Vergnügliche Verlobung im Kloster

 

Er war sechs Jahre jünger als Offenbach (und überlebte ihn um elf) und wie jener Anwärter auf den Titel père de l’opérette – Louis-Auguste-Florimond Ronger, bekannt als Hervé. Im deutschen Sprachraum ist er kaum bekannt und noch weniger gespielt. An der Opéra de Lausanne konnte ich nun endlich am 10.1. 2019 sein vielleicht bekanntestes Werk, Mam’zelle Nitouche, kennenlernen. Was für eine entzückend überdrehte Geschichte! Und auf die Gefahr hin, erfahrenere Operettengänger zu langweilen, zunächst ein paar Worte zum Stück, das in einem Nonnenkloster beginnt (und endet), dessen Organist Célestin heimlich unter dem Namen Floridor Operetten schreibt (ein Doppelleben, das Hervé ein paar Jahrzehnte zuvor tatsächlich geführt hat). Denise, eine der Klosterschülerinnen, entdeckt unter seinen Noten sein neustes Werk und lässt Zitate daraus in ihrer Soloprobe mit ihm einfließen. Sie soll mit dem (natürlich adligen) Offizier Fernand verheiratet und dafür von Célestin nach Paris gebracht werden. Der Mutter Oberin ist das Thema aber so peinlich, dass sie Denise erzählt, sie solle nur in ein anderes Kloster umziehen. Das bringt Célestin-Floridor in Bedrängnis, denn just an dem Abend hat seine Operette im nahen Theater von Pontarcy Premiere. Denise überredet ihn, mit ihr in einem Hotel zu übernachten – nach Paris würden sie mit dem ersten Morgenzug fahren, er könne ins Theater gehen, und sie bleibe brav im Hotel. Tut sie natürlich nicht. Und als Corinne, der Star der Operette, aus Eifersucht auf die vermeintliche jüngere Konkurrentin Denise (in der persönlichen wie der künstlerischen Gunst Floridors) in der Pause wutentbrannt abreist, springt Denise, die das Stück schließlich im Kloster studiert hat, mit rauschendem Erfolg ein. Zum Entsetzen Floridors, der zudem noch von einem cholerischen Major, einem andern Liebhaber Corinnes, verfolgt wird. Natürlich ist auch Fernand in der Vorstellung und lernt Denise kennen. Sie verlieben sich gegenseitig, ohne zu wissen, wen sie da vor sich haben. Damit ist das Chaos komplett, das sich im 3. Akt in der Kaserne Fernands und des Majors und im 4. eben wieder im Kloster fortsetzt, wo sich alle Verwicklungen auflösen.

Das geschickte Libretto von Henri Meilhac und Albert Millaud gibt Hervé reichlich Anlass für geistreich-beschwingte Nummern – Märsche für die Militärs, Couplets fürs Theatermilieu und leicht karikierte geistliche Musik fürs Kloster (wobei eben die Musikstunde von Denise und Célestin köstlich zwischen Kirche und Operette hin- und herhüpft).

Herves „Mam´zelle Nitouche“ in Lausanne/ Szene/ Foto Alan Humerose

Die Inszenierung von Pierre-André Weitz beginnt schon im Foyer, wo ein stimmgewaltiger Clown dem Publikum die Aufführung anpreist. Es ist, unter dem Künstlernamen Piero, der Regisseur höchstselbst, der auch auf der Bühne präsent ist. So eine Doppelfunktion ist oft problematisch, aber hier funktioniert es gut – Koregisseurin Victoria Duhamel wird das nötige externe Auge gewesen sein. Weitz hat auch die so hübsche wie wandlungsfähige Bühne entworfen – links und rechts je eine Tür mit auswechselbaren Beschriftungen in einer Holzpanelwand, nahtlos an eine Drehbühne gerückt, die den Kirchenraum mit Orgel, die Hinterbühne des Theaters von Pontarcy, eine Straßenszene im Pariser Vergnügungsviertel (fürs Stück im Stück) und einen Saal in der Kaserne bilden kann. Auch die charakteristischen, oft leicht karikierenden, teils witzigen Kostüme stammen von Weitz. Die Choeographie besorgten Iris Florentiny und Yacnoy Abreu Alfonso.

In diesem Rahmen spielt sich ein pralles, manchmal geradezu atemloses Spektakel ab. An die Dialoge musste ich mich in den ersten Minuten gewöhnen. Da wird trompetet, gequietscht, geplärrt, geröhrt, die Figuren sind alle in fast permanentem Erregungszustand – und jedes Aparte, jeder noch so kurze Monolog wird nicht nur ins, sondern klar zum Publikum gesprochen. Alles Dinge, die ich in der Regel nicht sonderlich mag. Und doch… da ist ein konsequenter Stil dahinter, der vom Ensemble mit einer Energie und Hingabe durchgezogen wird, dass ich mich schon nach kurzem darauf einlassen konnte. Mir scheint, wir haben es hier auch mit einem Konventionsunterschied zwischen deutschsprachigem und frankophonem Raum zu tun – auf Deutsch hätte dieser Stil gewiss gröber und platter gewirkt, auf Französisch wahrt er in seiner Exaltiertheit des höheren Blödsinns trotz allem Charme und Finesse. Man denke etwa an Louis de Funès. Jaja, subtilen Humor durfte man nicht erwarten, und es gab viel Unterwäsche zu sehen, vor allem unter gelüfteten Kutten – aber eben. Also ich hab viel gelacht!

Lara Neumann als Denise, ob im Kloster oder im Theater unter ihrem spontan gewählten Künstlerinnennamen Mam’zelle Nitouche (ungefähr: Frollein Berührenverboten), fliegen mit Recht alle Sympathien zu – höchst vergnüglich, zu verfolgen, wie diese behütet erzogene junge Frau ihr Leben in die eigenen Hände nimmt und dabei doch hie und da auch von der eigenen Courage überfordert ist. Sie singt mit brillantem und gut projiziertem Koloratursopran, der auch in der Mittellage gut hörbar bleibt. Die ruhigeren Klostergesänge erfreuen mit schöner Linie, in den schnellen Nummern sprühen die Hochtöne. Im 4. Akt besingt sie ihre Schutzheilige, Sainte Nitouche, die dann tatsächlich in Person erscheint. In der Kaserne singt sie, als Soldat verkleidet, ein urkomisches Lied über ihren Großvater, der in der Militärkapelle die große Trommel gespielt habe und daher nicht habe sehen können, wenn seine Frau ihn betrügt – die Diktion ist gestochen scharf, sodass nichts vom pikanten Text verloren geht. (Die Nummer muss in Frankreich besonders bekannt sein – das Publikum um mich herum hat ihre Wiederholung im Schlussapplaus textsicher mitgesungen…) Ihr Alleluja im 1. Akt singt sie zu unserm größten Vergnügen ganz unklassisch, im Stil eines französischen Chansons – vielleicht imitiert sie da auch eine ganz bestimmte Sängerin mit allen Manieren, da kenne ich mich halt zu wenig aus. Putzig und von den Ereignissen dauergebeutelt Damien Bigourdan als Célestin-Floridor. Er lässt einen angenehmen Tenor hören, aber noch viel wichtiger: Auch ihn versteht man hervorragend, und was er singt, ist immer sowohl Musik als auch Erzählung oder Handlung – wenn er z.B. dem Publikum zu Beginn sein Doppelleben erläutert und sich dazu umzieht. Seine Erklärungsnotstände der Oberin, dem Major und Corinne gegenüber, wie er Denises Energie und Argumenten gegenüber hilflos ist, verfolgt man hochamüsiert. Im Grunde ist er die zweite Hauptperson, nicht der Liebhaber Fernand, auch wenn Samy Camps in der Rolle den beiden durchaus das Wasser reichen kann – und auch vokal nicht nachsteht. Im ersten Akt gewährt ihm die Oberin ein Treffen mit Denise, wenn er sich als alter Inspektor ausgibt und sie sich nur durch einen Paravent unterhalten, und im Theater und in der Kaserne macht er das fidele Treiben seiner Kameraden mit – so sind wir am Ende auch sicher, dass er für Denise nicht zu langweilig sein wird.

Auffällig an Mam’zelle Nitouche ist, dass es das mit den ausgewachsenen Gesangsrollen schon war. Es gibt zwar in der Kaserne noch den melancholischen Loriot, aber dessen Couplets darüber, wie er dummerweise dem Vorbild seines Vaters gefolgt und Soldat geworden ist, können auch einem singenden Schauspieler anvertraut werden – wie hier keinem geringeren als Olivier Py, sonst im Musiktheater eher als vielbeachteter Regisseur unterwegs (im frankophonen Raum ist er hingegen durchaus eben als Schauspieler, Regisseur und Autor gleichermaßen präsent), der dieses kleine Juwel vielleicht nicht ganz klassisch, aber gekonnt singt und gestaltet. In den anderen drei Akten tritt zudem sein Alter Ego Miss Knife als überschwengliche Mutter Oberin und zickige Corinne auf – Letztere singt zwar, obwohl Operettendiva, bei Hervé nicht, aber hier lässt sie in ihre Konversation mit durchaus beachtlichem Falsett Zitate von Carmen, Dalila und Manon einfließen. Py spielt drei klar unterschiedliche, aber gleichermaßen bühnenbeherrschende Figuren, ganz im leicht überkandidelten Stil der Inszenierung zu Hause, die sich von seinen eigenen Regiearbeiten doch sehr unterscheidet. Man stelle sich das im größtenteils schubladenliebenden deutschen Sprachraum vor – etwa Claus Guth als Frosch bei Kosky.

Der Rest der Besetzung singt Chorstellen und kleinere Soli mit, ist hauptsächlich aber einfach schauspielerisch ausnahmslos mit Spaß erfreulich bei der Sache. Sandrine Sutter gibt im Kloster die strenge, die Oberin erfolglos an die Disziplin erinnernde Tourière, im Theater Sylvia, mit ihren Kolleginnen Lydie (Clémentine Bourgoin) und Gimblette (Ivanka Moizan) der Damenchor in Floridors Stück, in den andern Akten als Nonnen und Soldaten im Einsatz. Umgekehrt sind Pierre Lebon und David Ghilardi Fernands Kameraden Gustave und Robert, verkörpern zusammen mit Antoine Philippot (Theaterdirektor) aber auch Nonnen, Apachen (in der Revuenummer im Pariser Rotlichtmilieu) etc. Lebon hat (wie Mathieu Crescence) auch bei der Ausstattung mitgewirkt. Die Anzahl der Umzüge des ganzen Ensembles ist rekordverdächtig hoch, eine künstlerische wie logistische Glanzleistung. Nur der Major trägt stets das selbe; Eddie Chignara gibt die doch recht eindimensional cholerische Figur bestmöglich. Der Chor der Opéra Lausanne unter Jean-Philippe Clerc fügt sich in seinen wenigen Aufgaben nahtlos ein, im Graben garantieren das Orchestre de Chambre de Lausanne und Christophe Grapperon orchestralen Esprit.

Die Produktion ist eine Koproduktion mit Häusern in halb Frankreich – Angers-Nantes, Toulon, Limoges, Montpellier, Tours, Rouen, Avignon und Toulouse –, ist vor allem aber eine Produktion von Bru Zane France, weshalb sie nicht nur eben an all diesen Orten zu sehen sein wird, sondern am Premierenabend in Lausanne auch gefilmt wurde. Samuel Zinsli