen Genres zu packen und erst gar nicht den zum Scheitern verurteilten Eindruck einer chronologischen Handlung zu suggerieren, wobei die Gefühle der Protagonisten erstaunlich konsequent bleiben. Viel ist hineingepackt in den dreieinhalbstündigen Abend. Die Personenregie bleibt oft fragmentarisch. Am Ende geht dem Regisseur die Puste aus.

Es gibt viel zum Schauen und Gucken, so dass Jader Bignaminis Leistung etwas ins Hintertreffen gerät. Dabei begleitet er gut, lässt die instrumentale Aufgaben, die Verdi dem Orchester der Zarenoper stellte, überzeugend ausspielen; nur manches Scharnier in der locker gefügten Handlung – besonders im dritten Akt – knirscht ein bisschen (27. Januar 2019). Als Leonora überzeugt Michelle Bradley mit einem in allen Lagen strahlenden und reichen Sopran, der in der Tiefe anfangs noch ein paar Eintrübungen zeigt, sich aber zunehmend frei singt und bei „La Vergine degli angeli“ wie eine Orgel aus Engelsstimmen den Chor der bösen Männer mit weitem Atem überstrahlt. Hovhannes Ayvazyan singt den Alvaro mit einem robusten Tenor und enger Höhe, der in „La vita è inferno all’infelice“ langsam auch Farben und Zwischentöne und ein schönes Piano bei „trono“ zeigt und in der Tiefe an Rundung gewinnt, wodurch er gut zu Christopher Maltmans bronzefarbenem, virilem Bariton passt. Maltmans Don Carlo ist nicht unbedingt mit italienischer Linie gesungen, trumpft aber durch die exemplarische Nachdrücklichkeit und Ausdrucksfülle auf, ist vielleicht etwas zu wirkungsvoll ausformuliert, so dass „Urna fatele“ in Details zerfällt und die Figur auf der Strecke bleibt. Im „Sleale“-Duett schwächeln beide, doch Ayvazyan ist ausgezeichnet in der den dritten Akt beschließenden Szenen „Qual sangue sparsi“, in welcher bei der Uraufführung auch Enrico Tamberlik brilliert haben soll. Nicht oft hört man die Preziosilla so skrupulös ausgelotet wie von Tanja Ariane Baumgartner, die als Saloongirl und Truppenbetreuerin beste Figur macht, aber die Tücken der Partie nicht überspielen kann und der etwas der Peng für „Rataplan“ fehlt. Ausgezeichnet der im italienischen Fach selten zu hörende Franz-Josef Selig als Marchese und Guardiano, ebenfalls Craig Colclough bei seinem Deutschland-Debüt als Fra Melitone.    Rolf Fath