Noble Christiane Karg

 

Die Eröffnungsproduktion in diesem Salzburger Sommer galt jenem Werk Mozarts, das in der Geschichte der Festspiele einen vorderen Platz einnimmt. So legendäre Regisseure wie Oscar Fritz Schuh, Otto Schenk, Giorgio Strehler, Jean-Pierre Ponnelle und Achim Freyer haben an der Salzach Die Zauberflöte inszeniert. Nun stand mit Lydia Steier erstmals eine Frau am Regiepult und sie verstand es, die Oper in einem ganz neuen Licht erstehen zu lassen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht der Drei Knaben, denen der Großvater (Klaus Maria Brandauer in einer neu erfundenen Rolle) die Handlung der Oper in elf Kapiteln vorliest. Die drei Wiener Sängerknaben von großer Spielfreude in langen Nachthemden sind omnipräsent während des gesamten Stückes und erscheinen daher auch in Szenen, in denen sie sonst nicht auftreten. Gleichfalls neu sind die von Ina Karr und der Regisseurin geschriebenen Texte, die oft vom Hammerklavier untermalt werden und sich nicht selten störend  mit der Musik mischen. Im 1. Aufzug mutet die Inszenierung wie eine Aufführung für Kinder an. Sie ist von opulenter Bildhaftigkeit und überreich an szenischen Einfällen.

Katharina Schlipf hat auf die Bühne des Großen Festspielhauses ein Wiener Wohnhaus der Jahrhundertwende in mehreren Etagen gestellt – unten die Küche, darüber der Speisesaal, wo die Familie an der Tafel die von geschäftigen Hausdamen servierte Mahlzeit einnimmt. Die rechte Seite der Bühne bestimmt das Schlafzimmer mit den drei Betten der Knaben. Hier stürzt Tamino auf der Flucht vor der Schlange herein und die eigentliche Handlung beginnt. Mauro Peter als rotwangiger Spielzeugsoldat wie aus dem Märchenbuch lässt in seinem kultivierten lyrischen Tenor schöne Substanz hören, singt die Bildnis-Arie mit innigem Gefühl und „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ mit emphatischer Steigerung. Der vor allem im Liedgesang geschätzter Schweizer setzt mit seinem Auftritt ein vokales Glanzlicht, das nur von Christiane Karg als Pamina noch übertroffen wird. Man hatte sie schon als noble Erscheinung auf einem nostalgischen Sepia-Foto an der Wand des Esszimmers gesehen. Leibhaftig tritt sie jedoch als derangierte Colombina im Commedia-dell’-arte-Kostüm auf – das Haar zerzaust, die Schminke zerlaufen. Die Szene wandelt sich bei ihrem Erscheinen in eine illuminierte Zirkuswelt, was an Fellinis La Strada erinnert, zumal später diverse Artisten jonglieren, auf Stelzen balancieren und Salti schlagen. Karg singt mit klarer, warmer Stimme und leuchtender Höhe. In ihrer Arie „Ach, ich fühl’s“ verströmt sie sich mit inniger Empfindung, setzt auch expressiv-existentielle Akzente, die von ihrer mimischen Beredsamkeit unterstrichen werden. Zu himmlischen Aufschwüngen findet sie in der Prüfungsszene, lässt durch ihre Wahrhaftigkeit und menschliche Größe die Aufführung von heiterer Märchenhaftigkeit in betroffen machenden Ernst kippen. Dass die Prüfungen des jungen Paares allerdings im Hintergrund akustisch mit Detonationen und optisch mit Schwarz/Weiß-Projektionen (fettFilm) aus dem 1. Weltkrieg, die Zerstörung und Tod zeigen, illustriert werden, ist ein allzu krasser Effekt. Allgemein wechselt die Stimmung im 2. Aufzug in eine mehr abstrakte, auch surreale, wenn statt des Wohnhauses eine technische Architektur mir hohen Metallgerüsten sichtbar wird.

Überraschend ist die Besetzung des Sarastro mit Matthias Goerne, der in Freyers unvergessener Zirkus-Inszenierung noch ein gleichermaßen agiler wie melancholischer Papageno-Clown war. Nun versucht sich der Bariton erstmals in einer tief notierten Basspartie,  deren untere Extremnoten er immerhin trifft, wenn sie auch nicht die Wärme und satte Fülle eines wirklichen Basses aufweisen. Aber sein Gesang besitzt Autorität, die Arie „In diesen heil’gen Hallen“ balsamischen Wohllaut. Die Regisseurin zeichnet ihn als Zirkusdirektor mit Gehrock und hohem Zylinder von dämonischer Aura, als sei er geradewegs Offenbachs Contes d’Hoffmann entsprungen.

Mozarts „Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen 2018/ Szene/ Foto wie auch oben Ruth Walz/ Salzburger Festspiele

Wie weiland Göttergattin Fricka erscheint die Königin der Nacht mit einem Widdergeweih als Kopfputz – ein seltsamer Kontrast zu ihrer weißen Renaissance-Robe mit Halskrause (Kostüme: Ursula Kudrna). Albina Shagimuratova füllt die Partie mit substanzreicher Mittellage und dramatischem Koloratur-Aplomb zuverlässig aus. Nicht jeder Ton saß an seinem Platz, aber die Vehemenz in der „Rache“-Arie verfehlte ihre Wirkung nicht. Wie einen Auftritt am Set absolviert sie diese Paradenummer, von den Drei Damen (in Uniformjacken und gerüschten Röcken: Ilse Eereus/Paula Murrihy/Genevève King) live gefilmt. Seltsamerweise erscheint sie bei ihrem letzten Auftritt auf einem seltsamen Gefährt, halb Panzer, halb Gulaschkanone  – ein ähnlich verstörender Einfall wie der Schuss, mit dem Monostatos (Michael Porter mit wüster Grufti-Frisur im Lederkostüm) am Ende niedergestreckt wird.

Auch das lustige Paar wird von der Regisseurin neu beleuchtet. Adam Plachetka als Papageno mit Mittelscheitel und Brille muss zunächst einen Metzger-Typ in blutiger Schürze abgeben, wozu der derb-kernige Bariton des Sängers passt. Später gehört auch er zur Zirkuswelt, wenn sein „Ein Mädchen oder Weibchen“ von Trapez-Artistinnen illustriert wird. Überlebensgroß und monströs fährt die alte Papagena (Bigitt Linauer) auf einem Gestell herein, während unter ihrem Reifrock Maria Nazarova mit munterem Soubrettenton als junge Colombina hervorkommt. Einen Blick in die Zukunft gewährt die Regisseurin mit dem reichen Nachwuchs des Paares in einer Kinderwagen-Parade.

Unter Constantinos Carydis erstaunen die Wiener Philharmoniker mit einem ungewohnt schlanken, differenzierten, an die Alte-Musik-Szene angelehnten Klang. Der griechische Dirigent lässt es schon in der Ouvertüre gefährlich krachen und aggressiv donnern, setzt auf einen straffen musikalischen Ablauf und inspiriert die Musiker zu einer orchestral festspielwürdigen Darbietung (7. 8. 2018).

 

Rossinis „Italiana in Algeri“/ Szene mit Kamel/ Foto Monika Rittershaus/ Salzburger Festspiele

Kein Turban nirgends: Traditionell wird in das sommerliche Festspielprogramm eine Produktion von den Pfingstfestspielen übernommen – in diesem Jahr Rossinis  Dramma giocoso L´Italiana in Algeri, inszeniert vom Regie-Duo Moshe Leiser/Patrice Caurier, das keine märchenhaft orientalische Atmosphäre, keine Haremskulisse wollte, sondern auf eine zeitgenössische Optik setzte. Diese war freilich gewöhnungsbedürftig, vor allem was die Kostüme von Agostino Cavalca angeht – ein scheußliches Sammelsurium von Jogging-Anzügen, Jeans, Kapuzenshirts, Base-Caps und Unterwäsche. Christian Fenouillats Bühne war inspiriert von Stéphane Couturiers Fotos aus Algier, die Beton-Häuserfassaden mit Balkonen voller Wäsche und Antennenschüsseln zeigen. In diesem Ambiente entfesseln  die Regisseure eine turbulente Slapstick-Parade mit viel Witz, aber auch albernen Gags. Eingespielte Geräusche – Vogelstimmen, psalmodierende Gesänge, Möwengekreisch – sollen zusätzlich atmosphärische Akzente setzen. Deprimierend war die Kostümierung des Mustafà, der als ausgestopfter Dickwanst im Unterhemd und Slip agieren musste, so dass man den stattlichen Sänger Ildar Abdrazakov kaum wiedererkennen konnte. Anfangs sieht man ihn bei der Sinfonia im Ehebett – überdrüssig seiner Gattin Elvira, deren Annäherungsversuche er abwehrt wie lästige Fliegen. Beim sprudelnden Allegro-Thema werden sogar die Kamele auf einem Wandbild wach und beginnen zu tanzen. Der baschkirische Bass sang prachtvoll mit raumgreifender Stimme voller Autorität und angemessener Agilität, gleichermaßen souverän in Höhe und Tiefe. So konnte er vokal den traurigen optischen Eindruck wettmachen.

Überhaupt war die Besetzung auf hohem Niveau. Edgardo Rocha ging die heikle, weil hoch notierte Tenorpartie des Lindoro furchtlos an, sang mit schmetternder, ganz und gar nicht verzärtelter Stimme, was zuweilen auf Kosten des eleganten Klanges ging. Aber man brauchte in keinem Moment um sein stimmliches Durchhaltevermögen bangen. Und das Plapperduett mit Mustafà, „Se inclinassi a prender moglie“, bewies bei beiden Interpreten die gebührende stimmliche Eloquenz.

Mit Alessandro Corbelli nahm sich in klassischer Bassbuffo des Taddeo an. Bewährt in diesem Fach auf allen internationalen Bühnen, bot er auch hier eine exemplarische Demonstration von Stimme, Stilgefühl und Darstellung. Sein kokettes Duett mit der Titelheldin, „Ai capricci della sorte“, zeigte ihn der Starsängerin ebenbürtig. Aufhorchen ließ der junge bolivische Bass José Coca Loza als Haly, dessen muntere Arie „Le femmine d`Italia“ er mit schönem Klang und beweglicher Stimmführung zu einem Höhepunkt der Aufführung machte. Illustriert wird sie mit Einblendungen aus Fellinis Dolce vita mit Anita Elkberg und Marcello Mastroianni am Trevi-Brunnen. Die von Mustafà vernachlässigte Gattin Elvira, die anfangs im Ehebett ihren Mann zu verführen sucht, gab Rebeca Olvera mit potentem Sopran, der das Finale des 1. Aktes mit durchschlagenden Spitzentönen dominierte. Als ihre Vertraute Zulma ließ Rosa Bove einen resoluten Mezzo hören.

Cecilia Bartoli in der Titelrolle hat einen imposanten Auftritt hoch zu Kamel, brauchte allerdings eine längere Anlaufzeit, um ihrer Stimme Wohllaut zu verleihen. Ihr Gesang war zupackend und resolut, aber sehr guttural und auch zischend. Natürlich jonglierte sie gekonnt mit den Koloraturen, gackerte munter die staccati bei „O che muso“ und schnurrte in der  Badewanne die lyrische Arie „Per lui che adoro“ sehr ansprechend. „Pensa alla patria“ begann sie grimmig und setzte brustige tiefe Töne ein, fand aber im Schlussteil zu höchster Virtuosität. Im eleganten Abendkleid sieht man sie am Schluss mit Lindoro vereint auf einem großen weißen Kreuzschiff wie einst das Liebespaar in Titanic.

Ein Vergnügen war die musikalische Interpretation durch Jean-Christophe Spinosi am Pult seines Ensemble Matheus, das auf historischen Instrumenten Rossinis Komposition sprühen und funkeln ließ. Pulsierender Rhythmus, federnder Klang und unglaubliche  accelerando-Steigerungen gaben der Aufführung mitreißenden Schwung (11. 8. 2018). Bernd Hoppe