Viel Situationskomik

 

Le Grand macabre, Ligetis kalauernde Beinahe-Apokalypse, gibt es in Zürich in einer kongenialen Umsetzung zu erleben (gesehen am 24.2.2019). Tatjana Gürbaca verbindet in ihrer Inszenierung die Pointendichte und das Timing eines Boulevardstücks mit dem eigentlich todernsten Thema angemessenem intelligentem Witz. Henrik Ahr hat einen anthrazitenen Raum mit drei höhenverstellbaren breiten Stufen und drei Notausgängen in der Rückwand entworfen, der zusammen mit den markanten, heutigen, meist leicht überzeichneten  Kostümen von Barbara Drosihn und Carl-Christian Andresen und den gezielt und flexibel eingesetzten Requisiten einen völlig ausreichenden und einprägsamen optischen Rahmen für Breughelland ergeben. So dienen etwa von Nekrotzars Weltuntergangswerkzeugen, die Piet vom Fass für ihn heranschleppt, ein Strandklappstuhl und eine Bockleiter den Ministern als Sitze für eine Runde „Eile mit Weile“, den Rettungsring verwendet der Fürst für die Kranzniederlegung an der vermeintlichen Leiche von Astradamors – der sich zuvor das Eile-mit-Weile-Brett als Schutz vor der Fonduegabel seiner Gattin hinten in die Hose gestopft hat. Ein nicht aufgegessener Hühnerschenkel kann flugs als Pistole verwendet werden. Besonders häufig tauchen Pantoffeln im spießig-pseudoharmlosen Breughelland auf – die Minister ziehen sich welche für ihre Eile-mit-Weile-Partie an, und werden später bei ihren Ansprachen von der Seitenbühne und aus dem Schnürboden massenhaft damit beworfen. Die Geheimdienstschefin nutzt die Pantoffeln kurz darauf als Mobiltelephone, und zum Finale ziehen sich nach dem Vorbild von Amanda und Amando alle (außer Piet und dem weißen Minister) welche an und gleiten wie auf Schlittschuhen heiter über die Bühne. Dazu kommt Situationskomik – einer meiner Lieblingsmomente ist der, wo Astradamors dem Fürsten rät, sich unter dem Tisch zu verstecken – und dann selber als Tisch herhalten muss, weil keiner da ist.

Ligetis „Grand Macabre“ am Opernhaus Zürich/ Szene/ Foto wie auch oben  Hedwig Prammer

Nekrotzar kommt in einem Zeppelin in Breughelland an, dessen Gondel fortan über der Bühne schwebt, und wird, nur mit einer Art kurzer Radlerhosen bekleidet, wie ein Säugling vom Storch in einem Bündel auf die Erde heruntergelassen. Kein Wunder, dass dieser Weltuntergangsvollstrecker zunächst durch den nicht eben freundlichen Empfang eingeschüchtert ist. Leigh Melrose spielt die bald erlangte prahlerische Selbstsicher- und -verliebtheit – und die Risse, die sie immer wieder kriegt! – grandios, ein widerlicher Macho, dem man dennoch gebannt zuschaut. Und zuhört. Seinem durchschlagskräftigen und schön timbrierten Bariton können weder einzelne geschriene Passagen noch die schiere Länge der Partie etwas anhaben, und in den wenigen Phrasen, die ihm eigentlich zu tief liegen, bleibt er trotz eingeschränktem Volumen hörbar und verständlich. Überhaupt ist sein ausgezeichnetes Deutsch (auch im Dialog) zu loben. Höhepunkte seines Erdenbesuchs sind wohl a) wie er (als Livevideo auf den Zeppelin projiziert) von der Maske, wo er Autogrammkarten signiert hat, durch Hinterbühnengänge des Opernhauses in die Direktionsloge eilt, wo er unter den Jubel des Chors Seifenblasen produziert (echte, nicht verbale wie andere Politiker); b) wenn er als „Gutbestückter“ antritt, um Mescalina zu befriedigen – als vorderstes Beinpaar einer Art chinesischen Prozessionsdrachens in Phallusform (dem zuhinterst gehenden Astradamors baumeln sichtlich unpraktische Hoden um die Beine) – die dem Libretto eigene Obszönität wird spielerisch umgesetzt, sodass spätestens hier der ganze Saal lacht; c) wenn er im letzten Bild mit einem metaphysischen Kater apathisch und raupenartig von der Bühne robbt.

Als Ersten trifft er seinen gezwungenen Helfer und späteren Widersacher Piet vom Fass, dem Alexander Kaimbacher einen prägnanten Tenor mit vorbildlicher Diktion leiht – schon am L seiner ersten Phrase „Dies illa“ erkennt man die österreichische Färbung, die den Gesang, mit dem er und Astradamors Nekrotzar im vorletzten Bild abfüllen (wozu gar keine realen Flaschen und Gläser nötig sein werden), zu einem apokalyptischen Heurigenlied machen wird. Die pralle Schelmenfigur vermag sich bei allem zwischenzeitlichem Opportunismus und voyeuristischen Tendenzen die Sympathie des Publikums zu wahren. Zum Spanner wird er vor allem bei Amanda und Amando, die, wenn Amando erstmal den neongrünen Fransenmantel ausgezogen hat, optisch kaum noch zu unterscheiden sind, zumal sie von da an (auch wenn kurzfristig Dritte einbezogen werden) Hände und Hüften nicht mehr voneinander lassen können. Akustisch kontrastieren der leuchtende Sopran von Alina Adamski und der samtene Mezzo von Sinéad O’Kelly (beide aus dem Studio) dafür aufs Schönste und setzen überaus sinnliche Gegenpole zum restlichen musikalischen Geschehen.

Der Hauptkonflikt zwischen dem Hofastrologen Astradamors und seiner Gattin Mescalina liegt darin, dass sie mehr Sex möchte und er weniger. Der baumlange Jens Larsen und die als Vamp kaum wiederzuerkennende Judith Schmid spielen das mit so viel Pfiff und Nuancen, dass dabei ein durchaus vielschichtiges Krisenpaar herauskommt. Er kann seinen mächtigen Bass am Ende der Szene für sein «Endlich einmal Herr im eigenen Haus!» so zurücknehmen, dass das (während er schon in der Versenkung verschwunden ist) gar nicht triumphierend, sondern ängstlich klingt. Ein Beispiel dafür, wie Gürbaca bei aller Überzeichnung die Figuren ernst nimmt und ihnen authentische Gefühle zugesteht, selbst kindliche Momente. Schmid erweist sich einmal mehr als überaus wandelbares Ensemblemitglied und lässt im gesamten souverän eingesetzten Stimmumfang die Erotomanin hören, bis zur einlullenden Tiefe für die (verfrühte) Totenklage für ihren Gatten, der nun den Haushalt nicht mehr machen kann. Um zu testen, ob er wirklich tot ist, droht sie damit, ihm eine Spinne in die Hand zu legen; hier legt sie sich seine Hand in ihren Schritt, wovon er entsetzt und angeekelt „aufersteht“ – womit die Metapher raffiniert durch ihr Gemeintes rückersetzt wird.

Mit Martin Zysset als nervösem weißem und Oliver Widmer als herablassendem schwarzem Minister sind zwei hauseigene Spezialisten für Charakterstudien aufgeboten, die sich köstlich kabbeln und im nächsten Moment tadellos zusammenarbeiten, um den Fürsten zu gängeln und mit Konfetti aus der Verfassung zu bewerfen. In ihrem Auftritts-Schimpfalphabet kann Zysset sogar seinen Solothurner Dialekt einbringen und erklären: „Mit I – faut mer nüt ii!“. David Hansen in knallviolettem Anzug und Baseballkappe gibt mit voluminösem Counter einen nicht unsympatischen Teenie-Fürsten, der sich allmählich von seinen Ministern emanzipiert und beim Volk besser ankommt als die beiden. Der Chor (Janko Kastelic), der bis dahin aus dem Off gesungen hatte (wohl vom Band) erhebt sich überraschend von seinen Sitzen im Saal, um dem Fürsten zuzujubeln – ein optischer und akustischer Knalleffekt, an dem sie sichtlich ihren Spaß haben.

Eir Inderhaug macht mit extrem höhensicherem und virtuosem Sopran gleich in zwei Rollen Furore: Venus erweist sich als die Pilotin des Zeppelins, mit blonder Hochsteckfrisur und den Massenbrüsten der Artemis von Ephesus – sehr einleuchtend, ist Venus in Rom doch die Göttin nicht nur der Liebe, sondern auch des Todes und somit eine logische Auftraggeberin für Nekrotzar. Als zunächst nur unterschwellig panische Geheimdienstchefin Gepopo sieht sie aus wie ein anthrazitfarbenes Teletubbie (und ist wie jene unfähig zu ganzen Sätzen), sehr passend für eine eigentlich lächerliche Figur, die pausenlos Unheil anrichtet. Mit ihren zielsicheren und gelegentlich endlos scheinenden Spitzentönen heimst sie beim Schlussapplaus wohlverdiente Ovationen ein. Yury Tsiple, Dean Murphy und Richard Walshe verleihen den drei bramarbasierenden Soldaten Ruffiak, Schobiak und Schabernak so viel Profil wie in der knapp bemessenen Bühnenzeit möglich.

Zum Dirigat von Tito Ceccherini (für den erkrankten Fabio Luisi für die ganze Produktion eingesprungen) kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht sehr viel sagen, aber mir fielen immerhin eine gute Balance zwischen Bühne und Graben und ein ausgesprochener Abwechslungsreichtum in der orchestralen Klangwelt auf. Auch machten die Sängerinnen und Sänger nie den Eindruck, sie würden da tatsächlich anspruchsvolle Rollen singen und den Blick zum Dirigenten öfter brauchen als bei Belcanto – was auf erstklassige Einstudierung schließen lässt. Und die Inszenierung arbeitet auch mit der Musik, nicht nur mit dem Text. Wenn zu einem tiefen knarrenden Fagottton etwa auf der Bühne der Eindruck herrscht, Astradamors würde ihn erzeugen, indem er in Mescalinas Hintern bläst.

Zwei Stunden ohne Pause hält das Spektakel – ein bisschen wie Marthaler auf Koks – Humor- und Reflexionszentrum permanent beschäftigt, sodass die mit wenig fasslicher Moral ausgestattet Handlung bis zuletzt schlüssig wirkt. Da gibt’s nur eins: Auf die Wiederaufnahme warten und hingehen! Samuel Zinsli