Esprit und Witz

 

Zweimal Daniel François Esprit Aubers Le Domino noir:  an der Pariser Opéra-Comique und an der Opéra Royal de la Wallonie in Liége (nachstehend der Bericht dazu). Zuerst also Paris: Da freut sich das Spanferkel, steigen die Statuen tanzend von ihren Sockeln, kichern die dämonischen Wasserspeier der romanischen Kirche, schaukeln sich die Nonnen im Wiegeschritt und wippen und juchzen die Bürger. Es ist zum Kugeln. Das Vergnügen ist so kurz wie der Genuss eines schaumgebackenen Macaron, kaum ist man auf dem Boulevard angelangt, hallt das Vergnügen zwar noch nach, doch die Musik ist schon vergessen. Doch es war richtig, dass Aubers Le Domino noir, nun im April 2018 an die Opéra-Comique zurückkehrte, wo er 1837 uraufgeführt wurde und knapp 50 Jahre später bereits seine 1000. Aufführung erlebte.

„Le Domino noir“ an der Pariser Opéra-Comique/ Szene/ Foto Vincent Pontet

Der Mann war ein Phänomen. Für mehr als eine Generation von Pariser Theatergängern war Amüsement in der Oper gleichbedeutend mit dem Namen Auber, dem Grandseigneur der opéra comique, dessen Meisterstück Fra Diavolo wurde. Ein halbes Jahrhundert lang belieferte er das Haus pflichtbewusst und stetig mit seinen Opern, insgesamt 34 Stück, 28 davon mit seinem Leiblibrettisten Eugène Scribe. 1782 in Caen geboren, wurde er zum pariserischsten der Komponisten, „Schon fast eine museale Erscheinung, starb der Komponist, hochgeehrt als Mitglied der Akademie und Hofkapellmeister des Kaisers Napoleon, nahezu 90jährig am 12. Mai 1871 in Paris, während draußen die Trompeten der Kommune riefen“. Seine Opern zeigen dabei eine gleichbleibende Qualität, setzen das pure Amüsement vor seelische Tiefgänge, sind gleichwohl – auch ein Markenzeichen von Scribes Theaterfabrik – entsprechend Daniel François Esprit Aubers dritten Vornamens geistreiche Musikkapriolen und Plänkeleien, in denen sich der Gesang geschmeidig und nuanciert aus Situationen und Dialogen entwickelt, das Singen zu einem moussierenden Sprechen wird und Couplets, Duette, Terzette und Ensembles wie selbstverständlich perlen.

Viel übrig geblieben ist von Auber nicht. Natürlich die ernste, immer mit dem Aufstand in Brüssel verbundene La muette de Portici, der Fra Diavolo – und dann? In dem aus dem späten 19. Jahrhundert stammenden Opernführer von Lackowitz habe ich eine ausführlich Inhaltsangabe des Domino noir gefunden; Oscar Bie, für den Fra Diavolo das Entzückendste war, „was der französische musikalische Geist hervorgebracht hat, auf einen hurtigen Text eine Musik von solcher beweglichen Anmut, genialen Liebenswürdigkeit und unbeschränkten Laune, so reich an Einfällen, so harmlos vergnügungssüchtig und so chevaleresk weltläufig“, befand Anfang des 20. Jahrhunderts über den Domino noir, „Eine noblere Konversationsnote tönt aus dem Schwarzen Domino, Maskenfest, heimliche Liebe, aragonische Verkleidung, Tanz und Leier in einem, die glänzend bewegten Angelacouplets, freche Walzer und Galoppchöre, verfeinerte Koloratur und geistvolles Sentiment und – sehr, sehr viel Charme“. Und wie immer, hat er recht. Bis in die 1930 er Jahren kann man den Domino in entsprechenden Werken aufspüren, doch dann verschwand er aus den Opernführern wie von der Bühne. Pipers sechsbändige Enzyklopädie des Musiktheaters hält gerade mal 4 ½ Zeilen für den Inhalt parat.

Der Inhalt mag unerheblich sein, doch er ist nicht uninteressant. Die Oper spielt zu Weihnachten im Uraufführungsjahr 1837. Noch einmal besucht die Novizin Angèle d’ Olivares, eine Cousine der spanischen Königin, den Maskenball der Königin, bevor sie ihr Gelübde ablegt und Äbtissin des Klosters wird. Vor einem Jahr half ihr auf eben diesem Maskenball Horace de Massarena, der sich auf Anhieb in sie verliebte, aus einer Verlegenheit. Doch wie Aschenputtel entschwand Angèle, schickte Horace, der auf geheimnisvolle Weise zum Gesandtschaftssekretär avancierte, das geliehene Geld zurück. Ähnliches geschieht auch dieses Jahr. Wieder verlässt Angèle um Mitternacht überstürzt den Ball, wieder bleibt Horace ratlos zurück. Sie flüchtet sich in irgendeine Wohnung, die zufälligerweise die Wohnung von Horaces Freund Graf Juliano ist, wo sie dessen Haushälterin Jacinthe aufnimmt. Angèle verkleidet sich als Dienerin, unterhält die Festtagsgesellschaft mit einem Lied aus ihrer Heimat, der Ronde aragonaise, entschlüpft neuerlich Horace und kehrt ins Kloster zurück. In letzter Minute, als sie gerade ihr Gelübde ablegen will, befiehlt ihr eine Depesche der Königin, das Kloster zu verlassen und zu heiraten. Da fügt es sich geschickt, dass Horace zugegen ist.

„Le Domino noir“ an der Pariser Opéra-Comique/ Szene/ Foto Vincent Pontet

Ein Verwechselungs- und Maskeradenstück wie von Feydeau, ein Strudel der sich überstürzenden Ereignisse und Hetzjagden wie bei Labiche. Valèrie Lesort und Christian Hecq, die ihr Handwerk an der Comédie-Française gelernt haben, sind die Richtigen, um die blasierten Pariser, die der bereits in Liège gezeigten Produktion einen begeisterten Empfang bereiteten, zum Lachen zu bringen. Im Übrigen setzt die Opéra-Comique ihre Traditionspflege demnächst mit Rabauds Mârouf und Gounods La nonne sanglante fort. Ein tänzelndes Bestiarium hat Kostümbildnerin Vanessa Sannino dazu auf den Maskenball geschickt, Angèle im Kostüme des Schwarzen Schwans mit entsprechendem Kopfputz, der sensible Horace als Schmetterling, Graf Juliano als Pfau, den englischen Freund Lord Elford als Stachelschwein, beide können bei Bedarf ihre Federn bzw. Stachel spreizen, Angèles Freundin Brigitte als Pusteblume, dazu weiteres Getier, das sich hinter der bühnengroßen durchsichtigen Uhr von Laurent Peduzzi im Tanzschritt reibt, während davor im Salon die Konversation vonstatten geht. Wie Lesort und Hecq die Geschichte vom niedlichen Dominospiel vor dem Vorhang bis zum Finale im Kloster animieren, hat höchsten Unterhaltungswert, ist irrsinnig komisch, ohne albern zu sein – freilich die Herzchen auf den Unterhosen von Gil Perez wären entbehrlich gewesen – dabei von einer flinken, wuselnden Bewegtheit, ohne gehetzt zu sein, voll Ironie und Witz. Geschmackvoll eben. Ob Angèle als Dienerin vor den Nachstellungen der Herren flieht und den Weihnachtsbaum erklimmt, dem Spanferkel beim Rondo vor Vergnügen der Apfel aus dem Maul fällt, die Nonnen freudvoll die Glockenstränge schwingen oder die entfesselten Bürger sich einen lustigen Abend machen, wobei die Christophe Grapperon instruierten accentus-Choristen geradezu solistischer Gestaltungsfreude entwickeln, stets ist das Spiel von einer leichten ironischen Beschwingtheit und Eleganz. Es fehlt der satirische Biss. Doch dass liegt an Auber, der eben kein Offenbach ist, wobei die Ironisierung und Verspottung des klösterlichen Lebens im Nonnenchor „Ah! Quel malheur“ in Operetten der 1880er Jahre fortlebt, darunter in Varneys Les mousquetaires au couvent oder Hervés Mam’zelle Nitouche.

Jedenfalls haben die Regisseure das Spiel fein austariert, lassen selbst die umfangreichen Sprechtexte kurzweilig erscheinen und federn das schwerelose Spiel der Protagonisten ab. Die meisten sind keine großartigen Sänger, aber wunderbare Singdarsteller mit charakteristischen Stimmen, darunter Marie Lenormand als prall aufgefütterte Jiacinthe, Laurent Kubla mit dem parodistischen Lied des Gil Perez über die Tafelfreuden, Francois Rogier als Graf Juliano. Der Schauspieler Laurent Montel gibt den Elford, quasi ein Bruder des bereits in Fra Diavolo karikierten Engländers Lord Kookburn, Sylvia Bergé bringt als Ursule den hohen Ton der Comédie Française ins Opernhaus. Cyrill Dubois ist ein tänzelnder Horace mit federleichtem Tenor, dem in seiner Kavatine „Amour, viens finir mon supplice“ noch eine bald überwundene Indisposition zu schaffen machte. Die umfangreichste Partie ist die von der Rossini- und Auber-Primadonna Laure Cinti-Damoreau kreierte Angèle, die Trägerin des schwarzen Dominos, die neben dem berühmtesten Stück, der Ronde aragonaise „La belle Inès fait florés“, mehre kleine Liedchen und eine größere, aber eben auch nicht zu große Szene „Je suis sauvée enfin“ im dritten Akt hat. Anne-Catherine Gillets Sopran ist bitter und ein wenig reizlos geworden, als verführerische Novizin muss sie sich große Mühe geben, sie singt das Rondo mit hineichender Beweglichkeit, ohne wirklich eine Koloratursopranistin zu sein, die Romanzen, Couplets und die Kavatine mit schlanker Leichtigkeit, doch ohne die Bravour und die pikante Raffinesse, die dieser Partie ihre Faszination verleihen. Das Rondo sorgt übrigens für die bereits in der Ouvertüre anklingende Couleur locale, wobei sich Auber ansonsten mit musikalischen Hinweisen auf Spanien zurückhielt. Das spürbare Vergnügen, das Patrick Davin an der Aufführung hat, springt vom Orchestre Philharmonique de Radio France direkt auf das Publikum über. Man hat die Oper rasch vergessen, ich hätte die Aufführung aber nicht missen mögen (1. April 2018).     Rolf Fath

 

 

Und zuvor an der Opéra Royal de la Wallonie in Liége: Lang ist sein Name ( mit den drei Vornamen), lang währte sein Leben (er wurde mehr als 89 Jahre alt), und lang ist die Liste seiner Opern: Daniel-François-Esprit Auber  schuf in dieser Lebensspanne mehr als 40 Opern  in verschiedenen Genres, deren Löwenanteil seine 31 opéra comiques ausmachen. Aber anders als bei seinem Kollegen und Zeitgenossen Rossini, dessen 41 Bühnenwerke nach fast einem Jahrhundert des Schweigens seit seiner Wiederentdeckung in den letzten rund 50 Jahren ohne Ausnahme in einem Theater oder bei einem Festival zu sehen waren, dürften kaum zehn von Aubers Opern eine wenn auch noch so kurze Wiedergeburt in unserer Zeit erlebt haben.

Wenn ich die letzten zwei Jahrzehnte revue passieren lasse, habe ich in diesem Zeitraum drei Produktionen von seiner „grand opera“ La muette de Portici gesehen (2002 eine unsägliche Version im Stadttheater Aachen, 2010 als beeindruckendes Gesamtkunstwerk am Anhaltischen Theater in Dessau und 2012 mit Michael Spyres an der Pariser Opéra-Comique).  2003 faszinierte uns das Opernhaus in Metz mit Aubers Gustave III ou Le bal masqué als „double bill“ zusammen mit Verdis Ballo in maschera, und die Opéra Royal de Wallonie (ORW) in Liège startete 2009 eine kleine Auber-Reihe mit Fra Diavolo (Sumi Jo und Kenneth Tarver waren die Protagonisten), die 2016 mit Manon Lescaut (wieder mit Sumi Jo) und jetzt mit Le domino noir fortgesetzt wurde. Neben diesen persönlichen Opernerlebnissen sind mir nur noch Le cheval de bronze (2012 an der Komischen Oper Berlin), La sirène (gerade erst in Compiegne zu sehen) und Marco Spada (seit 2014 als Ballettversion am Moskauer Bolschoi-Theater) aus diesen rund 20 Jahren in Erinnerung.

Der am 2. Dezember 1837 in der damals an der Place de la Bourse gelegenen Pariser Opéra- Comique uraufgeführte Domino noir war mir bis dato nur über die CD-Gesamtaufnahme unter Richard Bonynge mit Sumi Jo und Bruce Ford bekannt. Auf ein Libretto des unverzichtbaren Eugène Scribe war sie von Anfang an eine der erfolgreichsten von Aubers Opern und erlebte bis 1909 allein in Paris sagenhafte 1209 Aufführungen, war aber in den letzten Jahrzehnten nur 1995 in Compiegne, 2003 im Teatro Malibran in Venedig und 2007 in St. Petersburg (mit den von Tschaikowsky 1869 für eine italienische Operntruppe komponierten Rezitativen) zu sehen. Das 1820 gegründete Opernhaus in Lüttich konnte zwar seinen Besuchern schon 1838 dieses neueste Auber-Opus präsentieren, aber es dauerte dann 180 Jahre, bis das Werk jetzt eine Neuaufführung erlebte – in Koproduktion mit der Pariser Opéra-Comique, wo es ab 26. März dieses Jahres zu sehen ist.

Le domino noir ist eine opéra comique en trois actes, spielt in Madrid um das Jahr 1780 und dreht sich um Angèle de Olivarès, eine junge Adlige und Verwandte der spanischen Königin, die kurz vor ihren feierlichen Gelübden  und der Ernennung zur Äbtissin in ihrem Kloster steht und deshalb heimlich am Weihnachtsabend noch einmal einen Maskenball im königlichen Palast  besucht. Bei diesem trifft sie Horace de Massarena wieder, Sekretär bei der spanischen Botschaft, in den sie sich ein Jahr zuvor bei diesem Maskenball verliebte. Dieser erwidert ihre Gefühle voll Inbrunst, verliert aber wegen ihrer nicht greifbaren Identität fast den Verstand. In einer berührenden Szene des 3. Aktes nennt er sich „un pauvre insensé“, der immer noch nicht weiß, ob der schwarze Domino des Maskenballs (1. Akt), die Nichte von Julianos Wirtschafterin aus Aragon (2. Akt) und die designierte Äbtissin des Klosters (3. Akt) identisch mit seiner Angebeteten sind. Bis sich der Handlungsknoten mit seinem im klösterlichen Bereich angesiedelten und mit satirischem Witz garnierten Plot (für die Entstehungszeit sicher nicht ohne Brisanz !) auflöst und Angèle für die „von oben“ angeordnete plötzliche Heirat Horace als glücklichen Bräutigam erwählt, erleben wir einige typisch opernhafte Verwechslungen und Irreführungen.

Aubers „Domino noir“ in Liége/ Szene/ Foto Lorraine Wouters

Opéra comique bedeutet ja nicht unbedingt  „komische Oper“ (wie man an ihrer Gattungskönigin Carmen erkennen kann), sondern entstand aus den Vaudevilles des 17./18. Jahrhunderts und verbindet die einzelnen Musiknummern nicht durch Rezitative, sondern  durch gesprochene Dialoge. Auch sind die vokalen Protagonisten zahlenmäßig begrenzt: neben der Sopran-prima donna meist nur eine seconda donna (hier ein Mezzo) und ein lyrischer Tenor, und anders als in der grand opéra erfreuen auch keine Ballettszenen das Publikum. Den Regisseuren Valérie Lesort und Christian Hecq, Mitglied der Comédie-Française, gelang zusammen mit ihrem Team – Laurent Peduzzi (Bühnenbild), Vanessa Sannino ( Kostüme), Christian Pinaud (Lichteffekte), Glyslein Lefever (Choreographie) eine derart spritzige und geistreich-witzige Inszenierung, dass das Lütticher Publikum schon während der Aufführung sicht- und hörbar in Schmunzeln und Gelächter ausbrach. Das Regieteam schüttete ein wahres Füllhorn an visuellen und akustischen Gags, Gimmicks und kreativen Ideen über Bühne und Publikum aus, unterstützt von Bühnenbildern, die jedem Akt die handlungsrelevante Szenerie bieten, ohne überladen zu wirken: So dominiert eine riesige Uhr, die sich vor- und zurückdrehen lässt, die Ballszene des 1. Akts; das Speisezimmer von Graf Juliano, einem Freund von Horace, schmückt ein großer Weihnachtsbaum (2. Akt), und der Vorraum des Klosters (3. Akt) ist in jungfräulichem Weiß gehalten, einschließlich der je zwei Statuen und Gargoyles. Außerdem modernisierten bzw. erweiterten Hecq und Lesort geschickt den Handlungsablauf ein wenig, einschließlich der Textbeiträge zwischen den Musiknummern.  Dass diese gelegentlich etwas lang gerieten, ist als Kritikpunkt eine „quantité négligeable“, zumal die Dialoge in (für Lütticher Verhältnis ungewohnt) korrektem und angemessenem Deutsch in Übertiteln eingeblendet wurden.

Die Sänger, Schauspieler, Tänzer und plastischen Marionetten genossen es sichtbar, in diesem ebenso burlesken wie romantisch-unheimlichen Ambiente ihre Spielfreude auszuleben, ob bei den parodistischen Anspielungen auf die „Cenerentola“-Geschichte, den sprachlichen Finessen oder bei der Demonstration ihrer Kostüme (Pfau, Stachelschwein, Dominosteine). So nimmt es nicht wunder, dass auch die vokalen Leistungen in diesem Umfeld, dessen Musik schon Offenbach erahnen lässt, aufblühten: allen voran der lyrische Tenor von Cyrille Dubois (das ist der, der die Reine de Chypre Halevys im letzten Jahre in Paris rettete, die nun mit ihm im Sommer als CD herauskommen wird/ G. H.) mit wunderbarem Legato, aber auch wohlklingender Strahlkraft in der Höhe. Auch die an der ORW seit Jahren geförderte belgische Sopranistin Anne-Catherine Gillet beeindruckte mit attraktivem Timbre und sicheren Koloraturen, auch wenn sie auf die finalen „acuti“ an den Aktschlüssen verzichtete. In den Nebenrollen überzeugten als Angèles Nonnen-Freundin Brigitte die französische Mezzosopranistin Antoinette Dennefeld, der Tenor François Rougier als Juliano und Laurent Kubla als klösterlicher Hausmeister und Schlüsselverwalter Gil Perez, der Liebhaber von Julianos Witschafterin Jacinthe, die in Marie Lenormand eine Interpretin mit großer Bühnenpräsenz hatte, deren stimmliches Volumen paradoxerweise aber nicht zu ihrem „fatsuit“ passte. In Sprechrollen mit kurzen vokalen Beiträgen glänzten und erheiterten uns Sylvia Bergé als Ursule, Angèles letztlich erfolgreiche Konkurrentin um das Amt als Äbtissin, und Laurent Montel als köstlicher, französisch-englisch radebrechender Lord Elfort. Patrick Davin, seit langen Jahren ständiger Gastdirigent an diesem Hause mit Schwerpunkt „französisches Repertoire“, entfaltete mit dem Orchester der ORW den adäquaten klangschönen Schwung dieser elegant-melodiösen Musik, ergänzt durch den auch bewegungsmäßig brillierenden Chor (Einstudierung Pierre Iodice).

Ist es nicht schön, wenn einem ein Opernbesuch – einmal fern von allen unsinnigen Regietheater-Einfällen und leergeräumten Bühnen – so ungetrübte Freude macht, dass man mit diesem „Domino-Effekt“ in Auge und Ohr beschwingt nach Hause fährt?! Diese Produktion wird ab 26. März in der Pariser Opéra-Comique geboten, in derselben Besetzung, aber mit anderem Chor (accentus) und Orchester (Orchestre Philharmonique de Radio France). Amusez-vous bien (besuchte Vorstellungen am 25.02. und 01.03. 2018/ Foto oben: Aubers „Domino noir“ in Liége/ Szene/ Foto Lorraine Wouters) Walter Wiertz