Verstörende Geräusche

 

„An inquiry about love“ nennt die amerikanisch-israelische Komponistin Chaya Czernowin ihr Werk Heart Chamber im Untertitel. Am 15. 11. 2019 wurde es mit großem Erfolg an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Das Haus bestätigt damit nach Detlev Glanerts Oceane überzeugend seinen Einsatz für das zeitgenössische Musikschaffen. Das Stück entstand als Kompositionsauftrag der Deutschen Oper und auf einen eigenen Text der Komponistin in englischer Sprache. Im Programmheft findet sich ihr einführender Artikel „Statt einer Handlung“, denn eine solche gibt es nicht wirklich. Zwei Personen – Sie und Er – begegnen sich. Ihr fällt ein Honigglas zu Boden, das er aufhebt und ihr reicht. Nach anfänglich aufkeimenden Gefühlen befinden sich beide bis zum Ende im ständigen Wechsel von Annäherung und Distanz. Es wird nicht klar, ob aus der Begegnung eine stabile Liebesbeziehung wird, obwohl sie schließlich  – nach 90 Minuten – doch „I love you“ zu ihm sagt. Aber diese Erklärung kommt ziemlich unvermittelt und überraschend, wirkt gar banal.

Regisseur Claus Guth setzt das karge Handlungsgerüst szenisch faszinierend um, hält das Geschehen immer in der Schwebe und hat hohen Anteil am Erfolg des Unternehmens. Ausstatter Christian Schmidt hat ihm ein imposantes Bühnenbild gebaut, das von einem monumentalen Neubaukomplex dominiert wird. Auf dessen hoher Freitreppe, wo Menschen in slow motion zu sehen sind, findet die erste Begegnung des Mannes und der Frau statt. Am Ende wird man beide wieder am selben Platz sehen – der Vorgang wiederholt sich mehrfach.

Entscheidend beeinflusst wird die Optik durch das Video-Design von rocafilm, welches Berliner Straßenszenen, Vogelschwärme und einen See, in dem sich Wolken, Bäume und Himmel reflektieren, zeigt. Gelegentlich überziehen die Filmsequenzen das Haus wie eine Tapete, oftmals vermischen sich Realität und Einblendungen.

Die Musik ist eine Herausforderung an die Interpreten und das Publikum. Sie ist eine Collage aus winselnden, raunenden, stöhnenden, zirpenden, brummenden, wispernden, röchelnden, hauchenden Geräuschen, suggeriert das Summen der Bienen, fallenden Regen, schmorende Elektroleitungen und steigert sich schließlich zu gewaltigern Ausbrüchen und brutal hämmernden Schlägen.

Chaya Czernowins „Heart Camber“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben  Trippel

Ein großer Apparat ist aufgeboten, den Johannes Kalitzke im Graben am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin souverän zusammen hält. Links und rechts am Proszenium musizieren hinter schwarzen Gazewänden Mitglieder des Ensembles Nikel, in den Logen zu beiden Seiten des Saales singen Vertreter eines Vokalensembles und im hinteren Teil des Parketts sorgt das SWR Experimentalstudio für die elektronische Realisation und Klangregie.

Hohe stimmliche Anforderungen werden an die beiden Protagonisten gestellt, die in ihrer schlichten Alltagskleidung optisch unauffällig bleiben. Vor allem Patrizia Ciofi, am Haus für viele italienische und französische Partien gefeiert, muss ihren Sopran als Sie fast ausschließlich in extremer Tessitura führen, abstruse Koloraturen und sphärische Töne produzieren, was ihr mit stupender Perfektion gelingt. Die Partie des Er ist vorwiegend im Sprechgesang notiert, so dass Dietrich Henschel besonders mit seiner guten Diktion überzeugen kann. Beiden Partien sind Innere Stimmen zugeordnet, die von der Kontra-Altistin Noa Frenkel und dem aus der Barockszene bekannten Countertenor Terry Wey beeindruckend wahrgenommen werden.

Die Stimmung des letzten Bildes, wo auf dem Boden bunte Herbstblätter liegen, im Hintergrund Luftblasen aufsteigen und er am Schreibtisch sitzend eine gähnende Phrase zu singen hat, war eher deprimierend – was das Premierenpublikum mit seiner euphorischen Reaktion auf die Produktion wegwischte, besonders die anwesende Komponistin feierte. Bernd Hoppe