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Fast zwanzig Jahre ist es her, seit die damals als „Mutter aller Märchenopern“ oder als „Totaler Grimm“ mit riesigem Medienecho gefeierte 11. Oper Siegfried Wagners, An Allem ist Hütchen Schuld,  in Hagen ihre erste moderne Aufführung erlebte. Peter P. Pachl, der dieses Werk 1997 als eine der bestbesuchten Produktionen in der Ära Peter Pietzsch inszeniert hatte, gelingt nunmehr in Bochum eine Neuinszenierung, die mit ganz wenigen Reminiszenzen an seine Hagener Arbeit auskommt, so etwa dem finalen Zähneputzen der Gesellschaft nach deren Wiedererwecken und dem Schwur mit der Zahnbürste. Der Regisseur setzt diesmal aufs Arme Theater und auf den Effekt „aus Klein mach Groß“, etwa beim Tischlein-deck-dich oder dem Wunder-Goldesel Bricklebrit, deren Miniaturen per Live-Kamera auf die überbreite, halbrunde Leinwand das Auditorium Maximum übertragen werden. Durch die permanent im Rund projizierten Bilderwelten und Details wird der wenig atmosphärische Raum der Ruhr-Universität zu einer großen Käsefabrik.

Bochum: Siegfried Wagners Oper "An allem ist Hütchen Schuld"/ Fotonachweis: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

Bochum: Siegfried Wagners Oper „An Allem ist Hütchen Schuld“/ Fotonachweis: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

Video-Filmer Sebastian Rausch hat im Rahmen des projizierten Bühnenbildes einer fiktiven Bayreuther Käsefabrikation „Käse-Stolz“ originelle und witzige Animationen geschaffen, die aus der Fabrikhalle mit ihren Überwachungskameras und -Monitoren im nächtlich-märchenhaften Mittelakt der Oper gleitend eine seltsame Mühle oder eine fragwürdige Motel-Absteige machen. In der schrägen Hölle schweben aus einem Höllenkessel die Wunder-Märchen Dinge auf. Das ist witzig und kurzweilig, bis hin zu der auf zahllosen Bildschirmen eingeblendeten Märchenfrau als TV Beraterin „Ghost Buster für Poltergeister und andere unheimliche Begegnungen der dritten Art“. Als Angestellte des Käseunternehmens (wie auch die Mitglieder des von Hans Jaskulsky einstudierten Sonderchors in weißen Kitteln und mit weißen Hygienehauben) mischen sich zwei weibliche Kameraleute ins Spiel und gucken den Sängern über die Schulter, etwa wenn sich Trude in ihrem iPad betrachtet. Das „goldene Ei“ welches das Hexenweibchen (Annamária Kaszoni) zwischen den Beinen der Trude aus ihrem roten Universalkoffer zaubert, erweist sich als goldenes iPhone, auf dem sie die von der hässlichen Frau begehrten Wunschobjekte unmissverständlich als Sex-Utensilien, wie Reizwäsche („dass am Nackten er sich freu’“), als Dildo („Ofengabel geschmiert“) oder Cockring („Salomons Ring“) aufruft.

Eine neue Sicht erfährt auch Katherlies’chen, die von der Gesellschaft für dumm gehalten wird, es aber nicht ist. In der Neuinszenierung muss sie im Vorspiel eine Gruppenvergewaltigung und brutale Abtreibung über sich ergehen lassen, und sie gebiert dann den Kobold, der als Geist eines toten Kindes (so laut Grimm und auch bei Siegfried Wagner) in der Tat anschließend ihren Weg mehr kreuzt als den ihres geliebten Frieder. Die Neusicht der eben nicht nur heiteren Geschichte basiert in diesem Handlungszug auf Siegfried Wagners Opus 3, Der Kobold, der in Pachls Inszenierung und ebenfalls mit Rebecca Broberg in der weiblichen Hauptrolle, vorliegt (Marco Polo ).

Peter P. Pachl an der Büste Siegfried Wagners/ youtube

Peter P. Pachl an der Büste Siegfried Wagners/ youtube

Den Kobold verkörpert in Bochum der 11-jährige Alexander Lueg ganz hinreißend und im Sinne des Komponisten, der sich als Besetzung der stummen Titelfigur einen 12-jährigen Knaben gewünscht hatte. Siegfried Wagner tritt in dieser Oper selbst als Person auf und hat ein Streitgespräch mit Jacob Grimm, das als Melodram-Schlagabtausch komponiert ist. In Bochum collagiert er obendrein im Vorspiel die von Hütchen aus einem Märchenbuch herausgerissenen Seiten zu einer strukturellen Partitur des 20. Jahrhunderts. Bariton Martin Schmidt übernimmt neben der Rolle des Komponisten auch die des psychosomatisch erkrankten Königsohns (dabei denkt man an Siegfried Wagner als damaligen „Kronprinz von Bayreuth“) und die des von seiner Ehefrau betrogenen Müllers. Der Müller führt in den teils trefflichen, teils beliebig anmutenden Kostümen von Christian Bruns eine Plastiktüte des gleichnamigen Drogeriemarkts mit sich. Sponsoring und Product Placement – etwa auch einer Käsefirma – ermöglichten offenbar die szenisch immer noch karge Umsetzung dieser überaus bilder- und personenreichen Oper. Köstlich, wie Bühnenbildner Robert Pflanz es da schafft, mit drei Tischen in verschiedensten Stellungen eine Tafel, ein Bett, Schränke oder gar ein Hotelzimmer zu suggerieren.

Überdurchschnittlich gut ist die Sängerbesetzung des Münchner pianopianissimo-musiktheaters. Der auch schon Bayreuth-erfahrene Tenor Hans-Georg Priese als Frieder zeigt erstaunliche heldische Qualitäten, die in mehreren Hauptpartien Siegfried Wagners bewährte, hochdramatische Sopranistin Rebecca Broberg ist in der Mittellage gewachsen, gestaltet Katherlies’chen eindringlich und mit anrührend weichen Piani. Julia Ostertag als Mutter, Sonne und (notgeile) Teufels-Großmutter setzt einen warm timbrierten Mezzo ein. Maarja Purga, mit mal samtenem, mal gurrendem Alt, verkörpert bizarr im Spiel nicht nur die reiche Trude, sondern auch eine unangenehm hinterhältige Wirtin und eine skurrile TV-Beraterin (Märchenfrau). Axel Wolloscheck gestaltet mit fundiertem Bassbariton den Mond, den diebischen Wirt und den Teufel. Dem halbnackten Höllenfürsten zwängt Frieder die Hände als Schraubstock ins eigene Gesäß. Ralf Sauerbrey spielt auf einer Kindergeige zum Tod auf, leider setzt er auf Kosten der Textverständlichkeit zu sehr auf Stimmvolumen. Den jungen Sängern der kooperierenden Hochschule für Musik in Köln merkt man die Spielfreude stets an, sei es als Frieders Schwestern Ceren Gülçelik, Nicola Kaupert und Laura Lietzmann, letztere auch als Löweneckerchen und am Ende als berückend schöne Stimme Hütchens. Kieran Carrel als Sakristan, Jason Tran, Joel Urch und Yawei Hu sind Teufels-Generäle und Nachbarn, Lucas Vanzelli ein korrupter Dorfrichter. Und besonders vielfältig und stimmlich facettenreich, ist Annamária Kászoni als Hexenweibchen, Stern und Müllerin zu erleben.

Dem relativ kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Lionel Friend merkt man seine langjährige Beschäftigung mit der Literatur des späten 19. und insbesondere des 20. Jahrhunderts an: so vollmundig einerseits und gleichzeitig grotesk andererseits, hat diese Partitur lange nicht, vielleicht sogar noch nie zuvor geklungen. Die konzise Motivarbeit prägt sich dem Zuhörer ebenso nachhaltig ein wie die beißend schrägen Disharmonien der Hölle. Die bestens disponierten Bochumer Symphoniker machen das knapp vierstündige Werk zu einem Klangerlebnis allererster Sorte, so dass man sich heute schon auf die DVD oder CD dieser Produktion freuen mag.

Das Auditorium in Bochum sparte nicht mit Applaus und Bravorufen. Allerdings war es im Gegensatz zum Hagener Theater nicht voll besetzt: wer im Vorfeld eine Karte kaufen wollte, stieß im Internet anstelle eines Hinweises auf diese selten zu hörende Märchenoper bis zuletzt nur auf die Bezeichnung „Chorkonzert“. Maria Schirn-Habicht

 

Mit Dank an die Autorin und die Siegfried-Wagner-Gesellschaft für den „Nachdruck“; Foto oben Bochum: Siegfried Wagners Oper „An Allem ist Hütchen Schuld“/ Fotonachweis: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth