Voci celesti – Himmlische Stimmen

 

Dem Andenken an legendäre Kastraten widmete Cecilia Bartoli die diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele . Die Sängerin hatte sich bereits in ihren CD-Einspielungen Sacrificium und Musica proibita mit dieser Thematik beschäftigt. Als Künstlerische Leiterin des Festivals hatte sie nun Gelegenheit, ein ganzes Programm von der Oper bis zum Oratorium zu konzipieren, das die Kunst dieser Sänger ins hellste Licht rückte.

Schwerpunkt war die Neuinszenierung von Händels Oper Alcina im Haus für Mozart durch den italienischen Regisseur Damiano Michieletto, der in Salzburg bereits mehrfach erfolgreich gearbeitet hatte. Er inszenierte die Tragödie einer verlassenen, unglücklichen und schließlich sterbenden Frau und verhalf La Bartoli zu einem ihrer eindringlichsten Rollenporträts. Paolo Fantins Bühne zeigt einen geheimnisvollen Raum zwischen Hotellounge und Modern Art Museum. Wandleuchten von diffusem und in den Farben wechselndem Licht (Alessandro Carletti) unterstreichen die gespenstische Atmosphäre. Auch die Projektionen von rocafilm (Wasserfontänen, kosmische Gesteinsbrocken, Spiegelscherben) tragen zur surrealen Stimmung bei. Am linken Proszenium ist ein ovaler Spiegel zu sehen, durch den die Zauberin Alcina, hier als Hoteldirektorin im schlichten schwarzen Kleid (Kostüme: Agostino Cavalca), schon zur Ouvertüre auftritt. Den Raum teilt in der Mitte eine durchscheinende, drehbare Wand, hinter der all die von ihr zu Steinen und Bäumen verzauberten Männer ihr Leben fristen und auf Erlösung hoffen. Michieletto inszeniert das zusammen mit dem Choreografen Thomas Wilhelm sehr aktionsreich, lässt die Tänzer hektisch umher rennen, erschöpft hinstürzen und immer wieder verzweifelt an der Wand ein Fluchtloch suchen. Im 2. Akt scheinen sie einen wie ein Kunstobjekt in der Luft hängenden Baumstamm mit vereisten Ästen zu tragen, unter dessen Last sie schließlich zusammen brechen. Mit der Einführung von Alcinas vergreistem Alter Ego als Spiegelbild und ihrem kindlichen Double, das eine riesige Axt hinter sich her zieht, bekommt das Geschehen eine verstörende, beängstigende Dimension. Wenn am Ende Ruggiero, der unter dem Einfluss von Alcinas Verführung seine Verlobte Bradamante vergessen hatte, mit der Axt den Spiegel zertrümmert, ist die Macht der Zauberin gebrochen. Sie legt zur Arie „Mi restano le lagrime“ ihr schwarzes Gewand ab, reißt sich die Haare aus und wird zu jener alten, grauen Frau, von der sie den ganzen Abend begleitet wurde. Mit letzter Kraft schleppt sie sich zu einem Schwert, doch schon vorher verlässt sie die Kraft – alle umringen betroffen die Sterbende. Mit der Verlegung dieser Arie an den Schluss sicherte das Produktionsteam der Titelheldin eine wirkungsvolle Finalszene. Und Cecilia Bartoli führt sie zu einem letzten vokalen Höhepunkt – mit erschütternder Gestaltung und gesanglicher Souveränität. Die Stimme klingt ausgeruht und gerundet, so dass Alcinas sechs Arien in ihrem differenzierten Spektrum  das musikalische Niveau der Aufführung am 9. 6. 2019 bestimmen. Bei „Sì, son quella“ erscheint erstmals die Greisin hinter der Wand, gegen die sich Alcina heftig wehrt, sich trotzig die Lippen schminkt und jeden Gedanken an einen Alterungsprozess von sich weist. Ergreifend auch „Ah, mio cor!“ im 2. Akt, wenn sie erstmals von Ruggieros Fluchtplänen erfährt, die Worte zunächst nur stockend hervorbringen kann, begleitet von Streicherakkorden, die wie Peitschenhiebe hernieder sausen, um dann in rasenden Furor auszubrechen. Dass diese Szene zu einer der eindrücklichsten der Aufführung wurde, ist auch dem begleitenden Ensemble Les Musiciens du Prince-Monaco zu danken, das unter Leitung seines Chefdirigenten Gianluca Capuano wahre Wunder an Klangfarben und Stimmungen evozierte. Auffällig die sorgsam gearbeiteten Arien-Nachspiele, oft wie verlöschend oder ersterbend, sowie die feinen, sphärisch-transparenten Klange und die tänzerische Verve in den Ballettszenen. Faszinierend zu hören war, wie Bartoli bei den folgenden Arien „Ombre pallide“ und „Ma quando tornerai“ die Expressivität ihres Vortrags bis zur Schmerzgrenze steigerte, das Da capo der ersten geradezu zischte, die Koloraturen der zweiten bis zur Hässlichkeit verfärbte.

Händels „Alcina“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen/ Szene/ Alcina in der Inszenierung von Damiano Michieletto. Fotos: SF/Matthias Horn

Der Starkastrat Carestini kreierte 1735 die Rolle des Ruggiero, die hier dem französischen Counter Philippe Jaroussky anvertraut war. In seiner Auftrittsarie „Di te mi rido“ gab es im Koloraturfluss einige Löcher und grelle Momente in der oberen Lage. Die getragenen Stücke wie „Mi lusinga il dolce affetto“ oder „Mio bel tesoro“, wo man zärtlich kosende Töne hören konnte, liegen seiner Stimme von weicher Textur deutlich besser. Und so empfing er auch für den träumerisch entrückt gebotenen Hit „Verdi prati“ viel Applaus. Der heroisch auftrumpfende, virtuose Showstopper „Sta nell’ircana“ , von fulminantem Bläsergeschmetter eingeleitet, offenbarte dagegen matte Koloraturpassen in der unteren Region, ließ aber später durch das interessant variierte Da capo aufhorchen.

Die schwedische Mezzosopranistin Kristina Hammarström verfügt über die gebührend androgyne Erscheinung und Aura, um Ruggieros Verlobte Bradamante, die sich als Mann verkleidet in Alcinas Reich begibt, glaubwürdig verkörpern zu können. Die Stimme ist herb getönt, ließ in „È gelosia“ sogar einige veristische Akzente vernehmen. In „Vorrei vendicarmi“ demonstrierte sie gleichermaßen ihre vokale Gelenkigkeit wie körperliche Agilität. Alcinas Schwester Morgana in schwarzem Kleidchen und weißer Servierschütze gehört zum Personal des Hotels, doch Sandrine Piau gibt sie sehr selbstbewusst und zupackend, ist auch gesanglich kein verzärteltes Mauerblümchen. Das koloraturflinke „Tornami a vagheggiar“  stellt sie als Virtuosa aus, zeigt sie freilich ebenso in emotionaler Verwirrung wie bei „Credete al mio dolore“ im 3. Akt, wo wahrhaft glühend heiße Töne zu hören sind. Die Szene mit Oronte, ihrem früheren Liebhaber, ist von starker körperlicher Intimität. In roter Livree gehört er gleichfalls zum Hotelpersonal, Christoph Strehl singt ihn männlich und charaktervoll, kann vor allem in der zauberhaften Arie „Un momento di contento“ punkten. Eine zarte Stimme von klarer Intonation lässt der Wiener Sängerknabe Sheen Park als Oberto hören. Die beschwingte Arie „Tra speme“ bewältigt er solide, dagegen ist der dramatische Ausbruch „Barbara!“ unterbelichtet. Der kleine Junge sucht seinen verschollenen Vater Astolfo, den Alcina in einen Baum verwandelt hat. Das Wiederfinden von Vater und Sohn am Ende ist sehr anrührend dargestellt. Die Besetzung ergänzt Alastair Miles mit autoritärem Bass von verquollenem Klang als Melisso.

 

Höchst aufschlussreich wäre der Vergleich mit Nicola Porporas Opera seria Polifemo gewesen, die im selben Jahr wie die Alcina mit dem berühmten Kastraten Farinelli als Aci uraufgeführt wurde. Es gab auch eine glamouröse Gala Farinelli and Friends mit interessantem Programm im Großen Festspielhaus, welche die Gesamtkonzeption reizvoll ergänzte.

Händels „Alcina“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen/ Szene mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle/ Alcina in der Inszenierung von Damiano Michieletto. Fotos: SF/Matthias Horn

Ein selten zu hörendes Werk – Antonio Caldaras Azione sacra La morte d’Abel – erklang am 9. 6. 2019 im Großen Saal des Mozarteums. Das Werk beschreibt den Mord von Kain an seinem Bruder Abel, motiviert durch Eifersucht und Neid, und wurde für Farinelli komponiert, der bei der Uraufführung 1732 in der Wiener Hofburgkapelle die Rolle des Opfers interpretierte. In Salzburg war die Partie mit der französisch-italienischen Mezzosopranistin Lea Desandre besetzt, die mit klangvoller, reich timbrierter Stimme von hellem Ton gefiel. Abel fällt die erste Arie des Werkes zu, „Quel buon pastor son’io“, in welcher er liebevoll von seiner Schafherde singt. Die pastorale Stimmung dieser Nummer fing die Interpretin mit empfindsamen Ausdruck und delikater Tongebung trefflich ein. Munter beschwingt und wegen der reichen Triller und langen Koloraturläufen von virtuosem Anspruch ist die Arie „L’ape e la serpe“ – auch hier überzeugte die Solistin vollkommen. Von düsteren Vorahnungen ist die Arie „Questi al cor“ im 2. Teil erfüllt, in der sich Abel von seiner Mutter verabschiedet, was die Interpretin mit bewegendem Ausdruck umsetzte. Die Attraktion der Besetzung war für mich der französische Counter Christophe Dumaux als Caino, dessen charaktervolle, individuell und unverkennbar getönte Stimme dieser zwiespältigen Figur markantes Profil verlieh. Schon in seiner ersten  Arie, „Alimento il mio proprio tormento“, formuliert er in straff-energischem Duktus seinen Hass auf den Bruder. Töne der Reue vernimmt man von ihm nach der Tat bei „Del fallo m’avvedo“, in der die Stimme und eine Alt-Posaune im virtuosen Wettstreit glänzen. Mit leuchtendem Sopran sang Julie Fuchs die Eva, differenzierte prägnant zwischen der munteren Arie „Qual diverrà“, der auftrumpfenden „Dall’istante del fallo“ und der von tiefster Erschütterung geprägten „Non sa che sia pietà“. Einen starken klanglichen Kontrast brachte Nahuel Di Pierro als Adamo mit seinem nachdrücklichen Bass ein. In der mit Koloraturen gespickten Arie „Dunque si sfoga in pianto“ konnte er gleichermaßen mit resoluter Verve wie vokaler Agilität überzeugen. Die kleine Rolle des Angelo füllte Nuria Rial mit ihrem Sopran von schöner Fülle und zauberhaft getupften Koloraturen zuverlässig aus.

Der Bachchor Salzburg (Einstudierung: Markus Obereder) beendet eindrucksvoll den ersten Teil des Werkes mit dem nachdrücklichen, energisch gesteigerten Gesang über Neid und Stolz „O di superbia figlia“ und hat auch das letzte Wort mit dem mahnenden „Parla l’estinto Abelle“. Wieder steht Gianluca Capuano am Dirigentenpult, diesmal  vor dem Ensemble Il canto di Orfeo. Er lotet das Werk in seinem tragischen Duktus tief aus, entlockt im Vorspiel den Streichern getragene, wehklagende Töne und setzt starke Akzente in der Begleitung der Arien. Das Publikum im ausverkauften Saal nahm Werk und Interpretation mit großer Zustimmung auf.

 

Am selben Ort gab es am 10. 6. 2019 ein Geistliches Konzert mit Werken von Antonio Vivaldi und Giovanni Battista Pergolesi, geleitet von Andrès Gabetta am Pult des von ihm und seiner Schwester Sol Gabetta gegründeten Kammerorchesters Cappella Gabetta. Mit Cecilia Bartoli und Franco Fagioli war eine Luxusbesetzung aufgeboten, die das Stabat Mater Pergolesis im zweiten Teil zum Ereignis werden ließ. Wenige Wochen vor seinem Tod mit nur 26 Jahren hatte der Komponist das Werk für zwei Kastraten geschrieben, die es mit engelsgleichen Stimmen 1736 zur Uraufführung brachten. Auch in Salzburg waren die Zuhörer berückt vom überirdisch schönen Gesang der beiden Solisten, deren Stimmen sich in den Duetten harmonisch mischten, mit fein getupften Koloraturen, energischen Trillern und herrlichen Schwelltönen aufwarteten. Zwei Duette – das inbrünstige „Inflammatus“ und das jenseitige „Quando corpus morietur“ – sowie das gewaltige „Amen“ beendeten das Konzert und hinterließen das Publikum in tiefer Ergriffenheit.

Zu Beginn hatte der Counter Vivaldis Psalm Nisi Dominus, entstanden zwischen 1713 und 1716, vorgestellt und dabei wie stets mit seinen mirakulösen Koloraturgirlanden, den schier unendlichen Bögen, den ätherisch schwebenden Linien und der energischen Verve imponiert. Am Ende überrascht ein weniger jubelndes denn eher nachsinnendes „Gloria“ mit kunstvoll gesponnenen Ornamenten und feinen Trillern. Dann folgen ein energisches „Sicut erat“ mit ausgedehnten Koloraturläufen und das „Amen“  als virtuoses Feuerwerk. Danach verströmte sich die Mezzosopranistin im „Gloria“ von 1716 mit innigem Gesang im Dialog mit der Flöte.

Vor der Pause erklang Vivaldis Konzert für Violine, Streicher und Cembalo mit dem Titel „Grosso Mogul“, das vermutlich 1717 zwischen den Akten von Giovanni Portas Oper Argippo erstaufgeführt wurde. Die kontrastreiche Komposition in drei Sätzen beginnt fulminant mit einem Allegro, gefolgt von einem getragenen Grave – Recitativo und einem kämpferisch entschlossenen Allegro mit virtuoser Kadenz. Andrès Gabetta erwies sich hier auch als brillanter und expressiver Solist.

Pfingsten in Salzburg war ein Fest der Stimmen, eine Fundgrube der Raritäten. Die Auslastung der Aufführungen von 99 % bewies das gewachsene Interesse der Besucher an der Musik des Barock und ihren legendären Interpreten. Cecilia Bartoli hat mit diesem Programm eine der bisher überzeugendsten Konzeptionen ihrer Festspiele vorlegen können. Die Verlängerung als deren Künstlerische Leiterin bis 2026 lässt auf weitere solche Höhepunkte hoffen. Bernd Hoppe