Verzogene Kinder

 

Dem Musikfreund, der an Brno denkt, fällt zuallererst der Name Janáček ein. Der Komponist wurde zwar weit weg geboren, im damaligen Brünn wurde er aber ausgebildet und hier wirkte er bis zu seinem Tode. Seit 2013 widmet ihm die Stadt jeweils im Spätherbst ein Festival, das sich rasch zu einer Pilgerstätte für die Freunde des Modernismus entwickelt hat. Naturgemäß verbindet man die mährische Hauptstadt weniger mit Namen wie Rossini oder Schreker. Im Januar (2018) zeigten die Brünner indes, dass sie auch Früh- und Spätromantik können. Zuerst bot die Filharmonie Brno im schönen „Haus der Gespräche“ aus dem späten 19. Jahrhundert ein bizarr zusammengesetztes Programm, in dem Weber, der Beethoven-Zeitgenosse Antonio Casimir Cartellieri und Franz Schreker vorkamen. Nach der ersten modernen Aufführung eines kürzlich neu entdeckten Klarinettenkonzertes von Cartellieri, welchen der virtuose Solist Emil Drápela mit Schwung darbot, kam Schrekers selten und meistens als reines Konzertstück gespielte Suite zu Oscar Wildes Geburtstag der Infantin zur Aufführung. Man vertraute der proART Company unter der Leitung von Martin Dvořák diese Tanzpantomine an, wofür man eine winzige Bühne zwischen Orchester und Parkett aufgebaut hatte. Dvořák erzählte die Geschichte des der kapriziösen Infantin Spaniens geschenkten Zwerges, der sich zu Tode grämt, als er sich seiner Lage bewusst wird, mit den Mitteln des klassischen Balletts, und konnte dabei nicht nur auf eindrucksvolle Solisten (darunter sich selbst als Todesspiegel), sondern auch auf einige Schüler der lokalen Tanzhochschule zurückgreifen. Dem Rezensenten erschloss sich zwar der Sinn mancher Figuren und Sprüngchen nicht, aber er ist auch ein erklärter Ballett-Banause, und sein Urteil zählt nichts. Interessant war die szenische Begegnung mit dem Stück allemal, vor allem weil der junge Dirigent Robert Kružík die Partitur robust umsetzte und sie von jeglicher Affektiertheit befreite. Das Orchester war exzellent.

 

Brünn: „Le Comte Ory“/ Szene/ © National Theatre Brno

Einen Tag später inszenierte die Nationale Oper ein anderes Stück über ein verzogenes Kind, nämlich Rossinis Comte Ory, im ehrwürdigen, 1882 eingeweihten Mahen-Theater. Das ist ein innen prunkvoll gestaltete Bau der Firma Helmer & Fellner, in dem nicht weniger als fünf Opern Janáčeks uraufgeführt wurden. Eine Tradition für Opern des Primo Ottocento besteht hier nicht, und mit dem Comte Ory hatte man sich auch nicht gerade ein einfaches Werk ausgesucht, vor allem was die vokalen Ansprüche angeht. Regie, Bühnenbild und Kostümen lagen in der Verantwortung von Lenka Flory, die sich einen Namen vor allem als Choreographin gemacht hat (etwa in München). Das merkte man auch eindeutig daran, dass sie den Chor hübsch bewegen konnte (so in der unverwüstlichen Nonnen-Szene), während die Sänger oft sich selbst überlassen wurden. Flory verlegte die Handlung in das, was wohl wie ein Frankreich der 1950er Jahre auszusehen hatte, und folgte dabei insgesamt dem Textbuch. Aus Adèles Schloss wurde ein Relais Château Formoutiers, was nicht weiter störte. Ärgerlich war nur der flotte Dreier, den sich die Spielleiterin für das große Terzett ausgedacht hatte. Der Schreibende nahm Anstoß nicht etwa am biederen Realismus der Sex-Triole (als Theaterbesucher entfesselten Regietheaters im deutschen Lande ist man stärkeren Stoff gewohnt), sondern daran, dass sie einen unnötigen Stilbruch darstellte in einer Inszenierung, die ansonsten eine fröhlich-ländliche Atmosphäre evozierte. Musikalisch waren die Leistungen im Graben und auf der Bühne ganz unterschiedlich. Man muss wahrlich kein Spezialist für das frühe 19. Jahrhundert sein, um zu verstehen, dass diese Oper Brillanz und Leichtigkeit verlangt. Dirigent Pavel Šnajdr setzte jedoch auf schwerfällige Effekte, wie die Überbetonung des Blechs, und auf eine rhythmische Undifferenziertheit, die bestimmt nicht an den engagierten und technisch versierten Mitgliedern des Chores und des Orchesters lag. Seine crescendi kamen unerbittlich daher, als ob eine Panzerdivision anrückte und mit Getöse vorbeifuhr – man war erleichtert, als sie vorbei waren. Unverständlich auch, warum er das Tempo stark zurücknahm, um seine Sänger zu unterstützen, denn an einigen technisch anspruchsvollen Stellen erreichte er den gegenteiligen Effekt. Hilfe hätten die Solisten vor allem in Form eines stilbewussten Dirigenten gebraucht. Trotzdem wurde bemerkenswert gut gesungen. An erster Stelle müssen Ory und Adèle genannt werden. Der junge ungarische Tenor György Hanczár bringt nicht nur einen idealen physique du rôle mit, um den lüsternen Schnösel darzustellen, er verfügt auch über beachtliche vokale Mittel. Die Stimme ist eher klein und wenig durchschlagsfähig, dafür ist sie wendig und überaus sicher in der Höhe, die ja im Ory stark beansprucht wird (an einer einzigen Stelle im Duett mit Adèle klang sie angestrengt). Das kalte Timbre passt perfekt zur Rolle. Und noch wichtiger: Hanczár kann mit der Stimme gestalten und achtet auf den Sinn dessen, was er singt. Ein guter Schauspieler ist er auch noch. Wer ihn auf youtube als Schnulzensänger sieht, was er offenbar auch einmal war, sollte sich nicht in die Irre führen lassen. Dieser Tenor ist ein echtes Talent, das für viele Stücke des späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts prädestiniert zu sein scheint. Ihm ebenbürtig war die Adèle von Jana Šrejma Kačirková, die über einen schön, dunkel gefärbten, kräftigen und dennoch koloraturfähigen Sopran verfügt, dem aufregende Momente gelangten. An ihrer Leistung kann man höchstens aussetzen, dass sie eine durch und durch resolute Gräfin gab, was vielleicht nicht ganz zur Rolle passt. Die Regisseurin hätte jedenfalls das vokale und szenische Potential dieser außerhalb der Tschechischen Republik wenig bekannten Sängerin besser nutzen können. Die anderen Solisten erreichten dieses Niveau aus verschiedenen Gründen nicht. Václava Krejči Housková als Isolier zähmte meistens erfolgreich ihre breite Mezzo-Stimme, die im Forte jedoch dazu neigte, den Fokus zu verlieren. Im Terzett des zweiten Aktes war sie aber exzellent. Markéta Cukrová überzeugte als schönstimmige Ragonde, hat aber in der Oper bekanntlich wenig zu singen. Dank seinem resonanten überzeugte Bass-Bariton Igor Loškár als Raimbaud in der ersten Szene, doch in der großen Arie nach der Pause kam er mit dem schnellen Parlando schlecht zurecht. Er musste die Stimme zurücknehmen und war bisweilen kaum hörbar. Der Gouverneur von David Nykl war musikalisch, aber stimmlich schwach. Rossini-Groupies müssen nicht nach Brno fahren, um diesen Ory zu hören, trotz der Leistungen von Hanczár und Šrejma Kačirková. Aber die Nationale Oper hat ihn würdig auf die Bühne gebracht und gezeigt, dass Stimmen, die in einer anderen Tradition als der italienischen oder französischen (und amerikanischen) geschult wurden, Rossini gerecht werden können. Maria Jeritza und Leo Slezak, zwei Brünner Glorien, die auf den Brettern des Brünner Opernhauses standen und denen im Theater eine regelrechte Andachtskapelle gewidmet ist, werden das in ihrem Sängerparadies mit Genugtuung beobachtet haben. Michele C. Ferrari